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vonImma Luise Harms 21.05.2008

Land Weg

Das Land ist Ressource und Erweiterungsgebiet für die Stadt, aber auch ihre bestimmte Negation. Grund zum Beobachten, Experimentieren und Nachdenken.

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vom Besuch der Oderbruchgöttin
Schloß Altranft ist eine spätbarocke Anlage am Rande des unteren Oderbruchs. Es gehört zu einem zum Freilichtmuseum ausgestalteten Dorfensemble und ist von einem Park umgeben, der sich als von Lenné entworfen begreift.

Aber erst die Parkmauer macht den Park zum Park – jedenfalls in schlösslicher Hinsicht. Und auch das Schloß Altranft ist von einer eindrucksvollen Ziegelsteinmauer eingefasst, die durch einen schmiedeeisernen Aufsatz aus lanzettförmig zulaufenden Stäben bis in eine stattliche Höhe verlängert ist, als gelte es tatsächlich, Eindringlinge abzuwehren. Zwei schmiedeeiserne Türen rahmen ein schmiedeeisernes Tor. Eines der Türchen ist als Eingang vorgesehen, die anderen beiden bilden den symmetrischen Ausgleich. Natürlich sind die Stellplätze für die Besucherautos in angemessener Entfernung. Durch eine kurz gehaltene Grasnarbe schlängeln sich frisch mit spitzem Kies belegte Fuß- und Radwege. Nur von der Rückseite gibt es eine Versorgungszufahrt bis vor das schmiedeeiserne Tor.

Mein Motorroller kann zwar nicht mehr als Fahrrad durchgehen, ist aber immerhin ein Zweirad. Da kann ich doch ein Stück näher heranfahren; ich drücke mich an den rotweißen Pfosten vorbei und kurve vorsichtig – ich habe mir den Roller für diese Fahrt ausgeborgt und bin es nicht gewohnt, darauf zu fahren – kurve vorsichtig über die sich schlängelnden Radwege bis vor das schmiedeeiserne Tor. Dort steht, mit lässig schräg gestellten Reifen, bereits ein knallroter Mercedes-Sportwagen.

„Was hast du denn gedacht“, sagt P. aus W. später, „ein knallroter Mercedes fährt immer bis vor den Eingang vor. Würdest du deinen knall­roten Mercedes ordentlich zwischen den ganzen Opels und VWs in die Parkbucht fahren? Das kann man doch nicht machen. Dazu hat man den schließlich!“

Der knallrote Mercedes gehört Heike-Doreen. Der Name ist so erstklassig und so passend, dass ich es nicht übers Herz bringe, ihn abzukürzen. Heike-Doreen ist die Gattin des Amtsdirektors. Oder vielmehr ist der Amtsdirektor der Gatte von Heike-Doreen. Denn sie ist die eigentliche Personalie in der lokalpolitischen Landschaft. Bürgermeisterin von einer der Oder­bruchgemeinden, von der CDU in die SPD übergetreten, kämpft sie sich, wie man hört, gegenwärtig in der Kreispolitik vom hintersten Listenplatz auf eine aussichtsreichere Position hoch. Es wird sich zeigen, ob der stets kess vorgefahrene knallrote Mercedes dabei hilfreich ist oder nicht.

Heike-Doreen ist mit einer kleinen Entourage aus ihr ergebenen Ortsbürgermeistern in das Herz des Feindeslands vorgestoßen. Das muss erklärt werden und dazu muss ich den Kiesweg und den quasi-Lenné-Park einen Moment verlassen.

Das Forum Oderbruch e.V. ist ein Zusammenschluss aus Honoratioren und Honoratioren-Vereinen, der unter dem Eindruck der Hochwasserbedrohung 1997 gegründet wurde und der sich das Schicksal des Oderbruchs angelegen sein lässt. Dieses Forum hat zwei Kulturwissenschafter, K. und J., beauftragt, Szenarien für mögliche Entwicklungstendenzen der Region zu entwerfen und einen regionalen Meinungsbildungsprozess dazu auszulösen.

