28.02.2008 von Wolfgang Koch
Die Kleine Wiener Stadtgeschichte hält jetzt bei der Frohfarbe Rot. Sie wissen schon: die politische Hoffnungsfarbe der Linken, der sozialdemokratischen wie der Kommunisten. Wiener Fremdenführer werden in ihrer Ausbildung angehalten, möglichst nicht den Begriff »Rotes Wien« zu verwenden, weil das bei ausländischen Gästen häufig zu kapitalen Missverständnissen führt.
Was man in Wien unter Rot verstehen, hört sich in fremden Ohren angeblich nach Moskau, KGP und Gulag an. Dabei war der Mikrosozialismus der Zwischenkriegsjahre doch ganz etwas anderes. »Das Modelldenken des Roten Wien entwickelt sich aus der spezifischen Situation der Arbeiterbewegung in der Wirtschaftskrise zwischen den imperialistischen Kriegen«, würden marxistische Historiker sagen.
Ich sage: Das Modelldenken des Roten Wien entwickelt sich aus dem philanthropischem Bemühen von Arbeiterpolitikern der Jahrhundertwende, das Grosse im Kleinen zu sehen. Die Männer an der Spitze der Sozialdemokratie sind Bürgerliche, nach heutigen Begriffen Sozialliberale, und Makrokosmiker. Sie tragen Anzüge, spielen Klavier und schicken ihre Söhne zum Studium… weiter lesen
26.02.2008 von Wolfgang Koch
[ß = ss]. Angeblich haben Internet und neue Distributionwege den Zugang des Publikums zu Kulturveranstaltungen enorm erleichtert. Ich halte das für eine unbewiesene Behauptung unserer Tage. Dass in Wien meistens das Gegenteil der Fall ist und sich der Ticketerwerb schwieriger gestaltet als noch vor zehn Jahren, zeigt ein aktueller Selbstversuch am renommierten Wiener Jazz- und Musikclub Porgy & Bess in der Riemergasse im 1. Bezirk.
1. Tag
Anruf bei der im Programm-Folder und auf der Website www.porgy.at angegeben Nummer für den Ticketvorverkauf: »Ich hätte gerne zwei Karten für das Konzert XY in zwei Wochen, und zwar zwei Sitzplätze an einem Tisch.«
Eine nette Frauenstimme antwortet: »Also Vorverkaufskarten gibt es nur online oder in jeder Filiale der Bank Austria! – Bitte wenden Sie sich dahin.«
2. Tag
Am Infopoint einer Filiale der Bank Austria: »Ich hätte gerne Karten für das Konzert XY in zwei Wochen, zwei Sitzplätze an einem Tisch.«
Eine… weiter lesen
25.02.2008 von Wolfgang Koch
Es gibt einen österreichischen Schriftsteller, den ich noch nie möchte: Fritz von HERZMANOVSKI-ORLANDO [1877-1954], und doch stelle ich mir bei gelegentlichen Begegnungen mit seinen Werken die Frage, ob dieser Kollege nicht für eine typische, spottbillige künstlerische Haltung im Land steht.
Der letzte Mensch, den ich in geschraubten Tönen von diesem Dichter schwärmen hörte, war ein rechtsextremer Theologieprofessor, der den St. Pöltener Weihbischof Kurt Krenn in Fragen der Teufelsaustreibung und der Schwulenehe beriet. Also eine wenig vertrauenswürdige Person, um meine Zuneigung zu diesem Dichter zu wecken
Nun schneite vor ein einigen Tagen eine PR-Meldung des Residenz Verlages ins Haus, in der bekannt gegeben wurde, dass ein »Klassikaner kakanischer Weltliteratur« zu einem der schönsten Buch 2007 Österreichs gekürt worden sei. Potzblitz!
Ein »Klassikaner kakanischer Weltliteratur«, der zu Lebzeiten des Dichters nie verlegt worden ist? Ist mir da was entgangen?
