vonlottmann 24.06.2010

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Meine Rede anläßlich der Entgegennahme des renommierten Wolfgang Koeppen Literaturpreises in Greifswald am gestrigen Mittwoch hatte gefährliche Überlänge. Die vorgeschriebenen 20 Minuten reichten mir natürlich nicht. Über eine Stunde lang kämpfte ich mit dem Publikum um meine poetologische Sicht der Dinge, also um die literaturwissenschaftliche Deutung des Werkes von Koeppen. Dabei – so die offizielle Vorgabe – mußte ich auch auf mein eigenes Ouevre und das von Sibylle Berg eingehen, was ich nur zu gern und mehr als ausgiebig tat. Erwartet hatten die real existierenden Zuhörer sicher etwas anderes: nämlich die übliche Hollywood-Dankesrede voller Emotion und innerer Bewegung. Ich hätte gerührt sein müssen, lachen, weinen, meiner Mutter danken, die immer an mich geglaubt hatte, meinem Vater, der nun im Rollstuhl am Fernseher den historischen Moment… und so weiter. Dazu kam ich nun nicht. Und das war natürlich der wahre Dank, den ich den armen Greifswaldern abstattete, und sie verstanden es sofort und zeigten sich begeistert. Minutenlanger Beifall. Dennoch: die protokollarische Dankesliste fehlt noch, und ich will sie hier im Blog nachliefern. Natürlich habe ich den Hauptverantwortlichen bereits persönlich geschrieben, Sibylle Berg als erstes, meiner Nichte Sarah Haase als zweites, dann dem Oberbürgermeister Dr. Arthur König, dem Kulturamtsdezernent Andreas Sappelt – dieser wundervolle Mitbürger hatte den gesamten Greifswalder Teil der Organisation geschultert, so wie Nichte Hase in unerschütterlicher guter Laune und Vitalität den Berliner Teil -, der stellvertretenden Laudatorin Anne Wieser, dem vom anderen Ende der Welt angereisten Lyriker Frank Hornung, meinem Verleger Helge Malchow und dem für mich kongenialen Lektor Marco Verhuelsdonk, dem wahren Autor meiner letzten vier Romane, dem Hamburger Bürgermeister Ole von Beust und seinem Freund Ecki D. J. Stamer, vor allem aber meiner geliebten Freundin Jutta Winkelmann, meinem Lebensmenschen sozusagen. Doch der Tag nach dem großen Ereignis reichte zeitlich nicht aus, um auch jenen zu schreiben, die ebenfalls vier, sechs oder zwölf Stunden Anreisemühsal auf sich genommen haben, einzig zu dem Zweck, bei dieser Ehrung anwesend zu sein, sprich, ich wage es kaum zuende zu denken, mich zu ehren. Ihnen möchte ich an dieser Stelle meine Überraschung und Freude darüber mitteilen. Es sind Pola Lia Schulten, die von Hamburg aus bis zur Ostsee getrampt ist, unterstützt von ihrem rührenden Freund Steffen. Der Maler und bedeutende Jugendfreund Jan Bertheau machte sich mit seiner Frau Babilou von Howacht in Schleswig Holstein aus auf den sicher beschwerlichen Weg durch die ehemalige ‚DDR‘. Mein eigener Bruder – er heißt übrigens Eckart – scheute nicht nur diese Strapazen nicht, sondern brachte auch ein ganzes Filmteam mit, um die Preisverleihung in voller Länge und in der für ihn typischen Dokumentarfilmqualität aufzuzeichnen (auch ein Filmteam des NDR war anwesend, allerdings nur für einen halbstündigen Kulturbeitrag, der am Sonntag um 19 Uhr im Dritten Programm ausgestrahlt wird). Nein, Eckart Lottmann hat eine unverwechselbare eigene Handschrift, er nimmt sich auch Monate Zeit zum Schneiden, und ich freue mich auf seinen Film. An Frank Hornungs Seite sah ich Christina Friedmann, ebenfalls aus München und mit Lena Meyer-Landrut Perücke, sehr apart. Überhaupt trugen viele im vollbesetzten Koeppenhaus Lena Meyer-Landrut Brillen, die meisten sogar ohne es zu wissen. Mein