vonHans Cousto 21.10.2019

Drogerie

Aufklärung über Drogen – die legalen und illegalen Highs & Downs und die Politik, die damit gemacht wird.

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Eve & Rave wurde in Berlin vor gut 25 Jahren im Oktober 1994 von kulturell und sozial engagierten Mitgliedern der Technoszene gegründet. Ziel und Zweck der Vereinsgründung war, Energien zur Förderung der Party- und Technokultur zu bündeln und zur Minderung der Drogenproblematik zu akkumulieren.

Titelseite der Partydrogenbröschüre von 1994. Zum Vergrößern Bild anklicken.

Eine Party-Drogen-Broschüre brachte alles in Bewegung. Im Inhalt dieser Broschüre wurde ein neuer differenzierter und realitätsbezogener Aufklärungsansatz zum Thema Drogen mit Akzeptanzstandpunkt umgesetzt. CDU Politiker sahen darin eine Verherrlichung und Verharmlosung von Drogenkonsum und reichten einen Indizierungsantrag ein, der in der Folge vom Ausschuss der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften abgelehnt wurde. Der nur politisch bedingte Versuch einer Zensur motivierte junge Raver aus der Szene in Berlin, Drogenaufklärung selbst in die Hand zu nehmen und eigenständig zu handeln. Um diesem Engagement eine effektive Struktur zu geben, wurde der Verein Eve & Rave gegründet. Der Verein veröffentlichte die Partydrogenbroschüre, begann ein Drug-Checking-Programm und informierte Raver in Clubs und auf Festivals, indem dort vor Ort Drogeninfostände aufgebaut und betreut wurden. In der Folge wurden auch in Kassel, Köln, Münster und in der Schweiz Eve & Rave Vereine mit der gleichen Zielsetzung gegründet. Im gemeinsamen Jahresbericht 2000 sind die Tätigkeiten aller Eve & Rave Vereine bis zur Jahrtausendwende präzise beschrieben.

Drug-Checking

Drug-Checking ist eine Interventionsstrategie zur Erhaltung der Gesundheit. Die genaue Kenntnis von Dosierung und Wirkstoffzusammensetzung einer Droge kann den potentiellen Gebrauchern derselben das objektiv bestehende Gefahrenpotential vergegenwärtigen und somit eine klare Grundlage für die subjektive Risikoabschätzung vor der eventuellen Einnahme schaffen. Drug-Checking ist ein unabdingbares Instrument für eine seriöse und glaubwürdige Drogenaufklärung. Die qualitative und quantitative Analyse sind das Kernstück von Drug-Checking-Programmen.

Nur durch die Veröffentlichung von Laboranalysen der auf dem Schwarzmarkt erhältlichen Drogen ist es den Drogengebrauchern möglich, die mitunter deutlich unterschiedlichen Wirkungsweisen verschiedener Substanzen wie zum Beispiel von MDMA und 2C-B an sich zu beobachten. Erlebnisqualitätsunterschiede können so eindeutig bestimmten Wirkstoffen und Dosierungen zugeordnet werden. Das individuelle Drogenwissen wird so erweitert und potentielle Drogengebraucher können besser entscheiden, ob sie, und wenn ja, welche Drogen sie in welcher Dosierung konsumieren möchten. Drug-Checking fördert somit den Lernprozess zur Drogenmündigkeit.

Im Januar 1995 beschloss der Verein Eve & Rave, in Berlin ein Drug-Checking-Programm für betäubungsmittelverdächtige Substanzen, die auf der Straße und in Clubs als Ecstasy-Pillen und -Kapseln feilgeboten wurden, durchzuführen. Die Analysenergebnisse wurden regelmäßig veröffentlicht, um eine wissenschaftlich fundierte Grundlage für die Aufklärung, für die Beratung und für die Prävention zu schaffen. Andererseits sollte auf diese Weise den Ecstasy-Gebrauchen verdeutlicht werden, welche Risiken sie beim Konsum der bunten Pillen für ihre Gesundheit eingingen.

Im Februar 1995 lief das erste autonome Drug-Checking-Programm in Deutschland an, am 30. September 1996 musste das Programm aufgrund staatlicher Repressionsmaßnahmen wieder eingestellt werden. Seit diesem Zeitpunkt herrscht in Berlin Stillstand. Am 1. November 2018 berichtete zwar die Pharmazeutische Zeitung unter dem Titel „Berlin – Modellprojekt zum Drug Checking gestartet“ , dass in Berlin ein solches Projekt gestartet habe. Wörtlich heißt es in dem Artikel:

Nach jahrelangen Überlegungen will Berlin Testmöglichkeiten für Drogen wie Ecstasy-Pillen schaffen. Ein Modellprojekt zum sogenannten Drug Checking starte am Donnerstag, teilte ein Sprecher der Gesundheitsverwaltung auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mit.