Das haben die beiden auch getan. Vier Szenarien schreiben gegenwärtige Entwicklungstendenzen, gewünschte wie gefürchtete, über einen Zeitraum von etwa 40 Jahren fort. Das sind die intensivierte Landwirtschaft – die ganze Region ein entvölkertes Biomasse-Anbaugebiet, die extensivierte Landwirtschaft – die nicht länger unterhaltene Landschaft fällt in eine vorindustrielle Agrarform zurück, die Kulturlandschaft – die Region wird sich ihrer kulturellen Artenvielfalt bewusst und vermarktet sie geschickt, und die Nach-Katastrophen-Landschaft – das überschwemmte Oderbruch wird aufgegeben, widersetzt sich aber seiner Entsiedelung.

Außer einer bunt eingebundenen Broschüre sind vier Litfaßsäulen die physischen Träger der Szenarien. Auf ihnen sind fiktive Zeitungsartikel montiert, in denen von Ereignissen berichtet wird, die sich aus allen möglichen Interessenskonstellationen und –kollisionen ergeben könnten. Die Litfaßsäulen wurden in den vergangenen Monaten an verschiedenen Orten im Oderbruch aufgestellt und haben eine Menge Neugierige angezogen und Meinungen hervorgerufen. Das sollten sie auch, das war die Idee, dass man sich aufregt, diskutiert und sich dabei bewusst wird, erstens, was man will und was man nicht will, und zweitens, dass man die Entwicklung beeinflussen kann.

Szenarien sind Fiktionen, aber wenn sie aus den Bildern des real existierenden Alltags zusammengebaut sind, rücken sie beängstigend nahe. Man findet das alles plötzlich gar nicht mehr so abwegig: Kinder gehen über Tage in riesigen Plantagen verloren; aufmüpfige Bürger gründen freie Republiken; oder auch: Auerochsen grasen in feuchten Wiesen und das gefällt ihnen sogar.

Heike-Doreen aber gefällt das überhaupt nicht. Sie ist sogar richtig empört. Für ihre Empörung sammelt sie in Gemeinderäten und anderen lokalen Einrichtungen Unterstützung und bringt sie in Form von Protestnoten bis vor den Landesvater Platzek.

Was regt Heike-Doreen so auf? Ich weiß es nicht, werde es aber heute vielleicht erfahren. Denn in Schloß Altranft ist die Abschlussveranstaltung der Oderbruchszenarien, zu der das Forum Oderbruch eingeladen hat.

Ich durchschreite also den quasi-Lenné-Park. In den hohen Bäumen knarzt es. Auf der Terrasse begrüßt man sich mit Handschlag, mit einem kurzen höflichen Gesprächsangebot oder mit einem Kopfnicken, je nach angenommener Bedeutung des eintreffenden Gastes. Das Knarzen sei das Hungergeschrei der Waldohreulen-Jungen, erklärt mir ein vogelkundiger Bekannter. Weil die Szenarien auch von bedrohten Lebensräumen handeln, sind viele Naturkundige gekommen. Aber auch Propagandisten von Fortschritt, Investitionen und Arbeitsplätzen haben sich nicht abschrecken lassen. G., eine bekannte Natur-Akti­vistin, winkt mich, kaum dass ich den Veranstaltungssaal betreten habe, wieder heraus und deutet hinter sich. „Der da mit dem hellen Sakko ist der H., der den Gen-Mais in A. anbaut!“ Aha. So sieht er also aus, der Gen-Bauer!

Die Veranstaltung fängt pünktlich an. Das ist so auf dem Land. An den Zuspätkommern erkennt man gleich die Zugereisten. Da kann man doch gleich zweifeln, ob die überhaupt hier mitreden sollten! Mit Laptop und Beamer ist das Bild einer überschwemmten Wiese an die Stirnwand projiziert. Ein Menetekel. Vorstandsmitglied N. durchschreitet den Lichtstrom, als er mit seiner Eröffnungsansprache vor die etwa 50 Zuhörer tritt. Als Vortrags-geübter Mediziner ist er es gewohnt, Ströme von Licht, von Aufmerksamkeit und Unaufmerksamkeit unbeirrt zu durchwandern.

