Posts Tagged ‘Pornofilm’

23.09.2006 von Schröder & Kalender
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Making of Pornography (13)

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert immer noch auf halbmast in nördlicher Richtung.

Ab 10 Uhr wieder auf Topp.

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Und so geht’s weiter mit der schwierigen Suche nach Darstellern für den Pornofilm ›Colt & Köcher‹: Das Kopierwerk Atlantik-Film akzeptierte das Brocksche Gutachten, ›Die Schüler‹ waren bereits in Arbeit, ein Prospekt wurde gedruckt. Die Kameraleute Boldt und Hehn begannen über weitergehende Beteiligungen an den Verkaufserlösen nachzudenken, wollten in meinem Pornokonzern die erste Filmgeige spielen, aber keiner wollte sich natürlich namentlich nennen lassen. Es gab dann Versuche der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften, die Produktion zu stoppen, es gab Strafanträge, dem allem entzogen wir uns mit List, ›Die Schüler‹ liefen blendend. ›Sexokratie‹, so bemüht das auch daherkam, wurde genauso gut verkauft. Es kam nur darauf an, daß alle Varianten darin vorkamen. Ich bemühte mich ständig, den Standard zu erhöhen, mein nächster Plan sah vor, einen Film außen zu drehen, ich wollte den Vogel abschießen mit diesem Film, der dann auch im Vogelsberg gedreht wurde. Uve Schmidt und ich entwickelten ein Szenario, das ›Colt und Köcher‹ hieß, die Message bestand darin, daß ein Trapperpärchen ein Indianerpärchen ausbeutet: ›Colt und Köcher oder Die Ausbeutung‹. Mit den einfachen dramaturgischen Mitteln des Stummfilms sollten höchste Handlungsdichte und erotische Faszination erreicht werden, der Trapper greift nach seinem Colt, der Indianer hebt den Schild vom Boden auf, die Indianerin schnürt das Mieder der Trapperin, wie es von Lessing im ›Laokoon‹ gewünscht ist.

coltundköcher2.jpg

Dazu mußten wir uns auf vier Spieler beschränken. Bazon Brock konnte noch aus dem vollen schöpfen mit drei Pärchen und einer Lehrerin. … weiter lesen

20.09.2006 von Schröder & Kalender
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Making of Pornography (12)

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in östlicher Richtung.

Und so geht’s weiter mit den klandestinen Dreharbeiten zum Pornofilm ›Sexokratie‹: Ob Svensson uns nachsetzte? Er löste sich auf geheimnisvolle Weise in Luft auf, dachte ich damals. Erst ein paar Jahre später wurde mir klarer, was es mit der Food-Schiene auf sich hatte, als Werner Klemming beschloß, sich nach Norditalien zu verkriechen, und mir vorher seine Malik-Sammlung verkaufen wollte. Beiläufig erzählte er mir von seiner Lehrzeit in Bechers Nachkriegs-Weizenkontor. Aber erst nachdem Hans Dieter Heilmann den Bericht des ollen Biss über die Budapester Verhandlungen neu herausgab, über Kastner, Eichmann, Becher, 1985, und da auch erst zwei Jahre später, dämmerte es mir endlich, mit welchem Netzwerk diese Hilfsorganisation auf Gegenseitigkeit die zweite Republik überzogen hatte. Da paßt mal ›Netzwerk‹, die neudeutsche Metapher für jedwede Gruppengemeinheit und lobbyistische Abstauberei. Ja, warte doch ab! Es verknüpft sich schon noch.

Erst mal waren wir wieder in Frankfurt, Beitlichs Nase wurde bald rosiger, aber er machte mich noch wochenlang verrückt mit seiner Schwedenparanoia. Ich dachte mir, die können mich mal, beauftragte Rechtsanwalt Riemann, einen Brief zu schreiben, daß ich als linker Verleger wegen der ungewöhnlichen Geschäfte, die Svensson und seine Geschäftspartner angedeutet hätten, von der Gründung der projektierten Aktiengesellschaft absehen müsse. Nach diesem Brief habe ich von den Typen direkt nichts mehr gehört. Was die Filmkopien anging, war ich so klug als wie zuvor. Da, gänzlich überraschend, meldete sich das Atlantik-Filmkopierwerk aus Hamburg, sie seien nun möglicherweise doch bereit, erotische Filme zu kopieren, jedoch nur unter der Voraussetzung, daß ihnen ein Gutachten vorgelegt würde, welches sie juristisch freistellt, ein Gutachten von ausgewiesenen Wissenschaftlern, daß es sich bei unseren Filmen nicht um strafwürdige Pornographie handelt. Ein ungewöhnliches Zusammentreffen, diese plötzliche Bereitschaft von Atlantik-Film nach unserem Schwedenabenteuer, kann aber auch Zufall gewesen sein.

