vonmanuelschubert 25.02.2020

Filmanzeiger

Texte, Töne und Schnipsel aus dem kinematografischen Raum auf der Leinwand und davor. Kinoverliebt. Filmkritisch. Festivalaffin.

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Getragen von begnadeten Darsteller:innen und einer tückischen Dramaturgie, gelingt Josephine Decker mit SHIRLEY eine meisterhafte und zugleich völlig irre Exploration von Verführung und feministischer Selbstbefreiung.


„I like your Rosie, why would I harm you?
You could run from me, you don’t.
Why do you stay?“

Shirley Jackson war eine US-amerikanische Autorin, die in den USA der 1950er und 60er Berühmtheit durch ihre Horror- und Psychothriller erlangte, allen voran die Kurzgeschichte „The Lottery“. Sie starb, übergewichtig und psychisch angeschlagen, bereits 1965 im Alter von nur 48 Jahren an Herzversagen. Sie hatte sich – zwischen ihrem Dasein als Starautorin und zugleich Hausfrau mit vier Kindern – schlicht kaputt gearbeitet.

„The Lottery“ – die fiktive Geschichte eines kleinen Dorfs im heutigen Amerika, in dem alljährlich ein:e Bewohner:in ausgelost wird, um als Opfergabe für das Wohlergehen der Gemeinschaft zu Tode gesteinigt zu werden – markiert den Einstieg in die Erzählung von SHIRLEY: Die USA Ende der 40er, ein junges Paar, Rose und Fred, reisen im Zug. Rose liest „The Lottery“ und berichtet ihrem Mann davon. „Is it scary?“ – „No. It’s terrific.“ Sie drückt dabei ihre Hand in seinen Schritt. Es folgt Sex auf der Zugtoilette.

Eigentlich beginnt SHIRLEY Sekundenbruchteile vor dieser Sequenz. Ein Augenpaar guckt fiebrigen Blickes in die Kamera und verbindet sich mit undefinierbarem Lärm auf der Tonspur zu einem unenträtselbaren Sekundenschlaf-artigen Moment.

Albtraum

Rose und Fred, das junge Paar, erhalten Unterkunft bei Stanley und Shirley. Stanley ist Uni-Professor und Fred will für einige Monate als dessen Assistent arbeiten, um seine eigene Universitätskarriere voranbringen. Als treue Ehefrau folgt ihm Rose, ihre eigenen Ambitionen zurückstellend. Shirley ist jene Autorin, deren Kurzgeschichte Rose zuvor noch im Zug las und die sie bewundert. Doch diese Shirley entpuppt sich als menschlicher Albtraum. Rundheraus ätzend reagiert sie auf die neuen Gäste im Haus.

Auch unabhängig von der Anwesenheit des Paares scheint es gerade nicht gut um die Autorin bestellt. Angeblich, so geht das Gerücht an der Uni, hat sie seit langer Zeit das Haus nicht mehr verlassen und auch keine Zeile mehr geschrieben. Stanley, der charismatische Professor, der mühelos seinen Hörsaal in den Griff kriegt, aber an seiner Frau zu scheitern scheint, bittet seine Gäste um den Gefallen, sich im Haushalt zu engagieren und seiner Frau etwas zu helfen. Eine Aufgabe, die wenig überraschend an Rose hängen bleibt, was weder sie noch Shirley besonders freut.

Die Geschichte, die Filmemacherin Josephine Decker und Drehbuchautorin Sarah Gubbins hier erzählen, ist kein Biopic. Nur lose stützen sie sich auf einige biografische Details von Shirley Jackson. Gleichwohl ließen sie sich offenbar von Jacksons Schreibstil intensiv inspirieren, der als verwunschen, hypnotisch und sehr eindringlich beschrieben wird. Wobei Inspiration vielleicht das falsche Wort ist: Eher schon könnte man von einem umfänglichen Zauber oder einer Verführung sprechen.

Macht

Egal welcher Natur, Verführung bedarf mindestens zweier Spieler:innen. Verführung ist niemals eine Einbahnstraße. Und sie ist eine Frage von Macht. Wer erliegt ihr und gibt sich damit den Avancen des Gegenübers hin? Wer widersteht ihr? Und wer gibt ihr nur aus Kalkül nach, um das Gegenüber zu lenken?

