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„Der Staat kann als Mäzen auftreten, sollte sich aber inhaltlicher Einmischung enthalten. Er degradiert sonst die Künste zur Platzanweiserin der jeweiligen politischen Korrektheit.“ – Wolfram W., Politiker
Würden wir in einer funktionierenden Realität leben, müsste jemand wie Wolfram Weimer um seinen Job fürchten. Er wäre unter massivem Druck, weil er als Amtsträger unverhohlenermaßen folgenden Satz willentlich und wissentlich missachtet: „Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.“
Bei diesem Satz handelt es sich um das Grundgesetz, Artikel 5, Absatz 3, Satz 1. Ein Satz, den das Bundesverfassungsgericht längst sehr genau ausbuchstabiert und den Wirkbereich der Kunst klar abgesteckt hat – zu Ungunsten des offenkundigen Jobverständnisses des amtierenden Kulturstaatsministers.
Aber wir leben nun mal nicht in einer funktionierenden Realität, weshalb Weimer noch im Amt ist.
Die Zeiten sind aktuell sogar ziemlich dysfunktional, und CDU-Politiker meinen offenkundig, nach Gutdünken in den grundgesetzlich garantierten kulturellen Schutzraum, in die Autonomie kultureller Institutionen eindringen zu können. Schutzgüter von Verfassungsrang? Neutralitätspflicht? Geschwätz von gestern.
Der grundgesetzwidrige Weimer
Niemand hätte wohl erwartet, dass es für die Berlinale nach Claudia Roths glückloser Amtszeit noch schlimmer kommen könnte. Aber seit dem 25. Februar 2026 wissen wir, dass es wirklich schlimmer geworden ist. Wo Claudia Roth „nur“ mit der Abrissbirne durch die Berlinale-Chefetage wedelte, greift Weimer offenbar direkt zum Dynamit.
Er scheint den ganzen Laden in die Luft jagen zu wollen, indem er die Weiterbeschäftigung der kaum zwei Jahre im Amt befindlichen neuen Berlinale-Intendantin Tricia Tuttle – so will es das rechtspopulistische Boulevardprodukt BILD angeblich erfahren haben – infrage stellt. Andere, wie beim Boulevard ebenfalls anonyme Quellen aus der Regierung, die von anderen Medien zitiert wurden, sprachen wiederum davon, Tuttle selbst hätte ihre Zukunft zur Disposition gestellt. Was aber genauso gut auch ein gaslightiger Spin gegen Tuttle seitens des Ministeriums gewesen sein könnte. Tuttle selbst bleibt öffentlich still, was nicht verwundert.
Ob Weimer sie nun rauswerfen will oder Tuttle selber hinwirft, es kommt aufs Selbe raus: Der Dienstherr, der Kulturstaatsminister, kommt seiner Verantwortung nicht nach. Mehr noch: Indem er die Intendanz offensichtlich aus politischen Gründen entfernen will, agiert er klar grundgesetzwidrig. Ihr den Schutz vor politischer Einflussnahme (egal von wem) zu verweigern, ist es ebenso.
Januskopf
Was war geschehen? Nun, in den Worten Wolfram Weimers haben sich Dinge zugetragen, für die Weimer am 21. Februar folgende Worte fand:
„Mein Dank gilt Tricia Tuttle und Wim Wenders. Sie haben diese Festivalausgabe unter besonderen weltpolitischen Herausforderungen feinfühlig, grundliberal und künstlerisch anspruchsvoll gestaltet. Damit haben sie den Charakter der Filmfestspiele als Plattform für künstlerischen Dialog, für kulturelle Vielfalt und für demokratische Werte nachhaltig gefestigt.“
„Grundliberal und künstlerisch anspruchsvoll“, „kulturelle Vielfalt und für demokratische Werte nachhaltig gefestigt“ – es braucht keinen ostdeutschtümelnden Politikverdruss, um zu sehen, als wie unverhohlenermaßen verlogen sich das Statement dieses Mannes kaum fünf Tage später erweist. Woher der plötzliche Sinneswandel?
Ein bisschen Bling-Bling
Der Intendantin, so verbreitete sich im Laufe des 25. Februars der Spin gegen Tuttle, wurde ein Gruppenfoto während des Festivals zum Verhängnis. Das Foto zeigt die Intendantin zusammen mit Teilen des Filmteams von Abdallah Alkhatibs CHRONICLES FROM THE SIEGE — einige aus dem Filmteam halten palästinensische Flaggen in die Kamera.