N. hat die typische Statur eines 60-Jährigen. Haupt und Wangen sind grau überwachsen, sein freundlich aufmunterndes Lächeln legt sich auf die vor ihm Sitzenden. N. trägt ein kariertes Hemd, sportlich, nicht zu fein für diesen Anlaß. In der Brusttasche steckt ein Schreibgerät, das sicherlich aus reiner Gewohnheit dort eingesteckt wurde. Unter dem Hemd wölbt sich eine Einheit aus Brustkorb und Bauch. Und wieder frage ich mich, wie eigentlich die Hose hält. Denn der zum Halten bestimmte schmale Ledergürtel ist unter dem Bauch durchgefädelt. Ein ausgeprägtes Gesäß, das den Fall der Hose aufhalten könnte, ist auch nicht erkennbar. Also wie hält die Hose? Doch nicht an dem unter dem weichen Hosenstoff sich zart abzeichnenden Geschlecht? Während ich solche unpassenden Überlegungen anstelle, werde ich von N. mit freundlichen Worten herzlich Willkommen geheißen. Weil ich ziemlich weit vorn sitze, beugt er sich sogar zu mir herunter und sieht mir, sozusagen exemplarisch für die Gesamtheit des Auditoriums, ins Gesicht.

N. gibt eine kurze Übersicht über den Verlauf des Projektes und über die Absicht, die der Verein mit der heutigen Veranstaltung verfolgt. Ich beobachtet fasziniert, wie er dabei seinen Körper durch leichtes Heben der Fersen in schwingende Bewegung versetzt, wie er die Fingerspitzen zusammenlegt und ohne Hast den nächsten Satz formuliert. Nun durchtunnelt meine Aufmerksamkeit die Darbietung und findet zum Inhalt seiner Sätze. Höre ich da eine versteckte Aggression? Daß einige offenbar den Charakter der Szenarien nicht verstanden haben. Dass Gesprächsangebote leider nicht wahrgenommen wurden. Dass man Kritik sich leider erst auf Umwegen beschaffen musste. Heike-Doreen sitzt schräg hinter mir. N.’s Blick geht in ihre Richtung; sie tuschelt mit ihrem Nebenmann, wendet sich tuschelnd zur anderen Seite. Aber sie ist noch nicht dran.

Die vier Litfaßsäulen flankieren und rahmen das Auditorium. Vor jeder der Säulen ist eine Person postiert und vertritt eine fiktive Identität, die aus der Zukunft zu uns spricht. K. und L. machen das, und auch A. die an den Texten mitgearbeitet hat, sowie ein junger Mann, der als Praktikant an dem Zukunftsversuch beteiligt war.

Ich bin durch die Einzelheiten des barocken, vielleicht doch eher klassizistischen Festibüls abgelenkt, in dem wir uns befinden: der wundervolle Terrazzo-Boden mit den eingelegten Mustern, die Stuckornamente an Decke und Wänden. Die in einem Oval angeordnete Jagdgesellschaft an der Decke wird mit kleinen, weiß übemalten Metallspangen davon abgehalten, auf die Anwesenden niederzubröseln. Über den vier Türen zum nächsten Saal schauen vier Gipsgesichter aus den Ornamenten heraus. Ich studiere ihre Züge. Sind sie alle gleich? Oder doch individuell?

Applaus. Heike-Doreen verschränkt demonstrativ die Arme. Nun kommen zwei Schülergruppen an die Reihe. Sie haben im Unterricht zwei der Szenarien ausgearbeitet. Beamer-gestützt erklären sie, wie die Menschen auch unter Hochwasserbedingungen überleben könnten. In einem Filmchen mit fiktiven Interviews wird gezeigt, wie das Schulsterben im sich entvölkernden Oderbruch weiter um sich greifen könnte. Ein geschicktes Vorgehen des Vereins, die Szenarien an die Schulen zu tragen.

