vonRahel 13.01.2021

Abseitsregeln

Poised between rage, punk and politics

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Während anderen Vereinen die Gemeinnützigkeit aufgrund politischer Aktivität entzogen wird, bleibt der Verein Deutsche Sprache e.V. trotz seiner rechtspopulistischen Politik gemeinnützig. So setzt sich der Verein vehement gegen „Gleichstellungs- bzw. Quotenpolitik“ ein. Alte weiße Männer mit Doktortitel ermutigen auf ihrer Webseite „mutige Studenten“ zum Widerstand gegen diesen „Gender-Unfug“(1). Dr. Karl Corino lässt sich zitieren mit den Worten: „In der gesprochenen Gendersprache mit ihrer Sternchen-Astrologie klingt es jetzt so, als gebe es auf Erden nur noch Lehrerinnen, Professorinnen, Ministerpräsidentinnen usw. Die männnlichen* Gegenstücke scheinen ausgerottet“(2). Neben dem Zitat ist er auf einem alten schwarz-weiß Foto zu sehen. Ganz schön in der Zeit stecken geblieben, der Mann. Weiter wird behauptet, dass das Binnen-I, der Genderstern, sowie der Unterstrich inhaltlich und grammatisch falsch seien, da schließlich „Gleiches gleich und Ungleiches ungleich zu behandeln“(3) sei. Kurz gesagt: Der Verein der deutschen Sprache kämpft erbittert gegen die sprachliche Gleichstellungspolitik. Und das mit zahlreichen finanziellen Vorteilen. Das generische Maskulinum ist somit gemeinnützig.

Das ist besonders hämisch im Anbetracht der Vereine, denen die Gemeinnützigkeit entzogen wurde. Diese Fälle sind komplex und vielschichtig. Jedenfalls wird die gemeinnützige politische Arbeit vom Bundesfinanzhof stark limitiert. Zwar dürfen politische Forderungen im Rahmen eines gemeinnützigen Zwecks verfolgt werden, allerdings darf diese politische Arbeit nicht zu weit gefasst werden: “Wer politische Zwecke durch Einflussnahme auf politische Willensbildung und Gestaltung der öffentlichen Meinung verfolgt, erfüllt keinen gemeinnützigen Zweck i.S. von § 52 AO.” (Randziffer 16)

Doch genau dies tut meiner Meinung nach der Verein der deutschen Sprache mit seinen Streitschriften, Petitionen, Aufrufen und Stellungnahmen.

Warum der Verein der deutschen Sprache im Gegenteil zu Attac, Campact und dem VVN-BdA noch gemeinnützig ist, ist also durchaus fragwürdig.

Zumal dieser Verein die (sprachliche) Gleichstellung von Mann und Frau ablehnt. Dabei zählt genause diese „Förderung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern“ als ein gesetzlich gemeinnütziger Zweck, auch wenn dabei leider andere Geschlechtsidentitäten ausgeschlossen werden (4). Statt zu dieser Gleichberechtigung beizutragen und damit ein gemeinnütziges, ja auch demokratisches Ziel zu verfolgen, veröffentlicht der Verein der deutschen Sprache eine Anleitung für die Einrichtung eines Genderstern-Filters für Mozilla Thunderbird. Dann werden endlich alle Genderstern-Mails automatisch in den Spam-Ordner verschoben und Mann kann es sich im Patriarchat gemütlich machen.

Leider genießen noch zu viele Menschen diese privilegierte Gemütlichkeit. Im Gegensatz zu einer weitverbreiten Annahme, ist Sprache eben kein fließender Wandel und Demokratie kein implementiertes Konzept. Vielmehr muss beides als Prozess mit politischen Kämpfen gedacht werden. Die Verwirklichung des demokratischen Zieles von Gleichheit erfodert eine aktive Zivilgesellschaft, die genau das verfolgt. Es ist eine Illusion zu glauben, dass diese Gleichheit schon längst erreicht und damit gesichert sei – Demokratie funktioniert nicht wie ein Thunderbird-PlugIn, das alle Ungleichheiten rausfiltert. Stattdessen braucht es intersektionale feministische Kämpfe und das Bewusstsein von Privilegien. Vielleicht sollte es für diesen Check ein Thunderbird-PlugIn geben.

(1) & (3) https://vds-ev.de/gegenwartsdeutsch/gendersprache/gendersprache/

(2) https://vds-ev.de/verein/bekannte-mitglieder/

(4) https://www.zivilgesellschaft-ist-gemeinnuetzig.de/beispiele-fuer-gemeinnuetzigkeitsprobleme/

*Männlich tatsächlich mit drei „nnn“ geschrieben. Möglicherweise ein bewusst eingesetztes Stilmittel zur Betonung der Männnnnlichkeit.

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https://blogs.taz.de/abseitsregeln/das-generische-maskulinum-ist-gemeinnuetzig/

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kommentare

  • Ich finde ihre Wortwahl sehr ungeeignet, um in einen konstruktiven Dialog einzutreten.

    „Stattdessen braucht es intersektionale feministische Kämpfe und das Bewusstsein von Privilegien. “

    Das ist die Sprache des letzten Jahrtausends.

    Ich bin sehr für die Gleichberechtigung von Mann und Frau, im echten Leben. Dafür lohnt es sich zu kämpfen. Für den Genderstern und die sprachliche Gleichstellung zu kämpfen kann sich nur leisten, wer im akademischen und wirtschaftlichen Elfenbeinturm sitzt, und nicht mitbekommt, wo die wirklichen Unterschiede sind. Kämpfen sie bitte mit der gleichen Energie für gleiche Bezahlung, Fortbildungs- und Aufstiegschancen oder gegen Gewalt von Männern gegen Frauen und Frauen gegen Männer. Dass damit alle Gewalt zwischen Personen gemeint ist (also aller sozialen und Geschlechtsidentitäten), sollte auch ohne zusätzliche Erklärung klar genug sein.

    • Meine Wortwahl der „feministischen Kämpfe“ schließt die genannten Punkte von Ihnen ebenfalls ein. Ich schließe hiermit keineswegs andere, auch gewaltvolle, Diskriminierungen aus. In diesem Artikel habe ich mich auf das Thema der sprachlichen Gleichberechtigung fokussiert, da auch die Sprache Einfluss auf unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit hat und sie noch immer androzentrisch ist. Wie mein Text zeigt, wird auch durch die Sprache diskriminierendes Verhalten gerechtfertigt. Auch im echten Leben. Ich hoffe wir können uns darauf einigen, dass auf vielen unterschiedlichen Ebenen für eine solche Gleichberechtigung aller Geschlechter gekämpft werden muss.

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