"Pöbel oben, Pöbel unten!" (F.Nietzsche)Die Anti-Hartz-IV-Aktivisten der Gruppe „Anders Arbeiten“ sind außerordentlich aktiv.
Einmal veranstalteten sie eine Diskussion über die „Marginalisierten – Am Rande der
Gesellschaft“. U.a. berichtete dort der Kreuzberger Pfarrer Peter Storck
über seine Erfahrungen mit Obdachlosen, die er für „relativ
überlebensfähig und sehr eigensinnig“ hält – und deswegen als
„Avantgarde“ begreift. In den Zwanzigerjahren ließ sich Gregor Gog bei seiner
Organisationsarbeit unter „Landstreichern“ ebenfalls von solchen
Überlegungen leiten. Und noch in den Achtzigerjahren gab es in Italien
eine Art Netzwerk von jungen Obdachlosen, die sich stolz „streunende
Hunde“ (cani scolti) nannten. In bezug auf die Hartz-IV-Betroffenen gab
eine Diskussionsteilnehmerin aus einer Friedrichshainer
Arbeitsloseninitiative jedoch zu bedenken: „Wir stellen uns die
Erwerbslosen immer zu homogen vor. Alle gehen anders mit ihrer
Arbeitslosigkeit um. Man kann sie nicht einfach mobilisieren.“ Die
darauffolgende Diskussion kreiste dann leider allzu theoretisch um den
Begriff der „Überflüssigen“, es sei deswegen hier noch einmal historisch
etwas ausgeholt…In seiner „Geschichte des Abfalls der Niederlande“ besang Friedrich
Schiller 1788 den Aufstand der Geusen, „wo die Hülfsmittel
entschlossener Verzweiflung über die furchtbaren Künste der Tyrannei in
ungleichem Wettkampf siegten“. Dass dabei von den bilderstürmerischen
Unterschichten auch viele gutes, d.h. teures Porzellan zerschlagen
wurde, verzieh er dem „Pöbel“ – der „vile multitude“ – jedoch nicht.
Ähnlich schillernd äußerte sich dann auch Marx über das
„Lumpenproletariat“ – und seine zwielichtige Rolle in der
Arbeiterbewegung. Dessen Hang zur Käuflichkeit und Verräterei wird von
ihm jedoch nurmehr am Rande vermerkt. Ausführlicher haben sich später
die Bolschewiki mit diesem „Rand“ beschäftigt: Das Subproletariat ( die
Kriminellen, Tagelöhner und Obdachlosen) galt ihnen als „klassennahe“,
wohingegen sie die Intelligenz als zwielichtig-schwankende
Zwischenschicht begriffen. Alexander Solschenizyn, der, wie viele andere
Gulag-Häftlinge, unter den Kriminellen litt, die mit den Bewachern fast
eine Art Doppelherrschaft in den Lagern ausübten, hat diese „romantische
Haltung“ gegenüber den asozialen Verbrechern scharf kritisiert, sie
jedoch als alte russische Verblendung begriffen, die bereits mit
Puschkin begann.
Auch in England beschäftigte man sich lange Zeit mit
diesem „Mob“ (mobile people) – jedoch nicht aus romantischen Gründen,
sondern aus lauter Angst des Bürgertums vor den „gefährlichen Klassen“,
deren Wohngebiete als Brutstätten von Hass, Gewalt, Alkoholsucht und
Seuchen galten. In den USA entstand aus dieser Sozialhygieneforschung
eine Art Aktionssoziologie, berühmt wurde dabei die Chicagoer Schule von
Robert E. Parks, deren Forschungsansätze später von Pierre Bourdieu
aufgegriffen wurden sowie von den „Europäischen Ethnologen“ an der
Humboldt-Universität um Rolf Lindner, der darüber zuletzt das Buch
„Walks on the Wild Side“ veröffentlichte.
Auch politisch wurden in
Amerika die „Randgruppen“ aufgewertet – u.a. von Herbert Marcuse: Die
Arbeiterklasse war nach ihm reformistisch integriert und deswegen
vielleicht nur noch die prekär beschäftigen und diskriminierten Farbigen
zur Rebellion fähig. Die daraus folgende „Randgruppenstrategie“ machte
sich die westdeutsche Studentenbewegung zu eigen, d.h. man kümmerte sich
vermehrt um Knackis, desertierte schwarze GIs, Drogenabhängige und vor
allem Trebegänger (entflohene Heimjugendliche), die in den vernetzten
Kommunen und WGs Unterstützung und Unterkunft fanden, wobei sich die
beiden „Scenen“ trotz Rückschlägen (u.a. Diebstähle) langsam
vermischten, weil gleichzeitig auch immer mehr mittelschichtige Linke in
den Knast kamen, von Drogen abhängig oder Landstreicher auf Zeit wurden.Erst begriff man alles Private als politisch, dann wurde auch
neobolschewistisch der Unterschied zwischen kriminell und politisch
verwischt, wobei man Verbrechen zum Zwecke der individuellen
Bereicherung und des sozialen Aufstiegs solchen gegenüberstellte, die
aus guten moralischen und politischen Gründen verübt wurden. Zu
letzteren zählten Raubdrucke, Ladendiebstähle und die Ohrfeige, die
Beate Klarsfeld dem Altnazi Kiesinger verabreichte, ebenso wie die
Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Schleyer durch die RAF oder die
Briefbomben des UNA-Bombers Theodore Kaczynski in Amerika. Dennoch
wurde immer wieder zur Vorsicht im Umgang mit subproletarischen
Sympathisanten geraten, denn Polizei und Staatsschutz rekrutierten ihre
V-Leute und Provokateure ebenfalls aus diesem „Rand“, woran neuerdings
noch einmal in dem Buch „Spitzel“ von Markus Mohr und Klaus Viehmann
erinnert wird. Sie beschäftigten aber auch schon die russischen
