In der Comicforschung existiert eine plausible Kritik an der gängigen, semiotisch fundierten Auffassung, dass das Lesen von Comics in erster Linie darin bestünde, die Leerstellen zwischen den Einzelbildern mehr oder weniger bewusst mit Inhalt zu „füllen“. Indizien in den Bildern dies- und jenseits des Zwischenraumes würden dabei der Lektüre eine sinnvolle Richtung geben. Das Auffüllen der „Lücken“ passiere also nicht willkürlich, sondern erfolge auf logischer Basis. Ein anderes, psychoanalytisch inspiriertes Verständnis legt vielmehr nahe, dass das gedankliche Verknüpfen der Bilder als eine Domäne unbewusster Prozesse wie Verdrängung, Projektion und Abspaltung zu begreifen sei. Da die Leerstellen als weiße, papierne Zwischenräume anders als beispielsweise bei der Filmmontage ihre Sichtbarkeit behalten, könnten sie die Leser*innen der Comics aber auch zur Reflexion solcher Prozesse anregen und individuell bzw. kollektiv Verdrängtes (zurück) ins Bewusstsein rufen. So vermögen sich grafische Erzählungen einbringen in aktuelle Auseinandersetzungen zur Erinnerungskultur als auch der Deutung gegenwärtiger als krisenhaft empfundener Phänomene wie der gesellschaftlichen Spaltung, sozialer Ungleichheit oder dem Klimawandel. Vier solcher Comics, die im Jahr 2025 erschienen sind und auf inhaltlicher wie auch ästhetischer Ebene um das Erinnern und Vergessen, das Verleugnen und Bewusstwerden kreisen, sollen hier im Folgenden vorgestellt werden.
Die vergessenen Kämpfer der spanischen Republik
Paco Rocas Graphic Novel DER ABGRUND DES VERGESSENS beginnt mit einer Erschießungsszene kurz nach Ende des Spanischen Bürgerkrieges, in der gefesselte Zivilisten vor ein Exekutionskommando franquistischer Soldaten geführt und hingerichtet werden. Im Zentrum der nachfolgenden, in der Gegenwart stattfindenden (Teil-)Handlung steht die mittlerweile 81jährige Tochter eines der Ermordeten, welcher nach der Tat wie die anderen eilig in einem Massengrab anonym verscharrt wurde. Jahrelang bemühte sie sich hartnäckig um die Exhumierung und Identifizierung der sterblichen Überreste ihres Vaters und musste dabei zusammen mit anderen Angehörigen lange gegen den Widerstand lokaler Behörden anrennen. Wie ihr Ansinnen überhaupt in die Tat umgesetzt werden konnte, wird in einem weiteren, in der Vergangenheit spielenden Handlungsstrang erzählt: Ein Totengräber, der einst für die Bestattung der Hingerichteten zuständig war, ermöglichte nicht nur, dass die angehörigen Ehefrauen und Mütter unmittelbar nach den Exekutionen gegen alle Regeln ein letztes Mal von ihren Nächsten Abschied nehmen konnten. Er dokumentierte die Massengräber und die darin Bestatteten, bewahrte ihre letzten Habseligkeiten auf und ermöglichte so Jahrzehnte später überhaupt erst die Zuordnung der sonst kaum noch zu identifizierenden Leichname.
Ein weiteres Mal zeigt sich der spanische Comicautor und -zeichner Paco Roca, diesmal auf Basis von Recherchen des Zeitungsjournalisten Rodrigo Terrasa, als kritischer Chronist einer Jahrzehnte währenden gesellschaftlichen Amnesie, die in Spanien nach Ende des Bürgerkrieges 1939 begann und bis ins frühe 21. Jahrhundert hinein andauerte und im Grunde – bis auf wenige Jahre unter sozialistisch geführten Regierungen – bis heute andauert. Während für die gefallenen Franquisten Denk- und Mahnmale, Erinnerungs- und Gedenkorte existieren, die den Hinterbliebenen einen Ort für ihre Trauer geben, wurden die republikanischen Opfer bis in die Gegenwart hinein kriminalisiert und ihre Angehörigen über deren Verbleib im Unklaren gelassen. Erinnerungspolitik als Auseinandersetzung um die Deutung lange zurückliegender Ereignisse, die bis heute nicht angemessen verarbeitet sind und in der spanischen Gesellschaft tiefe Narben zurückgelassen haben.