Berliner Freund und innerlich sehr bewunderter Armenanwalt Dr. Volker Mundt war mit Frau und Kindern gekommen. Er hat zwei Buben, fünf und sieben Jahre alt, seine Frau ist Schweizerin wie (fast) Sibylle Berg. Mein anderer langjähriger Freund aus der Hauptstadt, Clemens von Holtzendorff, ehemaliger Gardeoffizier der NVA, kam in Begleitung des militärischen Ex-Feindes, Ex-NATO-Oberst Reinhart v. Luschert. Die beiden sind durch meine Vermittlung, gerade in den letzten zwölf Monaten, Freunde geworden. Sie verbindet die Liebe zu den Waffen und zu meinen Büchern. Bei Luschert kommt tatsächlich eine lebenslange Begeisterung für Wolfgang Koeppen hinzu. Clemens von Holtzendorff liebt die politische geostrategische Diskussion wie kein zweiter, den ich kenne. Ein kluger Kopf. Ich war froh, daß er, obwohl er den westdeutschen Kulturbetrieb nicht mag, trotzdem gekommen war. Heike-Melba Fendel war da! Zusammen mit ihrem Freund, dem Philipp. Sie hatte schon vor Wochen öffentlich den ‚Geldkomplex‘ gelesen, außerdem trafen wir uns auf der Leipziger Buchmesse, sodaß das Wiedersehen fast schon ein vertrauter Moment war. Trotzdem, oder gerade deswegen, fühlte ich echte Gefühle der Dankbarkeit in mir aufsteigen. Daß Dr. Volker Weidermann, mein Entdecker, das Ereignis nicht ignorierte, versteht sich von selbst. Außerdem möchte ich nun noch in aller Kürze und trotzdem bewegt danken: Tex Rubinowitz aus Wien (Österreich), Gerrit Bartels (gewiß kein ‚Fan‘, aber der letzte echte Hofberichterstatter, den ich habe), Heiko Arntz, Amtsleiterin Resch, Frau Dr. König, Bettina Andrae, Christian Y. Schmidt (kam aus Peking), meine Übersetzerin ins Englische Anita Mage, super woman Greta Taubert, Philipp Albers, Holm Friebe, Cornelius Reiber, Thomas Lindemann, Bernhard v. Guretzky, Michael Jürgs, Hans-Herrmann Tiedje, Matthias Matussek, Stararchitekt und MdB Thomas Desiderius Molnar, Professor J. Klein (Universität Greifswald), Koeppen-Archiv-Leiterin Katharina Krüger, Anja Fröhlich, Eva Maria Klose, Fluxusgründerin Bettina Semmer, Severin v. Winzenburg (Filmhochschule München), Annerose Lottmann-Bücklers, am meisten Olga Hollywood, Sabine Petersson, Maxim Biller, Thomas Meinecke, Sybille Schloß, Irene Ryll, Kirstin Ruge, Marion Ulrich, und vor allem danke ich natürlich Wolfgang Koeppen und allen anderen Einwohnern Greifswalds!

(Im Anschluß noch einmal die offizielle Dankesrede, von der aber durch zahllose spontane Einsprengsel zwecks Auflockerung abgewichen wurde. Nach der fulminanten Laudatio des Oberbürgermeisters Dr. Arthur König und der noch besseren, fast schon bitter-polemischen Rede Sibylle Bergs begrüßte ich das Publikum, sprach zum Glück ein paar Minuten frei, ehe ich dann die vor Monaten geschriebene ‚Dankesrede des Preisträgers‘ aus der Innentasche des Altherrenjackets hervorzog und ohne weitere Anrede vorzulesen begann:

„Wolfgang Koeppen gibt es gleich mehrmals. Der glückliche junge Mann, der in der Demokratie der Weimarer Republik aufwuchs, der verhinderte, unglückliche Schriftsteller, der seine besten Jahre an das Dritten Reich verlor, der überragende, großartige Autor der Adenauerzeit nach dem Krieg, schließlich der Mann, der auf rätselhafte Weise nach dem dritten Roman verstummte, auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft, in einem Alter, in dem Grass und Walser noch zwei Drittel ihres Oeuvres vor sich hatten. Mich interessiert als erstes seine Ausgangssituation als Schriftsteller. Es ist das Jahr 1933, Hitler ist an die Macht gekommen, der erste Roman ‚Eine unglückliche Liebe‘ ist