Verführung erweist sich als zentrales Element in diesem Film, in vielerlei Hinsicht. Erotik liegt hier omnipräsent in der Luft, wie sich allein schon in der Anfangssequenz mit Rose‘ Griff in den Schritt ihres Gatten zeigt. Und dann ist da diese förmlich mit den Händen greifbare Intellektualität, mit der sich alle vier Charaktere in dieser Geschichte zu umwerben scheinen. Wenn auch mit höchst unterschiedlichen oder eher zwiespältigen Motiven. „Give him enough rope and he will hang himself.“

Shirley (Elisabeth Moss) und Rose (Odessa Young) | (c) Bild: LAMF Shirley Inc./IFB 2020

Rose ist dabei der Fixpunkt in diesem Spiel auf einem schmalen Grat zwischen Übergriffigkeit und Lust – körperlich, psychisch, spirituell. Allzu schnell sind Grenzen beiseite gewischt und Widerstände gebrochen. Charisma wird zur Waffe, lüstern kombiniert mit Wahnsinn. Shirley zieht Rose in ihren Bann, Rose macht Shirley von sich abhängig. Stanley umgarnt Rose, doch die leistet Widerstand. Also lockt er den ach so treuen Fred in die Abgründe des Universitätsbetriebs. Dort, wo sich Debattierwettbewerbe insgeheim als Fleischmarkt herausstellen und ausgewürfelt wird, welche Studentin und welcher Prof als Nächstes miteinander ficken – während die Ehefrau mit dem Neugeborenen Zuhause hockt. Shirley weiß um diese Abgründe, Rose nicht.

Autarkie

Männer werden unterdessen zum Nebenkriegsschauplatz. Der Konnex zwischen Rose und Shirley entwickelt sich zum eigentlichen Kraftzentrum dieses Films und beschreibt eine immer abgründigere, beängstigendere Charakterentwicklung. Wie Vampire scheinen sich beide Frauen für ihre eigenen Bedürfnisse gegenseitig auszusaugen. Rose ist für Shirley die Muse, die sie so lange gesucht hat, um die Geschichte einer verschollenen jungen Studentin endlich in neues Buch zu verwandeln.

Shirley wiederum verkörpert jene Gefährlichkeit, geistige Virilität und anarchistisch-feministische Autarkie von gesellschaftlichen Normen und Zuschreibungen, die Rose so verzweifelt sucht, um dem bedrohlich eng heranrückenden Schicksal als betrogenes Heimchen vom Herd zu entgehen. Nur, wessen Kräfte werden zuerst verbrannt sein? Und was folgt danach? Der Tod rückt spürbar näher. „Why do you stay?“

SHIRLEY dringt mit messerscharfen Dialogen in uns ein, die Szenenapplaus verdienen. Steckt uns an mit bestechenden Kinobildern und der bebenden Präsenz der Darsteller:innen auf der Leinwand, die sich mit scharfer Kante vom Overacting abgegrenzt und zugleich exakt auf den Punkt ist. Fleischig, saftig, virulent. Man könnte auch von einer begeisternden Wollust des Agierens sprechen, was insbesondere auf Elisabeth Moss als Shirley und Michael Stuhlbarg als Stanley zutrifft.

Es kommt der Zeitpunkt, an dem in diesem Film alle Orientierung verloren geht. Wo Shirleys Visionen und die literarische Erzählung ihres neuen Buchs zur filmischen Erzählung werden und umgekehrt, wo Realität und Traum sich mit Vorsehung und Wahn vermählen und eine neue Kreatur des (filmischen) Seins hervorbringen, deren Lebensraum unsere Köpfe sind. Narrative Ordnung scheint aufgehoben, keinem Bild ist mehr zu trauen und Erzählebenen sind dazu da sie unauflöslich miteinander zu verknoten.

SHIRLEY ist ein Ereignis. „I’m a witch, did nobody tell you?“

SHIRLEY | USA 2020 | Josephine Decker | 106′ | Encounters


Erstveröffentlichung dieses Textes auf filmanzeiger.de am 25.02.2020


 

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