Sozialrevolutionäre ab Mitte des 19. Jahrhunderts.So hielt die berühmte Ex-Terroristin Vera Sassulitsch z.B. einen Vortrag über den umstrittenen Mörder und Verschwörer Netschajew, den sie - ähnlich wie heute Andreas Baader - ob seiner amoralischen Rigorosität als nicht zu ihnen gehörig begriff. Besonders drängend wurde das "Verräter"-Problem unter den antifaschistischen Widerstandskämpfern im Zweiten Weltkrieg. So berichtet z.B. Hans-Peter Klausch in seinem Buch über die Bewährungsbataillone "Die 999er" von vielen Fällen, da eine Gruppe, meistens Kommunisten, die zum Feind überlaufen wollte, von Kriminellen verraten wurde, was jedesmal ihre Erschießung zur Folge hatte. Die Kriminellen wollten damit ihre "Wehrwürdigkeit" und andere bürgerliche Rechte wiedererlangen. Es gab jedoch auch immer wieder welche, die sich den Überläufern anschlossen. Der Klavierstimmer Oskar Huth, der während des Krieges zwanzig untergetauchte jüdische Familien in Berlin mit Lebensmitteln versorgte, berichtet demgegenüber: "Wer wirklich Leute versteckte, das waren die Proletarier untereinander. Die Ärmsten halfen den Armen. Und die Leute, die wirklich Möglichkeiten hatten - da war nichts, gar nichts." Zu den Hilfswilligen zählten auch Subproletarier. Heute kann man fast sagen, dass diese und andere "Arme" aufgrund ihrer langen Erfahrungen mit Bedrängnissen aller Art, aber auch wegen der anhaltenden Bemühungen von Kirchen, Gewerkschaften und Arbeiterbewegung um sie, eher zu viel Religion und Moral haben - sonst wären sie nicht arm! Umgekehrt haben die in dieser Hinsicht so lange vernachlässigten "Reichen", zumal nach Ersetzung des protestantischen Unternehmers durch durchtriebene Manager und dubiose Politprominenz einen derartigen Grad von Glamour und Amoralität erreicht, dass sie eigentlich jeder Art von Sozialbetreuung bedürfen. Der prominente Anwalt Jonny Eisenberg sprach einmal, durchaus selbstkritisch, von "Reichtumsverwahrlosung", die viel schlimmer als die Armutsverwahrlosung sei, weil man ihr mit Geld nicht beikommen könne. Solschenizyn erwähnt in seinem "Roten Rad" die zaristischen Offiziere, die, nachdem man etliche von ihnen erschlagen hatte, schnell lernten, "auf der Welle der Revolution zu surfen", d.h. sich an die Spitze der Bewegung ihrer Truppen zu stellen. Erst der "Befehl Nummer 1" des Petrograder Arbeiter- und Soldatenrats stoppte diese fatale Entwicklung. Von den durch die Studentenbewegung anfänglich bedrängten Professoren gab es ebenfalls nicht wenige, und zwar die ekelhaftesten, die sich sogleich an die Spitze der Rebellion setzten - und heute natürlich zu den schärftsten "68er-Kritikern" gehören. Ähnliches gilt für entsetzlich viele Künstler. Joachim C.Fest konnte deswegen sagen, wobei er einen nach New York emigrierten Maler plagiierte: "Die Produktivität der Künstler resultiert aus ihrer moralischen Verkommenheit. Aus ihrer Fähigkeit, sich den verschiedenen Zeitströmungen (blitzschnell) anzupassen." Zurück zu den Obdachlosen. Wenn es um diese Bevölkerungsgruppe geht, wende ich mich immer an Karsten Krampitz: Karsten Krampitz, geboren 1969 in Rüdersdorf, studiert Geschichte im 13. Semester. 1996 veröffentliche er einen Roman über Obdachlosigkeit: “Rattenherz”, und 2000 einen über Obdachlosen-Zeitungen: “Affentöter”. Er war 6 Jahre Redakteur bei den Berliner Obdachlosenzeitungen Mob, Haz, Moz, Straßenfeger und Straßenzeitung. Seit nunmehr 12 Jahren arbeitet er in der Treptower Wärmestube “Arche”, die mit ihrer Zweieinhalbzimmerwohnung zugleich ein Nacht-Café ist. Die “Arche” sollte unlängst von der PDS-Stadträtin geschlossen werden, das konnte jedoch noch einmal abgewendet werden.Dennoch wird die Situation für Obdachlose schwieriger. Dazu Karsten Krampitz: Karsten Krampitz, geboren 1969 in Rüdersdorf, studiert Geschichte im 13. Semester. 1996 veröffentliche er einen Roman über Obdachlosigkeit: “Rattenherz”, und 2000 einen über Obdachlosen-Zeitungen: “Affentöter”. Er war 6 Jahre Redakteur bei den Berliner Obdachlosenzeitungen Mob, Haz, Moz, Straßenfeger und Straßenzeitung. Seit nunmehr 12 Jahren arbeitet er in der Treptower Wärmestube “Arche”, die mit ihrer Zweieinhalbzimmerwohnung zugleich ein Nacht-Café ist. Die “Arche” sollte unlängst von der PDS-Stadträtin geschlossen werden, das konnte jedoch noch einmal abgewendet werden.Dennoch wird die Situation für Obdachlose schwieriger. Dazu Karsten Krampitz: Obdachlosigkeit interessiert keine Sau mehr - die Leute haben sich daran gewöhnt. Dazu haben auch die vielen Obdachlosen-Zeitungen beigetragen - mit ihrem ewigen Gejammer. Ich meine jetzt nicht die Verkäufer, die haben schon immer geklagt (”Ich bin 29, lebe seit 4 Jahren auf der Straße und bin gerade auf Entzug…”), sondern die Redakteure, weil sie ewig die gleichen langweiligen Artikel bringen und weil sie Etikettenschwindel betreiben: Sie suggerieren den Lesern, dass die Zeitung von und für Obdachlose gemacht wird. Tatsächlich sind das aber alles Premiumpenner, d.h. extrem schlechte Journalisten, die da ihre Spielwiese haben, während sich die Herausgeber - also die jeweiligen Obdachlosen-Vereinsvorstände - damit eine goldene Nase verdienen. Eine unnötige Zirkulation von Papier und Geld ist das und eigentlich Betrug. Wirklich entsetzt bin ich aber über eine Obdachlosenzeitung, die über Jahre hinweg Spenden gesammelt hat für ihr Haus in Berlin, das sogar vom Staat gefördert wurde - mit 3,4 Mio DM - aber letzten Endes wohnt dort nicht ein Obdachloser, kein Verkäufer - nischt. Der Vorstandsvorsitzende des Vereins hat sich dort stattdessen eine Wohnung selbst genehmigt. Das Grundproblem bei diesen ganzen Zeitungen ist die Heuchelei: Kauft uns! Wir sind die Guten! Sogar Harry Potter unterstützt uns. In Wirklichkeit wird dort aber übelster Manchester-Kapitalismus praktiziert. Diese armen Verkäufer, das sind genaugenommen Drückerkolonnen. In einem normalen Unternehmen haben die Mitarbeiter bestimmte Rechte. Sie können nicht einfach gefeuert werden, es gibt einen Betriebsrat usw.. Bei den so genannten Obdachlosenzeitungen werden dagegen die primitivsten Regeln innerbetrieblicher Demokratie mißachtet. Sie haben zwar so etwas