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vonWolfgang Koch 09.08.2007

Wolfgang Kochs Wienblog

Vom letzten Glanz der Märchenstadt oder wie es sich an der blauen Donau gerade lebt.

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Off-Festivals sind in Wien so selten wie bengalische Tiger. Denn fehlt hier Kultur oder Wissenschaft das offizielle Mascherl, fallen ihre Produkte sofort unter den Generalverdacht unbrauchbar zu sein.

»Soho in Ottakring« [www.sohoinottakring.at] ist eine Ausnahme von dieser Regel, und der Wienblog hat rechtzeitig auf die besten Veranstaltungen rund um den Brunnenmarkt aufmerksam gemacht. Das »Festival der Verweigerung«, eine gewitzte Idee des Wiener Schriftstellers Peter A. Krobath und seines ominösen Kusserutzky-Klans, präsentierte bei Soho 07 die Vortragsreihe »Wellness für Loser«.

Die beiden denkwürdigsten Beiträge aus dieser Reihe will ich dem Publikum der taz nicht vorenthalten. Diesmal die Geschichte des Vibrators von Dr. Birgit Beermann, Journalistin bei den Medizin Medien Austria (CliniCum, Geriatrie Praxis, krebs:hilfe!). Vielen Dank der Autorin!

© Wolfgang Koch 2007
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Good Vibrations: Wellness durch Orgasmen

Jahrhundertelang waren Frauen von einer chronischen Krankheit geplagt, für die es keine Heilung gab – nur kurzfristige Linderung durch gezielte Wasserstrahlen und manuelle Stimulation.

VON DR. BIRGIT BEERMANN

Bevor Freud den Terminus »Hysterie« neu definierte, bezeichnete er über Jahrtausende eine Frauenkrankheit, oder besser: einen recht vage definierten Symptomenkomplex. Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, Ängstlichkeit, Depression, Übererregbarkeit, sexuelle Phantasien und vaginaler Ausfluss gehörten zu den möglichen Symptomen, die auf die Diagnose hindeuteten. Schon der Name der Erkrankung, abgeleitet vom griechischen Wort für Gebärmutter, deutet darauf hin, dass es sich hier um eine reine Frauenkrankheit handelt und das hier auch der Ursprung der Symptome zu finden ist: der Uterus revoltierte gegen sexuelle Deprivation.

Die ältesten Beschreibungen finden sich in den altägyptischen Fragmenten des Kahun-Papyrus aus der Zeit um 1900 v.Chr. unter einem Kapitel über Erkrankungen des Uterus. Die Ursache dieser Störungen wurde damals in einer Veränderung der Position der Gebärmutter gesehen, welche, durch sexuelle Abstinenz hungrig geworden, auf der Suche nach Befriedigung die Reise durch den Körper antrat und auf ihrem Weg andere Organe in Unordnung brachte.

Dieses pathogenetische Konzept wurde unverändert in die griechische Medizin überliefert und man findet bei Hippokrates (460-377 v.Chr.) in seiner Abhandlung Über die Erkrankungen der Frauen beinahe identische Formulierungen. Bei Plato (427-347 v.Chr.) liest sich das so: »Die Gebärmutter ist ein Tier, das glühend nach Kindern verlangt. Bleibt dasselbe nach der Pubertät lange Zeit unfruchtbar, so erzürnt es sich, durchzieht den ganzen Körper, verstopft die Luftwege, hemmt die Atmung und drängt auf diese Weise den Körper in die grössten Gefahren und erzeugt allerlei Krankheiten.«

Heirat, lautete der Tipp Nummer eins der Ärzte; Heirat und regelmässiger Geschlechtsverkehr mit dem Ehemann. War dies nicht möglich, beispielsweise wegen eines Keuschheitsgelübdes, oder war zwar ein Ehemann vorhanden aber nicht verfügbar (weil er beispielsweise als Kreuzritter ein paar Jahre in fremden Ländern wütete) oder nicht mehr in der Lage seine ehelichen Pflichten zu erfüllen, dann erfolgten je nach sozialer Stellung und finanziellen Möglichkeiten der Frau, aber sicher auch abhängig von Moden, die unterschiedlichsten Tipps und Rezepte:

Reiten wurde von Hysterie geplagten Frauen empfohlen. Oder auch Wasseranwendungen mit Beckenspülungen, die in vielen Kurorten zum üblichen Programm für erholungssuchende Frauen gehörten. In vielen Ländern wurde auch eine manuelle Stimulation verordnet, die meist von Hebammen durchgeführt wurde, viele Ärzte schritten aber auch selbst zur Tat.