Aber was ist das überhaupt für ein Foto? Die Antwort ist banal: Es ist eines von zahllosen Publicity-Fotos, wie sie während des Festivals vor den in fast allen Berlinale-Kinos omnipräsenten blauen Berlinale-Fotowalls entstehen. Filmemachende, Gäste, Promis und Festivalmachende lichten sich gemeinsam in irgendeiner Pose vor diesen Hintergründen ab. Kurze Schnappschüsse, schnell gemacht, solange die Vorführung noch nicht begonnen hat. Ein bisschen Glamour, ein bisschen Bling-Bling, Fahnen, Maskottchen und Gedöns sind gerne mit dabei, Hauptsache Futter für Social Media. Und wenn gerade keine Filmcrew in der Nähe ist, schnappt sich das Kinopublikum diese Wände für Selfies, das Roter-Teppich-Flair erspürend.
Tuttle zur Last gelegt wurde wohl ebenso die Berlinale-Abschlussgala, auf der der Filmemacher Abdallah Alkhatib die Preisverleihung für eine politische Intervention nutzte. Alkhatib stand nicht grundlos auf der Bühne: Seine fiktionale Arbeit CHRONICLES FROM THE SIEGE, eine algerisch-französisch-palästinensische Produktion und zu sehen im Rahmen des Debütfilmwettbewerbs der Sektion „Perspectives“, erhielt den Preis für das Beste Langfilmdebüt.
Pali-Normcore
Die noch neue Sektion „Perspectives“ ist das Baby von Intendantin Tricia Tuttle, und daher überrascht es eigentlich auch nicht, dass sich die Intendantin mit den Filmemachenden aus dieser Sektion eng umgibt und ablichten lässt. Man könnte auch sagen: Das gehört sich so.
Alkhatib jedenfalls, dessen Biografie genauso traumatisch wie filmreif ist, ging dem palästina-aktivistischen Normcore entsprechend mit Keffiyeh und Pali-Flagge auf die Bühne und nutze die Würdigung seiner Arbeit, um folgende bemerkenswerte Worte an die Bundesregierung zu richten:
„Manche Leute sagten mir, ich müsse vielleicht vorsichtig sein mit dem, was ich jetzt sagen will, weil ich ein Flüchtling in Deutschland bin und es hier so viele ‚rote Linien‘ gibt. Aber das ist mir egal. Mir geht es um mein Volk, um Palästina. Deshalb sage ich mein letztes Wort an die deutsche Regierung: Sie sind Partner des Völkermords in Gaza durch Israel. Ich glaube, Sie sind intelligent genug, um diese Wahrheit zu erkennen, aber Sie entscheiden sich dafür, dass es Ihnen egal ist. Wir werden uns an jeden erinnern, der an unserer Seite stand, und wir werden uns an jeden erinnern, der gegen uns war. Gegen unser Recht, in Würde zu leben, oder an jene, die schwiegen. Ein freies Palästina von jetzt bis ans Ende der Welt.“
Berlinale Redux
Rückblick: 24. Februar 2024. Die Filmemacher Basel Adra und Yuval Abraham erhalten für ihre dokumentarische Arbeit NO OTHER LAND den Dokumentarfilmpreis des Festivals, und auch sie nutzen die Bühne der Abschlussgala für eine politische Intervention. Während die Militäroffensive der Regierung Netanjahu im Gebiet des Gazastreifens noch andauert, prangert der Palästinenser Basel Adra die deutschen Waffenlieferungen an Israel an. Und der Israeli Yuval Abraham klagt die eklatante Rechtlosigkeit an, der palästinensische Bürger durch die Regierung Netanjahu in Israel und nebenan ausgeliefert sind.
Damals, in der Wechselphase von Chatrian/Rissenbeek zu Tuttle, war der politische Krawall ebenfalls riesig, obwohl die damalige Kulturstaatsministerin und der damalige (wie heutige) Regierende Bürgermeister den Reden von Adra/Abraham erst noch Beifall klatschten. Angeblich aber, so ihre eiligen Erklärungen später, nur Einzelaspekten der Reden. Nicht in Gänze. Und überhaupt.