wie Verkäufersprecher, in der Regel kann der aber nicht mal für sich selbst sprechen, geschweige denn für andere. Den obdachlosen Verkäufern ist es sowieso ungewohnt, sich zu organisieren, ihre Interessen durchzusetzen, die hauen lieber ab. Das sieht man daran, daß sich die Auflagen inzwischen nahezu halbiert haben. Um die Straßenblätter wäre es auch nicht schade. Nur ist der Begriff “Selbsthilfe” damit in Berlin auf lange Zeit diskreditiert worden. Und leider werden auch seriöse Obdachlosenprojekte davon in Mitleidenschaft gezogen. Die Spendenbereitschaft für Wärmestuben und Notübernachtungen ist insgesamt merklich zurückgegangen. Schlimmer noch wiegt die Tatsache, dass die Chance auf politische Veränderungen dabei verspielt wurde. Noch vor vier Jahren waren die Leute sensibilisiert für das Thema. Als wir 1999 das Hotel Adlon besetzt haben und 2000 das Kempinski, mit Transparenten, auf denen draufstand “Es sind noch Betten frei!” - gab es einen enormen Zuspruch, auch von der Politik. Damals entstanden republikweit die “Tafeln”: Wohlhabende und pfiffige Frauen taten sich zusammen, um von den Partys der Reichen die übriggebliebenen Kaviarbrötchen einzusammeln, um sie an die Obdachlosen in ihren Sammelstätten zu verteilen. Zu Weihnachten, wenn die Presse die ersten Kältetoten vermeldete, sind diese “Tafeln”, die oftmals auf ABM-Basis arbeiteten, mit Spenden geradezu überschüttet worden. Das Problem ist aber nicht der Winter und auch nicht der Hunger. An Obdachlosigkeit sterben Menschen das ganze Jahr über: Hautkrankheiten, Alkohol, Hitze, die zunehmende Gewalt auf der Straße - sind genauso schlimm. Auf Platte erreicht man selten das Rentenalter. Dabei passiert es gar nicht so selten, daß das Sozialamt einem Obdachlosen zu einer Wohnung verhilft. Oft kann man jedoch die Uhr danach stellen, wann derjenige wieder auf der Straße oder in Notübernachtungen pennt. Die Obdachlosigkeit ist vor allem ein seelisches Problem. Ihre ganzen sozialen Kontakte haben diese Menschen auf der Straße und in den Suppenküchen. Anfangs werden die Kumpel und Kumpelinen noch in die neue Wohnung eingeladen - wo sie sich gemeinsam die Kante geben. Nachdem sie die ganze Stütze versoffen haben, beginnt die Einsamkeit, die Bude verkommt, der Müll türmt sich. Und irgendwann ziehen sie wieder los. Die meisten Obdachlosen sind Männer. Frauen verlieren zwar schneller ihren Job, kommen aber besser damit klar, auch mit der Einsamkeit. Männer verwahrlosen zudem leichter. Sie suchen verzweifelt Kontakte, treffen sich mit anderen am Kiosk oder im Bahnhof, pennen mal hier mal dort und irgendwann sagen sie sich: ‘Ich brauch meine Wohnung - diesen Saustall - doch eigentlich gar nicht’. Man gibt einem Menschen noch kein Zuhause, wenn man ihm eine Wohnung zuweist. Deswegen brauchen Obdachlose eher eine Wohngemeinschaft mit Betreuung. Die gibt es zwar, aber meistens nur für Jugendliche. Wer als Unbehauster in Berlin über 18 ist, hat schlechte Karten. Natürlich gibt es auch Obdachlose - eine kleine radikale Minderheit, die gerne ‘Platte macht’, d.h. die obdachlos leben wollen. Und dann gibt es welche, die es aus eigener Kraft schaffen könnten, sich wieder aufzurappeln. Vielen gelingt das auch. Aber mehr und mehr Leute, die auf der Straße leben, kommen aus der Psychiatrie, sind schizophren oder paranoisch, und brauchen einfach qualifizierte Hilfe, die sie aber nirgends mehr finden. Nicht wenige Obdachlose sind einfach sterbende Menschen. Da ist zu viel kaputtgegangen. Das ist kein Leben mehr. Erschwert wird es ihnen auch noch durch immer mehr Schikanen. Sie werden aus den Bahnhöfen und Einkaufscentern entfernt, wenn sie drei mal beim Schwarzfahren erwischt werden, dann geht das an die Staatsanwaltschaft - und dann trauen sie sich nicht mehr aufs Sozialamt. Dabei müssen sie immer öfter die BVG benutzen: Die Sozialämter zahlen hier keinen Tagessatz mehr aus - immerhin 9 Euro. Wenn sie Stütze haben wollen, müssen Obdachlose in Berlin polizeilich gemeldet sein, in Männerwohnheimen z.B.. Viele haben darauf keinen Bock, deswegen fahren sie täglich raus nach Brandenburg, um sich dort ihre Sozialhilfe abzuholen. Da können sie aber dann nirgends pennen, deswegen fahren sie anschließend wieder in die Stadt zurück. Für die meisten sind die Berliner Sozialämter sowieso ein Horror. Sie sehen sich gar nicht in der Lage, deren Kriterien zu erfüllen. Sie müßten genaue Angaben über ihre Angehörigen machen, damit diese sie gegebenenfalls unterstützen. So mancher lebt getrennt von seiner Frau und hat sich bei der Trennung nicht gerade mit Ruhm bekleckert: sie geschlagen usw.. Folglich will er nicht, dass sich das Sozialamt an die Ehefrau wendet, auch nicht, daß seine Eltern angeschrieben werden. Bei uns im Nacht-Café sind regelmäßig etwa 12 Männer und zwei bis drei Frauen. Der einen ist die Wohnung abgebrannt und sie will keine neue haben, weil sie einfach nicht noch einmal wieder von vorne anfangen mag. In ein Frauenhaus will sie aber auch nicht. Ich denke, dass sie an dem Punkt einfach nicht geschäftsfähig ist, denn da führt ja kein Weg dran vorbei. Andere Frauen sind nur deswegen nicht richtig obdachlos, weil sie immer bei jemandem anderen schlafen. Das ist so eine Art Mitwohnprostitution. Für Frauen gibt es an sich jedoch mehr und bessere Hilfsangebote als für Männer. Außerdem sprechen die Gerichte zu Recht im Trennungsfall, wenn ein Kind da ist, meistens der Frau die Wohnung zu. Und dann sind hier in den letzten Jahren rund 