Ein Jahr später gibt es in Berlin immer noch kein Drug-Checking-Programm. Die Verlautbarung der Berliner Gesundheitsverwaltung vom 1. November 2018 muss deshalb in die Kategorie Fake News eingeordnet werden.

An den Infoständen von Eve & Rave konnten sich jedoch die Raver nach der Beendigung des Drug-Checking-Programms in Berlin weiterhin über die Inhaltsstoffe von Pillen informieren, da Eve & Rave Schweiz ein solches Programm gestartet hatte. Inzwischen gibt es sowohl in der Schweiz als auch in Österreich in mehreren Städten Drug-Checking-Programme, deren Analyseergebnisse an den Infoständen in den Clubs in Berlin (derzeit von der Freien Arbeitsgemeinschaft DrogenGenussKultur organisiert) eingesehen werden können.

Flyer einer Drug-Checking-Benefiz-Party von Eve & Rave von 1998

 

Versuch einer Spaltung des Vereins

Vier Akademiker (ein Pharmazeut, ein Arzt, ein Soziologe und ein Jurist) wollten in den Jahren 1996 und 1997 die rentablen Bereiche wie die Herausgabe von Broschüren, das Halten von Vorträgen und das Durchführen von Workshops aus der Vereinsarbeit auslagern und begannen mit der Gründung der sogenannten Eve & Rave Factory. Der Verein sollte weiterhin die Drogeninfostände organisieren, aufbauen und betreuen. Diese Aufteilung goutierten die meisten Vereinsmitglieder nicht und es gab in der Folge einen so heftigen Streit, so dass ein Vorstandsmitglied und der Anwalt des Vereins beim Amtsgericht die Einsetzung eines Notvorstandes beantragten. Die Rolle des Notvorstandes übernahm Frau Prof. Gundula Barsch, der Verein wurde gerettet und die Factory durfte den Namen Eve & Rave nicht mehr nutzen, da die Namensrechte beim Verein lagen. Unter einem anderen Namen wollte die Factory jedoch nicht arbeiten und stellte seine Tätigkeit ein, hinterließ jedoch jede Menge Schulden und andauernde Streitigkeiten. Von diesen Streitigkeiten angewidert verließen in der Folge fast die Hälfte der Mitglieder den Verein.

Wettbewerb Drogenkompetenz

Das Webteam von www.eve-rave.net startete am Ostersonntag, 31. März 2002, ein Wettbewerb mit drogenpolitischem Hintergrund gemäß dem Motto der Jahresarbeit des Vereins Eve & Rave in Berlin: „amtlich = richtig?“. Mit diesem Wettbewerb sollte die Szene in der Beantwortung dieser Frage eingebunden werden. Grundlage des Wettbewerbs war der Internetauftritt von www.drugcom.de, einem Projekt der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Inhalt des Wettbewerbs war das Auffinden von Fehlern, Täuschungen und Manipulationen. Einsendeschluss war der Pfingstsonntag, 19. Mai 2002. Die Tatsache, dass „drugcom“ vor allem verunsichern und überhaupt nicht aufklären wollte, konnte man deutlich am Beispiel der gegebenen „Informationen“ betreffend Streckmitteln in Ecstasypillen sehen. Unter dem Zwischentitel „Zusammensetzung der Pille“ konnte man folgendes lesen:

Analysen haben gezeigt, dass die Pillen praktisch nie reines MDMA enthalten. Im günstigsten Fall sind noch andere entaktogen wirkende Substanzen enthalten, oft aber auch Speed, meistens noch andere Verschnittstoffe.

Das BKA meldete demgegenüber im Rauschgiftjahresbericht 2000 auf Seite 91 folgende Zahlen betreffend Reinheitsgehalte von Ecstasypillen und Kapseln:

Für insgesamt 935.186 Tabletten und Kapseln – im Folgenden als Konsumeinheiten (KE) bezeichnet – wurden die Wirkstoffgehalte mitgeteilt. 92,7 % der Konsumeinheiten enthielten einen psychotropen Wirkstoff (Monopräparate), während bei 7,3 % zwei und drei Suchtstoffe festgestellt wurden (Kombinationspräparate).