Ziel war die Auslösung des »hysterischen Paroxysmus« – vaginaler Kontraktionen und Sekretion der Bartholinischen Drüsen, der die Grunderkrankung zwar nicht heilen konnte, aber kurzfristige Linderung des chronischen Leidens erzielen konnte.

Nathaniel Highmore ist einer der wenigen Ärzte des 17. Jahrhunderts, der den »hysterischen Paroxysmus« als Orgasmus erkannte (und das auch schriftlich festhielt). Aber, so Highmore, egal wie man es nennt, es ist unser Job, denn ansonsten würden die Frauen krank werden und sich furchtbar fühlen.

Diese Dienste versprachen daher auch eine unerschöpfliche Einnahmequelle, denn schliesslich verkürzte die Erkrankung die Lebenserwartung der Betroffenen nicht. Zudem war die Hysterie eine Art Volkskrankheit. Dr. Thomas Sydenham [1624-1689] stellte fest, dass sie nach dem Fieber (das von einfachen Erkältungskrankheiten bis schwersten Infekten alles umfasste) die zweithäufigste Erkrankung wäre. Russell Thacher Trall und John Butler, zwei amerikanische Ärzte des 19. Jahrhunderts meinten sogar, drei Viertel der weiblichen Bevölkerung wären out of health.

Man darf wohl annehmen bzw. ist zu hoffen, dass sich bei dieser Häufigkeit und den damaligen sozialen Bedingungen viele Frauen selber geholfen haben – auch wenn es dazu keinerlei schriftliche Belege gibt. Auch für die therapeutischen Hysterieanwendungen durch Hebammen gibt es wenig Literatur, das liegt aber daran, dass diese ihr Fachwissen eher durch persönliche Unterweisung und learning by doing erwarben, erst nach 1600 waren Lehrbücher verbreitet, und in ihnen auch Anweisungen zur Paroxysmen-Auslösung.

Die Fachliteratur für Ärzte seit den »Urvätern« der Medizin wie Hippokrates, Celsus und Galen dagegen ist umfangreich, wenn auch wenig phantasievoller. Die Beschreibungen variieren über die Jahrhunderte kaum, einzig die eingesetzten Gleitmittel ändern sich. Aus dieser Behandlergruppe ist auch bekannt, dass sie diese Anwendungen zwar als gewinnbringend aber auch als anstrengend ansahen. So beschwerte sich Jungdoktor Nathaniel Highmore 1660, dass die Technik des Paroxysmenproduzierens durch manuelle Massage mühsam und schwer erlernbar wäre. Probleme bereitete den Ärzten die individuelle Stimulationsintensität zu treffen und die Prozedur durchzuhalten bis der Erfolg sich einstellte.

Kein Wunder, dass ein Arzt es war, der den ersten dampfbetriebenen Vibrator erfand. Dr. George Tayler liess sich mehrere Geräte patentieren, die er für die Anwendung bei Frauenleiden entwickelt hatte. Abnehmer waren sowohl grosse Arztpraxen als auch Kurhäuser, die ihr Angebot an Beckenmassagen durch diese wasserlos stimulierenden Geräte erweitern wollten. Eines seiner ersten Geräte, der sogenannte »Manipulator« bestand aus einem Tisch mit einer Aussparung im Bereich des Beckens, wo ein durch Dampf zum Vibrieren gebrachter Teil, die Geschlechtsregion massierte. Durch seine Grösse und natürlich auch seinen Preis war der Manipulator aber alles andere als Massenware.

Die dampfbetriebenen Vibratoren wie der Manipulator oder der Chattanooga (der Cadillac unter den Vibratoren) benötigten nicht nur wegen ihrer Auflagefläche viel Raum. Die Dampfmaschine erforderte einen Maschinenraum, und einen Heizer, der regelmässig Kohlen nachlegte und Temperatur und Druck überwachte.

Der erste wirkliche Vorläufer unserer heutigen Vibratoren wurde vom Arzt Joseph Mortimer Granville designed, in den frühen 1880ern patentiert und von einer Firma namens Weiss in Serie produziert. Granville hatte den kleinen batteriebetriebenen praktischen Vibrator mit austauschbaren Aufsteckteilen angeblich für die Anwendung bei Männern, zur Massage ihrer Skelettmuskeln, entwickelt. Kaum einer seiner Kollegen hat das jedoch Ernst genommen, war ihnen das gute Stück doch sehr hilfreich in ihren Behandlungen.

