Die Runde trinkt Schnaps. Währenddessen reden C. und S. über Tiere. S. ist 12 und will Schäfer werden. C. ist Land-, Garten- und Tierhalterin im Oderbruch. S. hat eine Mäusezucht und beliefert Zoohandlungen, aber auch von anderen Tieren weiß er viel. C. hat Hühner, Gänse und vier Schafe. Eines davon ist unseres. Das heißt, wir werden es essen, wenn es tot ist. Beziehungsweise, es kommt dann in unsere Kühltruhe. Auf dem Land braucht man große Kühltruhen. Ein längerer Stromausfall ist eine Katastrophe. Man muss sich dann wochenlang von Fleisch ernähren oder Notfeste feiern.
C.’s Huhn, das melierte, hat die Beete zerkratzt und wurde heute hingerichtet. S. will wissen, wie. Auf den Kopf hauen und dann Hals durchschneiden. St., der Mann von C., hat es gemacht und dabei geweint. Sie kennen das Huhn; das Huhn kennt sie, aber wenn es die Beete kaputt macht, das geht nicht.
„Und? Habt… weiter lesen
Archive for Juli, 2008
Das Auge hat ganz andere Schwierigkeiten als das Ohr, die Hoheit über die Aufmerksamkeitsverteilung zu behalten. Es kommt uns manchmal als Ungerechtigkeit der Evolution vor, dass wir nicht in der Lage sind, das Ohr zuzuklappen. Wir werden angebrüllt und umschmeichelt, wir werden mit Fragen bedrängt und mit Informationen belästigt, nach denen wir nicht verlangt haben. Die fehlenden Ohren-Schließmuskel müssen wir durch heimlich herausgefingerte, klebrig-weiche Ohropax-Stöpsel ersetzen. Wenn wir sie herauspopeln müssen, weil wir angesprochen werden und nicht ausweichen können, bringt uns das in peinliche Situationen.
Das Auge, das scheinbar so praktisch eingerichtet ist, sich zuklappen, sich hin- und herrollen und sich scharf- und unscharf stellen lässt, – das Auge, wie gesagt, hat ganz andere Probleme. Das breite Gesichtsfeld, in dem etwas wahrgenommen wird, ist wie ein großer Trichter, in dem es von Zeichen wimmelt, die sich gern zu Botschaften gruppieren würden, dazu aber jene Aufmerksamkeit brauchen, die nur im Fokus… weiter lesen
Zu der Zeit, als West-Berlin noch eine Insel in DDR-Land war, hatte ich eine fragile Beziehung zu einem scheuen Hamburger. Die Verständigung war zart und schwierig. Zueinander reisen dauerte lang und war schwierig – ein Hindernislauf durch Ketten von Amtspersonen. „Bitte Ihre Reisedokumente. Waffen, Munition, Funkgeräte dabei?“
Telefongespräche mussten uns über die Distanz hinweghelfen. Aber wie kommt man sich durch Reden nah? Wir hätten uns aus unserem Alltag erzählen können, wenn wir ein altes Paar mit langer Beziehungsgeschichte gewesen wären. Aber diesem vorsichtigen Tasten, diesem Weglauf-Hinterherlauf-Spiel einer neuen Verliebtheit bekommt das Telefonieren nicht gut. „Du musst nicht am Wochenende kommen, wenn du nicht willst“, „ – - “, „Wir könnten uns auch in der Woche danach treffen, vielleicht für ein paar Tage länger“, „Ja, wenn du das gerne möchtest“, „Sonst hätte ich das doch nicht vorgeschlagen, aber was ist mit dir?“, „- – -“, „- – -“, „Ich weiß… weiter lesen