Die Diskussion ist eröffnet. N. gibt ein aufmunterndes Handzeichen an den Herrn neben Heike-Doreen. Aber es ist nicht nötig, ihn aufzumuntern, er ist schon munter. Der massige, untersetzte Mann, Ende 60, schnellt von seinem Sitz hoch. Sein Resthaar ist in künstlicher Wuscheligkeit nach vorne gestülpt, durch die modische, rosa getönte Brille, die an eine Schweißerbrille erinnert, nimmt er im Raum Maß. Es ist der Zoodirektor aus A., wird mir zugeraunt. „Diese Szenarien sind eine Unverschämtheit“, schnappt er um sich, „wie kommen Sie dazu, dermaßen Angst und Schrecken hier zu verbreiten? Mein Telefon hat nicht mehr stillgestanden, dauernd haben Leute angerufen und gefragt, ob sie nun wegziehen müssen! Wie kann so was auch noch von der öffentlichen Hand gefördert werden?!“

K. und J., die beiden Autoren der Szenarien verharren in kluger Zurückhaltung auf ihren Stühlen; sie sind aufmerksam, lassen aber die Attacke an sich vorbeischießen bis in die Mitte des Raum, wo auf Terrazzoboden zwischen Litfaßsäulen und unter dem Blick gleichmütiger Gipsgesichter N. sich auf weichen Schuhsohlen weiter hebt und senkt. Sein Blick ruht auf dem Zoodirektor. „Das Projekt wurde zu 70% von privater Hand finanziert“, gibt er zurück. Im Forum seien außer Privatversonen vor allem Vereine organisiert, die ihrerseits 200 Mitglieder haben. Der Verein repräsentiere also mehr als 200 Personen. N. erklärt noch einmal den Charakter und die Bedeutung von Szenarien, von Fiktionen und bittet dann um weitere Wortmeldungen. Der Zoodirektor will wieder vorschießen, wird aber von Madame an seiner Seite zurückgehalten. Denn nun spricht sie selbst.

Ach, Heike-Doreen, du Oderbruchgöttin. Man kann schon verstehen, dass Zoodirektoren und Ortsbürgermeister deiner Fährte folgen. Dass dein Mann dir zu Willen ist und dass die Investoren dich zu gewinnen versuchen. Das sorgfältig bemalte Gesicht glüht, das in Kastanienbraun gehaltene Haar ist zurückgeworfen. Die füllige, aber keineswegs überfüllige Figur ist durch ein geblümtes Jerseykleid geschickt ge­bündelt; Busen, Bauch, Hüften und Po sind unübersehbar, sie sind in Wallung; die Arme rudern über den Umsitzenden. Ihre Stimme ist weder kreischend noch piepsig, sie tönt bis zu den auf sie gerichteten Gipsgesichtern empor. „Das sind Szenarien von Privatpersonen, ich betone: Privatpersonen! Ich bin die Bürgermeisterin von O., dazu gehören 21 Gemeindeteile. Wir arbeiten seit vielen Jahren unermüdlich daran, den Menschen hier im Oderbruch eine Zukunft zu geben. Wir sind dankbar über jeden, der sich daran beteiligt, aber dann so was! …so was!…“ Mit einer Handbewegung fordert sie ihren Begleiter auf der rechten Seite auf, ihr eine Zeitung zu reichen, entfaltet sie und zeigt sie im Raum herum: „Siedeln im Oderbruch wird verboten“, schreit die Titelzeile.

Heike-Doreen redet sich in Fahrt. Die armen einfachen Menschen im Oderbruch, mit deren Angst hier gespielt wird, die Ignoranz den amtlichen Anstrengungen gegenüber, die Fahrlässigkeit, mit der schon bestehende Zukunftsoptionen aufs Spiel gesetzt werden… Was will sie, worum geht es? Fühlt sie sich übergangen, in den Szenarien nicht genug gewürdigt? Geht es um politische Konkurrenz? Hat der Skandal überhaupt eine materielle Dimension? Ich verstehe es nicht.

