vonWolfgang Koch 29.05.2017

Wolfgang Kochs Wienblog

Vom letzten Glanz der Märchenstadt oder wie es sich an der blauen Donau gerade lebt.

Mehr über diesen Blog

Die mentale Aufnahme von Philosophieprodukten ist bei medizinischer Verwendung der Inhaltion oft vorzuziehen. Die Wirkung hält länger an, ohne bei geübter Dosierung zu relevanten psychotropen Effekten zu führen. Die Reizung der Schleimheute durch den Rauch der Buchseiten wird vermieden.

Fünfzig Kurzessays ohne ein brauchbares Inhaltsverzeichnis bietet diese Celebrity-Schrift, fünfzig Autoren werden versammelt, um den Wiener Philosophen, Übersetzer und Erkenntniswissenschafter auszuloben, darunter die Träger in Österreich und in den benachbarten Provinzen klingender Namen: Bodo Hell, Helmut Lethen, Wolfgang Pircher, auch zwei Wiener Philosophen der Psychoanalyse steuern etwas bei: August Ruhs und Robert Pfaller.

Sehen und Sagen ist ein Buch der denkerischen Vielfalt. Da werden dezidiert christliche und psychoanalytische Standpunkte vertreten, werden auf wenig frivole Weise feministische und kulturwissenschaftliche Ansätze vorgeführt. Die fünfzig Autoren sind keiner grossen geistigen Verschwörung auf der Spur, doch sie halten uns originell über den Kosmos Seitter auf dem Laufenden.

Besonders auffällig: Nur ein einziger Beiträger wagt so etwas wie interkulturelles Philosophieren, und genauer betrachtet wagt es auch der nicht, der Sinologe Werner Gabriel referiert bloss die musikalisch-sphärische Ausgangsbasis des Konfuzianismus.

Was in Deutschland und in Frankreich seit etwa fünf Jahren selbst an den Provinzunis gang und gäbe ist, scheint man in Wien partout nicht wahrnehmen zu wollen. Selbst der interreligiöse Dialog ist am Donaukanal schon ein paar Schritte weiter als das Palaver philosophischer Symposien, wo beständig die gleichen Klassiker und Vorgänger mit neuen Fragen konfrontiert werden.

Natürlich ist diese grundsätzliche Rückwärtsgewandtheit gerade eine Kennzeichen der Philosophie, während die Naturwissenschaften in der Präsenz ihrer Resultate lebt, während die empirische Forschung ihre Schritte unablässig durch Falsifikationismus vergrössert. Aber es sollten sich auch in der Vergangenheit neue Köpfe finden lassen, fremde Denkleistungen, die der indischen, der chinesischen oder der arabischen Tradition angehören, und deren Inhalt uns heute vielleicht helfen kann, die Vernunft im globalen Massstab zu kultivieren.

Ich meine, es genügt einfach nicht länger, nur unbefangen und richtig zu urteilen, es reicht nicht, wertschätzend die Antike von allen Seiten zu beleuchten, sich der bürgerlichen Grundsätze der Globalgesellschaft zu versichern, es reicht nicht, die Irrtümer der Religionen und Ideologien samt Wurzeln aus dem Geist zu reissen.

Der skeptische Westen muss auch mal aufatmen und lernen, in exotischen Denksystemen Notwendiges und Sicheres zu vermuten. Montaigne? Heidegger? – Schön und gut, aber heilkräftig sind deren Gedankenfeuer nicht mehr, und darum müssen wir im neuen Jahrhundert endlich auch den Sand beiseite werfen, um das Felsgestein unter den Gebäuden der Hindus, der Buddhies und der Moslems zu finden, müssen die Samen der Gedankenlyrik im Spülbecken einweichen, müssen der Kunst des Aphorismus klamme Beachtung schenken, müssen in zugigen Spalten, tiefen Tälern, in Bildern und Tönen zu spekulieren lernen.

Aber Wien, Wien ist behäbig; jeder durchschaut sein Visavis. Hier halten sich Intellektuelle schon für gut informierte politische Zeitgenossen, wenn sie Suhrkamp von Heyne unterscheiden können; es gehört in Wien zu guten Ton, grün zu wählen und in Grünlage zu wohnen; die Wörter der Klugen und Schlauen, sie haben keine rechte Bedeutung, sie haben nur einen Gebrauch.

Natürlich stehen die Seitter-Gratulanten dem akademischem Mainstream fern. Aber auch auf den Laptops der wirklich Gebildeten türmen sich die Denkbewegungen von Gestern und Vorgestern hoch zu wahren Dateigebirgen. In Wien regieren immer noch die Fackelträger aus der Berggasse mit ihren um die menschliche Seele kreisenden Fragestellungen. Politische Theorie ist entweder postkolonial, antideutsch oder europa-euphorisch, jedenfalls ein einziges Kurfürstentum von hochfahrenden Rechthabern.

Für die Europäische Union, den Daueroptimismus der Brüsseler Bürokratie, steht auch nach der Brexit-Entscheidung der Briten ein Jubelheer mit Sprechmeistern und Herolden zur Verfügung. Die vereinten Europa-Exzeptionalisten tagen auf übervollen Podien vor leeren Auditorien. Im Burgtheater melden sich regelmässig Sorgenträger aller Art zu Wort, das Naturhistorische Museum bemächtig sich der bildenden Künste und auf den Universitäten finden die Studierenden eher einen Coffee-To-Go-Becher als die Wahlurne.

