vonHans Cousto 30.10.2020

Drogerie

Aufklärung über Drogen – die legalen und illegalen Highs & Downs und die Politik, die damit gemacht wird.

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Unter dem Titel „Start von Mach dich schlau! und Cannabispraevention.de“ veröffentlichte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Daniela Ludwig (CSU) am 28. Oktober 2020 eine Pressemitteilung, in welcher sie neue Präventionsangebote der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und der Drogenbeauftragten der Bundesregierung vorstellte. Im Mittelpunkt der neuen Präventionsangebote stehen digitale Informationsangebote, die auch in Schulen eingesetzt werden können, um Jugendliche und ihre erwachsenen Bezugspersonen für die gesundheitlichen Risiken des Cannabiskonsums zu sensibilisieren.

Die Drogenbeauftragte wird in der Pressemitteilung wie folgt zitiert:

Es ist das erste Mal, dass auf Bundesebene so umfangreiche und vielseitige Infos über Cannabis publiziert werden. Dafür habe ich mich seit Beginn meiner Amtszeit extrem stark gemacht und freue mich sehr, dass wir heute die neuen Maßnahmen als Gesamtpaket vorstellen können. Sie beinhalten alles, was Kinder und Jugendliche über die gesundheitlichen Risiken des Cannabiskonsums wissen müssen. Die Kids werden nicht mit langweiligen, trockenen Phrasen konfrontiert, sondern über die sozialen Medien – Youtube, Instagram und Co. – erreicht. Hinzu kommen noch umfangreiche Materialien für Lehrer, Eltern und alle, die Kinder und Jugendliche darin bestärken möchten, erst gar nicht mit dem Kiffen anzufangen.

Die neue Webseite www.cannabispraevention.de für Jugendliche ergänzt das BZgA-Informationsangebot www.drugcom.de, das sich vorrangig an junge Cannabis konsumierende Erwachsene richtet. Begleitet wird der Start des Internetangebots von der Social-Media-Kampagne „Mach dich schlau!“ . Diese soll junge Menschen zur kritischen Auseinandersetzung mit der Substanz Cannabis anregen. Der Deutsche Hanfverband (DHV) begrüßt gemäß Pressemitteilung vom 28. Oktober 2020 die gestartete Kampagne zur Cannabisprävention bei Jugendlichen. Nachdem der DHV im September mit cannabisfakten.de ein Infoportal zu Cannabis gestartet hatte, ziehen BZgA und Drogenbeauftragte nun mit der Seite cannabispraevention.de und der Social Media Aktion „Mach dich schlau!“ für Jugendliche nach.

Sucht-Hamburg hat im Auftrag der BZgA die Daten aller bisher durchgeführten SCHULBUS-Untersuchungen einer ausführlichen Sekundäranalyse unterzogen, um der Frage nachzugehen, ob und in welchen konkreten Aspekten ihres Alltagslebens sich die Jugendlichen, die kein Cannabis konsumieren von den gleichaltrigen Jugendlichen unterscheiden, die bereits Erfahrung mit Cannabis gemacht haben. Dabei stellte sich nebenbei bemerkt unter anderem heraus, dass in München und Nürnberg mehr Jugendliche kiffen als in Hamburg.

Unter dem Pressetext der Drogenbeauftragten zur neuen Präventionskampagne sind diverse Links zu anderen Webseiten aufgelistet. Der erste sollte zur Webseite zu www.sucht-hamburg.de führen, doch leider funktioniert dieser Link nicht. Der zweite Link funktioniert führt einen zu www.cannabispraevention.de.

www.cannabispraevention.de

Auf dieser Seite informiert die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) über das Thema Cannabis. Die BZgA ist eine Fachbehörde im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) und hat die Aufgabe und das Ziel, den Bürgerinnen und Bürgern in Deutschland Informationen zu den wichtigsten Gesundheitsthemen zur Verfügung zu stellen – aktuell, unabhängig und natürlich wissenschaftlich geprüft. Es gibt drei Rubriken auf dieser Seite: eine für Jugendliche, eine für Eltern und eine für Fach- und Lehrkräfte.

Auf der Seite für Jugendliche gibt es die Rubrik „Mythen des Cannabiskonsums“ mit diversen Aussagen, deren Fehlerhaftigkeit dann gleich aufgezeigt werden. Beispiel:

„Alle kiffen doch.“ –> Stimmt nicht – Etwa 90 von 100 Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren haben noch nie gekifft (89,6 Prozent).

