Archive for Mai, 2007

31.05.2007 von Wolfgang Koch
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Besuch im Hermann Nitsch Museum

von Wolfgang Koch

Die Eröffnung des Hermann Nitsch Museums in Mistelbach war ein historischer Tag für die Regionalgeschichte. Landeshauptmann Erwin PRÖLL (ÖVP) bekundete in seiner Festrede am 24. Mai – in auffälliger Abwesenheit sozialdemokratischer Politiker – die feste Absicht, Niederösterreich zu einem »Kulturland« zu machen. Und er tat das mit soviel Pathos, dass man dachte, die Erde in diesem Winkel Östereichs sei mit finsteren Wäldern überzogen, und darin noch immer das einsame Kind.

Kulturland heisst ja zuerst einmal Agrarland, das brandgerodet und von pflügenden Bauern urbar gemacht werden muss, Kulturland heisst Blut, Schweiss und Tränen – nicht Freizeitspektakel, Kunstgenusszone, Erbauung an Höherem.

Aber das Bauernmühsal hat Pröll mit dem Satz »Wir schaffen aus Niederösterreich ein Kulturland« nicht gemeint, sondern, dass Landwirtschaft und Industrie in dieser Ecke Österreichs einem bedenklichen Niedergang erleben, wollte er sagen, und darum zwischen den sanften Hügeln des Weinviertels endlich die Dienstleistungsgesellschaft und der Massentourismus Einzug halten sollen. Im… weiter lesen

27.05.2007 von Wolfgang Koch
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Endlich ist der Life Ball vorüber

von Wolfgang Koch

Als »Europas grössten Aids-Charity-Event« promoteten die Veranstalter ihre Kostümparty im Wiener Rathaus, heuer bereits zum 15. Mal in Serie. Auf den Pressekonferenzen von Ball-Gründers Gerry KESZLER war viel von »Kampf für Toleranz und gegen die Krankheit« die Rede. Schelmisch behauptet er, dass dieser Kampf seit der Einfügung der Dreier-Kombinationstherapie gegen die Seuche »nicht mehr chic« sei.

Aber das war heisse Luft, war das Papier nicht wert, auf dem es dann gedruckt wurde! Denn Wien hat gar keine mondäneres Spektakel als eben diese exhibitionistische Show im Rathaus, zu der von internationalen Pornostars bis zum Dompfarrer Tausende alle eilig herbeieilen. Die schrille Massenparty mit opulenter Modeschau und Life-Acts, diesmal direkt übertragen im TV-Programm des ORF, übertrifft in den Unterschichten bei weitem das Interesse am konkurrenden Wiener Opernball, zu dessen Zampano man Keszler längst hätte machen sollen.

Aber der Operball ist eben der Staatsball – steif und offiziös, besucht von der… weiter lesen

24.05.2007 von Wolfgang Koch
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Todestag von Joris-Karl Huysmans

von Wolfgang Koch

Der französische Schriftsteller Joris-Karl HUYSMANS [1848-1907] hat so gut wie nichts mit Wien zu tun. Er wurde als Sohn eines holländischen Lithographen und einer französischen Hilfslehrerin in Paris geboren. Sein Lebensmittelpunkt lag stets in der Stadt an der Seine. Dennoch frage ich mich aus Anlass von Huysmans’ 100. Todestages am 12. Mai, warum ausgerechnet das liberale Paris und nicht das bigotte Wien des 19. Jahrhunderts einen derart überspannten Katholiken hervorgebracht hat.

Wohl kannte Wien des Fin-de-siècle auch Maler und Autoren der Dekadenz, Hans Makart zum Beispiel, aber die belletristischen Schreiber dieser Richtung sind allesamt eine bittere Enttäuschung. Die Feder Jakob Julius DAVIDs [1859-1906] zum Beispiel, sie schwankte verzwagt zwischen Naturalismus und Dekadenz; dieser Schriftsteller und Journalist entschied sich letztlich für bittere Sozialkritik. Er hätte sicher keinen Vergleich mehr zwischen dem Stempel der Lilien und den Hoden des Esels angestellt.

Felix DÖRMANN [1870-1928], ein anderer Wiener Exzentriker, publizierte 1891 und 1892… weiter lesen

21.05.2007 von Wolfgang Koch
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Ein Museum für Hermann Nitsch

von Wolfgang Koch

Am 24. Mai 2007 kommt der Wiener Maler und Künstlerphilosoph Hermann Nitsch seinem langjährigen Traum, ein österreichisches Bayreuth zu schaffen, einen wesentlichen Schritt näher. An diesem Donnertag nämlich eröffnet in der Weinviertler Stadtgemeinde Mistelbach an der Zaya – nur wenige Autominuten vom Künstlersitz Schloss Prinzendorf entfernt – ein neuer Museumskomplex mit einem eigenen Gebäude für die Relikte und Malereien jenes Orgien Mysterien Theaters, mit dem Hermann Nitsch seit fünf Jahrzehnten unbeirrt seinen künstlerischen Anspruch vorträgt.