Was haben Adra/Abraham da eigentlich gesagt, was hat Alkhatib gesagt, dass daraus solch ein immenser Furor erwachsen konnte? Schaut man sich das genauer an, wird schnell klar: nichts, was nicht auch auf jeder x-beliebigen Palästina-Solidaritäts-Demo der letzten Monate und Jahre zu hören oder lesen war. Anders formuliert: Es waren größtenteils Palästina-Solidaritäts-Schlager. Einseitig, unterkomplex, überemotionalisiert – ja. Aber so sind Schlager eben gestrickt, noch dazu im Agitprop. Und auch sie sind durch die Meinungsfreiheit geschützt und erst recht durch die Kunstfreiheit. Ob es der:dem Einzelnen nun gefällt oder nicht: Im Lastenheft einer öffentlich finanzierten deutschen Kulturinstitution wie der Berlinale hat auch dafür Platz zu sein. Und eine Intendantin kann dafür nicht in Haftung genommen werden.
Hamas-Verherrlichung?
Und selbst wenn man Abdallah Alkhatibs Schlusssatz „Ein freies Palästina von jetzt bis ans Ende der Welt“ als ein verklausuliertes „From the River to the Sea“ deuten wollte – was hier durchaus im Rahmen des Deutbaren liegt –, wäre es ebenfalls durch das Grundgesetz gedeckt. Gleich mehrere deutsche Gerichte haben diese Parole inzwischen als statthaft durchgewunken, sofern keine explizite Verknüpfung mit der Verherrlichung der Terrororganisation Hamas erkennbar ist.
Mit Hamas-Verherrlichung hat Abdallah Alkhatib seine Worte nicht verbunden. Er stellt dafür in seiner ruhig und erstaunlich gefasst vom Zettel vorgetragenen Rede eine andere Verknüpfung her, die definitiv straffrei ist, aber der Bundesregierung kräftig und durchaus treffend einschenkt: „Ich glaube, Sie sind intelligent genug, um diese Wahrheit zu erkennen, aber Sie entscheiden sich dafür, dass es Ihnen egal ist.“ Was Alkhatib hier anprangert, ist eine Bundesregierung, die Netanjahus Rachewahn aus niederen Beweggründen mit Rüstungsgütern versorgt, auf Empathie keinerlei Wert legt und ausschließlich interessengeleitet operiert. Man könnte auch sagen: Eine Politik der menschlichen Kälte.
Denn die deutsche Staatsräson, die nun mal wieder aus ihrem Loch gezerrt wird wie das arme Murmeltier im Frühjahr, ist längst nicht viel mehr als blanker Opportunismus. Keine Waffen an den israelischen Staat zu liefern, ist nicht erst seit dem 7. Oktober für die Bundesrepublik keine oder nur mehr die aller-allerletzte Option. Denn während von deutschen Arbeitnehmer:innen produzierte Rüstungsgüter für üppige Summen nach Israel verschifft werden, hilft Israel Deutschland mit Soft- und Hardware beim Aufbau der deutschen Raketenabwehr. Stichwort: Arrow 3.
Staatsräson
Freilich wird das politisch anders geframt, wird eben von Staatsräson und staatspolitischer Verantwortung gegenüber dem jüdischen Staat schwadroniert — und gerne auch das A-Wort bemüht, das längst in seiner Bedeutung entkernt und zur diskursiven Raufasertapete verkommen ist. Dieses Verantwortungsgefühl gegenüber dem jüdischen Staat ist schon lange nurmehr dekorativer bis zweckdienlicher Natur. Vor allem bei der Union.
Die letzte deutsche Politikerin, die diese Verantwortung noch irgendwie ernst nahm und versuchte, die Regierung Netanjahu in Gaza von einem menschlich unsagbar schrecklichen, rachegetriebenen Fiasko abzubringen, war Annalena Baerbock, die sich als damalige Außenministerin mit „Bibi“ über dessen Vorgehen gegen die Palästinenser offen zoffte. Aber der toxische Macker Netanjahu hört nicht auf eine feministische Außenministerin, schon gar nicht aus Deutschland.
