30.04.2007 von Wolfgang Koch
Dass es ein Elend der österreichischen Sozialdemokratie gibt, geschenkt – das lässt sich schwer bestreiten. Doch es ist vor allem ein Elend der Köpfe. Das Elend der österreichischen Sozialdemokraten sind ihre Kritiker aus den eigenen Reihen.
Die Richtigkeit dieser These lässt sich fast regelmässig in den Spalten der konservativen Tageszeitung Die Presse nachprüfen. Dieses katholische und industriefinanzierte Blatt stellt allen akademischen Aussteigern, Dissidenten und Kritikern der staatstragenden SPÖ bereitwillig Platz zur Verfügung, um das Lamento über Funktionärskälte und Entideologisierung der roten Politik anzufeuern.
Dialoge dieser Art, bei der alle Beteiligten aneinander vorbeireden, gehören in Österreich zum politischen Alltag wie Fahnen und Marschmusik. Einige der, meist greisen SP-Dissidenten wie Norbert Leser verbeissen sich dann mit ihren Traktätchen und Polemiken derart in ihre Mutterpartei, dass daraus eine eigene neue Berufung wird. Der Aussteiger wähnt sich als bedeutende Persönlichkeit, ja als unbestechlicher Kritiker der Mächtigen, weil ihm die politische Konkurrenz Gehör verschafft.… weiter lesen
26.04.2007 von Wolfgang Koch
Ich hätte gerne »Österreichs Kultur ist auf den Hund gekommen« geschrieben. Aber es ist eine Katze geworden.
Alfred Komarek, Eva Rossmann, Michael Köhlmeier, Evelyn Schlag, Peter Henisch, Margit Schreiner, Erika Pluhar, Gerhard Roth, Robert Schindel, Elfriede Hammerl, René Freund, Paulus Hochgatterer, und andere mehr. Es liest sich wie ein Who-is-Who der österreichischen Gegenwartskultur, was sich da im neuen Residenz-Band mit dem Titel »33 Arten eine Katze zu lieben« versammelt hat.
Literarische Schnurren verspricht die Herausgeberin Ruth Rybarski, die sich in den Kultureradktionen von profil und ORF ihre Sporen verdient hat. Was aber soll ein Katzenbuch in einer Zeit, wo wir über Abwehrsysteme gegen ballistische Raketen aus dem Iran nachdenken müssen? Brauchen wir dieses Thema, wenn gleichzeitig der Verschleissfaktor bei der Entlohnung kaum mehr berücksichtigt wird und die Bezahlung der Arbeit unweigerlich zur Altersarmut führt, weil nichts gespart werden kann?
Österreichs Intelligenz sagt: »Ja!« Sie sagt: »Die Katze ist der… weiter lesen
23.04.2007 von Wolfgang Koch
Im Giesshübl-Gebiet erreicht die mobile Stadt auf kürzestem Weg die Ruhe des Wienerwaldes, und sie tut das bereits seit Generationen. Ein von Forststrassen durchzogener Mischwald bietet sich an, Aussichtwarten und Rasthäuser, Bärlauch im Frühling und Pilze im Herbst. Es gibt eine Kugelwiese, die gar nicht rund ist, einen »Salzstangerlwirt«, es gibt Eichhörnchen und Rehe, und am Roten Bründl tropft eiskaltes Wasser aus dem Fels – kurz: die Gegend im Westen der Stadt bietet genau jene Naturidyllen, die du ab einem gewissen Alter am Wochenende brauchst.
Das Giesshübl hat in dieser Hinsicht Tradition: hier liegt eine der ersten bemannte Rettungshütten der Alpen auf nicht einmal 600 Meter Seehöhe, Funk und Verbandkasten immer griffbreit. Die Familien wandern durch Einöden und an Kapellen vorbei zum »Teufelsfelsen« oder zum »Höllenstein« (der Wiener hat Respekt vor der Natur). Dazwischen radeln die unvermeidlichen Biker, meist Pensionisten im Rennoutfit.
Um diesen Ausflugstourismus am Wochenende zu fördern, pflegte… weiter lesen
12.04.2007 von Wolfgang Koch
Die 1848er-Revolution ging hierzulande für das Bürgertum verloren, wie an vielen anderen Orten Europas auch. Und die beiden Republiken sind ihrer Bürgern mehr durch das Glück zugefallen, als dass sie mit wehenden Fahnen auf Barrikaden erkämpft wurden. Das erlaubt die These, ein selbstbewusstes Bürgertum habe sich in Österreich eigentlich nie gegeben.