fertig, wie geht es jetzt weiter? Soll Koeppen nun zwölf Jahre lang Komödien schreiben? Das kann er nicht, dazu sind ihm die neuen, angeblich modernen Zustände zu unerträglich. Obwohl er kein politischer, kein ideologischer, kein kritischer Autor ist, gelingt es ihm nicht, auf den fahrenden Zug der neuen Zeit aufzuspringen. Vielleicht hat er gar nichts gegen den hereinbrechenden Geist des Hitlerstaates, es ist nur nicht seiner und er paßt nicht hinein. Er kann sich nicht verbiegen, er kann sich auch nicht wehren, er kann nur warten, bis diese inhumane neue Zeit wieder verschwindet. Kaum ein anderer Autor ist so wie er darauf angewiesen, in der richtigen Zeit zu leben. Als sie dann endlich kommt, hat er zu lange gewartet, um sich noch freuen zu können. Er ist obergärig geworden. Er schreit sie an, die neue Zeit, wie eine Geliebte, die ihn stundenlang im Regen hat stehen lassen. In diesem Punkt gibt es vielleicht eine erste vage Berührung mit Sibylle Berg und auch mit mir. Ohne jetzt das menschenverachtende nationalsozialistische Regime Adolf Hitlers auch nur im geringsten mit dem ersten sozialistischen Staat auf deutschen Boden vergleichen zu wollen, fällt doch auf, daß Sibylle Berg, obwohl jeder politischen Stellungnahme obhold, einfach nicht hineingepaßt hat in die sogenannte DDR. Hier konnte sie nicht schreiben, und zwar deswegen, weil sie nicht das erleben konnte, was ihr wert gewesen wäre aufgeschrieben zu werden. Als sie dann von der BRD freigekauft worden war und im Westen lebte, brauchte sie noch Jahre, ehe sie genug Material sprich aufschreibenswerte Erlebnisse gesammelt hatte, um loslegen zu können mit dem Schreiben. Und was dann kam, schmeckte erstmal bitter. Sie brauchte fast anderthalb Jahrzehnte, ehe sie sich bis zur heiteren, ja glücksgetränkten Zufriedenheit ihres letzten großen Romans ‚Der Mann schläft‘ durchgekämpft und vorangeschrieben hatte. Sie ist jetzt da angelangt, wo Koeppen nicht mehr hinkam, und wenn sie jetzt, ebenfalls lange vor der Zeit, verstummen sollte, hinterließe sie den Germanisten kein so unlösbares Rätsel wie Koeppen. Wie steht es nun mit mir selbst dabei? Auch mir stand der politische Diskurs niemals als Ventil für Enttäuschung zur Verfügung. Diese schöne Heilserwartung, diese bequeme Müllhalde war für mich genauso tot wie das Christentum oder die Psychoanalyse. Ich wuchs in einer Zeit auf, in der Gleichaltrige allen Ernstes davon sprachen, ihr und mein Elend käme aus einer fortschreitenden Faschisierung von Staat und Gesellschaft. Ja, richtig gehört. In den westdeutschen Gymnasien der 70er Jahre liefen in aller Regel Leute herum, die den beispiellosen Wohlstand, die historisch einzigartige Liberalität und Geistesfreiheit, die wir uns heute gar nicht mehr vorstellen können, die soziale Fürsorge und die Vollbeschäftigung zu Höchstlöhnen für den Vorhof der Auschwitzhölle hielten. Es war klar, daß ich mich gegenüber solchen Vollidioten nicht erregen konnte, weder für noch wider. Auch zum Beispiel Scientologie hat in meiner Weltauseinandersetzung nie eine Rolle gespielt, oder andere Spinner-Systeme, etwa die der Gurus aus Indien. Ich blieb angewidert und teilnahmslos. Ich wurde also auch kein konservativer Aktivist, kein stellvertretender Landesvorsitzender des RCDS oder sowas, konnte es gar nicht werden, sondern ging in Wartestellung. Ich mußte, wie Koeppen und Berg, warten, bis sich der Wahnsinn des aktuellen Zeitgeistes verziehen würde. Ich wußte schon Mitte der 70er Jahre und sagte es auch, daß meine Zeit erst zehn Jahre später kommen konnte.
