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24. Oktober 2026, 23:09 Uhr | Zum Fisten in die Oper
Proktolog:innen sind eine unterrepräsentierte Ärztegruppe. Niemand erzählt mit Begeisterung davon, welch wunderbar hilfreiches Erlebnis mensch letztens beim Proktologen hatte. Mensch mag am besten gar nicht darüber sprechen, zu tabuisiert ist das Thema Arsch. Dabei sind Proktolog:innen die Helden eines der wichtigsten Teile unseres Körpers: das Arschloch, oder Anus. Oder Analfotze. Oder Mangina. Oder: MAN PUSSY! HOLE! CUNT! Loch.
Wer die letzten Begriffe entweder selber im Sprachgebrauch hat, oder Menschen kennt, die diese Bezeichnungen für Rektum & Co. verwenden, weiß auch um den Wert einer guten proktologischen Praxis. Denn wenn der Anus das Epizentrum des sexuellen Spiels ist, in all seinen Ausprägungen, dann ist das Verletzungsrisiko nicht weit.
Ärsche sind für den Berliner Filmemacher, Pornografen, Historiker und Autor Emre Busse kein neues Thema. In der dokumentarisch-performativen Trilogie GODASSES reflektieren wir gemeinsam mit drei sehr unterschiedlichen Protagonisten über den Gegenstand des Arschs in der schwulen Sexual- wie Popkultur. In THE MAN WHO PERCEIVES ALL folgen wir einem Mann durch Berlin und Berliner Betten, der sich seine Augen durch zwei Arschlöcher hat ersetzen lassen. Eine erfreulich verstörende Kampfansage an das Konzept des Blicks.
Hochkultur
FISTULE nun treibt die Auseinandersetzung mit dem Arsch thematisch wie filmkünstlerisch noch tiefer, noch weiter und noch höher. In die „Hochkultur“ einer Oper. Dieser Film, der Teil des Wettbewerbs beim Pornfilmfestival 2026 ist, zeigt sich als eine knackige Fisting-Kinooper. Zwei Akte, plus Präludium und Finale.
Es beginnt mit einem sprechenden Arschkopf, der mit eindringlichem Timbre über das Wesen einer Arschentgrenzung im Kontext von Körper und Geist sinniert. Dann Umschnitt, wir sehen zwei Proktolog:innen, die sich mit großer theatralisch-komödiantischer Neugier und viel Lube über das beschädigte Loch vor ihnen hermachen: „The sphincter never lies!“

FISTULE ist genau genommen eine komische Oper und ein hymnisches Drama in derselben Form. Eine liebevolle Verspottung und hingebungsvolle wie schmerzerprobte Anbetung des leidenschaftlichen Kräftemessens zwischen mentaler und muskulöser Ebene, auch bekannt als Fisting. Ja, hier fliegen die Fetzen, das hier ist eine Opéra comique! Es wird in den beiden zentralen Gruppen-Sex-Szenen, die die pornografischen Hauptakte bilden, genauso gelacht wie mit voller Wucht in das Loch gearbeitet. Bis zu dem Moment, wo das Schwarzweiß in den Filmbildern sein Weiß für eine andere Farbe eintauscht.
Konfrontativ-explizit
Aber, wie hieß es doch gleich – im ersten Akt: „A fissure is not a wound. It’s a disagreement between surfaces.“ Busse verfasste das Libretto auf Basis zweier Texte des Kunsthistorikers Dr. Christian Liclair und des Autors & Performers Nikolaj Tange Lange (der auch im zweiten Akt selbst performt). Es entwickelt einen ungemein dichten, lustvoll konfrontativ-expliziten und intellektuell anregenden Headspace, für den Emre Busse, der hier zusammen mit seinem Schnittmeister und Kameramann Firat Gurgen inszeniert, Bilder von berückender Schönheit findet, die die große Geste genauso wenig scheuen wie lust- und liebevolle Intimität. Fisting, die Oper unter den sexuellen Spielarten.