Machterhalt
Die Waffen sind nur ein Grund für die schrecklich schiefe deutsche Israel-Debatte, die nun auch auf dem Rücken der Berlinale ausgetragen wird. Neben der Raketenabwehr fließt heute noch etwas anderes von der Mittelmeerküste an die Spree: der Kulturkampf. Den betreibt Netanjahu seit Jahren mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln — einzig um sich selbst an der Macht und damit aus dem Knast zu halten, in dem er sonst wohl wegen Korruption und seines Versagens am 7. Oktober und danach landen würde. Für den freiheitlich-demokratischen jüdischen Staat, für Israel, interessiert sich dieser Mann nicht. Es geht um ihn.
Netanjahus Machtsystem fußt auf dem Stärken der rechten Ränder in Israel und dem Ausschalten von Kritik — im Inland wie im Ausland. Regierungskritische Medien werden unter Druck gesetzt, regierungskritischen Kulturinstitutionen wird das Geld gestrichen, und wer es wagt, auf der Berlinale-Bühne Kritik an der israelischen Regierung zu äußern, auf den wird der Mob gehetzt. Yuval Abraham durfte das am eigenen Leib erfahren. Jerusalem entscheidet heute, was in Berlin noch über Israel gesagt werden darf — dafür sorgen hierzulande Netanjahus parteipolitische Geschwister von CSU und CDU.
Propaganda
Tricia Tuttle wurde nun auch dafür kritisiert, dass 2026 kaum israelische Beiträge im Berlinale-Programm zu finden waren. Nur zwei Arbeiten: das spürbar ratlose Essay EFFONDREMENT, das zwischen dem während 10/7 zerstörten Kibbuz Nir Oz und der benachbarten Grenze zum zerbombten Gaza umherirrt. Und der Spielfilm WHERE TO?, der einen queeren israelischen Partyboy und einen knorrigen palästinensischen Uber-Fahrer gemeinsam durch die Berliner(!) Nacht schickt.
Von den langläufigen Zyklen der Filmproduktion mal abgesehen, könnte diese überschaubare Menge an Arbeiten damit zusammenhängen, dass die Berlinale am Ende eben doch auch auf filmkünstlerischen Gehalt besteht. Und was die israelische Filmförderung noch hergibt, seitdem Weimers Pendant im Likud-Kabinett, Miki Zohar, dort das Sagen hat, genügt diesem Anspruch vielleicht schlicht nicht mehr.
Wer nicht unterschreibt, Israels Armee und Staat ins rechte Licht zu rücken, bekommt keine Förderung. Zohar hat finanziell und habituell die Axt an alles gelegt, was jene kritischen Arbeiten einst ermöglichte, mit denen Israel auf der Berlinale glänzen konnte. Vorbei. Heute stellt sich allmählich die Frage, ob für Filme aus dem israelischen Filmfördersystem nicht der Propagandavorbehalt gelten sollte.
Untermieter im Kanzleramt
Man muss es so deutlich fragen: Wandelt Wolfram Weimer auf den Pfaden von Miki Zohar? Als rechtskonservativer Publizist, den dereinst sogar die FAZ für eine Fehlbesetzung hielt, fiel Weimer jenseits von Sonntagsreden bisher nicht durch sonderliches Interesse an kulturellem Pluralismus auf. Und wir kennen diesen Bundeskanzler und seine Getreuen inzwischen gut genug, um die sinistren Absichten hinter ihren Entscheidungen nicht länger ignorieren zu können.
Kultur als unbedingt autonomer, nicht selten kontroverser, komplexer und schmerzhafter Denkraum von Verfassungsrang — wo diesem Staat und seiner Gesellschaft schonungslos der Spiegel vorgehalten wird —, das scheint in der Welt von Weimer und Merz keinen Platz zu haben. Stattdessen darf man eine gewisse Neugierde für eine „Kultur“ annehmen, die an eine zweckdienliche Kette gelegt, je nach staatspolitischem Bedarf durch Personalwesen und Mittelzu- oder -abwendung kürzer oder länger gehalten wird. Die gar in preußisch disziplinierte „Schöne Künste“ umerzogen wird.
Das Programm bestimmt, wer es bezahlt — um es in den von Unionspolitikern gern genutzten kleinbürgerlichen Narrativen auszudrücken. Der Weg vom Kleinbürgerlichen zum Völkischen ist in einer schwarz-blauen Koalition dann nur noch ein kurzer.
