Archive for Juli, 2007

30.07.2007 von Wolfgang Koch
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Kleine Wiener Stadtgeschichte (10)

von Wolfgang Koch

Die 48er-Revolution ist blutig niedergeschlagen. Die Anführer sind standrechtlich exekutiert. Für Wien ändert sich manches.

Am 17. März 1849 vollzieht die Monarchie mit einem provisorischen Gemeindegesetz eine unitarische und uniforme Regelung des Kommunalwesens für das ganze Reich. Auch Wiens Statut als Reichshauptstadt basiert darauf. Die Gemeindeideologie dieses Gesetzeswerkes sieht in der Selbstverwaltung den Sinn, einen stufenförmig und doppelt geliederten, einheitlich organisierten Grossstaat zu errichten.

Man muss sich das so vorstellen: Die absoluten Herrschaft bildet eine Pyramide. Ihre Aussenseite wird gewissermassen von zwei Häuten überspannt: der äusseren der Zentralverwaltung und einer inneren, mit Orts-, Bezirks- und Kreisgemeinden. So nimmt die latent misstrauische Obrigkeit den Untertanen von zwei Seiten in Zange: als Gesamtstaat und als Heimatgemeinde.

Die partielle Dezentralisation sieht von aussen wie ein Gewinn für den Bürger aus. Doch in Wahrheit mildert sie bloss die ansonsten straff geführte Verwaltung, in der jeder Bahnhofsvorsteher einen Franz-Josephs-Bart trägt.

An strategischen… weiter lesen

26.07.2007 von Wolfgang Koch
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Kleine Wiener Stadtgeschichte (9)

von Wolfgang Koch

Was bisher geschah: In der Habsburgermonarchie droht eine Revolution. Seit 1845 strolchen junge arbeitslose Fabriksarbeiter in der inneren Stadt herum. Als es zur generellen Aussperrung der Arbeiter aus der Innenstadt kommt, gehen Mautgebäude in der Vorstadt in Flammen auf. Der Feudalschicht fährt der Schreck in die Glieder. Ein Bürgeraussschuss hat die Gemeindevertretung übernommen.

In zweiten, dem am 26. Mai 1848 geschaffener Sicherheitsausschuss kommt es zu schweren Konflikte unter den protestierenden Bürgern. Warum? Der Gemeinderat zögert nach der vorsorglichen Flucht des Kaisers bei den Verteidigungsmassnahmen der Stadt. Geschäftig ist Gemeinderat nur bei der Ausgabe beschwichtigender Aufrufe an die Bevölkerung. Zugleich verhandelt er mit den Militärbehörden. Der Gemeinderat ist so ungefährlich, so unrevolutionär, dass die kaiserlichen Truppen später, nach der Rückeroberung Wiens diese Institution einfach bestehen lassen können.

Vorerst regiert noch Empörung. Am 29. Mai entfernen Verleger und Redaktion der Wiener Zeitung für einen Tag den kaiserlichen Adler aus dem Zeitungskopf. Das… weiter lesen

23.07.2007 von Wolfgang Koch
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Was macht eigentlich Paul Albert Leitner?

von Wolfgang Koch

Ich habe im Jänner 2007 über Leitners wunderbaren Bildband zum Thema Wien berichtet. Derzeit lässt der Dokumentarist und Reisefotograf seinen 50. Geburtstag feiern, und zwar, während er selbst schon wieder unterwegs ist – per Schiff nach Albanien. »Nach der Eröffnung verreist…« gewissermassen.

Bis Mitte August zeigen zwei Wiener Ausstellungshäuser alte und neue Arbeiten des kleinen dicken Mannes im gelbfarbenen Anzug. »Porträts von Künstlern und anderen Personen, Selbstporträts und Natur« lautet der Titel der Schau im Projekt Space der Kunsthalle am Karlsplatz (dazu ist ein Katalog im Pocketformat erschienen). »Love, Death + Passion« hat Leitner seine Schau in der renommierte Galerie Steinek, 1010 Wien, Eschenbachgasse 4, betitelt.

