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vonSchröder & Kalender 06.06.2009

Schröder & Kalender

Seit 2006 bloggen Schröder und Kalender nach dem Motto: Eine Ansicht, die nicht befremdet, ist falsch.

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Der Bär flattert in östlicher Richtung.
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In Frankreich erschienen die Werke von Jules Vallès in der Bibliothèque de la Pléiade, in Deutschland war der Autor eines der großen autobiographischen Romane der Weltliteratur, ebenso bedeutend wie Gorkis oder Strindbergs Lebensgeschichte, nur wenigen Literaturwissenschaftlern bekannt. Aus diesem Grunde gab Jörg Schröder 1979 eine neue Übersetzung in  Auftrag.

Jules Vallès schrieb über sich und sein Werk: »Ich habe nicht analysiert, wie das auf der Sorbonne gelehrt wird, ob meine Prosa Pascal oder Marmontel oder Juvenal oder Saint-Simon oder Saint-Beuve ähnelt. Ich beachte weder die Zeitenfolge mit aller Korrektheit, noch fürchte ich mich vor Neubildungen. Überdies pfeife ich großzügig auf jegliche akademische Ordnung in der Anwendung von Gleichnissen. Ich packe Fetzen meines Lebens und nähe sie mit dem Anderer zusammen. Wenn ich Lust habe, so lache ich, wenn demütige Erinnerungen mir durch Mark und Bein fahren, so knirsche ich mit den Zähnen.«

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Jules Vallès, ›Jacques Vingtras. Das Kind / Die Bildung / Die Revolte‹. Originaltitel: Jacques Vingtras. L’Enfant / Le Bachelier / L’Insurgé‹ Aus dem Französischen und mit einem  Nachwort von Christa Hunscha.  Leinen, 952 Seiten. März Verlag, 1979 (nur noch antiquarisch erhältlich).

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Aus dem Nachwort von Christa Hunscha: »Vallès  war Mitglied der Pariser Kommune, und er war ein erbitterter Feind des muffigen Bürgertums seiner Zeit. Sein ganzes Leben war ein Kampf gegen die Konventionen dieses Bürgertums. Folgerichtig schmähte ihn dieses Bürgertum als einen »verbissenen, unerträglichen, auf jede Überlegenheit neidischen Charakter.«

Jules Vallès zeigt in seinem Roman, wie ein Aufrührer, ein Revolutionär entsteht, nämlich nicht durch Theorien, Ideologien, Bücher, romantische Vorbilder, oder weil er zu faul zum Arbeiten ist, sondern durch die Erfahrung des alltäglichen Elends, die Unterdrückung und Verlogenheit in der Familie, durch das Elend der Sinnlosigkeit und Demütigung in der Schule, durch Armut und Arbeitslosigkeit, die den Absolventen der staatlichen Bildungseinrichtungen tagaus, tagein erniedrigen.

Vallès schildert die aufsässigen jungen Intellektuellen am Rande der Gesellschaft, die berühmte Pariser Bohème der fünfziger und sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts, ihre Wünsche, revolutionären Träume, Konspirationen, die mitunter unfreiwillige Komik ihres elenden Alltags. Parallelen zu den Verhältnissen, Motivationen, Erwartungen vieler junger Menschen während der Studentenunruhen von 1968 drängen sich auf.

Man hatte Jules Vallès  durch die bürgerlichen Bildungseinrichtungen geschleust, er haßte die intellektuellen Traditionen, er haßte die etablierten Professoren und Gelehrten. Er stand fassungslos vor den Komödien und Tragödien, in denen die Dichter ihr eigenes Leben und das Elend der breiten Massen unbeschrieben ließen.

»Tous mentent«, alle lügen. Er selbst wollte nichts als die Wahrheit schreiben. Sein Leben und sein Schreiben sollten eins sein, sein Stoff war die von den Heroen der Dichtkunst so verachtete alltägliche Wirklichkeit. Zur Literatur hatte er ein zwiespältiges Verhältnis. »Mein Stolz ist sozialistisch, nicht literarisch«, schrieb er 1880 aus dem englischen Exil an einen Freund. Dennoch brachte er als Schriftsteller und Journalist nichts außer Literatur hervor. Er brach aus allen literarischen Traditionen aus, und fand doch als Stilist von Anfang an Bewunderer.

Schon 1872 (im Jahr, in dem er als Aufrührer in Abwesenheit zum Tode verurteilt wurde) pries ihn der bürgerliche Literaturhistoriker Philarète Chasles als einen Meister der französischen Sprache.

In der französischen Literaturgeschichte hat Vallès lange seinen festen Platz als »Antiliterat«. So hat das Bürgertum seine Angriffe auf die Strukturen der Gesellschaft, die noch heute weitgehend gültig und aktuell sind, aufgehoben und entschärft im Pantheon der großen Stilisten.«
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Eine Besprechung von Horst Laube erschien 1980 im ›Spiegel‹.
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Und so geht’s weiter

(JV / CH / BK / JS)

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