Ist die Grünen-Agenda museumsreif? (4/5)

Der österreichische Ex-Grünen-Politiker Peter Pilz hat mit seiner Kritik am destruktiven Humanismus recht, glaubwürdig ist er allerdings selber nicht. Hat man je gefragt, woher der »Aufdecker der Nation« die geheimen Unterlagen hat, mit denen er seinen Drohzirkus gegen politische Gegner bestreitet?

Whistleblower sind in Östereich selten. Aufdeckerpolitik spielt sich in einem geheimnisvollen Zwischenbereich von Manipulation und Spionage ab. In der Regel stammen die belastende Unterlagen der politischen Skandale von Journalisten, die ihre Beweise im Versteckspiel gegen Diebstahlsvorwürfe parlamentarisch immunisieren.

Die Redaktionen erhalten die kompromittierenden Daten wiederum aus den unsichtbaren Händen verschiedener Nachrichtendienste. Peter Pilz hat seine Prominenz also primär der Tatsache zu verdanken, dass er sich willfährig zum Werkzeug des Tiefen Staates machen lässt.

Nach Novalis ist im Staat alles »Schauhandlung«, die Regierenden setzen auf Ministerabilismus, die Opposition auf Opferpathos und Sprechmob. Jeder hofft auf Unterwerfung der Wähler unter eine Stabilität: den Arbeitsbesitz, das Kapital, die Heimat, die Energie- und Ressourceneffizienz.

Als sonderlich zukunftstauglich hat sich der ökologische Ansatz in diesem Spiel in den letzten Jahren noch nicht erwiesen. Umwelttechnologie ist nicht zur wichtigsten Leitindustrie des 21. Jahrhunderts aufgestiegen. Die Forderung nach mehr Vernunft in der Ökonomie findet nur in den Mass eine Aufnahme, als die Vernunft eine profitable Grösse ist.

Träume von Urban Gardening und Vertical Farming kaschieren eher das Unvermögen, nachhaltig auf Prosperität zu verzichten. Auch die grünste Stadt gewinnt einen Grossteil ihrer Ressourcen durch Raubbau in der Peripherie.

Alles noch kein Grund, die politische Ökologie im »Haus der Geschichte« zu kompostieren! Die moderne Gesellschaft verändert sich ständig unter dem Einbau technischer Komponenten. Umso nötiger ist es, im öffentlichen Meinungsbild Kräfte zu stärken, die Abhängigkeitsstrukturen aufzeigen, die den brutalen Mobilitätszwang mit Verlangsamung beantworten, den fossilen Betriebsmodus anzweifeln, das Auto aus dem Zentrum der Lebensweise verdrängen, die die Raumüberwindungslast unserer Ernährungsweise nicht mit der sofortigen Bedürfnisbefriedigung beantworten, sondern Kostenwahrheit einfordern, kurz: Kräfte, die eine global verallgemeinerungsfähige Politik betreiben.

Dass Österreichs Grüne seit 31 Jahren im Bund nicht mitregieren, ist ein Desaster. Die SPÖ schwächelt viel zu sehr, um Konzernen entgegen zu treten, sie will unser Leben lieber beschleunigen: Jobs statt Berufe, Bildungsdruck statt Familie, Biker auf Forstwegen, Pizzaservice statt Kochen. Die Gehetzheit des Alltags resultiert mit aus der sozialdemokratischen Tiefenüberzeugung, dass jedem Arbeiter Auto, Millionenshow und Billigflüge zustehen.

Gewiss, der sprachpolizeiliche Stil der Grünen ist für freie Menschen schwer zu ertragen! Aber ein Land voller Selbstoptimierer, in dem der Besitz von Kundenkarten mehr zählt als der von Kindern, benötigt schlicht Widerstand.

Die Ökos sind durchaus nicht so selbstgefällig wie die anderen Parteien. Sie sind es, die sich mit den wirklichen Lebensfragen beschäftigen: der Ernährung, dem Körper, der Luft und dem Wasser, während sich die Grossparteien am liebsten mit Identitätsfragen auflüstert: Wer ist der bessere Österreicher? Benötigen wir eine »österreichisch-islamischen Identität«? Nichts davon ist wirklich zukunftsrelevant.

Ich brauche auch keinen Klimawandel und keine Korallenbleiche, keinen Artenschutz und keine Fleischberge, um zu erkennen, dass wir verkehrt leben: dass Kinder katatonisch auf Smartphones starren, die Erwerbstätigen aufs Pensionskonto und die Alten auf den Tablettendispenser.

»The planet’s fine, the people are fucked«, wusste schon der US-Komiker George Carlin. Gerade darum soll ja sanfter Druck die Zwangsmassnahmen von morgen verhindern. Und zur Erinnerung: Es waren bitte die Grünen, die aus dem Nationalrat ein Arbeitsparlament gemacht haben, jedenfalls bis die Gesetzesarbeit durch den Beitritt Österreich zur Europäischen Union wieder dysfunktional wurde.

© Wolfgang Koch 2017

Foto: Inés Bacher

 

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