Keine Frage, das Interesse ist berechtigt! Schliesslich gilt Leitner schon lange nicht mehr als Geheimtipp. Er ist fixer Bestandteil der österreichischen Szene für Autorenfotografie. Der Fotograf hat in den letzten Jahren gemeinsam mit Heinz Cibulka und Valie Export ausgestellt, aber auch mit internationalen Grössen… weiter lesen

19.07.2007 von Wolfgang Koch
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Wie schwul sind die Grünen?

von Wolfgang Koch

Was tut die oppositionelle österreichische Linke im Sommer? Sie streitet über die richtige Haltung zu einem Milliardendeal der OMV mit dem Mullah-Regime in Teheran – einem fetten Geschäft, das zwar nichts mit dem Nuklearprogramm des Iran zu tun hat, sehr wohl aber mit den Menschenrechten in diesem Land.

Am 9. Mai erschien in der Berliner Wochenzeitung Jungle World ein Artikel des in Wien lebenden Politikwissenschafters Stephan GRIGAT zur offiziellen US-Kritik am österreichischen Ölmulti OMV. Darin bilanzierte Grigat detailliert die haarsträubenden Reaktionen der österreichischen Politik auf die Kritik aus Übersee wegen der geplanten Geschäfte mit der nationalen iranischen Ölgesellschaft.

Die Vorgeschichte

Ende April 2007 war bekannt gegeben worden, dass sich die OMV mit der nationalen iranischen Ölgesellschaft NIOC auf einen Vorvertrag für ein Gasprojekt im Gesamtvolumen von 22 Milliarden Euro verständigt hat. Die USA haben sich besorgt über die geplante Zusammenarbeit geäussert.

»Die OMV, 1956 als Österreichische Mineralölverwaltung als eines… weiter lesen

16.07.2007 von Wolfgang Koch
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Kleine Wiener Stadtgeschichte (8)

von Wolfgang Koch

Was bisher geschah: Karl Marx und Friedrich Engels sehen im reaktionären, rückständigen Österreich »das europäische China«. Was sie nicht sehen, ist die unruhige Stadt. Der Angriff der jungen Kräfte richtet sich 1848 ausdrücklich »gegen die staatliche Gewalten mit dem Mittelpunkt in Wien«.

Ich habe am Anfang gesagt, dass auf das Schwarze Wien des Adels das Weisse Wien der Bürger folgen wird, noch nicht ’48, erst später. Nicht bloss das weisse Licht der Illuminaten erstrahlt jetzt, blendet, auch das Rote Wien erscheint bereits am Firnament.

Die Regierung steht der Ansiedelung von arbeitsintensiven Industrien im Stadtgebiet stark ablehnend gegenüber. Man ahnt, dass in der verdorbenen Luft der Peripherie gefährliche Pflanzen und Ideen gedeihen. Ganz konkret fürchtet die kaiserliche Verwaltung, dass die notwendigen Arbeitermassen räumlich in der engen Rasterverbauung nicht mehr unterzubringen sind.

Und recht behalten die sorgenvollen Mienen! Seit 1845 ziehen junge arbeitslose Fabriksarbeiter, sogenannte Kappelbuben, in der inneren… weiter lesen

12.07.2007 von Wolfgang Koch
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Kleine Wiener Stadtgeschichte (7)

von Wolfgang Koch

Kurz vor der Revolution 1848 beanspruchten eine Reihe von Orten im Wienerwald die Ehre für sich, den »letzten Wolf« erlegt zu haben: Rappoltenkirchen, Gaaden und sogar der Lainzer Tiergarten, wo 1846 das angeblich »allerletzte« Exemplar geschossen wird.

Der Wettlauf deutet auf eine fortschreitende Zersetzung hin: »Wölfe sind gefährlich«, argumentiert die Zeitgenossenschaft, was im Geheimen heissen soll: Es gibt Argumente, die töten.

1847 ist es ausgerechnet ein Neubürger, ein Homo novus, Baron Louis Pereia, der die Frage einer stärkeren Heranziehung der Städte und Märkte zu den ständischen Verhandlungen in ihrer ganzen Breite aufrollt. Allein, das Wort von »freien Gemeinden in einem freien Staat« ist jetzt gefährlich. Die drückende Einmischungsgewalt des niederösterreichischen Statthalters lässt sich nicht so ohne weiteres kritisieren. Die Presse muss zeitweise nach Brünn abwandern.

