vonSchröder & Kalender 20.10.2018

Schröder & Kalender

Seit 2006 bloggen Schröder und Kalender nach dem Motto: Eine Ansicht, die nicht befremdet, ist falsch.

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Es ist dunkel, wir sehen nicht, wie der Bär flattert.

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Mittwoch, den 17. Oktober 2018

Gewöhnlich beklagen sich Autorinnen und Autoren über die Plagen der Lesereisen, Wartezeiten auf den Flugplätzen, Zugverspätungen, miese Hotels und so weiter. Davon soll hier nicht die Rede sein, sondern vom Gegenteil:

In Kiel, der nördlichsten Großstadt Deutschlands, wohnten wir in einem eleganten oldfashioned Maritim Hotel im obersten Stockwerk an der Kiellinie.

 

 

Kieler Förde, alle Fotos: Barbara Kalender

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Bei strahlendem Sonnenschein saßen wir auf dem Balkon mit Blick auf die Förde und beobachteten die einlaufenden Frachter und Fähren. Allerdings hatte Barbara ein Problem, die Schiffe deutlich zu sehen, denn bei ihrer Fernbrille war während der Zugfahrt ein Bügel abgebrochen.

Abends holte uns Wolfgang Sandfuchs, der Leiter des Literaturhauses, ab und fuhr mit uns ins Literaturhaus Schleswig-Holstein. Es residiert im ehemaligen Haus des Garteninspektors in Kiels Alten Botanischen Garten.


Den Garten konnten wir abends nicht besichtigen, aber im Umschwung des Hauses war zu erkennen, dass der aufgelassene Garten nach wie vor liebevoll gepflegt wird.

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v.l.n.r.: Jörg Schröder und Wolfgang Sandfuchs

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Dann lasen wir abwechselnd aus ›Siegfried‹, Jörg Schröder Passagen aus der Neuausgabe und Barbara Kalender aus der umfangreichen Vita. Das Publikum applaudierte freudig, und es wurde anschließend Fragen gestellt, die wir ebenso freudig beantworteten.
Anschließend aßen wir mit Wolfgang Sandfuchs und seiner Frau im Maritim eine Büsumer Krabbensuppe. Er berichtete von Veranstaltungen mit Alain Robbe-Grillet und György Konrád. Dass wir danach auf Karl May und seine Produktivität (er veröffentlichte drei bis vier Bücher jährlich) kamen, verdanken wir dem neuen Buch unseres Freundes Albrecht Götz von Olenhusen, nämlich seiner Herausgabe der Biografie von Erich Wulffen: Karl Mays Inferno.

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Donnerstag, den 18. Oktober 2018

Am nächsten Morgen regnete es und der Blick aus dem Fenster war grau, die Förde versank im Dunst.

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Ein Taxifahrer brachte uns zum Bahnhof, während der Fahrt berichtete er, dass die Fähre von Kiel nach Oslo nur 19 Stunden braucht und im Sommer ein Geheimtipp ist, weil sie den Komfort einer kleinen Kreuzfahrt bietet. Allerdings sei sie leider während der besten Zeit ständig ausgebucht. Wir nahmen uns vor, im nächsten Sommer mit dieser Fähre nach Oslo zu fahren und geben dieses Reisehinweis trotzdem weiter, obwohl man Geheimtipps eigentlich NICHT weitergeben sollte, sonst wären sie ja keine. Wir agieren eben immer radikal und niemals konsequent.

Mit dem Zug ging es weiter nach Münster zur nächsten Lesung, der Literaturverein Münster hatte uns ein Zimmer im gediegenen Traditionshotel Feldmann in der Altstadt reserviert. Barbara ging schnurstracks zu Fielmann, dort reparierte man ihre Brille sofort und kostenlos. Endlich konnte sie wieder ohne Probleme sehen.
Und genau aus diesem Grunde sind wir seit dreißig Jahren Kunden bei dieser Optikerkette.


Mit Hermann Wallmann aßen wir im sehr guten Restaurant des Hotels, dann fuhr er mit uns zum Theatertreff.

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Am Büchertisch der Rosta Buchhandlung signierten wir ›Siegfried‹ und begrüßten alte Freunde wie Friedrich Bitzhenner von der Buchhandlung Medium. Wir freuten uns, dass Gerd Busse, Übersetzer des ›Het Büro› von Johannes Jacobus Voskuil, eigens aus Dortmund angereist war.

