vonMario Zehe 02.03.2026

[ˈkɒmik_blɔg]

Der Comic – einst das Schreckgespenst des Bildungsbürgers, heute dagegen der (heimliche) Liebling des Föjetong.

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Wie wohl kaum ein anderer Manga schaffte es NAUSICAÄ AUS DEM TAL DER WINDE auch außerhalb Japans sowohl das strenge Feuilleton als auch eine breite Leserschaft für sich einzunehmen. Das siebenbändige Werk des Amine-Regisseurs und Zeichners Hayao Myazaki verkaufte sich seit 1982 annähernd 20 Millionen Mal und wurde Ende 2025, nachdem es in Deutschland nur noch antiquarisch erhältlich war, vom Carlsen Verlag in einer vierteiligen Omnibus-Ausgabe neu aufgelegt. Die Geschichte der Prinzessin eines kleinen Volkes zwischen zwei sich bekriegenden Großreichen inmitten einer völlig aus dem Gleichgewicht geratenen Natur gilt heute als ein literarisches Zeugnis der „ökologischen Epochenschwelle“ in den 1970er und frühen 1980er Jahren, als erstmals das ganze Ausmaß der menschengemachten Umweltzerstörung einer größeren Öffentlichkeit bewusst wurde.

Hier ein zugegebenermaßen unvollkommener Versuch, den Inhalt der in einem Zeitraum von zwölf Jahren erschienen Serie, die schließlich weit mehr als 1000 Buchseiten umfasst, in wenigen Sätzen zu umreißen: NAUSICAÄ spielt in einer mehr als tausend Jahre entfernten, postapokalyptischen Zukunft in den Ruinen einer durch Krieg und andere Verheerungen versehrten Welt. Als sich zwischen dem Königreich Torumekia und dem Fürstentum Doruk ein kriegerischer Konflikt anbahnt, sind auch die von Torumekia abhängigen Grenzvölker verpflichtet, Kriegsgerät und Soldaten zu schicken. Die Prinzessin des „Tals der Winde“, Nausicaä, schließt sich gezwungenermaßen mit einigen getreuen Kämpfern der Luftflotte der torumekischen Prinzessin Kushana an und begibt sich auf eine lange Reise, die sie bis in die heilige Stadt Shuwa im Zentrum des feindlichen Doruks führen wird. Im Laufe der Geschichte kommt Nausicaä mit unterschiedlichen Völkern der Region in Kontakt, wird Zeugin der erbitterten Macht- und Ränkespiele innerhalb der torumekischen wie auch der dorukischen Führungselite, gerät zur Inkarnation der „Trägerin des blauen Gewands“, eines uralten, verbotenen dorukischen Kultes, und erkennt schließlich die – erneute und vermutlich endgültige – apokalyptische Bedrohung, die für die verbliebene Menschheit aus dem Krieg erwächst.

© Carlsen 2025

Die in dieser ultraknappen Inhaltsangabe schnell ersichtlichen Themen und Motive – Religion und Spiritualität, Kolonialismus und internationale Arbeitsteilung, Militarismus und Krieg sowie nicht zuletzt die Geschlechterfrage – buchstabiert der (einstige) Marxist Myazaki sehr genau aus und arrangiert ihre mehrdeutigen Beziehungen im Laufe des Werks mehrmals neu. Ihren Fluchtpunkt bilden aber zweifellos die gesellschaftlichen Naturverhältnisse. Daher ist die Serie naheliegenderweise als „Öko-Dystopie“, „Öko-Märchen“ oder „Umweltfabel“ bezeichnet worden, doch greifen diese Betitelungen deswegen zu kurz, weil sie zu sehr auf den Aspekt der Umweltzerstörung zielen. In Nausicaä geht es aber grundlegender um die Frage(n), wie Gesellschaften ihren Stoffwechsel mit der Natur überhaupt organisieren können und mit welchen Konsequenzen sie das tun, im Guten wie im Schlechten. Insofern lässt sich ohne große Übertreibung sagen, dass sich die Leser*innen des Manga auf dessen tausend Seiten mit ebenso tausend Ökologien konfrontiert sehen werden.

