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vonSchröder & Kalender 03.01.2007

Schröder & Kalender

Seit 2006 bloggen Schröder und Kalender nach dem Motto: Eine Ansicht, die nicht befremdet, ist falsch.

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Der Bär flattert in östlicher Richtung.

Sämtliche Augstein-Biographien klammern die Schultz-Gerstein-Geschichte aus. Sonderbarerweise erinnert sich auch Tom Schimmeck in der TAZ (Silvester 2006) nicht daran, obwohl Christian Schultz-Gerstein sich 1987 das Leben nahm und Tom Schimmeck von 1987 bis 1989 im Spiegel arbeitete. Was wir über die Sache wissen, steht in der 39. Folge von ›Schröder erzählt‹ mit dem Titel ›Nur Geduld‹:

Am 31. März 1987 wurde Christian Schultz-Gerstein in Hamburg beerdigt. Drei Wochen hatte er tot in seinem Appartement in der Löwenstraße gelegen, man fand ihn, als sich Verwesungsgeruch im Haus verbreitete. Christian hatte sich nach der Trennung von Karola Kraesze in diese Wohnung zurückgezogen, die Beziehung zu ihr war wegen der Quülste und Qualste um die Vaterschaftsfrage zu Bruch gegangen: »Ist Rudolf Augstein der Vater meiner Tochter, oder bin ich es?« Die Vermutung, daß Christian sich selbst tötete, liegt nahe, weil er sich – solange ich ihn kannte – mit dem Suizid beschäftigt hatte. Auch im ›Doppelkopf‹, seinem Buch über Jean Améry, das 1979 bei März erschien, spielte das Thema eine wichtige Rolle. Für die Selbstmordtheorie spricht auch, daß Christian noch kurz vor seinem Tode eine Abrechnung mit Rudolf Augstein schrieb, die in der Stadtzeitung ›Szene Hamburg‹ erschien.

Andererseits fanden die Gerichtsmediziner keine Anzeichen für Selbsttötung oder Fremdverschulden, und deshalb ist ein Kreislaufversagen ebenso wahrscheinlich. Und gegen die Suizidtheorie spricht auch, daß er eine Reise nach Israel geplant und darüber enthusiastisch mit Henryk Broder geredet hatte. Christian wollte schon immer in das Land reisen, in dem Menschen lebten, die der ›Endlösung‹ entkommen waren. Denn der Mord an den Juden war für ihn das zentrale Ereignis deutscher Kultur. Deshalb fügte er seinem Vaternamen Schultz den Namen seines Onkels hinzu. Kurt Gerstein war als evangelischer Christ 1941 in die SS eingetreten und hatte dann von der Ermordung Behinderter und den Greueln im Osten erfahren. Er wollte diese Mordmaschinerie mit eigenen Augen sehen und dann das Beobachtete »vor allen Leuten hinausschreien«. Als Bergassessor und Mediziner beauftragte ihn das Hygiene-Institut der SS mit dem Transport von ›Zyklon B‹ – er machte in einem simulierten Unfall die Chemikalie unschädlich. Dann mußte er mit ansehen, wie Tausende von Menschen mit Dieselabgasen vergiftet wurden. Er vertraute sich Diplomaten an, informierte den Bischof Dibelius und den päpstlichen Nuntius. Diese Szene schildert Rolf Hochhuth in seinem Drama ›Der Stellvertreter‹. Gegen Ende des Krieges geriet Kurt Gerstein in französische Gefangenschaft, verfaßte dort einen Bericht über die Morde in den Gaskammern und verlangte, als Kronzeuge gegen die Kriegsverbrecher gehört zu werden. Doch die französischen Militärrichter vermuteten, hier wolle sich einer reinwaschen, und bereiteten einen Prozeß gegen ihn vor. Gerstein erhängte sich in seiner Zelle – angeblich. Es gibt Indizien dafür, daß die These vom Selbstmord nicht zutrifft. Bezeichnend ist, daß bei den Nürnberger Prozessen der Gerstein-Bericht nur am Rande behandelt wurde, vermutlich, weil er ein weiterer Beweis dafür war, wieviel die Alliierten von der Judenvernichtung gewußt hatten. Tatsächlich ist die Geschichte, weshalb diese Informationen während des Krieges so zurückhaltend veröffentlicht wurden, noch immer nicht erzählt.

