Weitreichende Verbindungen (Teil II)

Die Stimmen kommen von der Straße. Motorengeräusche. Das Klappen von Autotüren. Durch die Zweige sehe ich, wie aus einer kleinen Gruppe von Menschen auf den gelben Pflock gezeigt wird. „Das ist die Grenze vom Straßenland. Bis dahin gehört das eigentlich alles zu uns.“ Oha. Mitten in meinem Brennessel-Kampfgebiet-Hinterland! Was geht da vor? In der kleinen Ansammlung, die offenbar zu einer Besprechung zusammengekommen sind, erkenne ich S. vom Gutshof. Ich stelle mein Bier an die Seite und streife die Gummihandschuhe ab. Vom Fahrweg aus trete ich zu der Gruppe. Tatsächlich ein Lokaltermin der Kreisstraßenmeisterei. Es geht um die Straßenbäume.
Vor zehn Jahren, als die Becken hier angelegt wurden, sah man vom Gutshofgelände Richtung Westen auf mächtige Lindenbaumkronen. Die Linden hatten den Pilz, waren unten nur noch schlecht verankert, innen morsch und außen brüchig. Eine nach der anderen fielen sie der jährlichen Baumschau zum Opfer. Die Experten entnehmen Gewebeproben und fällen Urteile. Die Beprobung ist streng, die Richtlinien sind genau, die Sachverständigen sind unbestechlich. Die Kettensägen rücken an, dann die großen Häckselmaschinen, dann die Stubbenfräse. Und wo ein Baum war, ist jetzt ausgedehnte Landschaft.
S. leidet mit jedem Baum, der fällt. Auch wenn er das anfallende Brennholz nicht verachtet, denkt S. doch über seinen Zeithorizont hinaus. Die Alleen müssen jetzt nachgepflanzt werden, damit die nächste Generation nicht nur Holz sondern auch Blattwerk hat. Die Kreisstraßenmeisterei fällt, aber pflanzt nicht nach. Kein Etat dafür, keine Anweisungen. Der Mangel an Geldbereitstellungsbereitschaft wird fadenscheinig in ein Konzept verwandelt: Erst müssen alle Bäume gefallen sein, dann pflanzt sich’s besser!
S. will nicht darauf warten. Nach vielen Sondierungsgesprächen hat er erreicht, dass er als Anwohner Bäume nachpflanzen darf. Sein beharrliches Vorsprechen hat ein weit verzweigtes Netzwerk von zuständigen Behörden und Instanzen zum Vorschein gebracht, die sich jetzt mit diesem nicht vorgesehenen, aber von der Sache her doch schwer zurückzuweisenden Fall von Bürgerbeteiligung befassen müssen.
Es wurden ihm gleichzeitig Auflagen und Versprechungen gemacht. Die Bäume müssen von der Sorte her stimmen – Winterlinden – und müssen zweimal geschult sein. Das heißt, zweimal umgepflanzt, damit sich ein ansehnlicher kompakter Wurzelballen und ein kräftig nach oben strebendes Stämmchen bilden. S. hat Protektion von der unteren Naturschutzbehörde und vom Gemeinderat. Die Schlosspächterinnen haben ihm eine brachliegende Pferdekoppel als Baumschule zur Verfügung gestellt. Auch Bäumchen wurden ihm in Aussicht gestellt, zum Teil sogar schon geschult, also pflanzbereit. Die Kreisstraßenmeisterei konnte nicht länger zögern, wollte aber die Kontrolle nicht aus der Hand geben.