In einem ergänzenden Text mit diversen Daten hierzu heißt es:

Von 100 Jugendlichen kiffen lediglich 2 regelmäßig (2,0 Prozent). Eigentlich müssten Aussagen wie „Kiffen unter Jugendlichen ist die Ausnahme“ verbreitet sein – zumindest ist das die Wahrheit.

Kiffende Jugendliche

Die Angabe, dass nur zwei Prozent der Jugendlichen regelmäßig kifft, ist richtig, doch zeigt sie die Situation nur aus einem Blickwinkel. So wird in großen Städten mehr gekifft als in den Dörfern auf dem Land. Und 12-Jährige kiffen weniger als 17-Jährige. Zur Veranschaulichung der Gegebenheiten hier ein paar Grafiken mit den entsprechenden Daten in Prozent.

Cannabiskonsum in Deutschland – 12- bis 17-Jährige – Angaben in Prozent – nichtstetige Zeitreihe 1979 bis 2018. Datenquelle: BZgA
Cannabiskonsum in Deutschland – 12- bis 17-Jährige – Angaben in Prozent – nichtstetige Zeitreihe 1979 bis 2018. Datenquelle: BZgA

Die Lebenszeitprävalenz (mindestens einmal im Leben gekifft) und die Jahresprävalenz (mindestens einmal in den letzten 12 Monaten einmal gekifft) lag im Jahr 2004 bei den 12- bis 17-Jährigen deutlich höher als heute. Die Monatsprävalenz (mindesten einmal in den letzten 30 Tagen einmal gekifft) war im Jahr 1997 am höchsten und hat sich von 2016 bis 2018 nicht verändert. Im Gegensatz dazu haben die Lebens- und Jahresprävalenz im gleichen Zeitraum zugenommen.

Cannabiskonsum in Deutschland – 18- bis 25-Jährige – Angaben in Prozent – nichtstetige Zeitreihe 1979 bis 2018. Datenquelle: BZgA
Cannabiskonsum in Deutschland – 18- bis 25-Jährige – Angaben in Prozent – nichtstetige Zeitreihe 1979 bis 2018. Datenquelle: BZgA

Von den 18- bis 25-Jährigen haben im Jahr 2018 deutlich mehr gekifft als zwei Jahre zuvor.

Lebenszeitprävalenz des Cannabiskonsums in Deutschland im Jahr 2018 von Jugendlichen und jungen Erwachsenen nach Altersstufen aufgeschlüssel. Datenquelle: BZgA
Lebenszeitprävalenz des Cannabiskonsums in Deutschland im Jahr 2018 von Jugendlichen und jungen Erwachsenen nach Altersstufen aufgeschlüsselt. Datenquelle: BZgA

Nur 1,5 Prozent der 12- und 13-Jährigen haben in ihrem Leben schon einmal Cannabis konsumiert. Mit zunehmenden Alter steigt dieser Anteil. Fast die Hälfte (48,8 Prozent) der 24- und 25-Jährigen hat schon einmal im Leben Cannabis konsumiert.

Jahresprävalenz des Cannabiskonsums in Deutschland im Jahr 2018 von Jugendlichen und jungen Erwachsenen nach Altersstufen aufgeschlüssel. Datenquelle: BZgA
Jahresprävalenz des Cannabiskonsums in Deutschland im Jahr 2018 von Jugendlichen und jungen Erwachsenen nach Altersstufen aufgeschlüsselt. Datenquelle: BZgA

Die größte Gruppe, die innerhalb der letzten 12 Monaten mindestens einmal gekifft hat, ist die der 18- bis 19-Jährigen. Bei den über 20-Jährigen gibt es also viele, die zwar schon mal im Leben gekiffte haben, jedoch nicht in den letzten 12 Monaten. Bei den 24- und 25-Jährigen ist mehr als die Hälfte als zugehörig zur Gruppe der „Probierkiffer“ einzuordnen, da die Jahresprävalenz nicht einmal halb so groß ist wie die Lebenszeitprävalenz.

