07.08.2008 von Wolfgang Koch
Aufbruchstimmung im Fin de Siècle. Neben den schönen Künsten spielte die Lebensreform eine nicht unwesentliche Rolle. In Künstlerkolonien wurde die antiakademische Freilichtmalerei propagiert, zudem eine generelle geistige Liberalität. Als Mittel physischer Erholung und hygienischer Prophylaxe galt das Baden.
Baden wurde in Wien zentrale Bestandteil eines neuen Körperkultes, der selbst Teile der Oberschicht erfasste. Das Phänomen war keineswegs auf diese Stadt beschränkt, aber es fand hier einen fruchtbaren Boden. Romantische Naturvorstellungen verbanden sich mit Sozialutopien, Vegetarismus mit einem gesteigerten Körperbewusstsein, usw. usf.
Eines der vielen Experimente in der Freizeitkultur fand am Ufer der Donau ihr Feld. Der Fluss lässt sich ja als fliehender Teil der Landschaft lesen, da er – wie die Zeit – gleichzeitig stillsteht und vergeht. Auf diesem doppelten Boden bewegte sich die Aufbruchsstimmung der ganzen Epoche mit Leichtigkeit dahin.
1903 wurde das Strombad Kritzendorf eröffnet. Durch die Franz-Josephs-Bahn direkt an die Stadt angeschlossen, begab sich das bessere Wien… weiter lesen
04.08.2008 von Wolfgang Koch
1860 sehnte sich jede bessere Wiener Familie nach dem Ankauf eines kleinen Landhäuschens in der »reizenden Umgebung der Vaterstadt«. Reisende berichten von einem »angeborenen Drang« des Wieners aus der Stadt hinauszukommen.
Um 1870 herum machte eine Mode Schule, die mit dem Namen Daniel Gottlob Moritz Schreber verbunden ist. Entgegen der landläufigen Annahme war der in Leipzig praktizierende Orthopäde [1808-1861] aber nur der Namengeber der Schrebergartenbewegung. Der Pionier der Naturheilkunde und Erfinder der »ärztlichen Zimmergymnastik« starb übrigens im gesunden Alter von 53 Jahren.
Immerhin ventilierte der Mann in Leipzig den für seine Zeit ungewöhnlichen Wunsch nach kindgerechten Spiel- und Turnplätzen. Er jedoch war es nicht; es waren die Eltern eines Schulvereines, die begannen »Familienbeete« anzulegen. Diese wurden später parzelliert, umzäunt und »Schrebergärten« nannten.
Zwischen den experimentierenden Leipziger Eltern und dem Naturapostel bestand somit kein näherer Zusammenhang – so ungerecht ist Geschichte mitunter. Was heute unter dem falschen Namen firmiert, das… weiter lesen
02.08.2008 von Wolfgang Koch
Die die WienerInnen des 18. Jahrhunderts waren besoffen von einer neuen Lustbarkeit: Spaziergehen, Spazierenfahren. Ein neues Lebensgefühl schien die Stadt ergriffen zu haben.
Das heisst natürlich nicht, dass die früheren Geselligkeiten vorbei waren. Weiterhin wurde auch die grosse Andacht gepflogen, die Kirchen waren voll! Der Punkt ist, dass im 18. Jahrhundert mehrere neuartige Syntheseversuche von Drinnen (Stadt) und Draussen (Land) stattfanden, ohne ein abgeschlossenes Bedeutungsmuster zu bilden. Es kam zu subvertierenden Überschreitungen der starren Aussengrenzen von Befestigungsring, Vororte und Vorstädte, und zur Herausbildung einer mit Parks und Gärten veredelten Peripherie im Inneren.
Die Josefstadt, einer der jüngeren Bezirke Wiens, wurde zwischen 1690 und 1770 zu einer vorwiegend vom Adel bevorzugten Gartenstadt. Noble Familien bauten Sommerresidenzen und versuchten im Freien mit Blumenzucht und Gartenkunst romantische Gefühlszustände zu erzeugen.
Wir haben es hier mit einem sozialen Mechanismus und mit kulturellen Formen zu tun, in denen Freizeit und Natur zusammentrafen; mit… weiter lesen