In die Hand genommen, entpuppte sich die angeblich bibliophile Einzelausgabe als schnurzsolides Buch:… weiter lesen
21.02.2008 von Wolfgang Koch
Von einer gemeinsamen Metropole Wien kann 1922 kaum mehr gesprochen werden. Zwar besitzt der Wiener Landtag seit 1. Jänner Finanzhochheit und gesetzgeberische Kompetenz. Aber politisch ist die Stadt im Österreichland schwer isoliert. Man täuscht sich mit allerlei Ausssenbeziehungen darüber hinweg. Etwa alle zwei Tage landet ein Flugzeug in Aspern, das ist doch was! Ab Mai nimmt die Franco-Roumaine, Vorläuferin der Air France, tägliche Flüge von Wien nach Budapest, Prag und Paris in ihr Programm auf. Na, bitte!
Wien – eine polyglotte Metropole des Kapitals? Ach, nein. Über Monate gelingt es dem Rathaus nur mit Hilfe der Konsum-Vereine die Lebensmittelversorgung der Stadt sicherzustellen. 35 Liter Wasser pro Kopf und Tag sind kostenlos.
Im nationalen Rahmen löst eine neue Finanzverfassung das Dotations oder Umlagensystem der Monarchie ab. Die Verteilung der Budgetmittel erfolgt jetzt nach örtlicher Steuerleistung. Da aber die Besteuerung entweder am Produktionsort oder an der Zollgrenze erfolgt, muss im Finanzausgleich… weiter lesen
18.02.2008 von Wolfgang Koch
Als kürzlich der Landesparteisekretär der SPÖ-Wien, Harry KOPIETZ, mit Freunden seinen Geburtstag feierte, tat das der Erfolgspolitiker in seinem Stammlokal Ristorante Margareta. Die Party zählte unbedingt zu den »High-Lights des Monats« im gleichnamigen Wiener Bezirk, und sie wurde in der darauffolgenden Ausgabe des gutinformierten Gourmet-Guide Servus in Wien gebührend mit Fotos gewürdigt.
Auf Bild 1 lächelt GemR Prof. Harry Kopietz mit dem Erfolgsgastronomen Dr. Stephan GERGELEY gemeinsam schräg an der Kamera vorbei, sie lächeln hinein in das unsichtbare Publikum ihrer Freunde.
Der hochgeschätzte Wiener Erfolgspolitiker hält dabei ein knusprig-angekohltes Stück Chicken-Wings zwischen zwei Fingern seiner linken Hand. Von rechts schiebt sich ein winterlich bekleideter junger Mann mit hochgestellten Kragen in die Szenerie. Der Mann müht sich tapfer, drei Wunderkerzen auf einer Torte aus Chicken-Wings in der einen Hand und einen Teller mit Papierservietten in der anderen Hand auszubalancieren.
Bild 2 von der rauschenden Party des Landesparteisekretärs im Ristorante mit… weiter lesen
14.02.2008 von Wolfgang Koch
Die Ablösung der Stadt Wien von Niederösterreich, beschlossen 1920, ausgeführt 1922, hat weitreichende Folgen:
FINANZAUTONOMIE – Der Status als selbstständiges Bundesland ermöglichst Wien die freie Entscheidungen über die Einführung von Steuern und Abgaben. Die Grundvoraussetzung für neue kommunale Gestaltungsmöglichkeiten.
FINANZAUSGLEICH – Seine Stellung als Land und Gemeinde bringt Wien beim Finanzausgleich mit den Ländern doppeltes Geld ein. Damit werden die Errungenschaft des Roten Wiens noch leichter finanzierbar.
GEBIETSSTAGNATION – Die gleichzeitig versäumte Stadterweiterung beeinflusst die Entwicklung auf das nachhaltigste. Der Planungsforscher Wilfried Posch nennt das Versäumnis »die folgenschwerste Entscheidung in der tausendjährigen Geschichte Wiens«.
ZERSPLITTERUNG – Niederösterreich erleidet durch die Trennung grosse finanzielle Verluste. Ohne Hauptstadt gedeiht ein eifersüchtiger Viertelpatriotismus, von dem sich das Land erst fünfzig Jahre später erholen wird.