Betrachtet man unsere Zeitungslandschaft, muss man dem leider uneingeschränkt Recht geben. Was sich zum Beispiel Hietzinger Bürgertum nennt, hat heute einen Bentley in der Garage stehen und – als Zweitwagen – einen Hummer vor dem Gartenzaun. Man schlummert (trotz sozialdemokratischer Wahlerfolge) so friedlich und süss in der himmlichen Villa, dass die nächtlichen Einbrecher gar nicht gehört werden, wenn sie ein Fenster aufbohren, sich die Zündschlüssel schnappen und mit den Edelkarossen davonbrausen.
Das hat vor ein paar Monaten ein Unternehmer-Ehepaar in der Veitlingergasse erlebt, und ich verwette mein Zeilenhonorar, dass man in diesem gutbürgerlichen Haushalt zu Bentley und Hummer die… weiter lesen
09.04.2007 von Wolfgang Koch
Die österreichische Gegenwartsliteratur ist weiblich, und unter den Protagonistinnen finden sich prozentuell sicher mehr aufregende Autorinnen als der Rest des deutschen Sprachraumes zu bieten hat. Das aktuelle Spektrum reicht von Eva Rossmann und ihren Kochbüchern mit Mordrezepten zum Nachtöten (oder Krimis mit Kochrezepten zum Nachkochen, so genau weiss ich das nicht mehr) über die konservative Sabine Gruber und die innovative Corinna Soria bis hin zur den ermüdend-spätsurrealistischen Sprachanalysen der Elfriede Jelinek samt Epigonen.
Neue Stimmen haben es auf dem dicht besetzten Feld naturgemäss schwer. Ursula Brochard aber dürfte der Aufstieg in die Region der Stipendien und Förderpreise leicht fallen, denn die 45jährige Wienerin hat in ihrem Erstling drei ziemlich witzige Erzählungen vorgelegt. Texte, die Talent und Sprachkraft, vor allem aber jene monotone Nachdenklichkeit unter Beweis stellen, nach der wendige LeserInnen lechzen.
In Brochards Erzählungen pulsiert das innere Leben, Müllcontainer blicken dich plötzlich wie ein Familienportrait an. Im Mittelpunkt stehen recht… weiter lesen
05.04.2007 von Wolfgang Koch
Ist schon wieder Monate her, dass ich von einem Kollegen berichtet habe, dessen Arbeitsprogramm spielend ausreicht, drei lange Historiker- und vier kurze Dichterleben zu füllen. Der Schriftsteller und Physiker Peter Maria Schuster hat soeben einen Vortrag über Christian Doppler in Rio de Janeiro gehalten und dort – über einen Emigranten – neue historische Quellen entdeckt. Danach ist der Vielreisende von Wien aus mit Air Berlin um 29 Euro nach Lübeck, um im Archiv etwas für seinen Boltzmann-Roman zu recherchieren, und von dort mit Ryanair weiter nach Dublin, um mit seiner Familie Ostern zu feiern.
Als neuer Präsidenten der History of Physics-Group der EPS (Europäische Physikalische Gesellschaft) hat Schuster knapp vor Rio noch drei Tage in Genf beim CERN vorbeigeschaut, wo gerade das grösste Experiment der Physikgeschichte vorbereitet wird. In diesem Tempo reisst der Mann unermüdlich herum, um seinen ehrgeizigen Plan zu verfolgen. Am Ende sollen sich Aufsätze, Gedichtbände und… weiter lesen
02.04.2007 von Wolfgang Koch
Der in Braunau am Inn geborene Adolf Hitler soll nicht länger Deutscher sein. Mehr als 60 Jahre nach seinem Tod ist beim deutschen Nachbarn eine politische Kontroverse um die Staatszugehörigkeit des verschollenen Führerleichnams ausgebrochen. Die niedersächsische SPD-Landtagsfraktion will dem einstigen Führer des Dritten Reiches die deutsche Staatsbürgerschaft entziehen.
Der Hintergrund: 1932 war der damals staatenlose Chef der NSDAP vom nationalsozialistisch dominierten Land Braunschweig zum Landesbeamten ernannt und offiziell eingebürgert worden. Die braune Massenbewegung konnte ja schlecht unter Führung eines Berufs- und Staatenlosen die Macht an sich reissen und eine Diktatur errichten.
Heute ist Niedersachsen Rechtsnachfolger Braunschweigs. Darum lässt jetzt die niedersächsische SPD die Möglichkeit eines posthumen Entzugs von Hitlers deutscher Staatsbürgerschaft prüfen.
Für die Republik Österreich ergibt sich daraus die peinliche Frage, ob Hitler in Zukunft als der berühmteste Österreicher aller Zeiten durch die Schulbücher geistern wird. Im Augenblick hält bekanntlich der Komponist Wolfgang Adamdeus Mozart diesen Rang inne –… weiter lesen