Heike-Doreen redet weiter und weiter, faltet dabei die Zeitung zusammen, aber wenn jemand aufmuckt, faltet sie sie gleich wieder auseinander und hebt sie drohend dem Widersacher entgegen. N. versucht, ihren Redefluß einem geordneten Ende zuzuführen. Aber da kennt er Heike-Doreen schlecht: „Sie hatten die ganze Zeit die Gelegenheit sich darzustellen, jetzt bin ich mal dran“, trumpft sie auf. „Aber Sie reden doch schon die ganze Zeit“, bemerkt St. aus Bliesdorf aus der letzten Reihe halblaut. Das hätte er nicht tun sollen. Heike-Doreen dreht sich mit weit ausholenden Ruderbewegungen um 180 Grad und fixiert den Störer. Der weitere Redefluß, eigentlich an die gesamte Wählerschaft des Oderbruchs adressiert, geht auf ihn nieder. „Was kann ich denn dafür?“, fragt er verblüfft. „Sie giften mich doch die ganze Zeit von hinten an!“, kontert sie. So fühlt man sich wohl in Feindesland. Dem Feind ist alles feind.

Irgendwann ist sie bereit, das Wort wieder abzugeben, und fällt erschöpft auf ihren Stuhl zurück. Der rechte Nebenmann, ein Ortsbürgermeister aus ihrem Gefolge, faltet die Zeitung zusammen und steckt sie in seine Herrenhandtasche. Nun haben andere das Wort. Aber die Weichen für die Diskussion sind gestellt. Es geht nun hauptsächlich um die Berechtigung eines solchen Ansatzes und kaum noch um den Vergleich der Szenarien.

Aber Heike-Doreen kriegt jetzt Gegenwind. Mehrere Stimmen werden laut, die fordern, dass man doch in der Lage sein muss, Dinge auch mal mit Humor zu betrachten, dass der fiktive Charakter des Projektes doch offensichtlich sei, dass es doch bekannt sei, dass Zeitungen lügen. Th. aus R. schürt das Misstrauen gegen die MOZ als „Zentralorgan“ (da muss N. herzlich lachen: „Das ist gut!“) und fordert bessere Zeitungen. Ein anderer verweist darauf, dass es ja noch das Anzeigenblatt, den „Märkischen Sonntag“, als Alternative gebe (da muss Th. aus R. herzlich lachen: „Ist doch derselbe Verlag!“).

Ein distingierter älterer Herr gibt sich als Vater des Mitautors K. zu erkennen und verweist darauf, dass Szenarien eine anerkannte wissenschaftliche Methode seien. So lässt sich Heike-Doreen nicht kommen. „Wir haben auch studiert!“ schnappt sie zurück. Eine andere Stimme: Man soll die Menschen im Oderbruch doch nicht für blöd halten. „Wer hält die denn für blöd?! Sie muten doch den Menschen solche vollkommen unrealistischen Entwürfe zu!“

Der Zeitungsarktikel wird immer wieder als Kronzeuge zitiert. Ich bitte den Herrn hinter mir, mir die Zeitung noch einmal kurz zu überlassen. Er zögert, sieht kurz zu Heike-Doreen hinüber und nestelt die zusammengefaltete Zeitung dann aus seinem Täschchen.

Es ist, wie ich es mir dachte: nach der reißerischen Überschrift wird schon in den Unterzeilen der Charakter des Szenarios enthüllt. Der Text geht genau, und durchaus wohlwollend auf das Projekt ein. In vier Textkästen werden die Szenarien einzeln dargestellt. Wer kann diesen Text missverstehen? Doch nur jemand, der wirklich ausschließlich die Überschrift eines solchen, ihm doch so zu Herzen gehenden Themas liest. Das kann durchaus vorkommen. Zum Beispiel, wenn man extrem schlechte Augen hat oder wenn man keine eigene Zeitung bekommt, sie heimlich aus dem Nachbarbriefkasten hervorzieht, kurz die Schlag­zeilen überfliegt und sie dann schnell zurücksteckt. Das kann vorkommen, aber doch sicher nicht hundertfach, wie Heike-Doreen und ihre Unterbürgermeister behaupten. Also worum geht es?