Komponist Sacha Ketterlin schiebt dramatische Bässe, eindringliches Drone und Sphären in die Tonspur. Eine treibende Komposition, die auf ihre Weise die Überforderung wie die Sinnlichkeit spiegelt, die Fisting (in diesem Film) ist. Dabei immer wieder durchbohrt von orchestralen wie choralen Ausbrüchen, die an Donizetti erinnern, aber gelegentlich auch an Wagner denken lassen. Was passt. Nicht nur, weil der frühe Wagner durchaus von der Emotionalität und dem Pomp à la Donizetti informiert war.
Aber hey, wenn wir hier schon mitten in der Musikgeschichte sind, sollten wir eine Sache klarstellen: Es wird Zeit, dass das „unangenehm Heterosexuelle“ (H. W. Henze) bei Wagner oder /vielmehr/ à la Wagner – Hallo „Hochkultur“ – endlich gebrochen wird. Emre Busse bietet uns dafür mit FISTULE nicht weniger als eine Huldigung jenes fantastischen Teils der schwulen Sexualkultur an, der das Fisten ist. Was für ein Triumph.
24. Oktober 2026, 11:02 Uhr | Die Erotik des Käfigs
Er ist mindestens 1,90m groß, schlank, schlaksig. Ein mobiler Hundekäfig für mittelgroße Hunde ist um 91 cm lang, 64 cm hoch und etwa 58 cm breit. Er klettert in diesen Käfig.
ON THE EROTICS OF STUFFING LARGE OBJECTS INTO SMALL SPACES war ursprünglich mal eine 2-Kanal-Videoprojektion im Loop. Für das Kino hat der New Yorker Filmemacher, Fotograf und multimedialer Kinkster, Peter Cage seine Arbeit zwar nicht geloopt, aber ansonsten nahezu identisch aufgebaut: Wir sehen zwei Screens nebeneinander auf der Leinwand. Tonspur und Untertitel sind parallel, auch die Motive laufen in etwa synchron, doch die Aufnahmewinkel wechseln.

Ich finde es immer wieder spannend, wenn die Formsprachen des Gallery-Space ins Kino einbrechen. Und natürlich, Splitscreen ist im Kino nichts Besonderes. Die formale Strenge einer 2-Kanal-Videoinstallation scheint mir aber die wesentlich intensivere und effektivere Form der Mehr-Bild-Technik, verglichen mit den Hollywood-Showponys. Es ist eine oszillierende Verführung des Kopfes, die sich den Regeln des Raums und der Erfahrung Kino widersetzt. Die Kinoerfahrung wird zu einer defakto radikal reflexiven Sehherausforderung.
Mindfuck
Peter Cage ist der Mann, der in diesen Käfig klettert. Fast Nackt. Ausgenommen einer schwarzen und bis auf ein Loch für den Mund den gesamten Kopf fest umschließenden Ledermaske, einem transparenten Chastity-Cage um seinen schwanz und einen dicken blauen Plug in seinem Arsch. Der schwarze Käfig steht allein in einem Keller mit schwarzen Wänden. Scheinwerfer leuchten die Szenerie aus, der Boden ist dreckig. Den gesamten Boden des Käfigs wiederum füllt noch eine flache Plastikschüssel aus, wir werden im Film sehen, warum.
Detaillierte Angaben sind die Sprache dieses Films. Auf der Tonspur monologisiert Peter Cage penibel die Abmessungen seiner Umgebung, ihre Beschaffenheit, ihre Farben, ihren Zustand, ihre Funktion. Er trägt es völlig ruhig und nüchtern vor. Irgendwie ist es fast enervierend, jedes dieser Details zu hören. Aber diese Details sind nicht irgendein Text, sie sind Teil des Spiels, des Mindfucks, den wir hier erleben.
Zentrum der Begierde
Profan gesprochen, versteht mensch unter Bondage für Gewöhnlich irgendwas mit Seilen und Doms, die ihre Subs zu bewegungsunfähigen Paketen verschnüren. ON THE EROTICS OF STUFFING LARGE OBJECTS INTO SMALL SPACES ist eine Meditation über Bondage. Aber ohne Seile, ohne Dom. Nur ein Käfig. Es geht hier nicht mehr primär um das sexuelle Spiel, wir sind in tiefereren, pychologischeren, fundamentaleren Ebenen unterwegs.
