29.01.2007 von Wolfgang Koch
Flucht – das konnte für ein jüdisches Kind 1938 heissen, dass es die eigene Mutter mit hochrotem Kopf in einem Umkleideraum auf dem Prager Flughafen sah, bis auf die Unterhose ausgezogen, in Büstenhalter und Korsett auf die Zollbeamtin einschreiend – weil irgend ein doofer Kerl im Bus Richtung Flughafen den blöden Witz gerissen hatte: »Wo hast du die Diamanten versteckt, Elly?«
Flucht – das konnte 1940 für ein jüdisches Kind heissen: im Garten eines Châteaus in Frankreich sitzen, in dem es Erdbeeren gab. Im offenen Pritschenwagen durch den Wald fahren, während das Haar im Wind flatterte.
Fluchten haben viele Gesichter. Sie halten mehr überraschende Situationen für die Betroffenen bereit, als das gewohnte Leben. Die in New York lebende Hanna Papanek wollte das Skelett ihrer eigenen Geschichte noch einmal in Briefen, Tagebucheinträgen und Dokumenten erahnen – das Skelett einer Geschichte, die sie doch selber im Fleisch erlebt hatte.
Geht das überhaupt?… weiter lesen
25.01.2007 von Wolfgang Koch
Anschliessend an die spektakuläre Reprospektive Martin-Gropius-Bau in Berlin präsentiert der Wiener Aktionsmaler und Schöpfer des Orgien Mysterien Theaters seine Farbenlehre im Niederösterreichischen Landesmuseum (26. Jänner bis 17. Mai 2007).
Das Haus im Kulturbezirk St. Pölten widmet sich unter Direktor Carl AIGNER einem wesentlichen sinnlichen Anliegen des Künstlers: der visuellen Wirkung der Zeichnungen, Grafiken und Schüttmalerein. Das geschieht anhand ausgewählter Werke und Farbobjekte (Farbskalen) sowie spezieller Farblehrtexte, die Nitsch im Lauf seines über vier Jahrzehnte dauernden Schaffens publiziert hat (www.landesmuseum.at).
Zur Einstimmung auf die Schau präsentiert der Wienblog der taz ausgewählte Zitate und Sprüche des Künstlerphilosophen aus Österreich. Ich habe aus dem geheimen Brevier des Hermann Nitsch diesmal den Buchstaben S (wie St. Pölten) ausgewählt. Folgendes hat dieser erklärte Antihumanist und anatomische Realist aus Wien wörtlich gesagt [Hinzufügungen in eckigen Klammern stammen von mir]:
»Ich bin kein Sadist. Ich habe keine Vorliebe für Blut« (1968)
»Ich möchte, dass unser normaler Lebensvollzug… weiter lesen
22.01.2007 von Wolfgang Koch
In Wien betrachtet man jeden Ausbruch österreichischer Selbstreferenz mit gemischten Gefühlen. Denn in der Hauptstadt des Landes weiss man immer noch am besten, dass Österreich weder ein ethnischer noch ein territorialer oder ein kultureller Begriff ist, sondern ein staatspolitischer.
Es gab – zur Erinnerung – ja nie eine österreichische Eigenart wie die britische, die durch historische Entwicklungen oder eine bestimmte Lebensauffassung bestimmt wurde. Zu keiner Zeit ist es eine konzise Erfassung des überzeitlich verstandenen österreichischen Wesens in wissenschaftlichen Termini gelungen. Wie auch? Das reichlich inkommensurabele Wesen des Österreichischen hatte als geistige Substanz stets nur etwas ganz Anderes zu sein als ihr deutsches Pendant.
Auf der Vergleichsebene ist für die nationale Selbstbesinnung eines Volkes bekanntlich nichts zu gewinnen.