Karl Möring geiselt in den anonymen erscheinenden Sibyllischen Büchern aus Österreich, die trotz strengstem Verbot im Jänner 1848 zirkulieren, die »systematisch anerzogene Apathie«… weiter lesen

09.07.2007 von Wolfgang Koch
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Neue Tendenzen in der Nitsch-Literatur (II)

von Wolfgang Koch

Die Literatur von und über den 68jährigen Künstler Hermann Nitsch und seine Orgien Mysterien Theater umfasst inzwischen ein paar hundert Bücher und Kataloge. Zwei Tendenzen sind in den jüngeren und jüngsten Veröffentlichungen klar auszumachen: 1. Nachlässige graphische Gestaltung und ein teils haarsträubender Umgang mit dem Bildmaterial. 2. Die explodierende Eitelkeit von Autoren, die vor die Leserschaft hintreten, um von einem Lebenswerk zu berichten.

DER MUSEUMSKATALOG

Auf den Sündenfall befriedigter Eitelkeiten im Burgtheater-Buch 2006 folgt der 258 Seiten starke Katalog des Hermann Nitsch Museums in Mistelbach. Als Mitherausgeber zeichnet der Gründungsdirektor des Hauses, Wolfgang DENK. Mehrere Leihgaben und ein überlanger Textbeiträge stammen von diesem Spiritus rector der NÖ-Kulturszene (Denk plante und gründete auch die Kunsthalle Krems und die Susanne Wenger Stiftung).

Zu Kunst des Hermann Nitsch hat Wolfgang Denk wenig zu sagen, dennoch kommt das Wenige in breiten Schritten daher. So behauptet er zum Beispiel Nitsch plädiere für eine Kunst, die… weiter lesen

05.07.2007 von Wolfgang Koch
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Neue Tendenzen in der Nitsch-Literatur (I)

von Wolfgang Koch

Die Literatur von und über den 68jährigen Künstler Hermann Nitsch und seine Orgien Mysterien Theater umfasst inzwischen ein paar hundert Bücher und Kataloge. Zwei Tendenzen sind in den jüngeren und jüngsten Veröffentlichungen klar auszumachen: 1. Nachlässige graphische Gestaltung und ein teils haarsträubender Umgang mit dem Bildmaterial. 2. Die explodierende Eitelkeit von Autoren, die vor die Leserschaft hintreten, um von einem Lebenswerk zu berichten.

DER SÜNDENFALL

Der Sündenfall in der jüngeren Nitschliteratur ereignete sich bereits 2006, bald nach der 122. Aktion am 19. November 2005 im Wiener Burgtheater. Im April besagten Jahres entstand der entsprechende Dokumenteband im Auftrag des Burgtheaters und erschien als zweites Werk der Edition Kunst/Agentur. Als Herausgeber zeichneten Theaterdirektor Klaus BACHLER und der Regieassistent Otmar RYCHLIK, zwei nicht gerade für ihre Bescheidenheit bekannte Zeitgenossen.

Dennoch ist die Hauptsache an diesem Buch noch nicht misslungen. Die Fotoauswahl ist ganz vortrefflich, das Layout gediegen – schliesslich war hier ein Kunsthistoriker… weiter lesen

02.07.2007 von Wolfgang Koch
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Die Wiener Samstagszeitungen

von Wolfgang Koch

Die Wiener Bevölkerung wird jedes Wochenende mit den Ausgaben von sechs Gratiszeitungen gebauchpinselt. Die Blätter sind
quasi »gratis«. aber kostenlos sind sie nicht. Es gehört zu den bestgehütesten Geheimnissen der österreischen Zeitungsverlage, wieviele Cent sich nun wirklich in den Büchsen an den offenen Zeitungstaschen sammeln, die alle paar Schritte an Strassenschildern, Laternen und Zäunen aushängen.

Soviel sei verraten: Den Unternehmen kommt auf den freiwilligen Obolus der Leser und Leserinnen gar nicht an! Fünf der sechs Wochenendtitel finanzieren sich nämlich kostendeckend über die Inseratschaltungen im Blatt. Stellt man zudem noch den Werbeeffekt für den einzelnen Titel in Rechnung – die Zeitungshalter pflastern ja über 24 Stunden das Stadtbild –, wofür kein Steuergeld entrichtet wird, so müsste man auch dann noch von einem fetten Gewinn sprechen, wenn sämtliche Exemplare einer Ausgabe gestohlen würden.

Das Merkwürdigste an dieser allwöchtlichen Wiener Papierschwemme ist der abgrundtiefe Bruch zwischen Samstag und Sonntag, zwischen den Blättern… weiter lesen