Nun ging die wunderbare Geschichte mit Konsul Breckwoldt los. Der erste Film war gedreht, das Gutachten für seinen ›Schüler‹-Film hatte sich Bazon Brock selbst geschrieben. Ich konnte also darangehen, das nächste Œuvre vorzubereiten. Es sollte eine Eigenproduktion von Uve Schmidt und mir werden, Rainer Boldt hatte seinen Freund Roland Hehn als Kameramann empfohlen. Der Film trug den Titel ›Sexokratie‹, ein Lehrfilm, in dem die Grundrechte des Grundgesetzes mittels erotischer Metaphern erklärt wurden: »Die Würde des Menschen ist unantastbar« oder »Die Kunst ist frei«. Jeder dieser Leitsätze – ja, stimmt schon, dumpf – wurde in einer Szene ausgespielt, ein erotischer Vulgär-Stanislawski, dafür mußten vier Leute gefunden werden.

sexokratie2.jpg

Rosi hatte bereits zugesagt, eine vollbusige Frau mit dunkelbraunen Haaren, der wir aber stets eine lockige blonde Mittellanghaarperücke nach Landfrauenart verpaßten. … weiter lesen

14.09.2006 von Schröder & Kalender
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Making of Pornography (11): Alla vackra flicka skål!

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in nördlicher Richtung.

Und so geht’s weiter mit den Problemen, ein Kopierwerk für die Pornofilme zu finden und einer Reise nach Schweden:
Anfang Dezember 1969 kündigte ich auf einer Pressekonferenz im Jagdschloß Kranichstein bei Darmstadt an, daß ich demnächst Pornofilme herausbringen werde. Aber ich hatte keinen Film, und erst recht gab es kein Kopierwerk, das so einen Film vervielfältigt hätte. Denn pornographische Abbildungen und Filme waren ja noch hochnotpeinlich verboten. Es existierte deshalb auch keine Produktionsszene in Deutschland für so etwas. Ich redete mit Bazon Brock über meine Schwierigkeiten, und er meinte: »Kein Problem, den Film drehe ich mit meinen Studenten von der Hochschule für Gestaltung in Hamburg, die Kamera macht Rainer Boldt.« Das war ein Absolvent der Münchner Filmhochschule, den Bazon noch aus seiner Schulzeit in Itzehoe kannte. Also wurde die Dramaturgie für ›Die Schüler‹ von Brock und seinen Studenten ausgearbeitet, es handelte sich bei diesem frühen Pornostück um einen zehnminütigen Stummfilm ohne Musik.

Der Film war fertig, jetzt brauchten wir ein Kopierwerk, aber von Geyer, Atlantik und Mosaik hörte ich nur: »Verkaufskopien von Pornofilmen?! Undenkbar!« Ich wollte schon aufgeben, da meldete sich ein Herr Svensson am Telefon, der erstaunlich akzentfrei deutsch sprach. Er habe aus der Presse von meinen Filmplänen erfahren, er selbst leite in Stockholm das bedeutende Filmunternehmen Venus Film AB. »Kommen Sie auf meine Kosten nach Stockholm, Sie wohnen im Grandhotel. Wir haben auch ein leistungsfähiges Kopierwerk an der Hand.«

Die Flugtickets wurden besorgt. Damals hatte ich bereits Flugangst, die war schleichend und ohne konkreten Anlaß gekommen. Jedoch, diese Reise nach Stockholm mußte sein. Vielleicht bin ich auch wegen meiner Flugangst mit dem Schriftsteller Manfred Esser bis in die frühen Morgenstunden in einer Bar versackt. Um sechs Uhr fuhr ich mit roten Augen und dickem Kopf in meine Wohnung, zerrte ein paar Klamotten in den Koffer und kam in letzter Minute am Flughafen an. Der Olympia-Press-Vertriebsleiter Peter Beitlich und der Rechtsanwalt Johannes Riemann warteten schon ungeduldig. Dann merkte ich, daß ich meinen Reisepaß vergessen hatte. Trotzdem flog ich mit. Bei der Zwischenlandung in Kopenhagen warnte mich ein Paßbeamter: »Es hat keinen Sinn, nach Schweden weiterzufliegen, ohne Reisepaß lassen die Sie nicht rein.« »Ist mir egal«, sagte ich stur und angesoffen, »ich muß nach Stockholm.« … weiter lesen