Für die Bürgerinnen und Bürger war das Leben nach 1945
lange keine Identitätsfrage im strengeren Sinn. Die Menschen hegten im neuen Österreich zunächst ein gesundes Misstrauen gegenüber allem, was in… weiter lesen
18.01.2007 von Wolfgang Koch
Der Galeriebau über die Ostautobahn und die beiden Bronzelöwen von Rudolf Weyr sind die Highlights beim Erstkontakt mit Wien. Ganz anders das linke Donauufer! Hier schleust uns ein Asphaltband herein ins Häusermeer, durch lange in Gelblicht getauchte Tunnels. Da der Weg am Ende über eine der vielen Donaubrücken führt, entsteht beim Ankommenden leicht der grundfalsche Eindruck, in eine vom Wasser umspülte, mit dem Donaustrom intim vertraute Stadt einzutauchen.
Wenigstens die Nordeinfahrt, über die Brünner Strasse, ist von einer gewissen Orginalität. Das hängt einerseits mit dem Hügelauf-Hügelab des Weinviertels zusammen – die besten Stellen auf der Route gestatten unversehens aufreissende Fernsichten, ähnlich schön wie der Blick vom Michelberg aus auf das Donautal.
Der zweite Reiz dieser Anfahrt liegt im Kontrast der Zeiten, die hier aufeinander prallen. Da gibt es am Strassenrand in Schubkarren ganzjährig zum Verkauf feilgebotene Kartoffeln, im Herbst Kürbisse, es gibt vereinsamte Marterln und Wegkreuze, unabweisliche Boten des… weiter lesen
15.01.2007 von Wolfgang Koch
Der konservative Politiker Erhard Busek nennt Wien grossspurig ein »Tor zum Osten«. Ich konzediere in dieser Richtung gerne, dass die Ostautobahn das schönste aller Stadttore besitzt – aber das vielgerühmte Scharnier (oder Relais), das diese Stadt im globalen Kontext angeblich bildet, die berühmte Drehscheibe oder Brücke in den europäischen Osten – das ist seit jeher eine Fiktion gewesen. Das angebliche Kommunikationstalent des Österreichers gehört zu den hartnäckigsten Mythen, die sich das Land selber andichtet.
Wiens Tore zur Welt funktionieren seit Marc Aurels Zeiten eindeutig besser nach drinnen als nach draussen.
Beispiel 1: Die Flughafenpiste 16/34 ragt in Schwechat in Form einer 14,4 Meter höhen Brücke über die Verkehrskolonne. Dieses Galeriebauwerk auf schlankkantigen Streben stellt eigentlich einen Blendschutz für Fahrzeuglenker gegen landende Jumbos am Flughafen dar. Doch das Ende der in 176 Meter Seehöhe über die Adria gelegenen Piste bildet seit der Fertigstellung 1977 auch ein unerhört elegante Portal zu… weiter lesen
11.01.2007 von Wolfgang Koch
Wie war das Ende der Dreissigerjahre, als Juden und politische Gegner Hitlers vor dem deutschen Terror durch ganz Europa flohen? Wie haben sich diese Fluchten abgespielt? Stieg man einfach in den Zug? Gab es Schlepper? Wie ging es den Kindern im Exil?
Wir stellen uns ja meist vor, die Verfolgten des NS-Regimes hätten sich irgendwie auf eigene Faust in die Schweiz oder in die USA durchgeschlagen; sie wären nur mit dem Allernotwendigsten gereist, um ihre nackte Haut zu retten.
Doch das sind Klischees! Die historische Wahrheit rückt eine umfangreiche Neuerscheinung mit dem Titel Elly und Alexander zurecht, verfasst von der aus Wien geflohenen und heute in New York lebenden Hanna Papanek.