500.000 Männerarbeitsplätze weggefallen, aber 700.000 Frauenarbeitsplätze neu entstanden. Für die Männer sieht es also immer schlechter aus - besonders ab einem bestimmten Alter und bei bestimmten Berufen. Es gibt inzwischen eine regelrechte Partnerlosigkeit aus Armut. Die Männer sind einsam, weil sie arm sind und umgekehrt. Jetzt werden auch noch viele Notunterkünfte geschlossen, aus Spargründen - unsere will man ja auch dicht machen. Das letzte Wort ist dabei aber noch nicht gesprochen. Ich bin sogar optimistisch. Obwohl man eigentlich schon mürbe werden könnte: Es hat sich in all den Jahren nichts geändert. Die zunehmende Armut und Obdachlosigkeit wird bloß verwaltet, es fehlen Ideen und Konzepte. Und dann werden noch laufend ohne Sinn und Verstand die Mittel gekürzt. Sogar die medizinische Grundversorgung wird immer schlechter: Die eine Obdachlosen-Ärztin, Jenny de la Torre, im Ostbahnhof hat entnervt nach neun Jahren gekündigt, der anderen, Lisa Rasch, im Bahnhof Zoo ist gekündigt worden. Eine pychologische Betreuung gibt es überhaupt nicht. Und in den wenigen Wärmestuben und Nacht-Cafés, die es gibt, kann man inzwischen nichts mehr kürzen. Bei uns in der “Arche” decken wir den Personalbedarf teilweise durch die Jugendgerichtshilfe ab. Straffällig gewordene Jugendliche leisten bei uns in der Küche ihre gemeinnützigen Stunden ab. Und das Essen beziehen wir schon seit Jahren aus dem Abschiebeknast Grünau - 30 Mahlzeiten täglich, kostenlos und tiefgefroren. Dort treten immer wieder Insassen in einen Hungerstreik, so daß sie da anscheinend immer genug Portionen übrig haben. So weit das Interview mit Karsten Krampitz. Vor einiger Zeit meldete er sich bei mir wieder - diesmal aus Wewelsfleth: Rechtzeitig vor Winterbeginn wurde im schleswig-holsteinischen Dorf Wewelsfleth bei Itzehoe die erste "Trinkerklappe" eingeweiht. In dem Ort gibt es ein Dichterheim für die Alfred-Döblin-Stipendiaten der Berliner Akademie der Künste und eine Nachsorgeeinrichtung zur sozialen Rehabilitation von Alkoholikern und anderen Drogenabhängigen - den Uhlenhof. Aus diesen beiden schon länger kooperierenden Institutionen kommen die drei Initiatoren der "Aktion ,Findeltrinker'": Gerd Gedig, Peter Wawerzinek und Karsten Krampitz. Sie geben gleichzeitig eine Dorfzeitung namens Uhlenhof heraus. In dieser heißt es: "Die Trinkerklappe befindet sich leicht erreichbar am Seiteneingang. Die Abgabe geschieht völlig anonym. Die Frau öffnet die Klappe und aktiviert damit die Helfer." Auf einer Pressekonferenz erklärten die Initiatoren die Notwendigkeit ihres Projekts: "Weil sie von ihren Frauen rausgeschmissen wurden, erfrieren jedes Jahr Hunderte Trinker. Eine offizielle Statistik über ihre Aussetzung gibt es nicht. Experten gehen davon aus, dass die meisten Kältetoten volltrunken waren. Vor allem alte und arbeitslose Männer werden rigoros entsorgt." Dies hänge damit zusammen, dass mit dem Auslaufen der Industrieproduktion immer mehr Männerarbeitsplätze abgebaut werden - und stattdessen vor allem Frauenarbeitsplätze neu entstehen, wobei in der neuen "Dienstleistungsgesellschaft" sowieso primär weibliche Fähigkeiten wie "soziale und emotionale Intelligenz" nachgefragt, das heißt ausgebeutet werden. Hierbei sind die Männer jedoch extrem unterqualifiziert. Das hat zur Folge, dass immer mehr Ehefrauen ihre arbeitslos gewordenen und schließlich dem Suff verfallenen Männer als übergroße Belastung empfinden. Bei ihrem Rausschmiss, zumal nachts und in der kalten Jahreszeit, entwickeln jedoch viele Frauen starke Schuldgefühle; wenn ihre Männer erfrieren, hat dies unter Umständen auch strafrechtliche Konsequenzen für die Hinterbliebenen. Hier soll die Wewelsflether "Aktion ,Findeltrinker'" helfen. Dazu wurde neben dem Einbau einer Trinkerklappe im Uhlenhof eine Notrufnummer geschaltet (Tel. 0 48 29 - 92 26), wo Frauen, die sich mit ihrem trinkenden Partner überworfen haben, Beratung einholen und gegebenenfalls eine Übernahme des Trinkers vereinbaren können. "Im Uhlenhof erhalten diese dann umgehend medizinische Hilfe und in den kritischen ersten acht Wochen liebevolle Pflege", versprechen die Initiatoren: "In dieser Zeit kann der Trinker noch von seiner Frau/ Tochter/Mutter zurückgeholt werden. Danach beantragt der Betreuerstab seine Vormundschaft beim Amtsgericht, gleichzeitig kümmert er sich um die Vermittlung von Pflegegattinnen. Die Aktion ,Findeltrinker' rettet Leben!" Neben staatlicher Unterstützung ist sie auf private Spenden angewiesen. Die Initiatoren geben den potenziellen Nutznießern jedoch zu bedenken: "Die Inanspruchnahme unserer Trinkerklappe darf nur der letzte Ausweg sein, der es der Ehefrau oder Lebensgefährtin ermöglicht, straffrei zu bleiben." Kürzlich trat Karsten Krampitz erneut an die Öffentlichkeit - mit einer neuen Einrichtung - die taz berichtete kurz und knapp: Zu einem "Benefizkonzert für Landowsky" hat das evangelische Nachtcafé für Obdachlose in Berlin-Treptow für nächsten Dienstag in die Volksbühne eingeladen. Dazu wird die Gruppe "Freygang" erwartet, die mit ihren systemkritischen Texten zu den markantesten Bands der DDR- Untergrundszene gehörte. Vorgesehen sei zudem ein Podiumsgespräch über die Situation von Obdachlosen mit Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner (Linke/PDS), dem Politologen Peter Grottian und dem evangelischen Pfarrer Dieter Ziebarth, teilte das Nachtcafé gestern mit. Das Nachtcafé hatte sich vorigen Herbst "Landowsky" genannt, um an den