Um 1900 war eine Vielzahl von Vibratoren am Markt erhältlich – von Billigmodellen mit Fussantrieb über Luftdruck- oder Wasserturbinen-angetriebene, bis zu solchen die Gas oder Batterie benötigten. Die damit erzielbaren Vibrationen reichten von ein- bis siebentausend pro Minute. Im Angebot gab es neben den tragbaren Geräten weiter auch Tischvibratoren, und – speziell für Kliniken – Vibratoren, die griffbereit an der Wand montiert waren.

Die Werbung richtete sich – noch – an Ärzte und Kurhäuser. Schon zwanzig Jahre später richteten die Hersteller ihre Werbesprüche direkt an die Endverbraucherin. Ganz arglos priesen sie in Frauenmagazinen wie dem Home Needlework Journal oder in Modern Women ihre Vibratoren als Gesundheits- und Entspannungshilfe. Oder sie wandten sich an Männer, die Vibratoren als Geschenk für ihre Frauen erwerben sollten, um ihnen »grosse Augen und frisch gerötete Backen« zu erhalten bzw. zu verschaffen.

Diese kurze unschuldige Hochblüte des Vibrators hatte ein schnelles Ende in den späten 1920ern. Man fand einige Neuigkeiten zur weiblichen Sexualität heraus, nämlich dass Orgasmen nicht nur durch männliche Penetration hervorgerufen werden. Mit diesem Wissen war plötzlich allen klar, was in den Jahrhunderten davor nur einigen wenigen aufmerksamen Beobachtern aufgefallen war. Hysterische Paroxysmen wurden fortan als Orgasmen bezeichnet und waren damit als medizinische Therapiestrategie tabu. Erst die 1960er brachten sie wieder aus dem Porno-Abseits der Stag-Movies an die Öffentlichkeit, wo sie seitdem immer grössere Märkte erschliessen, neuerdings haben sie sogar einen Platz in den Regalen der üblichen Drogeriemarktketten.

Vibratoren sind mittlerweile ein Alltagsgegenstand geworden, in der Rangordnung eines Mixers oder einer elektrischen Zahnbürste. Seit sich Frauen in Serien wie Sex in the City über Vibratoren-Modelle und ihren Einsatz unterhalten, ist auch die Masturbation als Gesprächstabu dahin. Man kann sich über Methoden zur Erreichung des Orgasmus, sowie über Eigenheiten und Spezifikationen der dazu eingesetzten Hilfsmittel offen austauschen. Was allerdings kaum jemanden allzu lang fesseln wird. Es ist wie bei kleinen Kindern, die ein verbotenes Wort gelernt haben. Einen Tag lang müssen sie es den ganzen Tag in den Mund nehmen, und dann wird es im Sprachschatz abgelegt und herausgeholt, wenn es notwendig ist.

Quellen:

Rachel P. Maines: The Technology of Orgasm, The Johns Hopkins University Press, 1999

Franz Engels: Zur Geschichte der Hysterie, www.psychiatriegespraech.de/texte/hysterie.php

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Pelvicdouche
Die Beckendusche, wie sie um 1860 in einem französischen Kurort angeboten wurde. Eine beliebte und verbreitete Variante der Hysterielinderung, wobei deren Symptome keinerlei Bedingung für diesen Genuss darstellte.
Abbildung: Wikimedia Commons

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Ascendingdouche
In Saratoga Springs wurde um 1900 diese Art der Wassermassage angeboten.
Abbildung: Wikimedia Commons

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Movement Cure
George H. Tayler erarbeitete mechanische Friktionshilfen, die es erlaubten grössere Patientinnenzahlen zu behandeln. Fig. 1 zeigt seine »Improved Medical Vibrating and Kneading Machine« aus dem Jahr 1869 von oben, Fig. 2 den Mechanismus zur Bewegung der stimulierenden Walzen.
Abbildung: United States Patent Office

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Vibration is life und Sears
Werbung aus einer Hausfrauenzeitung aus dem Jahr 1910 und eine Übersicht an Haushaltsgeräten, die jede Frau schätzt aus dem Jahr 1918.
Abbildungen: Wikimedia Commons

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