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vonSchröder & Kalender 06.02.2008

Schröder & Kalender

Seit 2006 bloggen Schröder und Kalender nach dem Motto: Eine Ansicht, die nicht befremdet, ist falsch.

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Der Bär flattert in östlicher Richtung.

Die Buchhandlung Müller & Böhm im Düsseldorfer Heinrich-Heine-Haus zeigt seit dem 22. Januar  den ›MÄRZ-Raum‹. Diese Ausstellung präsentiert Erstausgaben, Dokumente, Filmausschnitte und Fotos aus der bewegten Verlagsgeschichte des MÄRZ Verlages.

Der MÄRZ Verleger Jörg Schröder begann 1957 seine Karriere im Buchgewerbe in Düsseldorf als Lehrling der Schrobsdorff’schen Buchhandlung auf der Königsallee.

Ich arbeitete von 1962 bis 1964 bei Kiepenheuer & Witsch in Köln als Werbeleiter und Pressechef, fing dort Mitte 1962 an und hörte im Dezember 1964 auf. Rolf Dieter Brinkmann traf ich erst 1963. Dieter Wellershoff hatte 1963 als Initiator und Chef des ›Kölner Realismus‹ die Idee, eine Autorentagung zu veranstalten, und das arrangierte ich mit. Mit den Lektoraten zusammen wurde überlegt, wo es stattfinden sollte, die Wahl fiel auf eine ehemalige HJ-Burg in Kronenburg in der Eifel, die damals eine Jugendherberge war. Wunderschönes Wetter, Frühsommer, es gab einen Innenhof, in dem sollten die Autoren lesen. Die Autoren waren: Heinrich Böll, Nicolas Born, Rolf Dieter Brinkmann, Tankred Dorst, Marianne Eichholz, Uve Fischer, Astrid Gelhoff-Claes, Hans-Joachim Haecker, Werner Helmes, Günter Herburger, Hans Kasper, F. N. Mennemeier, Hermann Moers, Paul Pörtner, Renate Rasp-Budzinski, Rolf Schroers und Günter Seuren. Vom Verlag nahmen teil: Joseph Caspar Witsch, Reinhold Neven DuMont, Dieter Wellershoff, Renate Matthaei, Alexandra von Miquel, Rudolf Jürgen Bartsch, Ute Nyssen und ich. Die Lesung begann in einem auf Mittelalter getrimmten Atrium, strahlende Sonne drei Tage lang, ein Tisch für die Autoren, und die Zuhörer saßen unter den Arkaden. Es war ein bißchen nach dem ›Gruppe 47‹-Prinzip arrangiert, aber gebremster, es schmorte im eigenen Saft, man sollte diskutieren über die Texte, aber natürlich liebevoll. Am zweiten Tage war Rolf Dieter Brinkmann dran, und sein Text ekelte mich an, nicht wegen des Inhalts, der Zersetzung aller möglichen Organe, nein, das konnte einen nicht aufregen, das hatte man alles schon gelesen, Lautréamont und Expressionismus und Benn, das war nichts Schockierendes für einen geübten Literaturmediziner.

Weshalb mich sein Krebstext anekelte? Ich war bisher noch nie einem Autor begegnet, der grün war im Gesicht. Das lag nicht an seiner Identifikation mit dem Text, er hatte einfach Lampenfieber. Und wenn man einen Kotz-Brech-Würg-Text hört von einem Autor, der aussieht, als schwanke er auf der ›City of Poros‹ bei Windstärke acht vor Thira, da wird dir eben anders. Bevor er anfing zu lesen, beschwerte er sich dann in einem wüsten Ausfall darüber, daß er überhaupt lesen müsse, beschimpfte alle Anwesenden, aber auch Gott und die Welt.

