22.12.2011 von Wolfgang Koch
Seit einem Jahr ist Österreichs Grünen-Politiker Alexander Van der Bellen als Wiens Stadtbeauftragter für Universitäten und Forschung tätig. Das langjährige Zugpferd der Partei hat im Oktober 2010 sein Gemeinderatsmandat trotz tausender Vorzugsstimmen und dem Erreichen eines Direktmandates nicht angetreten. Stattdessen werkt der Nationalratsabgeordnete nun ehrenamtlich, und mit einer Büroinfrastruktur ausgestattet, die jährlich mit 220.000 Euro zu Buche schlägt, zum Wohl der akademischen Eliten.
Während andere Figuren der Grünen Funktionseliten Lobbyarbeit für Ministerien und Energieriesen betreiben (wessen Interessen werden dabei eigentlich vertreten?), wühlt sich der Professor für Volkswirtschaftslehre mit routinierter Zurückhaltung in die facettenreiche Materie der Hochschulpolitik. Endlich einmal, möchte man rufen, ein zukünftiger Staatssekretär, der sich würdig auf seine Aufgabe vorbereitet.
Die Persistenz seiner Aggregate verhilft Van der Bellen seit 16 Jahren zum Image eines Antipolitikers, der er natürlich keineswegs ist. Die Signale der Nachdenklichkeit, die er klug auszusenden versteht, sind in der österreichischen Politik immer noch so selten gestreut,… weiter lesen
21.12.2011 von Wolfgang Koch
20.12.2011 von Wolfgang Koch
Wienblog: Warum, Herr Koch, beschimpfen Sie die Wiener Gratiszeitungen als »Drecksblätter«?
Koch: Also, bitte das tue ich gar nicht! Ich nenne Österreich und Heute »Verdrecksblätter«, weil diese Medien in Partnerschaft mit den Wiener Linien die öffentlichen Verkehrsmittel wochentags in Müllhalden verwandeln. Der halbalphabetisierte Wiener bezeigt damit die tägliche Portion Verachtung gegenüber seinesgleichen: Die Menschen lassen das bedruckte Papier einfach in der Bahn liegen, trampeln drauf herum, bis dann aus Zuwanderern zusammengestellte Putzkolonnen ihr Ausgeschiedenes wieder wegmachen.
Wienblog: Spricht da nicht Überheblichkeit gegenüber den bildungsferneren Schichten aus Ihnen? Schließlich kann nicht jeder auf dem Weg zur Arbeit die F.A.Z. studieren.
Koch: Also nach meiner Beobachtung verteilen sich die Lese-Surrogat-Junkies ziemlich gleichmäßig über alle sozialen Schichten im Wiener Raum. Früher, als ich noch Printjournalist war, gab es ja mit der Tageszeitung täglichAlles ein ganz ähnlich niveauloses Medienexperiment. Damals habe ich argumentiert, da würden doch wenigstens die der Buchstabenwelt entfremdeten Menschen an die… weiter lesen
14.12.2011 von Wolfgang Koch
Nicht erst seit Alfred Gusenbauers missglückter Kanzlerschaft, doch seit dieser mit Aplomp, ist jeder Arbeiteraristokrat in Österreich ein höchstdekorierter Feinschmecker.
Man erinnert sich gerade noch dunkel an die Gründung jenes ominösen Clubs 45 durch sozialdemokratische Amtsträger 1973. Bereits damals trieb die Genussfreude der Genossen an der Seite des Décadent Udo Proksch mörderisch-sinnliche Blüten.
Was ist das gegen heute?
Um den Anspruch auf klassenkämpferisches Brutzeln, Braten und Blanchieren vor Jahresende noch einmal kräftig aufzupflanzen, erhalten dieser Tage die Mitglieder der Wiener SPÖ einen Kalender mit politisch korrektem Küchenwissen zugesandt. Titel: »Die besten Rezepte für Wien 2012«.
Die Parteipublikation ist randvoll mit Inseraten parteinaher Unternehmen und Organisationen. Da gibt es eine Sozialbau AG, die »mehr als ein Dach über dem Kopf« anbietet; eine adrette Samariterin, der angeblich Gutes zu tun »gut tut«; eine Bank, die versichert, dass das »Leben voller Höhen und Tiefen« sei, und quasi im Gegenzug eine Versicherung, die… weiter lesen
02.12.2011 von Wolfgang Koch
Der arme Hermann Nitsch! Seit drei Jahrzehnten muss er der Historisierung seiner eigenen Arbeit beiwohnen, während er doch zugleich immer noch qual- und lustvoll malt, komponiert und schreibt wie bereits vor einem halben Jahrhundert.
Im Zug der ständig verbreiterten Vermittlung seines in alle Sinnesrichtungen ausufernden Werkes kommt es heute immer öfter zu einer dramatischen intellektuellen Verzwergung des Orgien Mysterien Theaters. Einem Publikum, das zu faul ist, Katalogtexte und die Schriften des Künstlers zu lesen, wird das nötige Wissen in Einführungsvorträgen, in Künstlergesprächen und Popvideos zu einem leicht bekömmlichen Brei verkocht, damit es nur mehr zu schlucken und nicht mehr zu kauen hat.
Am 1. Dezember 2011 versammelte das Museum Leopold gleich fünf exemplarische Vertreter der leeren Wortblase auf einem Podium mit der thronenden österreichischen Kunstlegende. Aufgeweckte Jungintellektuelle, schnittige Kapazunder des Wiener Geisteslebens, gestandenen Kunsttheoretiker und Philosophen verirren sich praktisch nie mehr in solche Veranstaltungen, denen die Bezeichnung »Diskussion« unbedingt streitig… weiter lesen