Nun ergreift K., der Kulturwissenschaftler, das Wort. Er steht auf, stellt sich in den Kreis, wendet sich dem Publikum zu, besonders Heike-Doreen. K. ist sehr groß, sehr schlank, mit leuchtenden Augen in einem ovalen Gesicht, in dem meist ein schwaches Lächeln spielt, das als freudig, aber auch als amüsiert interpretiert werden könnte.

K. sieht irgendwie amerikanisch aus, ja, er könnte ein Nachwuchspolitiker sein, der in Yale und Harward studiert hat und der weiß, dass er das Zeug zum nächsten Präsidenten hätte. Aber K. stammt aus einer nahe gelegenen Stadt und ist mit Leib und Seele ins Oderbruch gezogen. Er hat schon einiges an Spuren hinterlassen – Projekte, Veranstaltungen, Internetpräsenzen. Die Projekte sind praktische Anwendungen von Kulturwissenschaft, aber sie haben auch alle eine eindeutige Ausrichtung: Handlungsspielräume für Menschen sichtbar machen. So redet K. jetzt auch. Dabei verteidigt er sein Projekt nicht, sondern erläutert es und fordert in rhetorischer Umarmung auch Heike-Doreen dazu auf, sich zu beteiligen. „Phh“, macht die Bürgermeisterin hinter mir und strafft den Oberkörper.

Geschickt versteckt K. ein paar Angriffe in seinen Ausführungen, z.B. dass Heike-Doreens Mann ein identitätsstiftendes Projekt für das Oderbruch durch Verschleppung verhindert hat, dass sie selbst ein anderes, höchst anrüchiges Projekt politisch stützt, nämlich die Oder als Spaßparadies zu mißbrauchen, auf der Speedboote mit dröhnndem Motor herumkurven. Es gibt bereits eine breit gefächerte Bürgerinitiative dagegen. „Das ist ein Privatunternehmen“, bellt Heike-Doreen dazwischen. Ja ja, man weiß, dass sie da ihre Finger drin hat.

Weitere Wortmeldungen. Ein kleiner Mann hinter mir steht auf und stellt sich als Vertreter eines Interessensverbandes Oderbruch vor. Ich weiche seinem Atem aus, indem ich mich bis auf den Nachbarstuhl herüberbeuge. Er trumpft auf, wie lange seine Familie schon im Oderbruch lebt, und dass sie schon ganz andere Gefährdungen überstanden haben, und dass sie sich hier nicht weg-ekeln lassen. Und es sollen doch mal alle aufstehen, deren Familien schon länger als 60 Jahre im Oderbruch leben. Hah!

Länger als 60 Jahren? Also keine Flüchtlinge, keine DDR-Intellektuellen, die in den 70-er und 80-er Jahren hergekommen sind, keine Nachwende-Immigranten. Die von vorher sollen dann also die Echten sein?

Eine Rednerin kontert, dass das Oderbruch immer Siedlungsgebiet war und alle irgendwann Zugereiste waren. Ja, und auch P. aus W., seit den 90-ern im Oderbruch, ein Jung- und Kleinbauer in den besten Jahren, gibt sich als solcher zu erkennen. Mehr als er kann man gar nicht Ureinwohner sein. Also bitte!

So geht es hin und her. Von den Szenarien selbst ist kaum die Rede. ich fordere das irgendwann ein. N. bedankt sich für den Hinweis und sagt, dass darauf im nächsten Beitrag eingegangen wird. Die Kontroverse über die Wahr­scheinlichkeit der Szenarien gilt als bereits geführt und ihre Ergebnisse werden gleich von der Forums-Vorsitzenden vorgetragen.