Eine andere Art Mut hatte sich der Neffe von Kurt Gerstein aufs Panier geschrieben. Als ›Zeit‹- und ›Spiegel‹-Journalist analysierte Christian im Selbstversuch den Mythos von Öffentlichkeit und die erpresserische Wirkung des moralisierend-ästhetischen Kulturjargons. Christian Schultz-Gerstein schrieb einige Artikel, wie sie im deutschen Feuilleton rar sind, wagte zum Beispiel, den sakrosankten Marcel Reich-Ranicki anzugreifen und ihn einen »furchtbaren Kunst-Richter« zu nennen. Anschließend nahmen die Leserbriefe im ›Spiegel‹ kein Ende, über mehrere Ausgaben hin Verteidigungsepisteln, selbstverständlich alle von Literaten und Verlegern, die eilfertig und liebedienernd dem lieben Marcel zur Seite sprangen, allen voran Siegfried Unseld, dann Matthias Wegner vom Rowohlt Verlag, sowie Uwe Johnson und Siegfried Lenz. Joachim Kaiser rückte in der ›Süddeutschen Zeitung‹ das ›Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel‹, dessen Chefredakteur Hanns Lothar Schütz die Schultz-Gerstein-Attacke nachgedruckt hatte, in die Nähe des ›Stürmers‹, Walter Boehlich wiederum verteidigte Christian gegen solche Vorwürfe im ›Spiegel‹. Es nützte nichts mehr, Schultz-Gerstein war danach im Kulturbetrieb erledigt, offenbar hatte er die Seilschaften unterschätzt. Hinzu kamen seine Schwächen, das Saufen, das Zocken, die falsche Freundschaft mit Rudolf Augstein. Denn wenn du schon als Tendenzkritiker auftrittst, darfst du nicht auch noch schwach sein. Ja, alles richtig, Christian war zum Schluß ein verzweifelter und kranker Mann, Alkoholiker, meinetwegen auch ein Psychopath, aber er hatte sich diese Krankheit im System zugezogen, und zwar in diesem ganz speziellen ›Spiegel‹-Klima. Und weil ich jahrelang mit ihm befreundet war, packte mich die Wut: Das kriegt ihr wieder, ihr Augsteins und Konsorten, diesmal kehrt ihr eure Sauereien nicht unter den Teppich! So war Christians Tod der erste Auslöser, die Geschichte unserer Freundschaft und seines Niedergangs im ›Spiegel‹ zu erzählen. Und deshalb fängt ›Schröder erzählt‹ in der ersten Folge ›Glückspilze‹ auch mit Christian Schultz-Gerstein an.

Auf die Kranzschleife ließ ich »Nur Geduld« drucken. Dieser kryptische Imperativ bezog sich auf eine Passage im ›Doppelkopf‹, in der Jean Améry auf eine Frage von Schultz-Gerstein antwortet: »Mir hat neulich ein Student gesagt: Warum haben Sie dieses Buch über den Freitod geschrieben, und warum haben Sie sich eigentlich nicht umgebracht? Ich hab’ ihm dann gesagt: Nur Geduld.« Die zwei Wörter auf der Kranzschleife waren allerdings auch als Drohung gemeint: »Wartet ab, ich erzähle alles!« Und als Hellmuth Karasek die Schleife las, stob er weg, als sei der Gott-sei-bei-uns hinter ihm her. Denn er ist zwar ein beflissenes Weichei, aber nicht blöd. Anders verhielt sich Urs Jenny, die schweizerische Gelassenheit selbst, er drückte uns schweigend die Hand. Über die Trauerfeier in der Ohlsdorfer Aussegnungshalle ist sonst nichts zu berichten, außer daß Journalisten, Freundinnen und Freunde an ihr teilnahmen. Rudolf Augstein nicht, das wäre auch makaber gewesen, denn Christian hatte ihn ja noch kurz vor seinem Tode verflucht.