Von den 852.736 Monopräparaten enthielten 98,4 % 3,4-Methylendioxy-methamphetamin (MDMA), 1,2 % Amphetamin und die verbleibenden 0,4 % Methamphetamin, 3,4-Methylendioxy-N-ethylamphetamin (MDE), 4-Brom-2,5-dimethoxy-amphetamin (DOB), 4-propylthio-2,5-dimethoxyphenethylamin (2C-T-7) und 3,4-methylendioxyamphetamin (MDA).

Bei den gemeldeten Kombinationspräparaten handelte es sich um Mischungen von MDMA/MDE, MDMA/MDA, MDMA/Methamphetamin, MDMA/Amphetamin MDA/Amphetamin oder MDMA/MDA/Amphetamin. Die am häufigsten gemeldeten MDMA/MDE-Zubereitungen enthielten durchschnittlich 36 mg MDMA und 22 mg MDE pro Konsumeinheit (als Base berechnet).

98,4 Prozent aller Monopräparate respektive 91,2 Prozent aller untersuchten Proben aus dem Jahr 2000 enthielten gemäß BKA ausschließlich den Wirkstoff MDMA. Demzufolge war die Angabe bei „drugcom“, dass Analysen gezeigt hätten, dass die Pillen „praktisch nie“ reines MDMA enthalten, falsch. Der durchschnittliche Gehalt an MDMA lag gemäß BKA im Jahr 2000 bei 64 Milligramm (als Base berechnet) respektive 76 Milligramm (als Hydrochlorid berechnet). Auch die Formulierung „Im günstigsten Fall sind noch andere entaktogen wirkende Substanzen enthalten, oft aber auch Speed, meistens noch andere Verschnittstoffe.“ bei „drugcom“ war genauso wirklichkeitsfremd. Bei „drugcom“ waren 91,2 Prozent „praktisch nie“, 1,2 Prozent „oft“ und 0,4 Prozent „meistens“ (die 7,3 Prozent der Kombinationspräparate sind in den letztgenannten Zahlen nicht berücksichtigt, wobei der gewichtigste Anteil bei diesen Zubereitungen die Kombinationen verschiedener entaktogener Wirkstoffe darstellt.

Die Analyse der Angaben bei „drugcom“ offenbarte, dass dieses Projekt der BzgA sich auf dem Niveau der übelsten polemischen Artikel der Boulevardpresse bewegte. Als Aufklärung konnte man das beim besten Willen wirklich nicht bezeichnen. Deshalb wurde der Wetbewerb Drogenkompetenz vom Webteam von Eve & Rave Berlin veranstaltet, um diesen Fake News entgegen zu wirken.

Aufgrund der Tatsache, dass Tibor Harrach, der gewählte Vorstandsvorsitzende – jedoch nicht im Vereinsregister eingetragene – von Eve & Rave e.V. Berlin, dem Wettbewerb und seinen Initiatoren seinerzeit überhaupt nicht wohl gesonnen war, konnte das Webteam die Auswertung der Einsendungen nicht auf www.eve-rave.net publizieren, ohne riskieren zu müssen, einen großen Streit heraufzubeschwören. Um prophylaktisch allfällige Auseinandersetzungen diesbezüglich zu vermeiden, gestaltete das Webteam von www.eve-rave.net kurzerhand eine private Homepage zum Thema DrogenGenussKultur (www.drogenkult.net) und veröffentlichte dann dort die ersten Ergebnisse des Wettbewerbs.

Die Einsendungen zum Wettbewerb wurden strukturiert veröffentlicht, so dass www.drugcom.de die Möglichkeit hatte, Fehler auf ihrer Seite zu korrigieren und somit die haarsträubende Desinformation, die von ihrer Seite ausging, zu stoppen. Nach dem Verlauf einiger Monate war dies größtenteils geschehen, so dass der Wettbewerb auch diesbezüglich einen guten Zweck erfüllte.

Amtliche Informationsunterdrückung

Nach der Jahrtausendwende gab es einen skandalösen Versuch seitens der Bundesregierung, wesentliche Informationen zur drogenpolitischen Realität zu unterdrücken. Das Bundesministerium für Gesundheit hatte im Jahr 1999 eine Drogen- und Suchtkommission berufen, der hochkarätige Expertinnen und Experten aus den Bereichen Medizin, Psychologie, Rechtswissenschaften, Sozialwissenschaften sowie ein Vertreter der Betroffenen und ein Journalist und Praktiker angehörten. Das 14-köpfige Gremium hatte sich am 8. Dezember 1999 in Berlin konstituiert. Die Aufgabe der Kommission war es, Empfehlungen zur Verbesserung der Suchtprävention auszuarbeiten. Des Weiteren sollte die Kommission dazu beitragen, einen neuen Nationalen Aktionsplan Drogen und Suchtmittel zu entwickeln, der die wichtigen Aspekte und Maßnahmen in diesem Bereich auf allen Ebenen umfassen sollte.