Die Eröffnungsfeier kommt einer regionalen Seligsprechung gleich, und sie dürfte den kleinen Mann mit dem lustigen Rauschebart für Vieles entschädigen, was ihm in der Öffentlichkeit in den letzten Jahren angetan wurde. Das Hermann Nitsch Museum wird vom niederösterreichischen Landeschef Erwin PRÖLL (ÖVP) gemeinsam mit dem Bürgermeister von Mistelbach eröffnet. Erstmals sind auch offizielle Vertreter der Kirchen mit von der Partie: der Propst des Stiftes Herzogenburg, der Superintendent der Evangelischen Kirchen und der Stadtpfarrer. Die Stadtkapelle… weiter lesen

17.05.2007 von Wolfgang Koch
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Wellness für Loser bei Soho-in-Ottakring

von Wolfgang Koch

Es gibt Literaten, die haben vom Beginn ihres Wirkens an einen Bogen um den Literaturbetrieb gemacht. Zu gross muss ihnen die Gefahr erschienen sein, auf das Niveau von Literaturbetriebsliteratur abzusinken. Manchen war auch nur die in Wien täglich geübte Praxis der Verhaberung fremd: So einer ist Peter A. KROBATH, der zwischen seinem Vornamen und seinem Nachnamen ein pointiertes »A« hineingestellt hat, um sich von einem namensgleichen Filmkritiker zu unterscheiden.

Der Wort-Akrobat Peter A. Krobath hat seine Schriftstellerei ganz auf lebensfreundlichen Journalismus abgestellt. Gut in Erinnerung ist uns zum Beispiel der Bericht von seiner mehrtägigen Stadt-Umwanderung Ende der Achtziger – ein Gehexperiment immer schön die politische Grenze der Stadt entlang, mit der vollkommen einleuchtenden Conclusio: »Wien ist ein Schnitzel«.

Peter A. Krobath produziert nicht unbedingt neue Feuilletons [eine Textgattung, die in der niedergehenden Residenzstadt ihre letzten Glanzpunkte feierte]; um die Reanimation dieser Disziplin bemühen sich Autoren wie Daniel Glattauer und Klaus… weiter lesen

14.05.2007 von Wolfgang Koch
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Blamiert bis auf die Gräten

von Wolfgang Koch

Bis auf die Gräten blamiert hat sich letzte Woche das Wiener Haus des Meeres, ein im Flakturm Esterhazypark, nahe der Mariahilferstrasse im 6. Bezirk, untergebrachtes Show-Aquarium.

Dort liess die Direktion unter Michael MITIC um mehrere Euromillionen ein Glasbecken mit 300.000 Liter Fassungsvermögen einbauen, und als es endlich soweit war, dass die Haifische in dieses Behältnis übersiedeln konnten, verendeten gleich sechs von neun Exemplaren auf einen Streich.

Stundenlang versuchten Taucher, die sechs leblosen Haie nach dem Aufwachen aus der Narkose zu reanimieren. Vergeblich. Seither brodelt die Wiener Gerüchtebörse, und die halbe Stadt zittert dem Obduktionsbericht entgegen. Der heimische Pionier der Meeresforschung, Hans HAAS, hat persönlich eine Vergiftung in den Raum gestellt.

[Als ich 1997 einmal Hans Haas von Wien in die Steiermark kutschierte, da spritze das Haiblut so zirka von Wiener Neustadt im hohen Bogen an die Wagendecke, und als wir in Bruck an der Mur aus meinem Auto stiegen, musste… weiter lesen

08.05.2007 von Wolfgang Koch
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Der Kultursender Ö1 feiert sich selber

von Wolfgang Koch

Das Renommee des österreichischen Kultursenders Ö1 reicht bis weit über den Semmering hinaus, bis tief hinein in die bedürftigen Lehrerhaushalte von Bruck an der Mur und Sankt Veit an der Glan. Das heuer 40 Jahre alte Radioprogramm ist das bildungsmässige Aushängeschild der staatlichen Sendeanstalt ORF, bestehend aus anspruchsvollen Wortsendungen und klassischer Musik, mit wachsenden Anteilen von Jazz, neuer Volks- und Weltmusik.

Ö1 ist also kein reiner Klassiksender. Stündlich ertönen hier Nachrichten; morgens, mittags und abends gibt es zusätzlich ausführliche Nachrichtenjournale. Dazwischen magazinartige Beiträge zu den verschiedensten Aspekten des Lebens: von der Glaubens- und Gartengestaltung, bis zu Kunst, Computer und Neue Medien.

Ob das 40-Jahr-Jubiläum allerdings so pentrant gefeiert werden muss, wie das derzeit geschieht? – Ich meine: Nein, denn: Ö1-Hörer sind erstens Stammhörer. Viele haben den Sender den halben Tag über laufen, man bereitet dazu sein Mittagsmahl oder bügelt die Wäsche. Und solchen Stammhörern braucht nicht eingebläut zu werden,… weiter lesen

03.05.2007 von Wolfgang Koch
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Ist der Tod ein Wiener?

von Wolfgang Koch

Es passiert mir immer wieder, dass sich gegen Ende meiner Friedhofsführungen jemand aus dem Gruppe löst, zu mir an die Spitze des Zuges eilt und die schwierige Frage stellt: »Warum haben die Wiener so eine besondere Beziehung zum Tod?«

Obwohl ich mich seit vielen Jahren mit der Sepukralkultur im allgemeinen und der schönen Leich’ im besonderen beschäftige, kommt mir eine Antwort schwer von den Lippen. Das hängt zunächst damit zusammen, dass schon viele andere vor mir diese Frage zu beantworten versucht haben.

Was wurde da nicht alles ins Treffen geführt? Von der Charakterlosigkeit des Wieners bis zu seinem angeblichen Hang zur Melancholie. Eine latente Depression in der Seele wurde behauptet, die nicht zwischen Lebenden und Toten unterscheiden mag; eine lokale Spielart der Weltlust, die die Ars moriendi (die Kunst des heilsamen Sterbens) braucht, um sich pudelwohl im Leben zu fühlen, usw. usf.

Man hat schliesslich diese legendäre Beziehung des… weiter lesen