einstigen CDU- Spitzenpolitiker und Bankmanager Klaus-Rüdiger Landowsky zu erinnern, der kürzlich wegen seiner Verstrickung in die Bankenaffäre zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde. Er habe sich besonders durch sein fehlendes Verständnis für arme und bedürftige Menschen in der Stadt hervorgetan. So sagte er einst, "dass dort, wo Müll ist, Ratten sind, und dass dort, wo Verwahrlosung herrscht, Gesindel ist". Das aber müsse in der Stadt "beseitigt werden". Außerdem besuchte Karsten Krampitz noch auf meine Bitte hin eine Ausstellung über Obdachlose in Tokio, Belgrad, Berlin und anderswo - von Milovan Markovic. Anschließend schrieb er: Vermutlich hat Peter Scheller nicht die geringste Ahnung von seiner Berühmtheit. Seit einigen Wochen hängt das Portrait des Obdachlosen in der Nähe vom Checkpoint Charlie, und zwar in einer Größe von vierzehn mal vierunddreißig Metern. Nur ist es eben kein Foto oder Gemälde, sondern ein Textportrait: „NA, DA HABE ICH MIR SO – DIE LEUTE SCHMEIßEN JA SO VIEL WEG – SO EINE MATRATZE MIR BESORGT UND DANN SO EINE DECKE UND DANN HABE ICH GEPENNT DA…“ Passanten, die das erste Mal vorbeigingen, insbesondere Touristen, sind nach dem Lesen seltsam verstört, sagt Milovan Destil Markovic, der als Maler und Interviewer für die Installation verantwortlich ist. „Zuerst denken immer alle, das Banner an der Brandmauer ist Werbung.“ Gerade während der Fußball-WM erwarte man ja doch irgendwelche Bezüge zum Turnier oder wenigstens schöne Gesichter glücklicher Konsumenten. – Ihnen, den Ikonen der Werbung, den Hologrammen des Konsums, hält der in Belgrad geborene Künstler eine eigene Ästhetik entgegen. Die Schlichtheit des pigmentfarbenen Textfragments lässt einen dabei nicht unberührt. „ABER DAS ERSTE DAS WAR, WENN ICH MICH HINGEHAUEN HABE, SCHUHE AUSZIEHEN… EINMAL MUSS MAN DOCH DIE SCHUHE AUSZIEHEN. DAS HABE ICH IMMER DANN, WENN ICH MICH HINGEHAUEN HABE. DANN HABE ICH MEINE SCHUHE AUSGEZOGEN. DIE ANDEREN, DIE HABEN IMMER ALLES ANBEHALTEN, ACH.“ Dass eigentlich Bedeutende daran aber ist, dass Markovic für seine Arbeit den öffentlichen Raum in Anspruch nimmt und das in einer Gegend Berlins, in der soziale Armut als ästhetisches Problem wahrgenommen wird. Dabei können Obdachlose durchaus auch exzellente Werbeträger sein. Erinnert sei nur an Rudolph Moshammer, der seinerzeit in München gern die Unbedachten in seine Selbstinszenierung einbezog. An Weihnachten verteilte er auf „Platte“ Geschenke – nie ohne Journalisten. Und auch in Berlin lebt schließlich eine ganze Industrie davon… „Schönen guten Tag, ich verkaufe hier die neue ‚Egal was drinsteht.’“ Dass die Straßenpostillen keine wirklichen Selbsthilfeprojekte sind, außer für wenige Nichtobdachlose, ist kein Geheimnis. Jeder Arbeitnehmer bei Siemens hat mehr Rechte als ein Verkäufer bei der „motz“ oder dem „strassenfeger“. Wenn deren Sprüche nur nicht so langweilen würden. Eine Drückerkolonne, deren Leute an Haustüren mundbemalte Behindertenpostkarten verscherbeln, hat mehr Unterhaltungswert. – Wobei eines festgestellt werden muss: Die Postkarten haben einen Gebrauchswert. Jeden Sommer stehen in den Armutsgazetten die gleichen belanglosen Berichte à la Hitze ist viel schlimmer als Kälte. – Wir brauchen Spenden. – So ein Sommer aber auch. –Wir brauchen Spenden. – Teufel auch, diese Hitze. – Wir brauchen Spenden. – Wann wird’s mal wieder richtig Sommer. – Spenden Sie jetzt, aber dalli. Kein Wort zur Vertreibung Obdachloser aus der Stadtmitte; über die Repressalien privater Sicherheitsdienste oder den Skandal, dass in Berlin Menschen wegen Schwarzfahren ins Gefängnis müssen. Genauso wenig interessiert die zunehmende Ausländerfeindlichkeit in so manchen kirchlichen Einrichtungen. Etwa bei der Stadtmission, in deren Notübernachtungen Obdachlose aus Osteuropa nur noch selten Hilfe finden. „Das sind alles Wanderarbeiter“, heißt es dort. Alle anderen Mühseligen und Beladenen sind bei der Stadtmission freilich herzlich willkommen. Warum auch nicht? Ohne die Obdachlosen wäre der evangelikale Flügel der evangelischen Landeskirche in den Medien lange nicht so präsent. Sogar im Sommer, wenn der Bürgermeisterkandidat der CDU, Friedbert Pflüger, ein Kreuzberger Wohnprojekt besucht. Selbstverständlich nur, um sich zu informieren. Und genau das macht Markovic so sympathisch: seine Zurückhaltung. An der Großinstallation am Checkpoint Charlie findet sich nicht der kleinste Hinweis auf ihn, sein Werk oder seine Ausstellung, die noch bis Sonntag zu besichtigen wäre. „Gutes tun“ oder moralisch handeln und einfach mal den Mund halten – wo hat man das noch heute? „Homeless Berlin“ heißt die Ausstellung von Milovan Markovic. Interessenten melden sich bitte unter 030/2045 3396. Adresse: Galerie Kai Hilgemann, Zimmerstraße 90/91, 2. Hof, 10117 Berlin. Obdachlosigkeit interessiert keine Sau mehr - die Leute haben sich daran gewöhnt.Dazu haben auch die vielen Obdachlosen-Zeitungen beigetragen - mit ihrem ewigen Gejammer.Ich meine jetzt nicht die Verkäufer, die haben schon immer geklagt(”Ich bin 29, lebe seit 4 Jahren auf der Straße und bin gerade auf Entzug…”), sondern die Redakteure,weil sie ewig die gleichen langweiligen Artikel bringen und weil sie Etikettenschwindel betreiben:Sie suggerieren den Lesern, dass die Zeitung von und für Obdachlose gemacht wird.Tatsächlich sind das aber alles Premiumpenner, d.h. extrem schlechte Journalisten,die da ihre Spielwiese haben, während sich die Herausgeber - also die