WIENER FEUILLETON – 6. WOCHE 2009

1. Platz: ALBUM der Tageszeitung »Der Standard«, Redaktion: Christoph Winder

Das Album ist der Aufsteiger der Woche! Es enthält eine, zwar nicht ganz klischeefreie, aber ansonsten souveräne Untersuchung der rhetorischen Frage, ob die Sozialdemokratie schon tot sei. Die Standard-Redakteurin Petra STUIBER erwählte den legendären Arbeiterdichter Jura SOYFER, den Historiker Oliver RATHKOLB, den Industriellen Hannes ANDROSCH, den Paradeliberalen Ralf DAHRENDORF, die Gewerkschaftsfunktionärin Dwora STEIN und die SP-Bürgermeisterin Margit GUTTERDING aus Neunkirchen als Auskunftspersonen zu diesem Thema. Von der ersten bis zur letzten Zeile geht es freilich um die »gefühlte Sozialdemokratie«, Fakten erfährt man keine.

Die Ausgabe enthält weiters ein aktuelles Gedicht von Franz SCHUH. Literatur muss ja nicht immer zeitlos sein.

Stefan BRÄNDLE berichtet über die Leiden der französischen Supermarkkassierin Anna SAM. Sie hat in dem Job 250-mal am Tag »Danke-Auf-Wiedersehen« gesagt; manche ihrer Kolleginnen scannen noch im Schlaf Strichcodes von Waren ein.

Die Krisenkolumne stempelt junge Menschen, die zum ersten Mal an einem Bankomaten stehen, zu einem Typus.

Wojciech CZAJA freut sich über einen Film, der moderne Architektur von Rem KOOLHAAS aus der Sicht einer Putzfrau wiedergibt – »grossartig«, »unglaublich«.

Höhepunkt der Ausgabe: ein mit Gewinn zu lesender Esssay des Salzburger Germanisten Hans HÖLLER über den Nationalheiligen der österreichischen Literatur. Thomas BERNHARD, so der Autor, habe in seinen Büchern durch etwas Zurückliegendes erschüttert (»Gedächnisdiskurs«), er habe die Möglichkeiten des Lebens und die Chancen einer alten Glücksphilosophie (Freundschaft, Lachen, Liebe zur Natur) gepriesen (siehe auch Spectrum).

Im Rezensionsteil des Albums dominieren die risikolosen Namen der Grossen: Philip ROTH – »Meisterschaft« (siehe auch Extra), Wilhelm GENAZINO, Gisèle FREUD, H.C. ARTMANN.

Die Serie Mein Amerika (womit die USA gemeint sind) bringt eine Reportage aus der texanischen Gefängnisstadt Huntsville von Christine HAIDEGGER.

2. Platz: SPECTRUM der Tageszeitung »Die Presse«, Redaktion: Karl Woisetschläger

Der Wirtschaftsforscher Stephan SCHULMEISTER versucht auf zwei Seiten etwas beinahe Unmögliches: das ökonomische Denken des Westens in den letzten 35 Jahren zu erklären. Er findet dafür das Bild einer religiösen Prozession, in der auch Häretiker mitgehen müssen, wenn sie den Zug aufhalten wollen. Bretton Woods, Ölpreisschock, Boom des Aktionsmarktes, dann Anfang 2008 Schubumkehr durch die Vermögenbewertung von Immobilien, Verfall der Aktien- und der Rohstoffpreise – Haben denn die elitären Presse-Leser all die vielen Jahre nicht gewusst, dass sie »marktreligiös« sind?

Es folgt ein misslungener Erfahrungsbericht aus einem Callcenter. Zitat: »Die ganze Gesellschaft und ihre finanziellen Kreisläufe sind bei uns vertreten«.

Kolumnist Martin LEIDENFROST belauscht ein komisches Karriereberatungsgespräch in einer Brüsseler Cafeteria.