Das heißt nicht, daß ich verbitterte. Die Linken hatten den Kulturbetrieb fest im Griff. Ich wuchs in Kreisen auf, in denen man als uncooler Typ galt, wenn man bei den obligatorischen wöchentlichen Demos keine Molotowcocktails gegen das verhaßte präfaschistische Schweinesystem dabei hatte. Und es ging mir trotzdem gut. Alle hatten Geld, auch ich. Nie war ich finanziell so flüssig wie in meiner Jugend. Ich bezog drei Einkommen gleichzeitig: ein üppiges Schüler-Bafög, eine staatliche Halbwaisenrente, und ein generöses Taschengeld von zu Hause. Ich wohnte bei meinem Vater und seiner linksliberalen Geliebten, und vor dem Garten stand schon das Auto, das ich an meinem 18. Geburtstag übernehmen sollte. Ich wußte wirklich nicht wohin mit dem ganzen Geld, zumal mir weder Alkohol noch Drogen Spaß machten. Ich trank lieber Tee mit Hippiemädchen, und der war so gut wie umsonst. Ich mochte auch Sex lieber als Heroin, und der ganze männliche Teil meiner Generation war mir richtiggehend verhaßt. Es hatte nur keinen Sinn, gegen diese verblendeten, aufgehetzten, drogenverseuchten Jugendlichen, also gegen meine eigene Generation, vorzugehen. Es war kein standesgemäßer Gegner vorhanden. Durchgeknallte Pol-Pot-Anhänger – ja, so etwas gab es wirklich – waren für mich so wenig satisfaktionsfähig wie ausgelöschte Junkies oder Wilhelm-Reich-Aktivisten, die die freie Sexualität zwischen Erwachsenen und Kindern propagierten. Aber natürlich, ich wiederhole mich, konnte ich erst recht kein Rechter werden, so wie Koeppen kein Linker werden konnte und Sibylle Berg keine friedensbewegte Christin. Warum, weiß ich nicht, kann es aber fühlen, bei allen dreien. Ich mag mir nicht vorstellen, wie Sibylle Berg Schwerter zu Pflugscharen umschmiedet. Wie Koeppen in einem konspirativen Keller Brechts ‚Die Maßnahme‘ diskutiert. Wie ich mit dem damals noch jungen Juli-Vorsitzenden und anderen Jünglingen auf einer Yacht am Zürisee in der Sonne brate. Ich hätte Guido nichts zu sagen gehabt und seinen Boys auch nicht. Seine Konflikte waren nicht die meinen, so wie der Konflikt aus ‚Die Maßnahme‘ niemals Koeppens Konflikt sein konnte. Dieser Konflikt war so unympathisch wie die ganze Welt, in der er stattfand. Einen Freund töten, weil er politisch die falsche Meinung vertrat und entsprechend handeln wollte: grauenvoll. Da war es wirklich ehrenvoller, ins innere Exil zu gehen.
Die enorme Bitterkeit in Koeppens Romanen der Nachkriegszeit kommt freilich nicht nur aus der langen Wartezeit. Er war ja ein direkter Zeuge eines Wechsels, der in wenigen Jahren passierte. Zwischen 1941, dem Beginn des Vernichtungskrieges, und 1956, dem letzten Schreib-Jahr Koeppens, liegen nur 15 Jahre. Im mitmenschlichen Vergleich ist das nicht viel. Der 18jährige Freiwillige der SS, der begeistert die Untermenschen ausrottet, ist dann erst 33, und angeblich ein ganz anderer. Das war es, was Koeppen nicht verwinden konnte. Er hatte sie alle noch zu frisch als Verbrecher und Fratzen in Erinnerung, die er nun im Adenauer-Staat zu beschreiben hatte, im Bonner Parlament, im wiederaufgebauten Cafe, in der Wirtschaft, im Heimatfilm. Er konnte sie einfach nicht als gütig und integer durchgehen lassen. Der zweite Grund, selten erkannt von seinen Biographen, ist Koeppens fundamentales Unglück in der Liebe.