Monatsprävalenz des Cannabiskonsums in Deutschland im Jahr 2018 von Jugendlichen und jungen Erwachsenen nach Altersstufen aufgeschlüsselt. Datenquelle: BZgA
Monatsprävalenz des Cannabiskonsums in Deutschland im Jahr 2018 von Jugendlichen und jungen Erwachsenen nach Altersstufen aufgeschlüsselt. Datenquelle: BZgA

Bei den 12- bis 13-Jährigen kiffte im letzten Monat vor der Befragung nur einer respektive eine von 300 Jugendlichen (0,3 Prozent). Bei den 24- und 25-Jährigen waren es 8,9 Prozent, also weniger als halb so viele, die angegeben haben innerhalb der letzten 12 Monate Cannabis konsumiert zu haben und deutlich weniger als ein Viertel, die angegeben haben, mindestens einmal im Leben schon mal gekifft zu haben.

Lebenszeitprävalenz des Cannabiskonsums in Frankfurt am Main im Jahr 2018 von Jugendlichen und jungen Erwachsenen nach Altersstufen aufgeschlüsselt. Datenquelle: MoSyD
Lebenszeitprävalenz des Cannabiskonsums in Frankfurt am Main im Jahr 2018 von Jugendlichen und jungen Erwachsenen nach Altersstufen aufgeschlüsselt. Datenquelle: MoSyD

In den großen Städten sind die Prävalenzen des Cannabiskonsums deutlich höher als im Bundesdurchschnitt. Dies ist hier am Beispiel Frankfurt am Main dargestellt. In Frankfurt erscheint jährlich der Bericht „Monitoring-System Drogentrends“ (MoSyD) vom Centre for Drug Research (CDR) der Goethe-Universität. Die hier dargestellten Grafiken basieren auf Daten aus dem Bericht 2018. Die Lebenszeitprävalenz liegt in den hier angegebenen Altersgruppen im Schnitt deutlich über zehn Prozentpunkte höher als im Bundesdurchschnitt. Dies gilt auch für andere Städte wie Hamburg, München oder Nürnberg.

Jahresprävalenz des Cannabiskonsums in Frankfurt am Main im Jahr 2018 von Jugendlichen und jungen Erwachsenen nach Altersstufen aufgeschlüsselt. Datenquelle: MoSyD
Jahresprävalenz des Cannabiskonsums in Frankfurt am Main im Jahr 2018 von Jugendlichen und jungen Erwachsenen nach Altersstufen aufgeschlüsselt. Datenquelle: MoSyD

Die Jahresprävalenzen liegen in Frankfurt am Main sogar im Schnitt etwa 15 Prozent höher als im Bundesdurchschnitt.

Monatsprävalenz des Cannabiskonsums in Frankfurt am Main im Jahr 2018 von Jugendlichen und jungen Erwachsenen nach Altersstufen aufgeschlüsselt. Datenquelle: MoSyD
Monatsprävalenz des Cannabiskonsums in Frankfurt am Main im Jahr 2018 von Jugendlichen und jungen Erwachsenen nach Altersstufen aufgeschlüsselt. Datenquelle: MoSyD

Auch die Monatsprävalenzen sind in Frankfurt am Main in allen Altersgruppen deutlich höher als im Bundesdurchschnitt. Im Schnitt haben in Frankfurt am Main 22 Prozent der 15- bis 18-Jährigen innerhalb der letzten 30 Tage Cannabis konsumiert. Zum Vergleich eine um ein Jahr jüngere Altersgruppe: Von den 14- bis 17-Jährigen konsumierten Cannabis innerhalb der letzten 30 Tage 14 Prozent der Jugendlichen in Hamburg, 15 Prozent der Jugendlichen in München und Nürnberg, jedoch nur fünf Prozent im Schnitt bundesweit.

Mach dich schlau!

Einen Joint zu halten ist doch nicht illegal
Bild von der Website mach dich schlau mit dem Spruch: Einen Joint zu halten ist doch nicht illegal

In der Pressemitteilung der Drogenbeauftragten wird auch auf die Website www.mach-dich-schlau.tips hingewiesen. Diese ist aber offensichtlich noch im Aufbau, denn erstens dauert es eine gefühlte Ewigkeit, bis etwas auf dem Bildschirm zu sehen ist, und zweitens führen alle Links zu den Cannabis-Mythen zum selben Bild. Darauf ist ein Bild zu sehen mit dem Spruch „Einen Joint zu halten ist doch nicht illegal“ unter dem Logo von mach dich Schlau.

Wer sich schlau machen will, sollte also eher die Webseite www.cannabispraevention.de oder www.cannabisfakten.de aufrufen und sich dort informieren. Um sich schlau zu machen, lohnt es sich beide Angebote zu nutzen und die Angaben zu vergleichen. Für Schulklassen ist ein solcher Vergleich eine gute Übung in Medienkompetenz.