Jetzt geht es darum, wo genau gepflanzt werden kann. Frau A. vom Vermessungsamt hat einen Plan in der Hand. Da sind die von der „Bürgerinitiative S.“ zu pflanzenden Bäume als grüne Kreise eingezeichnet. Zwei kommen in den Gebüschstreifen vor der Kläranlage. Aber da steht doch schon ein Baum! Eine Linde, die S. früher schon in die Bepflanzung integriert hat und die inzwischen ein paar Meter über die Strächer hinausragt. Frau A. deutet mit ihrem Kugelschreiber auf den Baum. „Die muss dann aber auch wieder weg!“ Wieso das denn? „Die steht dann nicht in der Flucht. Die sollen doch dann alle in einer Reihe stehen, oder?“ S. nickt ergeben.
Die Reihe der Markierungspflöcke setzt sich in der Straßenflucht fort – am Hackschnitzelbunker, an der eingezäunten Weide nebenan, an K.’s kleinem Maisschlag, seinen Kuhställen, an der auslappenden Ackerfläche von Bauer Sch. bis zum einsam liegenden Haus der Ärztin, wo früher die örtliche Stasi-Niederlassung war.
Noch ein Wagen. Noch ein Sachverständiger. Wenn Behörden einen Lokaltermin veranstalten, brauchen sie viel Parkfläche. Es kommt praktisch jeder mit eigenem bzw. diensteigenem Wagen. Frau W., die Chefin, und ihre Mitarbeiterin sind aus Seelow gekommen. Die Mitarbeiterin hält das Maßband. Frau P. aus Reichenberg ist das ausführende Organ. Frau A. vom Planungsamt hat jetzt die Pläne mit den unterirdischen Versorgungsleitungen hervorgeholt. Stromkabel liegt hier, Wasserleitung wahrscheinlich auch. Gas nicht. Herr W. mit bürstenartigem Kopf- und Schnurrbarthaar gebärdet sich wie ein Gutachter, von dessen Urteil hier viel abhängt. Verschiedene Mess- und Dokumentations-Geräte baumeln über seiner Trekkingjacke. Er prüft die noch stehenden Bäume. Er fotografiert den Grabenverlauf, bohrt mit den Spitzen seiner Trekkingstiefel in der Erde und redet dabei auf alle ein. Es stellt sich heraus, dass er freiberuflicher Landschaftsplaner mit eigenem Büro ist, also kein Behörden-Angehöriger, als Subunternehmer mit diesen aber eng verbandelt. Er hält S.’s Initiative für zukunftsweisend und will ein Pilotprojekt daraus machen, das er wissenschaftlich zu begleiten vorhat. Herr B. ist von der unteren Naturschutzbehörde und ganz in grün gekleidet. Er freut sich, hält dieses Treffen für einen “Durchbruch“, zu dem er die Anwesenden beglückwünscht. Ich selbst gebe mich als Gemeinderats-Vertreterin zu erkennen. Der Gemeinderat hat der Kreisstraßenmeisterei gegenüber sein Missfallen über die exzessiven Baumfällungen zum Ausdruck gebracht und unterstützt S. nachdrücklich.