Das war sie, diese Attitüde, die in seinen späteren Aufwallungen und Beschimpfungen immer wiederkam. Solch einen Randalierer kann man, je nach Gusto, sensibel oder eben einen Kotzbrocken nennen. Jemand, der Schwierigkeiten mit sich und seiner Umgebung hat und der das in wüster Form, je nach Intensität der Schwierigkeiten, rausläßt, anderen damit auf den Wecker geht. Damals dachte ich: Was ist das für ein Arschloch, was bildet der sich ein, und wenn er nicht lesen will, na gut, es hat jeder mal Lampenfieber, dann soll er es doch lassen, aber aufhören zu schimpfen in diesem überzogenen Geschwalle. Ich sagte also laut: »Laßt ihn doch, wenn er nicht lesen will.« Da stand Heinrich Böll auf, als guter Mensch von Köln und sprach von hinten dumpf aus den Arkaden heraus, legte seinen Kopf schief, wie das gute Menschen machen, hob zu einem Beruhigungssermon an, man müsse das verstehen, daß dies eben ein junger Autor sei; also nicht freies Geleit für Brinkmann, aber schon sehr dieser Ton des überirdischen Verständnisses. Das fanden alle sehr nett, ich auch, zwar ist es schlimm, wenn jemand immer so nett ist, deswegen bin ich ja ständig auf der Suche nach dem Schlechten im Guten, aber andererseits war es eben eine menschliche Geste. Jedenfalls fing Brinkmann tatsächlich an zu lesen, schwitzend und eruptiv.

Dieser aufgeregte Mensch mit grünem Gesicht, den wollte ich nicht aushalten. Ich schlich mich leise raus durch ein schmiedeeisernes Burghofgatter, und Rolf Schroers kam mir hinterher, der protestierte wegen des schweinischen Textes. Rolf Schroers, damals Vordenker der FDP, der ewige liberale Trenchcoat, der ein und aus ging im Verlag Kiepenheuer & Witsch. Das war ja damals nicht nur ein Literaturverlag, er gehörte zur fünften Kolonne, eine Art Renegatenverlag. Da saß das SBZ-Archiv unterm Dach, all die Kinder, die die Revolution entlassen hatte, diese Leonhards und Carola Sterns, die halbe Kaderschule der DDR, die kalten Krieger eben. Mit solchen Leuten hat Witsch seine Kohle gemacht — und mit seinen Strauß- und Barzel-Spezeleien. Rolf Schroers gehörte ebenfalls in das dubiose Racket als FDPistischer Trittbrettfahrer. Also Schroers posaunte hinter der Burgmauer, was das für eine Sauerei sei, daß einer so einen Text liest. Das fand ich nun zu blöd und ging wieder rein. Brinkmann las zu Ende, allgemeine Erleichterung, Akklamationen. Da war plötzlich Rolf Dieter Brinkmann gar nicht mehr böse auf die Mannschaft, die er vorher niedergeschrien hatte. Er saß auf seinem Stuhl und sonnte sich wie einer, der zum ersten Mal erfolgreich vorgesungen hat im Gesangverein.

Ich war damals noch ein junger Mensch mit all den komischen literarischen Ambitionen, und mich hatte die Leseveranstaltung ziemlich angestrengt. Ich fand all diese Berufsliteraten bescheuert, die sich wichtig taten und ihr Getöse über die Texte abließen und, na gut, für Suff gibt es immer einen Grund, ich hatte mich abends betrunken, bin nachts herumgegeistert, bin dann wieder in die Burg eingerückt und glotzte in die heraufziehende Morgenröte. Rolf Dieter irrte auch herum in der Jugendherberge, hatte wohl ebenfalls nicht schlafen können oder wollen und setzte sich zu mir. Wir unterhielten uns über Beat und Fluxus, waren uns einig über den Schrottbetrieb der Literatur. An diesem Morgen verstanden wir uns sehr gut.

Ich traf Brinkmann dann noch einmal bei einem Essen in der Kölner Innenstadt, das der Verlag für seine Vertreter gab. Wir waren bei einem Italiener, dort begegnete ich Maleen zum ersten Mal, verhuscht saß sie da. Sie war damals noch Pädagogikstudentin. Das war’s dann auch schon. 1964 hörte ich auf bei Kiepenheuer & Witsch.