Zensur auf YouTube

Die Bundesregierung hat die Betreiber von sozialen Medien im Internet verpflichtet, Hassbotschaften und Fake News von ihren Plattformen zu entfernen. Damit entscheiden multinationalen Konzerne, was auf ihren Plattformen für die Rezipienten zugänglich sein darf und was nicht. Diese Plattformen haben eine großen Relevanz für die Vermittlung von Information. In letzter Zeigt zeigte es sich immer wieder, dass YouTube Videos löschte um den Informationsfluss in seinem Sinne respektive im Sinne mächtiger Zuflüsterer zu manipulieren. Die Bundesregierung hat die hoheitliche Aufgabe der Garantie, dass gemäß Artikel 5 Grundgesetz keine Zensur stattfinde, einfach an privatwirtschaftliche Firmen übertragen und ist somit zu diesem Themenkomplex nicht mehr Herr im Hause.

So hat YouTube zahlreiche Videos und Links gemäß DHV-Update Youtube-Zensur vom YouTube-Kanal des Deutschen Hanfverbandes (DHV) gelöscht. YouTube hat im September die Richtlinien geändert und offenbar gleichzeitig begonnen, eine verschärfte Zensursoftware (KI) einzusetzen. Vielleicht soll diese KI für kommende Uploadfilter trainiert werden. Jedenfalls handelt dieses Programm zunächst autonom ohne menschliches Zutun, löscht Links aus Videobeschreibungen und erteilt dem DHV dafür Verwarnungen (Strikes). Nach zwei Verwarnungen kann man schon sieben Tage keine Videos veröffentlichen, also die üblichen News nicht liefern. Nach vier Strikes wird der Kanal komplett mit allen Videos und Abonnenten zunächst entfernt. Gegen diese Strikes gibt es ein zweistufiges Beschwerdeverfahren. Schritt eins ist eine Beschwerde über ein automatisch generiertes Formular. Diese Beschwerden werden nach einer Weile regelmäßig ohne Angabe von Gründen abgelehnt. Schritt zwei ist die Beschwerde per E-Mail an den Partnersupport. Hier sind zum ersten mal Menschen involviert, die individuell formulierte E-Mails schreiben. Sie haben bisher alle Verwarnungen für den DHV-Kanal aufgehoben und damit letzten Endes bestätigt, dass der DHV nicht gegen die YouTube-Richtlinien verstoßen hat. Das Problem dabei ist, dass die Software zur Zeit viel schneller agiert als die menschlichen Supporter und weniger coronaanfällig ist. Dadurch müssen YouTube-Kanalbetreiber zum Teil wochenlang auf die Entscheidung warten, die den Strike wieder entfernt. Vergleiche hierzu: DHV-Update: Youtube-Zensur.

Ausschnitt aus dem Bildschirmfoto der Website https://socialblade.com/youtube/user/deutscherhanfverband vom 5. November 2020
Ausschnitt aus dem Bildschirmfoto der Website https://socialblade.com/youtube/user/deutscherhanfverband vom 5. November 2020

Vom DHV-Kanal auf YouTube wurden gemäß socialblade.com/ am 29. Oktober zahlreiche Videos, die insgesamt über 16 Millionen mal aufgerufen wurden, gelöscht. Der DHV-Kanal hat über 160.000 Abonnenten. Vor diesem Hintergrund hat der DHV seine neuesten News bei Vimeo hochgeladen. Zum Vergleich: Der regierungsnahe YouTube-Kanal von drugcom.de hat 14.600 Abonnenten. Man kann sich nur schwer des Eindrucks erwehren, dass seitens der Bundesregierung oder seitens ihr nahe stehenden Lobbyisten Druck auf YouTube gemacht wurde, die Reichweite des DHV zu minimieren, um die Präsenz für die Kampagne der Drogenbeauftragten zu optimieren. Zu anderen Themen kann man ja solche Vorgänge bei YouTube schon jetzt gut beobachten – so scheint dieser Fall nur einer von vielen in Sachen Meinungsmanipulation bei YouTube zu sein, immer nach dem Prinzip: Die Partei hat immer recht respektive die großen Konzerne und ihre Lobbyisten haben immer recht.

Vergleiche hierzu in diesem Blog

[23.08.2020] Trotz Cannabislegalisierung kiffen Schüler nicht häufiger

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https://blogs.taz.de/drogerie/2020/10/30/mach-dich-schlau/

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