Verschwunden und (nicht) verschwiegen
In Deutschland hat sich die Comicmacherin Birgit Weyhe damit einen Namen gemacht, gesellschaftlich verdrängte Aspekte der Zeitgeschichte ins kollektive Bewusstsein zurückzurufen. In SCHWEIGEN zeigt sie anhand zweier Frauenschicksale, wie sehr Geschichte und Politik in Deutschland und Argentinien miteinander verknüpft waren bzw. sind und erstaunliche Parallelen aufweisen: Die deutsche Jüdin Ellen Marx emigrierte nach den Novemberpogromen 1938 nach Argentinien; also ausgerechnet in jenes Land, in dem nach 1945 ehemals führende Funktionäre des NS-Regimes Unterschlupf finden sollten. Unter der Herrschaft rechtsgerichteter Militärs in den Siebziger Jahren wurde ihre Tochter Nora verschleppt und mutmaßlich ermordet. Ein Schicksal, das diese mit der Deutschen Elisabeth Käsemann, die seit 1970 in Buenos Aires lebte und sich während der Militärdiktatur einer bewaffneten Untergrundorganisation angeschlossen hatte, teilte. In beiden Fällen war der damaligen Bundesregierung unter dem Sozialdemokraten Helmut Schmidt die Aufrechterhaltung guter politischer und wirtschaftlicher Beziehungen zu der argentinischen Militärjunta wichtiger als auf die Einhaltung von Menschenrechten zu drängen und die Aufklärung von Verbrechen an deutschen Staatsangehörigen und deren Angehörigen zu verlangen.
In gewohnt grafisch experimentierfreudiger Manier (z.B. durch die wiederholte Auflösung jeglicher Form im Zeichen von Gewalt und Auslöschung) erzählt Weyhe nicht nur von den Schicksalen der beiden jungen Frauen, die sich im Angesicht von sozialer Ungleichheit und politischer Willkür den illegitimen Machthabern entgegenstellen und dabei mit ihrem Leben den höchsten Preis bezahlen mussten. Es geht um jene, die im Angesicht der Verbrechen verstummten und insbesondere um jene, die das Unrecht benannten und die Täter in aller Öffentlichkeit anklagten. Wie Ellen Marx, die sich den Madres de Plaza de Mayo („Mütter des Platzes der Mairevolution“) anschloss, welche öffentlichkeitswirksam Auskunft über den Verbleib ihrer „verschwundenen“ Angehörigen verlangten und nach Ende der Diktatur die strafrechtliche Aufarbeitung der Menschenrechtsverletzungen einforderten. Ohne ihr mutiges Engagement wäre die Verurteilung ranghoher Vertreter der argentinische Militärdiktatur nach 2010 wohl undenkbar gewesen.

Durch die Ritzen der Verleugnung
Roberto Grossis DIE GROSSE VERDRÄNGUNG erhielt jüngst den Demetra-Preis für Umweltliteratur für Werke, die sich auf innovative Weise mit Klimafragen, sozialer Verantwortung und ökologischer Zerstörung auseinandersetzen. Auf dem ersten Blick scheinen Grossis Ausführungen jedoch gar nicht so originell. Der ungehemmte Raubbau an der Natur, der unwiederbringliche Verlust der Artenvielfalt in Flora und Fauna, der ungebremst ansteigende Ausstoß von Kohlendioxid, das steigende Risiko von Pandemien und der rasante Anstieg kriegerischer Konflikte im nuklearen Zeitalter führen, so Grossi, die Menschheit geradewegs in die Apokalypse. Es sei denn, man würde die Notwendigkeit eines Umsteuerns, ökonomisch wie politisch, erkennen und der menschengemachten Zerstörung des Planeten endlich Einhalt gebieten. Mit der Frage, warum wir wider besseren Wissens nicht handeln, beginnt der interessanteste Teil des Comic-Essays, der aber keine Antworten liefert, sondern weitere Fragen aufwirft: Hängen wir so sehr an unserem Wohlstand, dass wir lieber den Untergang in Kauf nehmen, als auf Privilegien zu verzichten? Glauben wir daher eher jenem Teil der politischen und wirtschaftlichen Elite, die uns einfache technische Lösungen versprechen oder das Problem gar leugnen? Ist unser Vorstellungsvermögen so begrenzt, dass wir mit unserem Denken nur im Heute verharren können, statt an einer Welt für morgen zu bauen und das wachstumsbasierte kapitalistische Wirtschaftsmodell zu verabschieden? Fest steht, die Klimakrise offenbart auch eine tiefe Krise der Demokratie und erfordert angesichts der unzureichenden Maßnahmen von Regierungen weltweit neben der Veränderung des Wirtschaftslebens auch eine Neugestaltung unserer politischen Gestaltungsprozesse.