Der Schriftsteller Erich Wolfgang SKWARA gibt seine Leseerlebnisse von Thomas Bernhard wieder. Mit zwanzig war der Mann seinem Literatur-Gott verfallen. Noch heute hält er Bernhard für einen Autor von »lateinischer Klarheit« inmitten einer deutsch-österreichisch-nordischen Täuschungskultur. Berhard spreche vom Tod ohne Gefühle und ohne Besserwisserei, er setze Moral voraus, er spreche nie mit erhobenem Zeigefinger, er spende keinen Trost; Berhards Figuren erinnern Skwara an das byzantinische Mosaik und das romanische Fresko (siehe auch Album).

Rezensionen: die fragwürdige Alban-Berg-Biographie aus dem Residenz Verlag wird »aufschlussreich« und »lebendig« genannt (siehe auch 4. Woche im Extra); der Grazer Sinnsucher Peter STRASSER »erspürt« einen evolutiven Jesuiten; und Alfred PFABIGAN verweist auf Kitsch bei Jonathan LITTELL.

Die Spiele-Seite übertrifft diese Woche spielend alle anderen an Aktualität: Georg RENNER berichtet über die Insolvenzanmeldung des 150 Jahre alten Modeleisenbahnbauers Märklin.

Architektur: wirklich innovative Wohnhäuser von Margot FÜRTSCH und Siegfried LOOS im burgenländischen Wulkaprodersdorf.

Der Bodhisattva der Wiener Architekturkritik, Otto KAPFINGER, schreibt einen Nachruf auf den verstorbenen Walter ZSCHOKKE. Genau eine schmale Zeitungsspalte oder 83 Zeilen – soviel ist ein Intellektueller, der zwanzig Jahre lang klug geschrieben hat, dem heutigen Wiener Feuilleton am Ende wert.

3. Platz: EXTRA der »Wiener Zeitung«, Redaktion: Hermann Schlösser

Des Menschen niedere Abkunft, also der Affe, also Charles DARWIN stehen im Extra am Anfang. Weil wir nach dutzenden Jubiläums- und Gedenkartikeln keine Zeile mehr über den berühmten Naturforscher lesen mögen, verschweigen wir hier auch den Namen des Autors.

Der Fotohistoriker Anton HOLZER über eine Postkarte von 1901, die den Karlsbader Sprudel zeigt.

Dann versucht der Pastoraltheologe Paul Michael ZULEHNER im kirchenpolitischen Gemurks der Katholiken mitzumischen. Der Versuch misslingt gleich vierfachfach: 1. weil die Debatte über die Piusbruderschaft auf den tagesaktuellen Seiten der Zeitung schon wieder ein paar Schritte weiter ist, 2. weil sich der Autor eitel in den Vordergrund drängt (»Ich sagte zu Ratzinger…«), 3. weil der österreichische Aspekt der Affaire, nämlich die Bischofsernennung in Linz, nicht einmal erwähnt wird, 4. weil wir armen Lämmer es im 21. Jahrhundert für unser selbstverständliches Recht halten, aus einem unpassenden Gott einen passenden zu machen.

Die Schreibfabrik WEISSENSTEINER liefert ein vollkommen espritfreies Portrait des US-Präsidenten Abraham LINCOLN.

Auf der nächsten Seite dann eine gutes Beispiel für die Anwendung der falschen journalistischen Form. Der Unternehmer Helmut LIST ist gewiss ein interessanter Mann: sein Grazer Betrieb ALV entwickelt Antriebssyteme für Autohersteller, die am Markt in scharfer Konkurrenz zueinander stehen. List hat eine Menge über Hybride, E-Motoren und Abgasreduktion zu sagen. Diese Menge eignet sich aber nicht für eine Wiedergabe in Interviewform. Hier wäre eine Verdichtung des Wissens durch Erklärungen und Gegenrecherche notwendig gewesen.

Eine Portrait der Vergangenheitspolitikerin Beate KLARSFELD.

Rezensionen: das Buch eines Extra-Autors; Philip ROTH – »grandios« (siehe auch Album), Daniel GLATTAUER – »gelungen« (siehe auch 5.Woche im Album).

Die Fotogalerie auf der letzten Seite gibt drei Bilder der Niederländerin Marleeen NOORDERGRAAF wieder, die sich für ihre Aufnahmen Liebespaare von der Strasse holt.

© Wolfgang Koch 2009
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