Anders als notorische Berufsschriftsteller wußte er immer, daß es im Leben und damit der Literatur nicht um Faschismus, Kommunismus, soziale Ausgrenzung oder um Krankheit und Tod geht, sondern einzig um die Liebe. Der Tod ist eine Selbstverständlichkeit und somit kein Thema. Krankheiten sind nur ein mißglückter Ausdruck von etwas, das man besser direkt ausgedrückt hätte. Ideologien und Religionen sind so wenig wahrhaftig wie Kreuzworträtsel oder Morgengymnastik. Nur in der Liebe zwischen Mann und Frau reißt der Himmel auf und bescheint unsere schöne Erde. Deswegen war ‚Eine unglückliche Liebe‘ Koeppens einziges echtes Buch, sein erstes zudem, wie ‚Der Mann schläft‘ Sibylle Bergs einziges echtes Buch ist, befreit vom Eise und Geröll des bitterkalten Winters, der davor lag. Denn darin sind sich Koeppen und Berg wirklich einig: nur die Liebe ist wichtig. Und da hat eben Berg Glück gehabt, und Koeppen Pech. Seine große Liebe, auch eine Sibylle, nämlich Sibylle Schloß, kommt ihm in den Wirren des Übergangs abhanden. Sie ist 19, Jüdin, Schauspielerin, Kabarettistin, phänomenal frech, und macht sich stehenden Fußes vom Acker, als Hitler die Reichskanzlei betritt. So schnell wie sie hat kaum ein anderer den NS-Staat hinter sich gelassen, mit der Folge, daß sie bis ins 21. Jahrhundert hinein am Leben blieb. Koeppen aber verliert sie dabei aus den Augen. Der erlebt dann 20 Jahre später die nächste Liebestragödie. Er heiratet eine viel zu junge Frau, die ihn äußerlich und mental an Sibylle Schloß erinnert, und die im Laufe der folgenden gemeinsamen Jahrzehnte geisteskrank wird. Ein Schicksal übrigens, das sie mit manchen Schriftstellerfrauen teilt, jenen der Koeppen-Gewichtsklasse zumal, der Frau Joseph Roths zum Beispiel. Offenbar haben besonders integre und zugleich geniale Autoren etwas, das ihre Lebenspartner nicht fassen können und was sie dann im schlimmsten Fall in den Wahnsinn treibt. Koeppen, der offenbar unter allen Umständen loyal blieb, verbrauchte ab den 60er Jahren seine gesamte Energie dafür, seiner kranken und hysterischen Frau beizustehen. Die äußere Welt konnte ihn nicht mehr interessieren. Er unternahm noch Reisen, schrieb für den Rundfunk Berichte darüber, lebte von den Tantiemen seiner drei Nachkriegsromane, deren Erfolg nach 1968 immer größer wurde. Er war der Mann, der in kurzer Zeit drei große Romane geschrieben hatte, die zu Klassikern wurden, und dann verstummte. So etwas hatte es sonst niemals gegeben. Viele verstummen nach EINEM Roman, weil dort alles drinsteht, was sie zu sagen haben, aber nach dreien? Sehr seltsam. Und doch trifft es auch auf Koeppen zu: er hatte zweimal etwas zu sagen: am Ende der Weimarer Republik und am Beginn der Bonner. Die erste Botschaft steckte er in seinen unbeachteten Roman ‚Eine unglückliche Liebe‘, die zweite in die Trilogie ‚Tauben im Gras‘, ‚Das Treibhaus‘ und ‚Tod in Rom‘. Interessant wäre seine Botschaft aus dem letzten Lebensdrittel gewesen. Wir wissen sie nicht, wir können sie nur ahnen. Es ist eine dankbare Aufgabe für heutige Literaturwissenschaftler. Ich selbst zähle mich dazu, natürlich nur in diesem Falle, und deswegen wird Koeppen und die Lektüre seiner nachgelassenen Schriften mich weiter beschäftigen. Ich freue mich daher ganz besonders, heute den Wolfgang Koeppen Preis verliehen zu bekommen und empfinde das auch als moralischen Auftrag, mich weiter um diesen armen Mann zu kümmern, der wie ich soviel über den politischen Geist seiner Zeit schrieb und dem es dabei um das Gegenteil ging, nämlich die Rettung des Individuums durch die Liebe. Dieser Mann ist vielleicht durch mein ganzes Schaffen hindurch mein Vorbild gewesen, meistens ohne daß ich es wußte. Das ist natürlich eine kühne These, ein wolfeiler Satz, den man in einer Dankesrede für den Wolfgang Koeppen Preis auch erwarten oder zumindest hinnehmen kann, aber wie belastbar ist er? Dazu müßte man noch einmal auf den entscheidenden Punkt in Koeppens Autorenschaft schauen, den Punkt, der ihn in der Literaturgeschichte geradezu definiert, nämlich seine beispiellose, vier Jahrzehnte andauernde Schreibblockade. Genauer gesagt sind es sogar zwei Schreibblockaden, denn auch zwischen seinen Romanen Anfang der 30er und denen Anfang der 50er Jahre klafft eine unerklärliche Lücke von fast zwei Jahrzehnten. Zusammengerechnet hat der Mann von 90 Lebensjahren nur fünf als Romancier verbracht. Dabei ging es meist recht schnell, wenn er schrieb. ‚Tod in Rom‘ hat er in wenigen Monaten runtergeschrieben. Die Frage ist nun nicht, warum er fast sein ganzes Leben lang diese extrem schmerzhafte Schreibblockade hatte, sondern warum er sie in diesen fünf, sechs Jahren nicht hatte. Und, zweitens, ob und was das mit mir, dem diesjährigen Preisträger zu tun hat.