Am 4. Juni 2002 hatte die Drogen- und Suchtkommission der Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) und der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Marion Caspers-Merk (SPD), ihren Abschlussbericht zur Verbesserung der Suchtprävention übergeben. Damals hatte das Gesundheitsministerium zu diesem Anlass eine Pressemitteilung mit dem Titel „Politik der Bundesregierung sieht sich durch das Votum der Drogen- und Suchtkommission bestätigt“ veröffentlicht. Sowohl die Pressemitteilung (Nr. 13 vom 4. Juni 2002) als auch eine Vollversion des Abschlussberichtes der Drogen- und Suchtkommission konnte man über mehrere Monate hinweg auf der Website des Gesundheitsministeriums abrufen. Später jedoch suchte man auf der Website des Ministeriums vergeblich nach diesen beiden Dokumenten. Sie wurden einfach wieder entfernt. Und damit dies nicht allzu auffällig erschien, wurde bei allen Pressemitteilungen der Drogenbeauftragten aus den Jahren 2001 und 2002 die Nummerierung ebenfalls entfernt. Mit nahezu akribischer Präzision wurden hier nach klassischer Geheimdienstmanier wie zu Stalins Zeiten in der Sowjetunion Dokumente aus Verzeichnissen entfernt, um das in diesen amtlichen Dokumenten transportierte Gedankengut besser ausmerzen zu können.

Freie Arbeitsgemeinschaft DrogenGenussKultur

Die Verhinderung von Drug-Checking in Berlin, die Fake News auf www.drugcom.de und der Umgang des Gesundheitsministeriums mit den Empfehlungen zur Verbesserung der Suchtprävention der Drogen- und Suchtkommission bewog die Crew von Eve & Rave Berlin, die regelmäßig Drogeninfostände in Clubs und auf Festivals organisierte, im Jahr 2002 die Freie Arbeitsgemeinschaft DrogenGenussKultur zu gründen um unabhängig von staatlichen Institutionen Aufklärungsarbeit vor Ort zu leisten. Auf rein ehrenamtlicher Basis und ohne Nutzung von Geldern aus der Staatskasse war die Crew in weit über Tausend Nächten mit einem Drogeninfostand auf Partys präsent – von 1994 bis 2002 als Crew von Eve & Rave Berlin, von 2003 bis 2011 als Crew vom Webteam von Eve & Rave und ab 2011 als Crew der Freien Arbeitsgemeinschaft DrogenGenussKultur.

Drogeninfostand auf dem New Healing Festival 2019

Auf den Tischen der Drogeninfoständen werden außer den selbst erstellten Fachinformationen für den nichtmedizinischen Gebrauch diverser psychotrop wirkender Substanzen auch Informationen des Hanf Museums, des Deutschen Hanfverbandes (DHV), der Hanfparade, der Deutschen AIDS-Hilfe und andere präsentiert.

Vortrag 25 Jahre Drogeninfostände

TuneUp Logo

Seit vielen Jahren gibt es nahezu auf jeder Jam Session des TuneUp Sound Collective einen Drogeninfostand. Deshalb entschied sich die Crew der Freien Arbeitsgemeinschaft DrogenGenussKultur bei einer TuneUp Session im Badehaus (Revaler Strasse 99, auf dem RAW-Gelände, Zugang Höhe Simon-Dach-Straße, 10245 Berlin) die Erfahrungen aus einem Vierteljahrhundert Drogenaufklärung vor Ort in Berliner Clubs und auf Festivals zu präsentieren. Am Montag, 4. November 2019, wird Hans Cousto von den Anfängen bis heute berichten. Einlass ist ab 19:30 Uhr, gegen 20:00 Uhr wird der Vortrag beginnen, danach wird die Session mit einem Intro des TuneUp Sound Collective beginnen, danach folgt die Jam Session. Für die Backline ist gesorgt, man braucht nur Instrumente mitbringen. Eintritt: 3-5 € Spende an den Verein oder 10€ = Beutel + CD + Eintritt.

 

Weitere Infos zum Thema in diesem Blog

[27.08.2017] Drogeninfostände als Interventionsstrategie zur Gesundheitsförderung
[14.10.2014] 20 Jahre Drogeninfostände in Berliner Clubs

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