Ein tückischer Job
Vielleicht war Tricia Tuttles Ende bereits am 16. April 2025 besiegelt, dem Tag von Wolfram Weimers Amtseid. Tuttle sah natürlich, was für ein tückischer Job die Berlinale-Leitung sein kann. Sie folgte schließlich direkt auf den so unwürdig geschassten Carlo Chatrian. Und als kluge globale Netzwerkerin kannte Tuttle den Sprengstoff, den der Israel-Palästina-Komplex in der Filmwelt entfalten kann — nur eben aus diametral entgegengesetzten Positionen heraus als in Deutschland.
Beide Positionen auf einem Filmfestival zusammenbringen zu wollen, noch dazu einem, das sich das Politische als geradezu identitär verordnet hat, ist ein kaum aushaltbarer Drahtseilakt. Nicht unmöglich, aber genauso gut auch ein Himmelfahrtskommando. Dabei unterschätzte sie vielleicht, wie massiv sich der Wind mit dem Abgang Claudia Roths drehen würde. Aber wer tat das nicht? Die Affäre Weimer, wie sie seit dem 25. Februar 2026 im Raum steht, war nicht absehbar, weil niemand, der bei Verstand ist, diesen Eklat für möglich gehalten hätte.
Die Wucht, mit der die Affäre einschlug, lässt sich an der Reaktion ablesen: Binnen 24 Stunden hatten sich die Deutsche Filmakademie, die Europäische Filmakademie, der Deutsche Kulturrat, diverse Ständevertretungen der Kino- und Filmwirtschaft, Kritikerverbände, über 500 Mitarbeitende der Berlinale und rund 700(!) Filmschaffende (darunter diverse aus Israel) öffentlich gegen Weimer und die im Raum stehende Demission Tuttles positioniert. Für die notorisch verzankte und im Fall der Berlinale dauernörgelnde Film-Community ist das eine beeindruckende und beeindruckend schnell hochgezogene Mauer des Widerstands.
Die Wucht dieser Solidarität, sie resultiert aus Weimers Agieren. Sie erklärt sich aber auch aus dem, was Tuttle in ihrer kurzen Amtszeit tatsächlich geleistet hat — und was sie damit für die Berlinale gewollt haben dürfte.
Alle Stimmen sprechen lassen
Die Intendantin schien es trotz allem mit einer Strategie der radikalen Offenheit zu versuchen — nicht unbedingt immer auf ein Miteinander-Reden abzielend, was wohl sowieso zu viel verlangt gewesen wäre, wohl aber auf Koexistenz und ein gegenseitiges Sichaushaltenkönnen.
Aktivistische Symbolik und harte Kontroverse als neue, eigentlich aber alte Festivalrealität: 1970 brach die Berlinale auseinander, weil ein Film das für manche damals Unsagbare sagte (siehe O.K., Michael Verhoeven). Aus diesem Trümmerhaufen entstand das Forum, die institutionalisierte Rebellion gegen ein politisch braves Schaufenster-Festival. Was Weimer heute skandalisiert, ist für die Berlinale streng genommen seit Jahrzehnten Betriebsalltag.
Die vielgestaltigen Stimmen sollten in einer Tuttle-Berlinale zum Israel-Palästina-Komplex sprechen dürfen, was sie zu sprechen wünschten — was sie auch bei zahlreichen Filmgesprächen taten. Und dabei nicht selten eine ätzende Rechthaberei performten, während die Bewegung, in deren Dienst sie sich stellen, von radikaler Erfolglosigkeit geplagt wird (Netanjahus Buddy in Washington kontrolliert jetzt Gaza, die Hamas ist trotzdem noch an der Macht, Hunger, Not und Elend sind weiterhin Gazas Alltag).
Tricia Tuttle hat das alles ausgehalten und aushalten lassen. Auf ihrer Berlinale hatten alle Platz, alle wurden irgendwie umarmt und willkommen geheißen — was über 81 globale Filmschaffende trotzdem nicht davon abhielt, sich mit ihrer Unterschrift unter ein Anti-Berlinale-Propagandapamphlet von Palästina-Ultras zu entblöden.
Und alle erhielten das gleiche Berlinale-Glamour-Treatment inklusive Fotocall, solange sie der Menschlichkeit nur nicht vollends den Rücken zukehrten. Auch die Filmcrew von CHRONICLES FROM THE SIEGE. Streitbarster Pluralismus also. In anderen Worten: Berlinale-Markenkern. Und unter diesem Kulturstaatsminister chancenlos.
