Archive for August, 2009

27.08.2009 von Wolfgang Koch
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TIERE IN DER KUNST (10)

von Wolfgang Koch

Der bayerisch-österreichische Künstler Alexander Nickl ist seines Zeichens Neoprojektionist. Im Juni 2009 hat er ein entsprechend bekennerisches Manifest in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht. Der Neoprojektionismus wendet sich gegen sämtliche Behübschungstendenzen der gegenwärtigen Projektionskunst – einer Unterdisziplin oder Erweiterung von Lichtinstallationen, welche als Kunstphänomen angeblich in Wien ihren Ursprung genommen haben.

Nickl mag es nicht, wenn mit bunten, an die Wand geworfenen Bildern Fassaden verziert werden; er verabscheut Künstlerkollegen, die Laser- und andere Strahlen in den Dienst der Eventkultur stellen. Der Neoprojektionismus will den aktuellen Forschungsstand zu bestimmten Problemen des Raumes zusammenfassen und sich nicht von den Agenten der Unterhaltungskultur korrumpieren lassen.

Ein klares Vorhaben! Der Künstler erprobt Ideen am Raum, die ihm der Raum selbst eingibt. So die Theorie. Er missbraucht die magische Anziehungskraft von Licht nicht, sondern lehrt einen sensiblen Umgang damit. Was die Slowfood-Bewegung für Gaumen und Gedärme, das möchte der Neoprojektionismus für Auge und Verstand sein: das… weiter lesen

23.08.2009 von Wolfgang Koch
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TIERE IN DER KUNST (9)

von Wolfgang Koch

Es kann einen immer wieder in Erstaunen versetzen, um wieviel an Qualität der englische Buchmarkt dem deutschen überlegen ist. Sicher, der englische Markt ist älter und vor allem grösser. Aber nicht die Masse der produzierten Bücher schlägt in Qualität um. Auf dem anglo-amerikanischen Buchmarkt finden sich verlegerische Preziosen trotz der im Argen liegenden Allgemein-Bildung des Publikums. In den Häusern können höhergestellte Melancholiker und reiche Witzbolde mit ihren Talenten Eindruck machen, während die besten Versuchs-Labore der deutschen Buchbranche seit Jahr und Tag auf selbstausbeuterische Kleinverleger angewiesen sind.

Das jüngste Beispiel für die Spitze der anglo-amerikanischen Lesekultur heisst Burding Babylon. A Soldier’s Journal from Iraq. Das schmale Bändchen, eine Zusammenstellung von Internet-Glossen, ist bereits 2006 bei Sierra Club Books in San Francisco erschienen. Nun liegt es unter dem englischen Titel auch in einer deutschen Übersetzung im Berlin Verlag vor.

Worum geht es? Darum, dass sich der einfache US-Kriegsteilnehmer Jonathan Trouern-Trend als… weiter lesen

20.08.2009 von Wolfgang Koch
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WAS MACHT EIGENTLICH CHRISTIAN ZILLNER?

von Wolfgang Koch

Der Wiener Dichter und Polyhistor tut, was des Wiener IntellektuelleN liebstes Kind. Er nutzt die Sommertage, um über sei Werk und dessen Weltbedeutung zu reflektieren. Unter dem Titel Nach postmodern: neoantik, neumittelalterlich oder sonderlich? räsoniert Zillner in einem unveröffentlichten Text über totgelaufene Begriffe für die eigene Arbeit.

Das hat seine starke Berechtigung allein schon durch die schreckliche Lust des Sprechens, die diesen Autor kennzeichnet. Ausserdem weiss er vermutlich genauer als irgendwer, dass von jeder Behauptung über ihn und sein Werk immer auch das Gegenteil richtig ist.

Zunächst ein paar Auszüge:

»Es muss weitergehen – dieser schlichte Satz, vorzugsweise an Gräbern gesprochen, tut auch bei mir seine Wirkung. Mit Vergnügen verfolge ich in angelsächsischen Dotterkopfpostillen die ständigen Umschlichtungen von Schreibern und Malern in verschiedene Schubladen der literarischen und kunstgeschichtlichen Geisterschränke.

Eben habe ich gelernt, dass Cezanne nun zur Moderne gehört, Flann O’Brien hinwiederum ein Theoretiker und Praktiker der Postmoderne avantweiter lesen

16.08.2009 von Wolfgang Koch
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TIERE IN DER KUNST (8)

von Wolfgang Koch

Was ist die Sphinx? Gute Frage. »Ein geflügeltes Ungeheuer mit Frauenkopf und Löwenkörper«, würde der gebildete Hellene antworten. Ein »Phix«, das heisst ein Würger, raunen Freunde der Angstlust. »Die Sphinx ist selbst ein Rätsel wie das, das sie den Menschen stellt«, weiss der Sagenkundige. – Jedenfalls ist sie ein perfektes Thema für unsere Serie »Tiere in der Kunst«.

Die Sphinxgestalt dürfte ägyptisch-phönizischen Ursprungs sein. In der Mythologie am Nil steht sie für die vier unabweislichen kosmischen Grundkräfte; sie vereint den Menschenschädel mit dem Löwenleib und den Stierschwanz mit den Flügeln des Adlers. Im Ägypten der Pharaonen war sie zudem das Kernsymbol der Wiedergeburt (ein menschlicher Oberleib wächst aus einem tierischen Unterleib heraus, ohne sich endgültig davon lösen zu können).