Anschließend schossen die Gerüchte ins Kraut, die abenteuerlichsten Todesursachen wurden kolportiert bis zu der grotesken Version, daß der Mörder nicht der Gärtner, sondern ein bestellter Killer war. Ein Auftragsmord, mit Heroinfixe von Augstein bezahlt, weil Schultz-Gerstein ihn irgendwann einmal in seinem sardischen Domizil besucht und dabei erwischt habe, wie Rudolf eine Frau ermordete – natürlich nicht irgendeine, sondern eine seiner Verflossenen. Angeblich habe Christian beobachtet, wie Augstein die Frau mit dem Laubkescher im Swimmingpool ertränkte. Ein Wirrkopf hat das später sogar in einem Buch ausgewalzt, das in Reinhard Pipers Pendo-Verlag erschien. Dieser sogenannte »Medienthriller« ist voll mit Tennis und sonstigem Zinnober, enthält aber kein Wort darüber, worum es in diesem Fall wirklich geht: »So herrscht denn in Deinem Haus die Atmosphäre permanenter Menschenverspottung dergestalt, daß jeglicher Ernst des Lebens und jede Realität außerhalb Deiner ›Spiegel‹-Kaserne mit dem brüllenden Gelächter derer beantwortet wird, die – wenn schon sonst nichts – die Macht haben.« So steht es in Christians letztem Aufsatz über den »Menscheneigentümer Augstein«. Es heißt, der habe geweint, als er von Christians Tod erfuhr. Das will ich glauben, er ist eben ein sentimentaler Hund.

(Dieser Text erschien im Jahr 2000, zwei Jahre bevor Rudolf Augstein starb.)

(BK /JS)

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https://blogs.taz.de/schroederkalender/2007/01/03/augstein-und-schultz-gerstein-2/

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kommentare

  • Den Namen Gerstein hat sich mein Bruder nicht „hinzugefügt“. Das ist eine Legende, die zwar zu seiner Gedankenwelt passt, aber mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat.

    Den Doppelnamen mit dem Mädchennamen unserer Mutter hat unser Vater 1947 für seine vier Kinder aus rein praktischen Gründen (Unverwechselbarkeit) eintragen lassen.

  • Unser gesamtes taz-blog braucht ja als Quellenangabe für Wikipedia nicht verlinkt zu werden, aber Sie können doch die beiden Beiträge zu Schultz-Gerstein verlinken. Darin haben wir die Titel der entsprechenden ›Schröder erzählt‹-Folgen genannt.

    Schöne Grüße
    Barbara Kalender und Jörg Schröder

  • Hallo Herr Schröder,
    wo haben Sie denn Ihren Schultz-Gerstein-Artikel zuerst veröffentlicht?
    Ich würde den Aufsatz gern in Wikipedia verewigen – unter dem Eintrag „Schultz-Gerstein“ und „Der Spiegel“, wobei letzterer allerdings zur Zeit (noch?) gesperrt ist. Blogs wie der Ihrige dürfen laut Wikipedia-Regelment leider nicht verlinkt oder zitiert werden, da man hier in der Regel zu Recht von stets wechselnden Inhalten ausgeht. Falls Sie zufällig einen schriftlichen Wutanfall Gremlizas gegenüber seinem alten Intimfeind Spiegel zur Hand haben, wär das noch besser. Vielen Dank im voraus.

    Mit freundlichen Grüßen,
    U. F.

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