jeweiligenObdachlosen-Vereinsvorstände - damit eine goldene Nase verdienen.Eine unnötige Zirkulation von Papier und Geld ist das und eigentlich Betrug.Wirklich entsetzt bin ich aber über eine Obdachlosenzeitung, die über Jahre hinweg Spendengesammelt hat für ihr Haus in Berlin, das sogar vom Staat gefördert wurde - mit 3,4 Mio DM -aber letzten Endes wohnt dort nicht ein Obdachloser, kein Verkäufer - nischt.Der Vorstandsvorsitzende des Vereins hat sich dort stattdessen eine Wohnung selbst genehmigt.Das Grundproblem bei diesen ganzen Zeitungen ist die Heuchelei: Kauft uns! Wir sind die Guten!Sogar Harry Potter unterstützt uns. In Wirklichkeit wird dort aber übelster Manchester-Kapitalismuspraktiziert. Diese armen Verkäufer, das sind genaugenommen Drückerkolonnen. In einemnormalen Unternehmen haben die Mitarbeiter bestimmte Rechte. Sie können nicht einfach gefeuertwerden, es gibt einen Betriebsrat usw.. Bei den so genannten Obdachlosenzeitungen werdendagegen die primitivsten Regeln innerbetrieblicher Demokratie mißachtet. Sie haben zwar so etwaswie Verkäufersprecher, in der Regel kann der aber nicht mal für sich selbst sprechen, geschweigedenn für andere. Den obdachlosen Verkäufern ist es sowieso ungewohnt, sich zu organisieren, ihreInteressen durchzusetzen, die hauen lieber ab. Das sieht man daran, daß sich die Auflagen inzwischennahezu halbiert haben. Um die Straßenblätter wäre es auch nicht schade. Nur ist der Begriff “Selbsthilfe”damit in Berlin auf lange Zeit diskreditiert worden. Und leider werden auch seriöse Obdachlosenprojektedavon in Mitleidenschaft gezogen. Die Spendenbereitschaft für Wärmestuben und Notübernachtungenist insgesamt merklich zurückgegangen. Schlimmer noch wiegt die Tatsache, dass die Chance auf politischeVeränderungen dabei verspielt wurde. Noch vor vier Jahren waren die Leute sensibilisiert für das Thema.Als wir 1999 das Hotel Adlon besetzt haben und 2000 das Kempinski, mit Transparenten, auf denendraufstand “Es sind noch Betten frei!” - gab es einen enormen Zuspruch, auch von der Politik.Damals entstanden republikweit die “Tafeln”: Wohlhabende und pfiffige Frauen taten sich zusammen,um von den Partys der Reichen die übriggebliebenen Kaviarbrötchen einzusammeln, um sie an dieObdachlosen in ihren Sammelstätten zu verteilen. Zu Weihnachten, wenn die Presse die ersten Kältetotenvermeldete, sind diese “Tafeln”, die oftmals auf ABM-Basis arbeiteten, mit Spenden geradezu überschüttet worden.Das Problem ist aber nicht der Winter und auch nicht der Hunger. An Obdachlosigkeit sterbenMenschen das ganze Jahr über: Hautkrankheiten, Alkohol, Hitze, die zunehmende Gewalt auf derStraße - sind genauso schlimm. Auf Platte erreicht man selten das Rentenalter. Dabei passiert es gar nichtso selten, daß das Sozialamt einem Obdachlosen zu einer Wohnung verhilft. Oft kann man jedochdie Uhr danach stellen, wann derjenige wieder auf der Straße oder in Notübernachtungen pennt.Die Obdachlosigkeit ist vor allem ein seelisches Problem. Ihre ganzen sozialen Kontakte haben dieseMenschen auf der Straße und in den Suppenküchen. Anfangs werden die Kumpel und Kumpelinen nochin die neue Wohnung eingeladen - wo sie sich gemeinsam die Kante geben. Nachdem sie die ganzeStütze versoffen haben, beginnt die Einsamkeit, die Bude verkommt, der Müll türmt sich.Und irgendwann ziehen sie wieder los.Die meisten Obdachlosen sind Männer. Frauen verlieren zwar schneller ihren Job, kommen aber besserdamit klar, auch mit der Einsamkeit. Männer verwahrlosen zudem leichter. Sie suchen verzweifelt Kontakte,treffen sich mit anderen am Kiosk oder im Bahnhof, pennen mal hier mal dort und irgendwannsagen sie sich: ‘Ich brauch meine Wohnung - diesen Saustall - doch eigentlich gar nicht’.Man gibt einem Menschen noch kein Zuhause, wenn man ihm eine Wohnung zuweist. Deswegen brauchenObdachlose eher eine Wohngemeinschaft mit Betreuung. Die gibt es zwar, aber meistens nur für Jugendliche.Wer als Unbehauster in Berlin über 18 ist, hat schlechte Karten.Natürlich gibt es auch Obdachlose - eine kleine radikale Minderheit, die gerne ‘Platte macht’, d.h. dieobdachlos leben wollen. Und dann gibt es welche, die es aus eigener Kraft schaffen könnten, sichwieder aufzurappeln. Vielen gelingt das auch. Aber mehr und mehr Leute, die auf der Straße leben,kommen aus der Psychiatrie, sind schizophren oder paranoisch, und brauchen einfach qualifizierteHilfe, die sie aber nirgends mehr finden.Nicht wenige Obdachlose sind einfach sterbende Menschen. Da ist zu viel kaputtgegangen.Das ist kein Leben mehr. Erschwert wird es ihnen auch noch durch immer mehr Schikanen.Sie werden aus den Bahnhöfen und Einkaufscentern entfernt, wenn sie drei mal beim Schwarzfahrenerwischt werden, dann geht das an die Staatsanwaltschaft - und dann trauen sie sich nicht mehraufs Sozialamt. Dabei müssen sie immer öfter die BVG benutzen: Die Sozialämter zahlen hierkeinen Tagessatz mehr aus - immerhin 9 Euro. Wenn sie Stütze haben wollen, müssen Obdachlosein Berlin polizeilich gemeldet sein, in Männerwohnheimen z.B.. Viele haben darauf keinen Bock,deswegen fahren sie täglich raus nach Brandenburg, um sich dort ihre Sozialhilfe abzuholen.Da können sie aber dann nirgends pennen, deswegen fahren sie anschließend wieder in die Stadt zurück.Für die meisten sind die Berliner Sozialämter sowieso ein Horror. Sie sehen sich gar nicht in der Lage,deren Kriterien zu erfüllen. Sie müßten genaue Angaben über ihre Angehörigen machen, damit diesesie gegebenenfalls