Mit diesem Comic habe ich mich schwer getan. Lange habe ich seiner Veröffentlichung in deutscher Übersetzung entgegengefiebert, am 16. März war es endlich so weit: Darcy van Poelgeests und Ian Bertrams im vergangenem Jahr beim Indiecomiclabel Image in sechs Comicbooks veröffentlichte Mini-Serie Precious Metal wurde vom deutschen Comicverlag Cross Cult in einem einbändigen großformatigen Album herausgegeben. Relativ schnell wurde klar, dass der Band als Prequel der preisgekrönten und gefeierten grafischen Erzählung Little Bird zwar inhaltlich mit dieser verbunden ist, auf der Ebene des Erzählens aber ganz anders funktioniert (wenn man denn überhaupt noch von einer „Erzählung“ reden mag). Das erklärt vielleicht einiges von dem beredten Schweigen von Seiten der Literaturkritik seit der Veröffentlichung des Bandes auch im englischsprachigen Raum seit dem vorletzten Jahr.
Blickt man aus heutiger Sicht auf die vor sechs Jahren erschienene Serie Little Bird und ihre Themen bzw. Motive zurück, beeindrucken ihre Weitsichtigkeit und die prognostischen Fähigkeiten ihrer Autoren Poelgeest und Bertram. Die Widerstandsgeschichte über eine Gruppe kanadischer Indigener, angeführt von einem jungen Mädchen, welche sich dem imperialen Herrschaftsanspruch einer klerikal-faschistisch regierten USA entgegenstellen, zeichnet – trotz Umwegen über Metonymie und Metapher – ein recht realistisches Bild der aktuellen gesellschafts-, kultur- und geopolitischen Konflikte und Kämpfe (nicht nur) auf dem nordamerikanischen Kontinent. Die unheimliche Wiederkehr des Faschismus und einer imperialistischen Weltordnungspolitik bilden die explizit politischen Motive, um welche die Erzählung kreist.
Poelgeest setzt seinen Anspruch, dass Comics stets die gesellschaftlichen Probleme und Herausforderungen ihrer Gegenwart thematisieren, in Precious Metal ganz anders um als im Vorgängerband. Statt ausdrücklich politischer Themen wie Herrschaft und Widerstand (die zwar weiterhin, aber eben nur noch hintergründig verhandelt werden) geht es nun um eher soziologisch motivierte Fragestellungen nach verunsicherten sozialen Existenzweisen, der Erfahrung von physischer wie psychischer Verletzlichkeit sowie den Versuchen der biotechnologischen Überwindung der Grenzen des Menschlichen in spät- bzw. nachmodernen Gesellschaften.

Das Prequel setzt mehr als ein Vierteljahrhundert früher als Little Bird ein und handelt von dem vollkommen desillusionierten „Mod-Tracker“ Max Weaver, der gegen Kopfgeld Jagd auf gentechnisch veränderte Individuen macht. Sein neuester Auftrag macht ihn allerdings zunehmend selbst zum Gejagten, er gerät ins Radar rivalisierender gesellschaftlicher Gruppierungen, u.a. einer radikalen eschatologischen Sekte sowie einer nicht näher definierten Untergrundarmee.
Die Gesellschaft in Weavers Welt ist asymmetrisch geteilt zwischen genetisch modifizierten Hybriden („Mods“) und nicht veränderten menschlichen Individuen. Stellt sich der Transhumanismus in den gegenwärtigen Debatten vor allem als Spielwiese einiger Akteure der politischen Rechten und des Tech-Libertarismus dar, ist das Projekt der technischen Optimierung des Menschen in Precious Metal bereits gescheitert und wird politisch bekämpft. Mods sind nicht die gleichgeschalteten und körperlich wie geistig gestählten „neuen Menschen“, von denen der Faschismus seit seiner Gründung träumt, sondern deren genaues Gegenteil. Sie sind vielmehr bizarr anmutende Idiosynkrasien, mit Körperformen, die z.T. nur noch entfernt an einen menschlichen Ursprung erinnern. In ihrer phänotypischen Vielfältigkeit und Originalität unterlaufen sie das faschistische Ideal einer („rassisch“) homogenen Gemeinschaft.

Als gesellschaftlich Ausgestoßene und Verfolgte sind sie zugleich hoch verletzlich. Das zeigt sich an niemanden besser als am Protagonisten Max selbst, der als Mod und Mod-Tracker ein Dasein als Ausgestoßener unter Ausgestoßenen verbringt und seine Gewissensbisse im Alkohol zu ertränken versucht. Seine nicht unerheblichen Aufgabe – die Rettung der Menschheit vor ihrer völligen Vernichtung – steht ihm Kontrast zu seiner psychischen Zerrüttung, an deren Vervollkommnung seine Gegner kräftig arbeiten. Versehrte Seelen gehen in den düster-bunten Bildwelten einher mit versehrten Körpern, die in den zahlreichen Kämpfen der (Anti-)Helden und ihrer Gegenspieler zerstückelt, durchbohrt, zerquetscht und zerrissen werden. Die Gewalt setzt früh ein und bleibt bis zum Schluss omnipräsent, wenn auch das Finale mit einer horroresken Eskalation der Brutalität das Maß des Erträglichen nochmals neu auslotet. Ian Bertrams originelle Gestaltung der urbanen wie auch ländlichen Räume, die der Protagonist durchschreitet, metaphorisiert diese permanente Auflösung von Körpergrenzen und verleiht der Geschichte einen surrealen Anstrich.
Bleibt schließlich der Eindruck des erratischen, unzugänglichen Charakters des Werkes, den die Lektüre hinterlässt. Es mag seine Ursache darin haben, dass die Autoren die Grenzen des sequentiellen Erzählens gesucht und gefunden, mit den Zeitebenen gespielt und einen ziemlich vertrackten Plot entwickelt haben. Meiner Meinung nach liegt ein wichtiger Grund aber auch in der Tiefenstruktur von Precious Metal, die sich einer Grundbedingung des klassischen Erzählens widersetzt, und zwar der Teilung eines semantischen Raumes in zwei gegenüberstehende gegensätzliche Lager (wie es in Little Bird übrigens noch der Fall ist). Statt Polarisierung erwartet die Leser*innen maximale Komplexitätssteigerung und eine Vervielfältigung der Frontlinien. Wer Freund und wer Feind ist, ist zeitweise kaum noch zu bestimmen. Diese hochgradige Verunsicherung des Protagonisten (wie übrigens auch der Leser*innen) über das, was hier eigentlich Sache ist, entspricht ziemlich genau dem gegenwärtigen gesellschaftlichen Vertrauens- und Orientierungsverlust und wird damit zu einer übergreifenden Trope.