Der schillerndste Aspekt ist hierbei – schon allein des Namens wegen – das „Meer der Fäulnis“, ein riesiger zusammenhängender Wald aus giftigen Pilzen und ihren Sporen, der sich fortwährend ausbreitet und im Begriff ist auch die letzten Refugien der menschlichen Zivilisation unbewohnbar zu machen. Nur wenige Tierspezies können in ihm leben, Menschen benötigen zum Betreten eine Atemmaske. Nichtsdestotrotz treibt es die forsche Nausicaä immer wieder in das Meer der Fäulnis, dem sie nach und nach die Geheimnisse seiner rätselhaften Existenz entlocken kann. Für die Erzählung bildet der Wald so etwas wie das konstitutive Außen, aus menschlicher Perspektive eminent bedrohlich, wenn nicht gar feindlich. In einer umgekehrten Sicht erhält er aber eine ganz andere Bedeutung: einerseits bietet der der menschlichen Zivilisation abgerungene Raum einen Rückzugsort für die dort lebenden, riesigen Insekten, andererseits stellt sich heraus, dass die pilzartigen „Bäume“ des Waldes in der Lage sind, den von den Menschen völlig verseuchten Boden zu reinigen.

Die Verseuchung von Boden und Luft, als langfristige Folgen eines längst vergangenen Industriezeitalters, führt in der Welt Nausicaäs zu einer Verödung der Landschaft und einer sehr überschaubaren Artenvielfalt. In monochromen Brauntönen zeichnet Myazaki seine Figuren in eine karge Steppenlandschaft, die – wenngleich faszinierenden – Tierarten lassen sich an einer Hand abzählen: z.B. blauwalgroße, asselartige „Ohmus“ sowie flugunfähige, vogelähnliche Kreaturen („Toriuma“), die als Reittiere dienen. Ansonsten dominieren riesige Fluginsekten die Fauna der erzählten Welt. Nur das Tal der Winde, durch geografische und klimatische Faktoren von den Verunreinigungen einigermaßen geschützt, und ein versteckter Garten in der Nähe der heiligen Stadt Shuwa bilden hierzu sozusagen Gegenorte, in denen es zahlreiche Pflanzen- und sogar weitere Tierarten gibt.

© Carlsen 2025

Auf der anderen Seite interessiert sich Myazaki für diejenigen menschlichen Lebensformen, die sich am Rand bzw. inmitten des lebensfeindlichen Raumes eingerichtet haben und in einer nicht auf Ausbeutung basierenden Beziehung zu ihrer Umwelt zu (über)leben versuchen. Sie – die „Insektenbändiger“ und „Waldmenschen“ – bilden in ihrer Zivilisationsferne und Nähe zu den Tieren und Pflanzen des Waldes das utopische Potenzial von Nausicaä, wenngleich vieles von ihrer Lebensweise nur angedeutet bleibt. Und es ist schließlich die Prinzessin Nausicaä selbst, welche mit ihren Fähigkeiten, mit allen Lebewesen kommunizieren zu können und ein außergewöhnliches Verständnis für die Komplexität und Widersprüchlichkeit der Ökosysteme aufzubringen, die Grenze zwischen Natur und Kultur aufhebt.

© Carlsen 2025

Die Menschheit müsste die Vorstellung einer Existenz außerhalb ihrer natürlichen Umwelt aufgeben und einem Platz in ihrem Ökosystem finden; der Mensch wäre Teil der Natur, nicht ihr Herrscher, und – wie Nausicaä – untrennbar mit allen Lebensformen verbunden. Und doch bleibt Myazakis Ausblick düster und alles andere als optimistisch: In dem oben erwähnten versteckten Garten erfährt die titelgebende Heldin, dass dort die einzigen Lebewesen existieren, die nach einer „Reinigung“ der Erde durch das Meer der Fäulnis den Planeten noch bewohnen könnten. Allen anderen Pflanzen und Tieren, einschließlich der Menschen wäre kein Leben mehr möglich, da sie irreversibel an die unwirtlichen Bedingungen der verseuchten Erde angepasst sind – vermutlich durch menschengemachte, genetische Veränderungen. Ein einfaches Zurück zu einer ursprünglichen, harmonischen Einheit mit der Natur ist daher nicht möglich, die Entfremdung nicht mehr aufhebbar.

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