unterstützen. So mancher lebt getrennt von seiner Frau und hat sich bei derTrennung nicht gerade mit Ruhm bekleckert: sie geschlagen usw.. Folglich will er nicht, dass sichdas Sozialamt an die Ehefrau wendet, auch nicht, daß seine Eltern angeschrieben werden.Bei uns im Nacht-Café sind regelmäßig etwa 12 Männer und zwei bis drei Frauen. Der einen ist dieWohnung abgebrannt und sie will keine neue haben, weil sie einfach nicht noch einmal wieder vonvorne anfangen mag. In ein Frauenhaus will sie aber auch nicht. Ich denke, dass sie an dem Punkteinfach nicht geschäftsfähig ist, denn da führt ja kein Weg dran vorbei. Andere Frauen sind nurdeswegen nicht richtig obdachlos, weil sie immer bei jemandem anderen schlafen. Das ist so eineArt Mitwohnprostitution. Für Frauen gibt es an sich jedoch mehr und bessere Hilfsangebote alsfür Männer. Außerdem sprechen die Gerichte zu Recht im Trennungsfall, wenn ein Kind da ist,meistens der Frau die Wohnung zu. Und dann sind hier in den letzten Jahren rund 500.000Männerarbeitsplätze weggefallen, aber 700.000 Frauenarbeitsplätze neu entstanden.Für die Männer sieht es also immer schlechter aus - besonders ab einem bestimmten Alter und beibestimmten Berufen. Es gibt inzwischen eine regelrechte Partnerlosigkeit aus Armut. Die Männersind einsam, weil sie arm sind und umgekehrt.Jetzt werden auch noch viele Notunterkünfte geschlossen, aus Spargründen - unsere will man ja auchdicht machen. Das letzte Wort ist dabei aber noch nicht gesprochen. Ich bin sogar optimistisch.Obwohl man eigentlich schon mürbe werden könnte: Es hat sich in all den Jahren nichts geändert.Die zunehmende Armut und Obdachlosigkeit wird bloß verwaltet, es fehlen Ideen und Konzepte. Unddann werden noch laufend ohne Sinn und Verstand die Mittel gekürzt. Sogar die medizinische Grundversorgungwird immer schlechter: Die eine Obdachlosen-Ärztin, Jenny de la Torre, im Ostbahnhof hat entnervtnach neun Jahren gekündigt, der anderen, Lisa Rasch, im Bahnhof Zoo ist gekündigt worden.Eine pychologische Betreuung gibt es überhaupt nicht. Und in den wenigen Wärmestuben und Nacht-Cafés,die es gibt, kann man inzwischen nichts mehr kürzen.Bei uns in der “Arche” decken wir den Personalbedarf teilweise durch die Jugendgerichtshilfe ab.Straffällig gewordene Jugendliche leisten bei uns in der Küche ihre gemeinnützigen Stunden ab.Und das Essen beziehen wir schon seit Jahren aus dem Abschiebeknast Grünau - 30 Mahlzeiten täglich,kostenlos und tiefgefroren. Dort treten immer wieder Insassen in einen Hungerstreik,so daß sie da anscheinend immer genug Portionen übrig haben.So weit das Interview mit Karsten Krampitz.
Vor einiger Zeit meldete er sich bei mir wieder – diesmal aus Wewelsfleth:
Rechtzeitig vor Winterbeginn wurde im schleswig-holsteinischen
Dorf Wewelsfleth bei Itzehoe die erste „Trinkerklappe“ eingeweiht.
In dem Ort gibt es ein Dichterheim für die Alfred-Döblin-Stipendiaten
der Berliner Akademie der Künste und eine Nachsorgeeinrichtung
zur sozialen Rehabilitation von Alkoholikern und anderen
Drogenabhängigen – den Uhlenhof. Aus diesen beiden schon länger
kooperierenden Institutionen kommen die drei Initiatoren der
„Aktion ,Findeltrinker‚“: Gerd Gedig, Peter Wawerzinek und Karsten Krampitz.
Sie geben gleichzeitig eine Dorfzeitung namens Uhlenhof heraus.
In dieser heißt es: „Die Trinkerklappe befindet sich leicht erreichbar
am Seiteneingang. Die Abgabe geschieht völlig anonym. Die Frau öffnet
die Klappe und aktiviert damit die Helfer.“
Auf einer Pressekonferenz erklärten die Initiatoren die Notwendigkeit
ihres Projekts: „Weil sie von ihren Frauen rausgeschmissen wurden,
erfrieren jedes Jahr Hunderte Trinker. Eine offizielle Statistik über
ihre Aussetzung gibt es nicht. Experten gehen davon aus, dass die
meisten Kältetoten volltrunken waren. Vor allem alte und arbeitslose
Männer werden rigoros entsorgt.“
Dies hänge damit zusammen, dass mit dem Auslaufen der
Industrieproduktion immer mehr Männerarbeitsplätze abgebaut
werden – und stattdessen vor allem Frauenarbeitsplätze neu entstehen,
wobei in der neuen „Dienstleistungsgesellschaft“ sowieso primär
weibliche Fähigkeiten wie „soziale und emotionale Intelligenz“
nachgefragt, das heißt ausgebeutet werden. Hierbei sind die Männer
jedoch extrem unterqualifiziert.
Das hat zur Folge, dass immer mehr Ehefrauen ihre arbeitslos
gewordenen und schließlich dem Suff verfallenen Männer als
übergroße Belastung empfinden. Bei ihrem Rausschmiss, zumal nachts
und in der kalten Jahreszeit, entwickeln jedoch viele Frauen starke
Schuldgefühle; wenn ihre Männer erfrieren, hat dies unter Umständen
auch strafrechtliche Konsequenzen für die Hinterbliebenen.
Hier soll die Wewelsflether „Aktion ,Findeltrinker'“ helfen. Dazu wurde
neben dem Einbau einer Trinkerklappe im Uhlenhof eine Notrufnummer
geschaltet (Tel. 0 48 29 – 92 26), wo Frauen, die sich mit ihrem
trinkenden Partner überworfen haben, Beratung einholen und
gegebenenfalls eine Übernahme des Trinkers vereinbaren können.
„Im Uhlenhof erhalten diese dann umgehend medizinische Hilfe und
in den kritischen ersten acht Wochen liebevolle Pflege“, versprechen
die Initiatoren: „In dieser Zeit kann der Trinker noch von seiner Frau/
Tochter/Mutter zurückgeholt werden. Danach beantragt der
Betreuerstab seine Vormundschaft beim Amtsgericht, gleichzeitig
kümmert er sich um die Vermittlung von Pflegegattinnen.
Die Aktion ,Findeltrinker‘ rettet Leben!“
Neben staatlicher Unterstützung ist sie auf private Spenden angewiesen.
