
Foto: Peter Alberts
Ein wenig wirkte Roger Trash wie aus der Zeit gefallen, mit seinen schulterlangen Haaren, den weißen, lang ausgezogenen, spitz zulaufenden Schuhen und dieser pelzigen Russenmütze, die er, wenn das Wetter es eben erlaubte, also grob geschätzt bei Temperaturen, die signifikant unter 30 °C lagen, stets trug. Seine Lieder waren die Form von Rockmusik, die man wohl bald in den Kanon der Klassik aufnehmen wird, dazu mit deutschen Texten, was manch einen reflexhaft zur gedankenleeren Schmähvokabel „Deutschrock“ bewegte. Nein, dem Zeitgeist, das kann man schon mal festhalten, rannte Roger Trash nicht hinterher. Er sah höchstens mal kurz nach ihm auf, um ihm ein paar Zeilen hinterherzurufen. „Lebst du noch oder wohnst du schon?“, fragte er schon vor Jahren, als sich noch nicht jeder Schülerjournalist an dem Ikea-Spruch abgearbeitet hatte, oder auch: „Es gibt immer was zu feiern, ständig ein Event / kommen deine besten Freunde wenn dein Dachstuhl brennt?“
Roger Trash, 1959 im niedersächsischen Diepholz geboren, schildert seinen Werdegang selbst wie folgt: „Klein-Trash spielt in der Kaserne oder sitzt im Kino und träumt von der weiten Welt. Die Russen greifen einfach nicht an. 1966 Flucht nach Münster. Die Karriere auf dem Wilhelm-Hittorf-Gymnasium endet vorzeitig ohne Abitur. Zivildienst mit geistig behinderten Kindern, Gelegenheitsarbeiter. Fensterputzer, Sex-Shop-Verkäufer, Möbelpacker, Kirmesboxer bei der Schlütertruppe sowie kleine Exkursionen als Frauenheld.“ Dann aber fand er zur Musik. Als Jazz-, Pop- und Rockmusiker auf der Bühne, unter Vertrag bei verschiedenen Bands, schließlich auch mit der eigenen. Sein wohl bekanntestes Engagement war als Bassist bei Peter Burschs Bröselmaschine, eine der ersten wichtigen Rockbands im Nachkriegsdeutschland (und ja: genau jener Peter Bursch, den unzählige Gitarrenschüler von ihren Lehrheften kennen). Er zog durch die Republik und spielte, spielte, spielte. War das die weite Welt, von der Klein-Trash geträumt hatte? „1996 dann Boxenstopp, nach 1.500 Konzerten endet die Rock`n`Roll-Odyssee auf der Reeperbahn. Die Batterien sind leer, die Plattenverträge futsch. Das jahrelange Vagabundenleben fordert seinen Tribut. Es gilt, die letzten Reste von Energie und Ambition zu bewahren.“
Trash erfindet sich neu. Er schreibt nun Geschichten und Romane, auf der Bühne sattelt er um vom Rockstar zum, wie es idiotischerweise immerzu heißt, Singer/Songwriter, dabei macht er doch einfach nur Lieder und wäre mit dem Substantiv Liedermacher gut beschrieben. Schöne Lieder. Direkte Lieder. Gern dicht am Gefühl, immer im Bemühen um klare Worte, vor allem aber mit Haltung und Humor und einer Liebe zu schönen Einzelwörtern, die er sich gerne selbst zusammenbastelt oder für seine Zwecke kapert.
Eine meiner Lieblingsnummern von ihm ist eine eher schlichte Ballade über den Gang der Welt mit einem schönen, aber durchaus pathetischen Refrain, seltsamerweise auf Italienisch, „Trebbiano del Rubicone“ heißt sie. Irgendwann fragte ich ihn, was der italienische Text um Himmels Willen eigentlich bedeuten sollte? Berühmte Zeilen eines italienischen Dichters oder Revolutionärs? Das Zitat eines bedeutenden Denkers, der vielleicht vor meiner Zeit in der Alternativszene schwer angesagt war? Nö, antwortete Roger, das sei einfach nur das, was auf dem Etikett der Weinflasche gestanden habe, als er das Lied schrieb. Ich war bezaubert.
Nebenbei spielt er in Theaterstücken und Filmen mit, bringt eine Rio-Reiser-Revue auf die Bühne, schreibt Musik für den chinesischen Staatszirkus und … weiter lesen