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Wir lernten Burkhard Spinnen, einen Autor der ersten Stunde des Schöffling Verlags, kennen. Burkhard erzählte, daß er mit seinem neuen Buch morgen fertig werde, er habe aus Solidarität zum Verlag und aus Interesse an unserer Lesung das Schreiben der letzten Sätze verschoben. Sein neues Buch wird im nächsten Jahr bei Schöffling & Co. erscheinen. Wir versprachen ihm auch, zu seiner Berliner Buchvorstellung zu kommen, bevor wir einen letzten Satz schreiben.
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Dominik Irtenkauf hatte im ›Stadtgeflüster Münster‹ ein Interview mit Jörg Schröder geführt. Beim Dezember-Jour-fixe der März Gesellschaft wird Dominik Irtenkauf über ›Metal – kulturelle Feedbacks‹ sprechen. Er wird uns die Faszination an verzerrten Gitarren, Blastbeat, Symbolik und hyperbolischem Gesang erklären und in einer Tour de Force eine Poetologie der Verzerrung und der Drastik präsentieren. Dominik Irtenkauf schreibt seit 1994 im Musikjournalismus. Die Transformation von Metalmusik in Kultur und von Kultur in Metalmusik begleitete seine Arbeit.

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Mit Hermann Wallmann gab es zu Beginn unserer Lesung einen kleinen Schlagabtausch zur Entstehungsgeschichte des ›Siegfried‹. Er zitierte nämlich aus der ›Kapitulation‹ von Ernst Herhaus, der 1977 (also fünf Jahre nach dem Erscheinen des ›Siegfried‹) darin geschrieben hatte, dass Jörg Schröder ihn gebeten habe, ihm die Geschichte seines Lebens erzählen zu können. »Umgekehrt wird ein Schuh daraus!«, erwiderte Jörg. Barbara las dann aus der Vita, wie Jörg ihr berichtet hatte: »Dass ich Ernst Herhaus den Siegfried auf Tonband erzählte, verdankt sich einem Sportunfall und seiner Beharrlichkeit.« Wegen einer Knochenhautentzündung musste er liegen, Ernst Herhaus setzte sich an sein Bett und meinte: ›Du bist doch ein großer Erzähler …‹ Außerdem hatte er ein Philips-Tonbandgerät mitgebracht, ein Blechding, so scheppernd hat der auch abgespielt.« Am Ende der Lesung waren die Zuhörer so angetan wie in Kiel und anderswo.

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Nach der Lesung fand die notorische Biersitzung im alten ›Stuhlmacher‹ am Prinzipalmarkt statt. Während Jörg Schröder und Hermann Wallmann über die Regresspflicht in der Literatur diskutierten, sprach Barbara Kalender mit den Verlegern Hiltrud und Joachim Herbst vom Daedalus Verlag nicht nur über das Büchermachen, sondern auch über norddeutsche und hessische Dialekte und vieles mehr. Am Ende duzten wir uns alle und luden die Runde nach Berlin ein. Solche Veranstaltungen haben eben auch die schöne Eigenschaft neue Freundschaften zu schmieden.

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Weil Jörg Schröder wegen seines Unfallbeins noch rekonvaleszent war, erholte er sich morgens im Hotel, während Barbara einen Spaziergang zum Prinzipalmarkt machte und zum wiederholten Male die drei Käfige an der Lambertikirche betrachtete. Im Jahr 1536 wuren die Wiedertäufer Jan van Leiden, Bernd Krechting und Bernd Knipperdolling mit glühenden Zangen öffentlich gemartert und dann mit Dolchen hingerichtet. Ihre Leichen wurden in drei eisernen Körben an der Lambertikirche aufgehängt – »daß sie allen unruhigen Geistern zur Warnung und zum Schrecken dienen«. Ein Glück, dass wir unsere Schriften im 20. und 21. Jahrhundert publiziert haben und nicht im ausgehenden Mittelalter.

 

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Zurück in Berlin: Nach einer entspannten Nacht im eigenen Bett wurden wir am Morgen von einem grafischen Donnerschlag überrascht: In der altehrwürdigen ›Literarischen Welt‹ – im Jahr 1925 von Willy Haas gegründet – erschien heute eine über vierspaltige gelb-rote-schwarze MÄRZ-Adaption als Titelschmuck für eine Rezension der ›Siegfried‹-Neuausgabe von Philipp Haibach.

Er schrieb, was Barbara besonders freute: »Fast wichtiger ist der Anhang: eine 170-seitige, mit vielen Fotos, Faksimiles und Quellen angereicherte Biografie, die Barbara Kalender verfasst hat. Denn der ›Siegfried‹ ist die Geschichte eines nicht einmal halben Lebens – von 1938 bis 1972.« Recht hat er! Denn seitdem ist im Schröderleben doch noch so einiges passiert.

BK / JS

 

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