Zu den langfristigen Folgen der verhinderten Gebietserweiterung gehört, dass in Wien noch heute vielfach nach den Regeln der Gründerzeit gebaut wird. Bis 1921 besteht die politische Absicht das… weiter lesen
11.02.2008 von Wolfgang Koch
Kürzlich platze in Wien wieder einmal jemanden der Kragen! Am Samstag, den 2. Februar, schrieb sich die Schriftstellerkollegin Maria GORNIKIEWICZ in der Wiener Zeitung ihr Leid als Bewohnerin von Favoriten von der Seele.
»Ich verstehe kein Wort mehr, wenn ich auf die Strasse gehe«, klagte die geborene Wienerin über den 10. Bezirk, wo geborene WienerInnen inzwischen eine exotische Minderheit sind. »Soll ich türkisch, polnisch, serbokroatisch, tschechisch oder indisch lernen?«
Was sich im ersten Augenblick nach rassistischen Tönen anhört, ist die durchaus überlegte Schilderung einer Ambivalenz gegenüber den zugewanderten Nachbarn. Das offizöse Multikulti-Getöse aus Rathaus und Politik hat in vielen Teilen der Stadt längst nichts mehr mit der Realität zu tun.
Die Wiener Minderheit hat massive Integrationsschwierigkeiten in einer von Migranten überlaufenen Stadt. Die zur Minderheit gewordenen Alteingesessenen träumen noch von der einstigen Glorie des Kaiserreiches oder von den Pensionskassen der Alpenrepublik nach 1945, während die Transitgesellschaft des 21. Jahrhunderts längst… weiter lesen
07.02.2008 von Wolfgang Koch
Bis zum definitiven Trennungsbeschluss Wiens von Niederösterreich bleibt die Stadterweiterung ein heisses politisches Eisen. Es melden sich in der Debatte so viele Politiker, Journalisten und Bürgerversammlungen zu Wort, dass nicht mehr exakt auszumachen ist, von wem welche Anstösse kommen.
Der erste Plan zur Stadterweiterung im November 1919 stammt von Josef Sigmund und gelangt nie an die Öffentlichkeit. Als nächstes schägt Landeshauptmann Leopold Steiner bei einer Versammlung in Döbling vor, Wien sollte einen Korridor durch das Marchfeld bis an die tschechoslowakische Grenze erhalten, um einen Stichkanal zum geplanten Donau-Oder-Kanal bauen zu können.
Stadtbauexperte Maximilian Ermers geht noch weiter. Er sucht im Auftrag der Stadt »natürliche« Berühungslinien mit der Tschechoslowakei und Ungarn. Ermers befürwortet den Anschluss von Anger-Stockerau-Hadersdorf und verleibt das Marchfeld als »Nahrungsspielraum der Grosstadt« seinem Plan ein. Das Tullernfeld soll dereinst die grosse Zuckerplantage der Stadt werden.
Der Ermers-Plan vom März 1920 dürfte auch heutigen Ökologen gefallen, da… weiter lesen
04.02.2008 von Wolfgang Koch
Zu den wenigen intellektuellen Aushängeschildern in dieser an Intellektualität abgespeckten Stadt Wien gehört die theaterwissenschaftliche Vierteljahresschrift Maske und Kothurn. Schon der sperrige Titel des Periodikums ist Programm. In der neuen Ausgabe, verantwortet von Michel HÜTTLER und durchgehend in englischer Sprache, geht es um neue Forschungsergebnisse zu Leben und Werk des Hoftheaterdichters und Sprachlehrers Lorenzo Da Ponte [1749-1838].
Der in Venezien geborene und in New York verstorbene Da Ponte gehört zu den schillerndsten Figuren der mit spektakulären Auftritten ohnehin verwöhnten Wiener Mozartzeit. Beiträge liefern u.a. H. E. WEIDINGER und Herbert LACHMAYER, der vor zwei Jahren die grosse Mozartausstellung in der Albertina vergeigt hat.
Aus dem Band heraus ragen zwei Texte des Berliner Religionsphilosophen Klaus HEINRICH, von denen sich der erste mit Librettologie (Musiktheaterdichtung) und der zweite mit Sammlungsgeschichte beschäftigt.
Keine einfache Lektüre: aber Edelsteine, was ihren Gehalt an Gedanken betrifft. Wenn Sie also zufällig in einen Opersänger in Australien verliebt sind… weiter lesen