S. hat sich in die zweite Reihe des Kreises gestellt. Er betrachtet das Gras vor seinen Füßen. Während die Anderen Pläne prüfen und Messungen vornehmen, tastet sein Blick die Stellen ab, wo die Bäumchen hin sollen. In diesem Frühling wird es nun doch nichts mehr werden. Der Naturpark kriegt die versprochenen Bäumchen nicht mehr rechtzeitig aus der Erde. Die vier Damen von der Behörde finden das nicht so tragisch. Umso mehr Zeit ist, die Sachlage zu prüfen und Akten zu bearbeiten. „Dann müssen wir die VAO noch mal beantragen“, sagt Frau P., die für den Kontakt mit der Verkehrsbehörde zuständig ist. Was bitte ist die VAO? Eine Verkehrswege-Anordnung. Die braucht man, wenn man sich am Fahrbahn-Seitenstreifen zu schaffen macht. Und die kostet. Die Straßenmeisterei hat sie schon beantragt. Bis zum Herbst ist die aber verfallen. Muss zum gegebenen Zeitpunkt also noch mal neu beantragt werden. „Besser erst später“, meint Frau W., „wer weiß, was noch dazwischen kommt.“ Genau das hat Herr B. von der Unteren Naturschutzbehörde befürchtet. Er ist unzufrieden. Schon wieder eine Verschiebung, und noch immer ist die Pflanzung nicht sicher. „In der Zwischenzeit können Sie sich ja in Ruhe den Vertrag durschlesen“, tröstet Frau B. den Anwohner S., so als wenn der zum Durchlesen ein halbes Jahr brauchen würde! Der Vertrag verpflichtet ihn, der sich ja freiwillig und unendgeltlich für Jahre Arbeit aufgehalst hat, in strengem Ton zu allem möglichen. Na ja, das kann er sich ja in Ruhe durchlesen. Ich mache den Fehler, den Gemeinderat ins Spiel zu bringen. Der sei sicher auch interessiert, den Vertrag genau durchzulesen. Das finden die Behörden-Mitarbeiterinnen eine unnötige Einmischung. Was hat der Gemeinderat damit zu tun? Frau W. bemerkt spitz: „Die Gemeinde kann gerne selbst eine Pflegemaßnahme übernehmen. Aber das wollen sie ja nicht, wegen der Kosten!“ Frau P. betont, dass man den Vertrag ruhig angucken kann, daran sei nichts auszusetzen. Sie wedelt mit dem Papier vor S.’s Gesicht und sagt zum zehnten Mal, dass er sich den in Ruhe durchlesen kann. Dann fällt ihr ein, dass der Vertrag ja nun geändert werden muss, weil die Massnahme doch jetzt später anfängt. Sie will den Entwurf wieder wegpacken, dann fällt ihr ein, dass S. ihn eigentlich trotzdem ruhig schon durchlesen kann. Sie hat ja den Entwurf in ihrem Rechner. Umständlich wird ein Abgleich der Fassungen verabredet.
Möglichst weit nach außen sollen die Bäume, wegen der Leitungen. Aber ich glaube, die Straßenmeisterei möchte auch ihren Wirkungsraum ausschöpfen. Das sehe ich an dem Blick, mit dem die vier Frauen den Asphalt bestreichen. Sie haben so viele Maschinen, mit denen Fahrbahn, Seitenstreifen, Bankette, Graben und Baumscheiben in Ordnung gehalten werden, im Sommer und im Winter. Das braucht Platz. Und wer weiß, vielleicht wird die Straße ja doch irgendwann mal neu gemacht. Dann sollen die neu gepflanzten Bäume nicht im Weg stehen.
Wenn die neuen Bäume weiter außen stehen, sieht man auch gleich, dass die alten eigentlich viel zu eng stehen. Das gibt weniger Widerstand bei den nächsten Fällungen. Die letzten Bäume in diesem Allee-Abschnitt haben noch eine Lebensfrist von ein, zwei, höchstens drei Jahren. „Was passiert eigentlich mit dem Holz?“ frage ich lauernd. „Das wird verkauft“, antwortet Frau P.; alles hat seine Richtigkeit; „für 12 Euro der Festmeter“. „Was denn für ein Holz?“ fragt jetzt S., der seinen Küchenherd gerne mit Robinienholz heizt. „Gemischt“, erklärt Frau P., „von allem was, Linde, Eiche, Robinie, auch dünnere und dicke Stämme. Damit es gerecht ist“. „Und wohin geht das Geld?“ frage ich weiter. „Na ja, in die Landeskasse.“ „Aber wenn man so viel Bäume fällt, sollte man dann nicht wenigstens das Geld vom Holzverkauf für die Wiederaufforstung zweckbinden?“ mischt sich B. von der unteren Naturschutzbehörde ein. Frau P. wirft einen schnellen Blick zu Frau W. und lächelt zögernd. „Das ist sicher schwer, die Kämmerei hat doch sowieso ein Defizit. Da müssten Sie mal eine Eingabe machen“ (wird fortgestzt)

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