Ich hatte die zierliche ältere Dame in der ersten Reihe für die begleitende Lehrerin der vier Jugendlichen aus dem Schulprojekt gehalten und ihre pädagogische Souveränität bewundert, als sie scheinbar teilnahmslos deren Vortrag gefolgt war.

Frau W. ist tatsächlich Lehrerein, hier aber in eigener Mission. Seltsam fein gemacht erscheint sie mir. Ihr Rock ist eines der interessanten Details dieser Veranstaltung: eine bodenlange, schmal geschnittene Stoffbahn aus einem Naturmaterial in einer Naturfarbe, also irgendwas zwischen Sand, hellem Getreide, Akazienhonig. Der Rock ist über dem linken Bein bis zum Oberschenkel geschlitzt, allerdings ist der sündhafte Schlitz durch einen leicht gefältelten Stoffeinsatz ausgefüllt, der in gerader Linie das halbe Knie bedeckt. Das sieht so aus, als trage Frau W. einen Faltenrock, über den sie für den Abend eine elegante Stola gebunden hat – ein Schulmädchen, das in die Oper geht.

Frau W. hat nicht die Gabe der freien Rede. Die Meinungsauswertung zu den Szenarien, die sie von ihren Zetteln abliest, verknotet sie mit zirpender Stimme zu spröden Sätzen, die in der Luft flattern, über die Köpfe der Anwesenden den Raum verlassen und in den dunklen Park entweichen, wo sie sich mit dem Knarzen der hungrigen Waldohreulen-Jungen mischen. Es ist ja auch schon spät. Man bemüht sich, der Vorsitzenden höflich zuzuhören – bis auf Heike-Doreen, die ihre letzten Giftpfeile vorbereitet. „Man sollte in den Verein eintreten“ zischt sie dem Zodirektor zu, mit einem kurzen Schwenk des kastanienbraunen Kopfes, ob’s die anderen auch gehört haben. Nach Abschluß der Ausführungen meldet sie sich zu Wort: „Nur eine kurze Frage“, bemerkt sie betont friedfertig, „Was kostet denn die Mitgliedschaft im Forum Oderbruch e.V. eigentlich?“ – Die sandfarbene Vorsitzende schaut kurz zum Kollegen N. herüber und antwortet nach dem Blickwechsel: „35 Euro, oder ermäßigt 25 Euro“. „Ah, danke!“ beschließt Heike-Doreen den Abend, greift nach ihrer Handtasche und rauscht aus dem Saal. Nein, sie schwebt, die Göttin des Oderbruchs. Jenseits des dunklen Parks voller knarzender Waldohreulen wartet ihr von roten Schlangen gezogener Himmelswagen und bringt sie zurück zu ihren Ländereien.

Später erfahre ich, dass den Oderbruchszenarien ein spürbarer Effekt auf das Investitionsklima und die Immobilienpreise zugeschrieben wird.

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https://blogs.taz.de/jottwehdeh/2008/05/21/interessante-details-vom-besuch-der-oderbruchgoettin/

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kommentare

  • Die Details der Äußerungen auf der auch von mir besuchten Versammlung sind erstaunlich genau wiedergegeben. Das Ganze gibt ein farbiges Bild des Landlebens im Oderbruch, sodass ich mir wünsche, davon bald auch eine Zusammenfassung in der TAZ lesen zu können. Den (ja meist städtischen) Lesern würde dieser Eindruck vom politischen Leben auf dem Land und noch dazu vom in jeder Hinsicht so preußischen Bruch – gleichzeitig innovativ und autoritär, graswurzelmäßig bewegt und abgekanzelt von oben, Sein und Schein ineinander übergehend – vielleicht Lust auf wiederholte Besuche machen oder die Lust, zu den „Zugezogenen“ gehören zu wollen und weitere Szenarien mitzuentwickeln!
    Dank der Autorein und beste Grüße
    Udo Schagen

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