Literarisch kam die Sphinx in der Ödipussage zu Ehren. Dort straft das Mischwesen zunächst die Thebaner für die Vernachlässigung des Dionysos- oder eines anderen Kultes, indem es von einer Mauer oder… weiter lesen

12.08.2009 von Wolfgang Koch
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WAS EIN ECHTER WIENER STRIZZI IST

von Wolfgang Koch

Was ein echter Wiener Strizzi (Arbeitsscheuer, Tunichtgut) ist, der haut dir nicht gleich in die Goschen (Mund). Er droht nur damit und rechnet im übrigen mit der Dummheit und Feigheit seiner Opfer.

In den letzten Monaten verfiel so ein ausgekochter Strizzi auf die geniale Idee, Videokameras im öffentlichen Raum zu inspizieren. Entdeckte dieser Fallot (Gauner, Schelm) irgendwo ein Corpus Delicti an einer Geschäfts- oder Lokalfassade, rannte er umgehend zu einem Rechtsanwalt in der noblen Walfischgasse im 1. Bezirk. Dieser formulierte dann geharnischte Briefe mit beiliegenden Zahlscheinen an die betroffenen Geschäftsleute.

Der Herr Verteidiger in Strafsachen schrieb: »Ich habe anzuzeigen, dass ich die anwaltliche Vertretung [des Strizzis] übernommen habe. Mein Mandant hat mich dahingehend informiert, dass er am [soundsovielten Tag] dadurch, dass von ihm unzulässigerweise Videobilder aufgenommen wurden, in seinem verfassungsmässig gewährleisteten Grundrecht auf Datenschutz als einem gemäss § 16 ABGB absolut geschütztem Persönlichkeitsrecht verletzt wurde.

Mein Mandant [der Strizzi] hat… weiter lesen

10.08.2009 von Wolfgang Koch
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TIERE IN DER KUNST (7)

von Wolfgang Koch

Der Illusionismus, das künstlerische Spiel mit fantastischen Wirklichkeiten, ist sicher älter als das Barock. Natürlich war die Fortsetzung der Architektur in Gemälden, wobei das Gemalte unmerklich in plastischen Stuck überging, ein Hauptanliegen der Barockmalerei. Schliesslich versuchte man damit, dem bereits halb aufgeklärten Menschen die Beschränktheit der menschlichen Sinne vor Augen zu führen; man sollte nicht nur seinen Augen trauen – sondern die substanzielle Existenz eines Übersinnlichen anerkennen.

Beindruckende optische Effekte sind wohl eines der älteste Themen der bildenden Künste überhaupt. Ob nun durch die Führung des Blicks der Betrachter in ein Gemälde hineingezogen wird, oder die äussere Wirklichkeit täuschend echt auf einem Bildträger nachgebildet ist – perspektivische Raumillusion, vorgetäuschte Dreidimensionalität, hyperreale Dekoration, ja sogar verborgene Geometrien – das alles findet sich schon in der von den Autoren des Barockzeitalters viel geschmähten Gotik.

St. Stephan zum Beispiel, dieser Paradefall eines gotischen Doms, ist reich an Illusionsarchitektur. Das beginnt mit der Fünfgliederung… weiter lesen

05.08.2009 von Wolfgang Koch
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LUTZ MUSNERS GESCHMACK VON WIEN (1)

von Wolfgang Koch

Lutz Musners Buch Der Geschmack von Wien ist mit Sicherheit das intelligenteste Buch, das in den letzten Jahren über Wien geschrieben worden ist. Ob diese Untersuchung auch ein kluges Werk ist, heiter-luzid oder wütig-still, oder ob diese Studie, wie viele andere, nur einem akademischem Manöver geschuldet ist, das soll im Wienblog in einer mehrteiligen Serie ergründet werden.

Im ersten Eintrag geht es darum, dem Publikum Musners nicht gerade einfaches Thema verständlich zu machen. Der Geschmack von Wien umfasst einen Text von knapp 300 hochwissenschaftlichen Seiten; auf keiner einzigen dieser Seiten geht es um die städtische Form oder die zukünftige Stadtentwicklungen. Wien wird ja bald, wie andere Städte, nicht mehr wachsen. Städte sind heute Schrumpfungsgebiete, und die an herkömmliche Investoren gerichtete Wirtschaft- und Stadtentwicklungspolitik läuft vielerorts bereits in Leere.

In Musners Habilitationsschrift geht es weder um diese entscheidende Wende in der Stadtentwicklung, noch um die dringend notwendigen Gegenstrategien dazu. Der Gegenstand… weiter lesen

02.08.2009 von Wolfgang Koch
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TIERE IN DER KUNST (6)

von Wolfgang Koch

Cornelius Kolig, dem das Museum Essl derzeit eine grosse Ausstellung widmet, gehört nicht zu meinen Lieblingskünstlern. Zwar werde ich die künstlerische Freiheit mit Fäkalien zu arbeiten, die Kolig exzessiv für sich in Anspruch nimmt, stets mit Zähnen und Klauen gegen die unzivilisierte Meute verteidigen; diese Parteinahme für die Freiheit der Kunst verpflichtet mich aber bitte noch nicht, die einzelnen Resulate des künstlerischen Schaffensprozesses für zu gelungen zu halten.

Zu Cornelius Kolig muss man wissen, dass sich einflussreiche österreichische Rechtspolitiker – wie der verstorbene Landeshauptmann Jörg Haider – diesen Konzept- und Installationskünstler aus Kärnten als Jausengegner gewählt haben. Jahrelang kampagnisierten heimische Holzmedien gegen Koligs »grausliche« und »abstossende« Misthaufenperspektive.

Kolig hat es den Kunstfeinden sehr leicht gemacht. Man ist in Österreich ja verständnislos gegen alles, was im funktionellen Getriebe nicht mitrollt, was den praktischen Bedürfnissen und der Bequemlichkeit nicht dienstbar gemacht werden kann. Man empfindet grosse Fremdheit gegenüber allem Zwecklosen, allem Eigenleben,… weiter lesen