Sozialdemokraten
Womit sich die Frage aufdrängt, wo in diesem Spiel eigentlich der Koalitionspartner abgeblieben ist. Knapp ausgedrückt: draußen vor der Tür. Zumindest in persona des SPD-Umweltministers(!) Carsten Schneider, der offenbar als Einziger in der Bundesregierung fähig war, den Termin der Berlinale-Abschlussgala 2026 im Kalender zu blocken. Das hatte nicht mal der zuständige Ressortchef geschafft.
Doch die SPD, der wir das Kulturstaatsministerium überhaupt erst verdanken, scheint sich in dieser Debatte lieber dünne machen zu wollen. Böse Zungen würden sagen, dass das kulturpolitische Verständnis der Sozialdemokraten sowieso bei Grönemeyer stehen geblieben ist. Freilich, es gab einen prominenten Sozialdemokraten, der diesen ganzen Vorgang als „fatal“ bezeichnete und sich hinter Tricia Tuttle stellte: Carsten Brosda. Aber er sprach nicht als Hamburger Kultursenator der SPD. Er sprach als Präsident des Deutschen Bühnenvereins.
Hat Weimer also von der SPD freie Hand bekommen? Kann er sich „die Kultur“ nun so formen, wie er — und sein Dienstherr, der Bundeskanzler — es für richtig erachten? Sie haben das Geld, was übrigens im Fall der Berlinale und im direkten Vergleich zu Cannes und Venedig lächerlich wenig ist.
Was dabei herauskäme, wenn WeiMerz Kultur macht, wird dann allerdings keine Kultur mehr sein. Es wäre Propaganda. Die Wolfram-Weimer-Bundesfilmschau im Friedrich-Merz-Filmpalast. Trump lässt grüßen. Ist es das, was die SPD will?
Das Publikum
Die von Weimer eilig einberufene außerordentliche Aufsichtsratssitzung der die Berlinale veranstaltenden bundeseigenen KBB GmbH endete am 26.02. in einer Grille. Man wolle weiter miteinander über die Zukunft der Berlinale sprechen, lautet nun die Sprachregelung. Ob Weimer und sein Haus ob des Widerstands kalte Füße bekamen oder ob die KBB intern mit ungeahnten inneren Widerstandskräften ausgestattet ist, werden wir wohl nie erfahren.
Möglicherweise war die ganze Affäre auch nur ein Testballon, um abzutasten, wie weit man gehen könnte. Als gesichert angenommen werden kann wohl, dass die Erzählung von Tuttles Rückzug Bullshit war. Sonst wäre sie längst abgehauen. Niemand tut sich solchen Mist länger als nötig an, sofern sie nicht doch auch zu ihrem Job steht und bereit ist, für diesen zu kämpfen.
Vielleicht hat jemand im Kulturstaatsministerium aber auch einfach nur den Minister daran erinnert, wie schwierig es schon war, Tuttle noch für den Job zu verpflichten – und dass es nach ihr faktisch unmöglich wäre, jemand Neues zu finden. Denn niemand, der bei Trost ist, würde unter solchen Vorzeichen diesen Job freiwillig annehmen. Die Berlinale wäre am Ende. Der Flurschaden, jetzt schon immens, wäre dann gigantisch. Eine Ruinenlandschaft, die verdammt viel Gras benötigt, um vergessen werden zu können. Wolfram Weimer braucht Tricia Tuttle. Nicht umgekehrt.
Ohne Berlinale bliebe der triste graue deutsche Winter ohne filmgetränkte Frischzellenkur für die Köpfe der Deutschen. Aber an die Filme und das Publikum denkt hier sowieso niemand mehr. Dass wohl auch 2026 wieder über 300.000 Tickets verkauft wurden, selbst die herausforderndsten Forum-Expanded-Screenings dem riesigen Delphi-Kino volles Haus bescherten — es ist egal.
Die Palästina-Aktivist:innen erkennen im Berlinale-Publikum wenigstens noch ein für die Agitation lohnenswertes Objekt. Im Hause Weimer will man dem Publikum nicht mal mehr das zugestehen. Es hat die Klappe zu halten und zu nehmen, was an Brot und Spiel geboten wird. Maximale politische Übergriffigkeit.