Aber Philosophie? Selbstbetrachtung und Selbstbeachtung des Denkens? An seine Grenze getriebenes Denken? Das ist und bleibt ein Geschäft abseits der Medien, abseits der Podien, in Ateliers und im Privaten, und auch da natürlich mehr als Beschäftigung denn als Geschäft. Denken trägt bekanntlich nichts ein als zerwürfelte Gedanken, nicht als neue Zweifel an den Gewissheiten, ziel- und zwecklos einer Wahrheit verpflichtet, die es apriori nur im Plural gibt.

Walter Seitter wundert sich manchmal darüber in dieser Stadt keine Schüler zu haben. Aber studiert man dieses Buch, wird man rasch eines Besseren belehrt. Seitter reitet ja recht eigenwillige Steckenpferde: die Heraldik; eine Farbenlehre vor der DeBroglie-Wellenlänge eines Teilchens; Grillparzer als Denker; gewisse Aspekte des geozentischen Weltbildes. Doch das sind nicht mehr als die Nebenschauplätze einer geistigen Gestalt, deren theatralische Konturen der Schriftsteller und Regisseur Lucas Cejpek klug und verständlich herausarbeitet. »Walter Seitter schreibt nicht immer neue, in sich abgeschlossene Bücher, er arbeitet an seinem Werk als Sage«, lesen wir da.

Nicht minder studierenswert: die Darstellung von Seitters Medienbegriff und die Aufnahme Foucault’scher Positionen, erklärt von Friedrich Balke ab Seite 113, sowie Seitter und die Schwierigkeiten der neuzeitlichen Verstandeskultur, also die Frage nach dem »Hume’schen Problem«, behandelt von Kurt Walter Zeidler ab Seite 240.

Die anderen Autoren beschäftigen sich eher mittelbar mit dem Gelehrten, indem sie eines von Seitters Stichwörter aufgreifen und auf ihrem je eigenen Gebiet fortspinnen. Reinhold Knoll betont die Verbindung der Erkenntnispolitikwissenschaften mit den Menschenfassungen. Pravu Mazumdar zeigt, dass Seitter unter dem Affiziertsein doch etwas ganz anderes versteht als François Laruelle, bei dem das Subjekt restlos aufgeht in die monolaterale Natur der Determination-in-der-letzten-Instanz.

Etliche der Essays in diesem Buch sind kulturwissenschaftliche Artikel aus dem Postmodern-Generator, dem das Open-Accsess-Journal Congent Social Sciences kürzlich den »konzeptuellen Penis« zu verdanken hatte. Hier herrscht ein von Fake-Science kaum zu unterscheidender Geist des Grossfeuilletons, das es so in der Zeitungslandschaft kaum noch wo gibt. Wir erfahren Tiefsinniges über Weihnachts- und Discokugeln; wir lernen, dass Wachs »in seiner amorphen Trägheit die innere Formlosigkeit der Dinge versinnbildlicht«; dass Berge nie einfach nur Berge sind, sondern »Riesenzeichen, Megagramme, zugleich anadeiktisch und kryptographisch«, dass das Zepter eine Verlängerung des Zeigefingers ist, und alle Haut weiblich.

Es gibt einen Beitrag in diesem Buch, bei dem sich niemand sicher sein kann, ob er es mit einer freiwilligen oder einer unfreiwillige Selbstparodie des dekonstruktiven Akademismus zu tun hat. Die Psychiaterin und Psychoanalytikerin Ulrike Kadi untersucht realsatirisch die »Schleiermauer«, also »die Mauer als Schleier«, und trifft über diesen Forschungsgegenstand so bezwingende Aussagen wie: »Schleier können anschmiegsam sein, die Linien des Körpers nachzeichnen«.

Das Experiment dieser Jubiläumsschrift kann freilich gar nicht misslingen. Problematische Texte, ja selbst kompletter Unsinn, ändert nichts an der phänomenalen Breite der Fragestellungen und des Wissens, das hier dargestellt und Seitter zugeschrieben wird. Die Antike und ihre Probleme sind ebenso vertreten wie der Theologie und des politischen Alltagsdiskurses der Gegenwart.

Manche Autoren nähern sich Seitter mit Autoritäten, die er selber lieber gar nicht anstreift: Hobbes, Locke, Hume, Kant, Bataille, Niels Bohr, Rosenstock-Huessy, Agamben,… Andere Autoren teilen die Gedanken seiner Lehrmeister [Voegelin, Max Müller, Sedlmayr, Aron], seiner langjährigen geistigen Gesprächspartner [Goethe, Grillparzer, Scheler, Lacan], oder seine intellektuellen Entdeckungen: Clérambault, Helmut Newton; erstaunlicherweise fehlt Georgios Gemistos Plethon in den Literaturverzeichnissen.

Man hat schon länger kein so erfreuliches Buch gesehen aus der Stadt Wien, die es natürlich unter Anstrengung aller Kräfte zu ignorieren weiss.

Sehen und Sagen. Für Walter Seitter. Hg. von Ivo Gurschler, Sophia Panteliadu, Christopher Schlembach, 308 Seiten, Wien: Sonderzahl 2017, ISBN: 978 3 85449 467 6, EUR 22,-

© Wolfgang Koch 2017

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/wienblog/2017/05/29/wie-wird-man-walter-seitter-gerecht-22/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.