Es ist immer wieder gesagt worden, Wolfgang Koeppen sei in Wirklichkeit niemals verstummt, er habe im Stillen immer weitergeschrieben, nur eben nicht veröffentlicht. Sogar ein Superprofi der Verwertungsbranche, Siegfried Unseld, also einer, der es wie kein Zweiter wissen mußte, hat bis zuletzt unerschütterlich das nächste Buch von ihm erwartet. Und ihm hunderttausende Mark Vorschuß hingeblättert. Allein dieser Vorgang, das Ausbezahlen von Vorschußgeldern ohne Gegenleistung über einen Zeitraum von über 35 Jahren, macht Koeppen zum beispiellosen Autor. Nur bei J.D. Salinger wartete die Welt noch länger, aber dessen Talentproben, auf die ja alle Erwartung fußte, bestanden nur aus einem dünnen Bändchen Jugendliteratur plus einer Handvoll Kurzgeschichten, und nicht, wie bei Koeppen, den drei besten Romanen der Nachkriegsgeschichte. Man sah Koeppen ja auch stets arbeiten. Wer sein Zimmer betrat und die Tonnen von beschriebenem Papier sah, war sofort überzeugt: der Mann schafft. Hier liegt Weltliteratur herum, ein titanisches Werk von zahllosen noch unveröffentlichten Romanen.
Kommen wir an dieser Stelle kurz zu mir. Auch ich vermittelte Besuchern immer dieses Bild des schaffenden Schriftstellers. Wer wollte, konnte die angeblich 32 Bücher, die ich für die Schublade geschrieben hatte, in Augenschein nehmen. Es gab sie tatsächlich. Und sie waren gut, wie jede beliebige Stichprobe zeigte. Und daß ich ein echter Autor war und kein dünkelhafter Hobby-Poet, bewies der Erfolg meines ersten Romans ‚Mai, Juni, Juli‘, der mich frühzeitig in Deutschland bekannt gemacht hatte, zumindest in den einschlägigen Kreisen der Literaturszene. Man kannte mich, hielt mich für ein Talent, und ich hatte einen großen Verleger, der fest an mich glaubte und mich immer wieder neue Romanverträge unterschreiben ließ, mit fetten Vorschüssen natürlich. Doch die Jahre und Jahrzehnte vergingen. Manchmal besuchte mich mein Verleger noch, sah wieder die Wand mit den selbst gebundenen unveröffentlichten Texten sowie die Fotoalben – denn ich fotografierte ebenso jeden Tag wie ich schrieb – und blätterte in beiden. ‚Mai, Juni, Juli‘ hieß so, weil ich die 256 Seiten in den Monaten Mai, Juni und Juli 1986 geschrieben hatte. Ein Jahrzehnt später, im Mai 1996, gab es immer noch keinen Nachfolger für dieses Werk, das inzwischen in der Literaturwissenschaft als Beginn der deutschen Popliteratur gefeiert wurde. Auch nach 15 Jahren, am 11. September 2001, war das unverändert so. Fast zwei Dekaden waren schließlich vergangen, als der Literaturchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung Dr. Volker Weidermann in einem spektakulären Artikel fragte: ‚Wo ist Joachim Lottmann?‘. Er besuchte mich in meiner Berliner Wohnung, sah mein Arbeitszimmer, sah die Wand mit den Schubladen-Romanen, las in ihnen, war natürlich angetan. Vehement forderte er in weiteren Artikeln ein zweites Buch von mir. Daraufhin schrieb ich im Winter 2004/2005 den Roman ‚Die Jugend von heute‘, der ein großer Erfolg wurde. Es folgten in schneller Folge vier weitere veröffentlichte Bücher. So gesehen gibt es sehr wohl diese entscheidende Parallele zwischen Koeppen und mir. Gut möglich ist es auch, daß ich die nächsten 30 Jahre wieder verstumme, wie er.