Danach ging ich zum Melzer Verlag, anderthalb Jahre lang sammelte ich Geld in Bonner Ministerien. Als der Verlag halbwegs saniert war, begann ich mit dem sogenannten ›Neuen Programm‹ bei Melzer, das war Anfang 1965, es erschienen Leroi Jones, Jack Kerouac, die Provos und einige politische Bücher, darunter auch die ›LTI‹ von Victor Klemperer. Doch über politische Bücher brauchen wir nicht zu reden, denn die interessierten Brinkmann nicht. Der Melzer Verlag war 1966 von Düsseldorf nach Darmstadt umgezogen, und 1967 meldete sich mit einem langen, überschwenglichen Brief Rolf Dieter Brinkmann. Er sehe ja, wie es mir gehe als Verleger, und er stelle fest, daß sehr interessante Sachen erschienen im Melzer Verlag, und er kenne jemand, der auch etwas sehr Interessantes gemacht habe, nämlich einen Pädagogikstudenten, mit dem er zusammen studiere. Er empfahl mir Ralf Rainer Rygulla und seine Anthologie ›Fuck you‹.

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Und als Wiederanbahungsgeschenk lag dem Brief ein Exemplar von ›Ohne Neger‹ bei mit einer Collage von Rolf Dieter Brinkmann. ›Fuck you‹ interessierte mich, es erschien dann 1968 bei Melzer. Darin waren erstmalig in Deutschland Autoren wie Tuli Kupferberg, Charles Bukowski, Frank O’Hara, Ed Sanders und Lenore Kandel abgedruckt.

Viel später erfuhr ich, daß Brinkmann erst über Rygulla Underground-Literatur aufmerksam wurde, womit sich Rygulla schon lange vor ihm beschäftigt hatte. Rygulla lernte in London die amerikanische Unterground-Literatur und -Kunst kennen. Was man heute Pop nennt, hieß damals Underground. Brinkmann konnte damals kaum Englisch, das lernte er aber schnell, denn er hat wenig später viel übersetzt und herausgegeben. Aber bereits 1966/67 war er stark beeinflußt von Brainard, Berrigan, Kupferberg, Bukowski und O’Hara. Als ›Fuck you‹ bei Melzer erschienen war, fingen auch die Überlegungen an, was man weiterhin zusammen auf die Beine stellen könne. Schnell stand die Idee, daß Brinkmann und Rygulla gemeinsam eine größere Anthologie machen sollten. Ich habe sie darin bestärkt, denn ›Fuck you‹ war relativ erfolgreich gewesen, es gab drei Auflagen von dem Buch. Wir planten also eine größere Anthologie, die auch Prosa enthalten sollte, daraus ist später ›Acid‹ entstanden.

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Das Plakat zu ›POP am Rhein‹ entwarfen: Barbara Kalender, Till Kaposty und Jörg Schröder.

Der Katalog zum ›POP am Rhein‹-Festival erschien im Verlag der Buchhandlung Walther König.

Ausstellung im Kölnisches Stadtmuseum, Zeughausstr. 1 bis 3, 50667 Köln. Dauer der Ausstellung: 13. Dezember 2007 bis 17. Februar 2008. Öffnungszeiten: Dienstags von 10:00 Uhr bis 20.00 Uhr, Mittwochs bis Sonntags von 10.00 Uhr bis 17.00 Uhr- Eintritt: 5 € / 4 €

Übrigens: Am Webdesign von ›POP am Rhein‹ begehren wir nicht schuld zu sein.

In Düsseldorf wird ›Der März-Raum‹ gezeigt in der Müller & Böhm Literaturhandlung, Bolker Str. 53, 40213 Düsseldorf.
Dauer der Ausstellung: 23. Januar bis 16. Februar 2008
Öffnungszeiten: Montags bis Freitags: 10:00 Uhr bis 19:00 Uhr, Samstags 10:00 bis 18.00 Uhr. Eintritt: Frei!

(BK / JS)

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