Im Zentrum der Familiengeschichte stehen Papaneks Eltern Elly Kaiser und Alexander Stein. Doch wir erhalten weit über die Familie hinaus Kenntnis von Gruppen und Strukturen der deutschen und der österreichischen Emigration, wir lernen das Milieu kennen, aus dem die… weiter lesen
08.01.2007 von Wolfgang Koch
2
Anzahl der Schüsse beim Attentat des Spinnereiarbeiters Jaworek aus Pottenstein auf Bundeskanzler Dr. Ignaz Seipel am 2. Juni 1924
10
Anzahl der Bundesländer nach den Statuten der Partei »Die Grünen«; das 10. Bundesland umfasst die ethnischen Volksgruppen
13
Anzahl der Wohnungen Mozarts in seinen Wiener Jahren 1781 bis 1791
14
Länge der in der Austrodiktatur 1934-38 erbauten Panaroramastrasse mit Serpentinen am nordwestlichen Rand von Wien (»Höhenstrasse«) in Kilometer
14,5
Preis für ein Pfund Kaffee am Ende des 18. Jahrhunderts umgerechnet in Euro
25
Anzahl der Bezirke im nationalsozialistischen Grosswien
42
Anzahl der zerstörten Synagogen und Bethäuser durch Brandstiftung in der »Reichskristallnacht« vom 9. November 1938
66
Aktenkundige Verurteilungen lesbischer Frauen zwischen 1938 und 1943 allein in Wien
137
Höhe des Südturms von St. Stephan, der damit zwanzig Meter unter dem Gipfel des Kölner Doms liegt
145
Anzahl der in Seidenpapier gewickelten Erstschlüssel zu den Sarkophargen der Habsburger in der… weiter lesen
04.01.2007 von Wolfgang Koch

Man kennt ja diese Wien-AuskennerInnen, diese Aficionados einer schmachtenden Begeisterung, denen du nichts erzählen kannst von den wahren Momenten der Stadt, weil sie sämtliche Plätze und Orte schon viel gründlicher erkundet haben als die Einheimischen.
Ich rede von deutschen Dumont-Touristen und den Amerikaner mit ihrem Lonely-Planet, denen du nichts vormachen kannst in ihrem stoss- und wasserfesten Reiseerleben. Sie hocken bereits mit geröteten Wangen in der Sooser Weinstube, wenn du am Nachmittag auf einen ersten Schluck eintrudelst; sie wissen, wo man die beste geröstete Leber der Stadt serviert bekommt; und die Ränge des Burgtheaters nehmen sie Abend für Abend gesittet wie ein protestantischer Leichenzug in Beschlag – wir sind von einem stupide gebildeten Wienliebhabertum umgeben, eine gewaltige Venedigverwechslung ist im Gang, die die Liebe der Bewohner zu ihrer Umgebung allmählich verkümmern lässt.
Die angereisten Wienversteher, denen man jetzt allerorten begegnen kann, sie kolonisieren ganz ungezwungen das Stadtleben, als ob sich… weiter lesen
01.01.2007 von Wolfgang Koch
DER PROZESS. Ferdinand erschien am 10. Juli 1522 mit zwölf Richtern auf dem Marktplatz von Wiener Neustadt. Das Gericht tagte unter freiem Himmel, Schaulustige aus allen Teilen des Landes strömten herbei. Gerechtigkeit aber lag nicht in der Luft! Der rachdurstige Erzherzog hatte vielmehr ein Richterkollegium aus landfremden Personen zusammengesetzt, das die inneren Zustände der Erblande, ihre Rechte und Freiheiten nicht kannte.
Mehr als eine Woche lang wurden die prominentesten der politisch selbstbewusste Wiener Bürgermeister einem Verhör unterzogen. Dabei kam Siebenbürgers Charakter klar zum Ausdruck. Er war im Grunde seines Herzens kein Politiker, sondern ein Intellektueller, der blind entschlossen an die Kraft des besseren Arguments glaubte. Mehrfach ergriff er die Gelegenheit, auf sein untadeliges Verhalten in der Lauffner-Affaire hinzuweisen.
Der Mann redete um seinen Kopf! Mehrfach versuchte Siebenbürger das Gremium von der mangelnden Glaubwürdigkeit einiger führender Regimentsräte zu überzeugen. Im Namen der Stadt Wien legte er nicht weniger als… weiter lesen