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Was führt dich an diesen gottverlassenen Ort, fragt der Bootsführer den Mann und einzigen Passagier in seinem kleinen Segelboot. Das ist meine Heimat, antwortet Hein. DER HEIMATLOSE.
Diese Heimat ist eine namenlose Insel im Meer (laut Abspann Drehort Norderney), das Festland außer Sicht. Eine kleine Dorfgemeinschaft lebt hier, alle kennen alle – außer diesen Neuankömmling. Der behauptet, einer von ihnen zu sein: Hein bzw. Heinrich.
Vor 14 Jahren hätte er die Insel verlassen, um nun zurückzukehren. Von einem freudigen Empfang kann indes keine Rede sein, niemand will ihn wiedererkennen. Nicht seine Schwester, nicht seine Mutter. Aber die ist dement und nimmt ihn als „Hein“ wahr, nicht als ihren Sohn.
Tückische Zeugen
Der vorgebliche Hein rührt die Gemeinschaft auf, rasch wird eine Versammlung einberufen und entschieden, zu Heins Missfallen, dass ein Dorfgericht darüber richten soll, ob Hein wirklich Hein ist. An drei Gerichtstagen hat er die Chance, durch seine und die Erinnerung der Anderen Beweis darüber zu führen, dass er kein Schwindler ist. Doch Jahrzehnte alte Erinnerungen sind tückische Zeugen. Nicht allein in ihrer Anfälligkeit für die Lüge.

DER HEIMATLOSE ist einer jener seltenen deutschen Filme, die innerhalb des Filmfördersystems existieren (Co-Produktion u.a. ZDF-Kleines Fernsehspiel) und sich dessen Triebkräfte der narrativen und formalen Normierung/Langeweile zu erwehren verstehen.
Mit 122 Minuten lässt sich Filmemacher und Drehbuchautor Kai Stänicke Zeit, seine Geschichte auszubreiten. Es ist ein störrisches Erzählen, ein Erzählen mit wenig Intention für eine einfache Zugänglichkeit. Wer etwa sind diese Figuren? Wie alt sind sie, wer gehört zu wem, wer heißt eigentlich wie? Es gibt nur Vornamen. Greta, Heide, Hein – Friedemann.
Rohes Bild
Andere Anker fehlen ebenso: zeitliche Zuordbarkeit, Jahreszahlen, Bücher, irgendetwas. Sprache, Werkzeuge und Kostüme liefern Indizien für eine Zeit vor der großen Industrialisierung, weit vor der Wende zum 20. Jahrhundert.
Der deutlichste Bruch mit filmischen Konventionen zeigt sich bei den Settings, wie eine Vogelperspektive (eine von vielen) gleich zu Beginn verdeutlicht: Das Dorf ist nur in vordergründigen Kulissen aufgebaut, hinter jeder Fassade blankes Holz und minimalstes Interieur – danach folgt schon die Dünenlandschaft. Keine Dächer, keine weiteren Wände, keine Hintergründe. Rohes Bild. Tag und Nacht.
DER HEIMATLOSE ist eine frappierende Kreuzung aus filmischer und theatraler Form. In seiner Wirkung aufs Publikum kompromisslos: Entweder man folgt diesem Szenario fasziniert, oder man steigt sehr rasch aus. Beides sind valide Optionen.
Risse in der Wand
Dranzubleiben bedeutet, sich von einem unterschwelligen Suspense anstecken zu lassen. Kai Stänicke verweigert uns für die längere Zeit des Films eine klare Erkennbarkeit dessen, was diese Story wirklich ist und wohin sie führen wird. Die Verhandlungstage nehmen ihren Lauf und nähren eher den Zweifel einer großen Lüge. Gleichzeitig drängen, wie kleine Risse in der Wand, (Erinnerungs-)Fetzen dessen durch, was genauso gut auch die Widerlegung aller Zweifel sein könnte. Es ist ein spannendes Spiel mit Erwartungshaltungen, Vermutungen – und Vorverurteilungen.

Diese Risse in der Wand legen noch etwas anderes frei: Hier geht es nicht allein darum, ob Hein wirklich Hein ist. Hier treffen drei Menschen aufeinander, die vor 14 Jahren mehr geteilt haben könnten als das bloße Zusammenleben junger Menschen in einem Fischerdorf. Hein – Greta – Friedemann. Allein, Friedemann tut viel dafür, sich daran nicht erinnern zu können. Und das macht Hein rasend.
Wenn die Wahrheit ein Happy End sein kann, dann hat DER HEIMATLOSE zweifelsohne ein Happy End. Aber es ist bereinigt von jeglicher Illusion. Und durchdrungen von einer bitteren Erkenntnis: „Wenn man nicht der sein kann, der man ist, muss man gehen.“
Was für eine bestechende Arbeit.
DER HEIMATLOSE, Kai Stänicke, 122′, DE 2026, Perspectives