Zurück zur ersten Frage: Was war in den kurzen Phasen der echten Produktivität anders als in denen der nur vorgetäuschten? Meines Wissens nach hat sich in den letzten 150 Jahren nur ein einziger Wissenschaftler mit dieser Frage, nämlich der Frage nach den Ursachen der Inspiration, konsequent beschäftigt, nämlich Klaus Theveleit in seinem ‚Buch der Könige‘. Ich war ihm immer dankbar dafür, denn ich habe es frühzeitig gelesen, direkt nach dem Erscheinen. Ich wußte somit schon in jungen Jahren über mich Bescheid und fühlte mich in einer Reihe mit den Fallstudien, die Theveleit vorgenommen hatte, und das waren Thomas Mann, Gottfried Benn, Franz Kafka, Ferdinand Celine, Bert Brecht, Ezra Pound und vor allem Knut Hamsun. Wolfgang Koeppen hatte er dummerweise vergessen, obwohl gerade der der interessanteste Fall gewesen wäre. Aber Theveleit lebt noch, ich bin mit ihm bekannt, und in einer noch kommenden Neuauflage wird er Koeppen berücksichtigen. Es geht um das Verhältnis, das ein Schriftsteller zu einer Frau haben muß, um sinnvoll das heißt zielgerichtet schreiben zu können. Das ziellose, talenttriefende Schreiben an sich ist ja keine Kunst, ebenso wenig wie das zwar gezielte, gewollte, aber uninspirierte Schreiben, diese rein handwerklichen Fleißarbeiten, die von weit über 90 Prozent unserer staatlich geförderten Schriftsteller hergestellt werden (wobei neben tumben Fleiß noch der völlige Ausfall jeglichen politischen Bewußtseins auffällt, das über ‚starke Frauen bekämpfen böse Nazis‘ hinausgeht). Nein, wann treffen sich Inspiration und Gestaltungskraft? Wenn der Autor verliebt ist? Wenn er unglücklich verliebt ist? Keines von beiden. Der Autor, wenn er Koeppens Struktur hat, muß seinen ‚Wahnsinn‘, nicht zuletzt seine verdrängten verletzten Gefühle, an einer Frau abarbeiten, die genau das zuläßt. Wie das im einzelnen aussieht, würde hier zu weit führen. Theveleits ‚Buch der Könige‘ ist nicht umsonst mehrere Tausend Seiten stark. Es sei nur erwähnt, daß Frauen, die für diesen Job in Frage kommen, und ihn dann auch noch gegen allen Verstand annehmen und für ein paar wenige kostbare Jahre ausführen, extrem selten sind. Sie müssen mit dem Autor in ständiger erotisch-geistiger Verbindung stehen und doch, solange er schreibt, vollkommen abwesend, geradezu ausgelöscht sein. Sie müssen ihn gewissermaßen hassen und sich doch für seine literarischen Interessen billig einspannen lassen, buchstäblich mit Haut und Haaren. Sie müssen so tun, als seien sie das unzähmbare wilde Tier, ja sie müssen es sein, und sich dennoch willig einsperren lassen – eine Sache, für die man zwingend schizoide Persönlichkeitsanteile mitbringen muß. Bei alldem müssen sie auch noch aussahen wie Scarlett Johannson oder Megan Fox, mindestens. Im Falle Koeppens wie Marylin Monroe, oder, Anfang der 30er, die noch unentdeckte Marlene Dietrich. Das sind Rahmenbedingungen, die so gut wie nie zu erfüllen sind. Jedenfalls, wenn man nicht wie Clark Gable aussieht, sondern wie Wolfgang Koeppen. Er hat das nur zweimal erreicht, einmal mit Sybille Schloß, dann mit Marion Ulrich.
Ich komme zu meinem letzten Satz, da mir nicht mehr Zeit zur Verfügung steht. Das klang jetzt am Ende alles ein bißchen nach Küchenpsychologie, aber glauben Sie mir, ich würde nur allzu gern diese Zusammenhänge weiter ausführen, und ich hoffe, die zukünftige Koeppenforschung wird das einmal für mich tun. Heute kann ich nur sagen, daß es wahrscheinlich noch nie einen für den Wolfgang Koeppen Preis Ausgezeichneten gegeben hat, der zu dieser Auszeichnung so gepaßt hat und der sie so verdient hat wie ich. Ich danke Ihnen.

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