So weit so gut, aber eben auch bekannt. Beeindruckend ist jedoch, wie Grossi den von ihm ausgebreiteten Zusammenhang von Klimawandel, Kapitalismus, sozialer Ungleichheit und technischem Fortschritt visuell in Szene setzt. Obwohl der Sachverhalt ziemlich abstrakt und sehr komplex erscheint, entscheidet sich Grossi überraschenderweise für ein eher bildlastiges Erzählen. Blocktexte werden sparsam verwendet, und immer wieder wird seitenweise ganz auf textliche Darstellungen verzichtet. Und hier zeigt sich tatsächlich der innovative Ansatz des Comicautors, indem er in assoziativen Bild-Verknüpfungen unheilvolle Kontraste herstellt, welche die erklärten Zusammenhänge eindrücklich und emotional erfahrbar werden lassen: Ein tiefer Riss durch schmelzendes Packeis setzt sich im untenstehenden Panel fort, nur diesmal als Rinnsal in einer Wüste, aus dem die Menschen ihr Wasser schöpfen. Ein vollkommen überfülltes Flüchtlingsboot trifft auf eine Luxusjacht, an deren vorderen Ende ein einzelner Mensch ein Sonnenbad nimmt. Eine verendete Fledermaus zunächst in ihrem natürlichem Habitat, dann – in unveränderter Position und Körperhaltung – in einem Tiergehege, umringt von sehr neugierigen (und vermutlich auch hungrigen) Schweinen.

Ein unheimlicher Abgrund in der Mitte der Gemeinschaft
In Sarah Hübners grafischer Erzählung UNRUHE geht es um die Einwohner eines beschaulichen Dorfes, das von einer malerischen Gebirgskulisse umgeben und daher auch schwer zugänglich ist. Und so gleicht ein Tag dem anderen, bis plötzlich das Ungeheuerliche geschieht und sich in der Mitte des Ortes ein finsterer und endlos scheinender Abgrund auftut. Das unvermittelte und – scheinbar – unerklärliche Ereignis führt zu unterschiedlichen Reaktionen in der Bevölkerung: Während die einen nach einem pragmatischen Umgang, einem Arrangement mit den neuen örtlichen Gegebenheiten suchen, verbreitet sich bei anderen Angst und Misstrauen. Das Dorf ist gespalten zwischen dem Vertrauen in die beschwichtigende wissenschaftliche Expertise und dem Verschwörungsglauben an finstere Machenschaften. Als das Gerücht aufkommt, dass ein Zusammenhang zwischen der Seilbahn – der einzigen Verbindung des Dorfes mit der Außenwelt – und dem tiefen Loch bestehe, eskaliert die Lage schließlich.
Hübners Comic, augenscheinlich ein Pastiche von Steven Collins grotesker Dystopie DER GIGANTISCHE BART, DER BÖSE WAR, zeigt wie sein Vorbild, wie im Falle des Eintretens unerwarteter und scheinbar bedrohlicher Ereignisse totalitäre gesellschaftliche Bestrebungen entstehen können, die sich ganz und gar der Identifizierung und Bekämpfung eines vermeintlichen Bösen verschreiben. Beide Erzählungen bedienen sich der gleichen paradigmatischen Gegensätze – Innen und Außen, Ordnung und Chaos – und ihrer Dislozierung durch ein Objekt, das den Gesellschaften gleichermaßen innerlich wie äußerlich ist. Anders als Collins verzichtet die Autorin dabei auf stilistische Experimente mit dem Medium Comic und konzentriert sich auf die Erzählung einer – im besten Sinne – geradlinigen und schnörkellosen Geschichte über den paranoiden Ursprung von Verschwörungserzählungen.