Die Initiatoren geben den potenziellen Nutznießern jedoch zu bedenken:
„Die Inanspruchnahme unserer Trinkerklappe darf nur der letzte Ausweg
sein, der es der Ehefrau oder Lebensgefährtin ermöglicht, straffrei zu bleiben.“
Kürzlich trat Karsten Krampitz erneut an die Öffentlichkeit –
mit einer neuen Einrichtung – die taz berichtete kurz und knapp:
Zu einem „Benefizkonzert für Landowsky“ hat das evangelische Nachtcafé
für Obdachlose in Berlin-Treptow für nächsten Dienstag in die Volksbühne
eingeladen. Dazu wird die Gruppe „Freygang“ erwartet, die mit ihren
systemkritischen Texten zu den markantesten Bands der DDR-
Untergrundszene gehörte. Vorgesehen sei zudem ein Podiumsgespräch
über die Situation von Obdachlosen mit Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner
(Linke/PDS), dem Politologen Peter Grottian und dem evangelischen Pfarrer
Dieter Ziebarth, teilte das Nachtcafé gestern mit. Das Nachtcafé hatte sich
vorigen Herbst „Landowsky“ genannt, um an den einstigen CDU-
Spitzenpolitiker und Bankmanager Klaus-Rüdiger Landowsky zu erinnern,
der kürzlich wegen seiner Verstrickung in die Bankenaffäre zu einer
Bewährungsstrafe verurteilt wurde. Er habe sich besonders durch sein
fehlendes Verständnis für arme und bedürftige Menschen in der Stadt
hervorgetan. So sagte er einst, „dass dort, wo Müll ist, Ratten sind, und
dass dort, wo Verwahrlosung herrscht, Gesindel ist“. Das aber müsse
in der Stadt „beseitigt werden“.
Außerdem besuchte Karsten Krampitz noch auf meine Bitte hin eine
Ausstellung über Obdachlose in Tokio, Belgrad, Berlin und anderswo
– von Milovan Markovic. Anschließend schrieb er:
Vermutlich hat Peter Scheller nicht die geringste Ahnung von seiner
Berühmtheit. Seit einigen Wochen hängt das Portrait des Obdachlosen
in der Nähe vom Checkpoint Charlie, und zwar in einer Größe von
vierzehn mal vierunddreißig Metern. Nur ist es eben kein Foto oder
Gemälde, sondern ein Textportrait: „NA, DA HABE ICH MIR SO –
DIE LEUTE SCHMEIßEN JA SO VIEL WEG – SO EINE MATRATZE
MIR BESORGT UND DANN SO EINE DECKE UND DANN
HABE ICH GEPENNT DA…“
Passanten, die das erste Mal vorbeigingen, insbesondere Touristen,
sind nach dem Lesen seltsam verstört, sagt Milovan Destil Markovic,
der als Maler und Interviewer für die Installation verantwortlich ist.
„Zuerst denken immer alle, das Banner an der Brandmauer ist Werbung.“
Gerade während der Fußball-WM erwarte man ja doch irgendwelche
Bezüge zum Turnier oder wenigstens schöne Gesichter glücklicher
Konsumenten. – Ihnen, den Ikonen der Werbung, den Hologrammen
des Konsums, hält der in Belgrad geborene Künstler eine eigene Ästhetik
entgegen. Die Schlichtheit des pigmentfarbenen Textfragments lässt einen
dabei nicht unberührt. „ABER DAS ERSTE DAS WAR, WENN ICH MICH
HINGEHAUEN HABE, SCHUHE AUSZIEHEN… EINMAL MUSS MAN
DOCH DIE SCHUHE AUSZIEHEN. DAS HABE ICH IMMER DANN, WENN
ICH MICH HINGEHAUEN HABE. DANN HABE ICH MEINE SCHUHE
AUSGEZOGEN. DIE ANDEREN, DIE HABEN IMMER ALLES ANBEHALTEN,
ACH.“
Dass eigentlich Bedeutende daran aber ist, dass Markovic für seine Arbeit
den öffentlichen Raum in Anspruch nimmt und das in einer Gegend Berlins,
in der soziale Armut als ästhetisches Problem wahrgenommen wird.
Dabei können Obdachlose durchaus auch exzellente Werbeträger sein.
Erinnert sei nur an Rudolph Moshammer, der seinerzeit in München gern
die Unbedachten in seine Selbstinszenierung einbezog. An Weihnachten
verteilte er auf „Platte“ Geschenke – nie ohne Journalisten. Und auch in
Berlin lebt schließlich eine ganze Industrie davon…
„Schönen guten Tag, ich verkaufe hier die neue ‚Egal was drinsteht.’“
Dass die Straßenpostillen keine wirklichen Selbsthilfeprojekte sind, außer
für wenige Nichtobdachlose, ist kein Geheimnis. Jeder Arbeitnehmer bei
Siemens hat mehr Rechte als ein Verkäufer bei der „motz“ oder dem
„strassenfeger“. Wenn deren Sprüche nur nicht so langweilen würden.
Eine Drückerkolonne, deren Leute an Haustüren mundbemalte
Behindertenpostkarten verscherbeln, hat mehr Unterhaltungswert.
– Wobei eines festgestellt werden muss: Die Postkarten haben
einen Gebrauchswert.
Jeden Sommer stehen in den Armutsgazetten die gleichen belanglosen
Berichte à la Hitze ist viel schlimmer als Kälte. – Wir brauchen Spenden.
– So ein Sommer aber auch. –Wir brauchen Spenden. – Teufel auch,
diese Hitze. – Wir brauchen Spenden. – Wann wird’s mal wieder richtig
Sommer. – Spenden Sie jetzt, aber dalli.
Kein Wort zur Vertreibung Obdachloser aus der Stadtmitte; über die
Repressalien privater Sicherheitsdienste oder den Skandal, dass in
Berlin Menschen wegen Schwarzfahren ins Gefängnis müssen. Genauso
wenig interessiert die zunehmende Ausländerfeindlichkeit in so manchen
kirchlichen Einrichtungen.
Etwa bei der Stadtmission, in deren Notübernachtungen Obdachlose aus
Osteuropa nur noch selten Hilfe finden. „Das sind alles Wanderarbeiter“,
heißt es dort. Alle anderen Mühseligen und Beladenen sind bei der
Stadtmission freilich herzlich willkommen. Warum auch nicht? Ohne
die Obdachlosen wäre der evangelikale Flügel der evangelischen Landeskirche
in den Medien lange nicht so präsent. Sogar im Sommer, wenn der
Bürgermeisterkandidat der CDU, Friedbert Pflüger, ein Kreuzberger
Wohnprojekt besucht. Selbstverständlich nur, um sich zu informieren.
Und genau das macht Markovic so sympathisch: seine Zurückhaltung.
An der Großinstallation am Checkpoint Charlie findet sich nicht der kleinste
Hinweis auf ihn, sein Werk oder seine Ausstellung, die noch bis Sonntag
zu besichtigen wäre. „Gutes tun“ oder moralisch handeln und einfach mal
den Mund halten – wo hat man das noch heute?
„Homeless Berlin“ heißt die Ausstellung von Milovan Markovic.
Interessenten melden sich bitte unter 030/2045 3396.
Adresse: Galerie Kai Hilgemann, Zimmerstraße 90/91, 2. Hof, 10117 Berlin.
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