Das Arbeiten am völligen Umgebensein von Räumlichkeit ist hier das Zentrum der Begierde. Jeder Teil des Körpers – zur selben Zeit berührt, umschlossen, eingekapselt. No way out als radikales Prinzip, wo Komfort und Bequemlichkeit zweitrangig werden, denn es geht um das Finden ultimativer Restriktion. In diesen Welten wird der Orgasmus zum Teil der After Care, der Nachsorge, wie es Peter Cage erklärt. Davor steht der Kampf mit sich selbst um das maximal mögliche Maß – an, nein, nicht Enge, sondern Geborgenheit.
23. Oktober 2026, 23:02 Uhr | Fickende Spiegel
Ein gutes Stundenhotel oder einen guten Playroom erkennt mensch immer daran, dass ein Spiegel über oder neben dem Bett hängt. Denn natürlich, nichts ist so sexy wie das eigene Spiegelbild beim Sex. Wir verführen uns selbst, erregen uns selbst. Oder wie es das Filmkollektiv FOUR CHAMBERS beschreibt: „We’re all exhibitionists. And we’re all voyeurs.“ Willkommen in der ECHO CHAMBER.
Es ist ein kleines Set, genauer, nur eine Kammer und die zudem klaustrophobisch eng. Aber es gibt hier einen Trick, nein eigentlich zwei. Die Kammer ist, Trick 1, von innen vollständig mit Spiegelflächen verkleidet. Und in der Mitte steht ein verspiegeltes Podest. Trick 2: Von außen kann man durch die Spiegelflächen hindurchblicken.

In diesem Set, dessen geringe Ausmaße uns FOUR CHAMBERS irgendwann in den 15 Minuten von ECHO CHAMBER kurz von außen verdeutlicht, spielt sich alles ab und agieren insgesamt vier Performer:innen – sofern man diejenigen in den Spiegeln ignoriert. Aber hey, nicht ohne Grund haben die Kurator:innen des Pornfilmfestivals Berlin den Beitrag für ihre diesjährige Kurzfilmrolle „The More The Merrier“ ausgewählt.
Orgie aus Bildern
Das ist hier auch Porno, klar. Aber es geht um mehr. „What does it mean to fuck in a Hall of mirrors?“, fragt der Film. Ja, was macht dieses Spiegeln, dieses Herstellen eines Echos des Selbst, mit uns? Was sehen wir da? Was tun wir da? Zumal wenn wir den Spiegel mit einer Kamera (Größe egal) kombinieren, oder ihn gleich ganz ersetzen? Warum turnt uns das Baden in diesem narzisstischen Pool, wie es FOUR CHAMBERS beschreiben, so sehr an?
Es ist schlicht wahnsinnig gute Filmkunst, wie es FOUR CHAMBERS schaffen, ein winziges Spiegelkabinett in einen zutiefst elektrisierenden Denkraum zu verwandeln, der noch dazu eine Orgie aus Bildern abliefert. Bilder, die sich in der Montage ein zweites Mal brechen, prismenhaft, ja fast schon vexierend. In einem Raum wie dem Kino, mit seiner großen Leinwand und seiner Dunkelheit, wird daraus phasenweise eine rauschhafte Immersion: Wir verlieren den Halt im Bild. Mise en abyme radicale.
FOUR-CHAMBERS-Arbeiten sind immer ein genialer Trip, ein solitäres Erlebnis. Aber was sie hier abgeliefert haben, findet kein Spiegelbild. Wahnsinn.
22. Oktober 2026, 23:39 Uhr | Marilyn ficken
Marilyn Monroe war die erste Sexarbeiterin, die durch die moderne Popkultur zur Ikone wurde. Zumindest ist das die These, die die polnische Filmemacher:in Simona Kasprowicz in ihrer Arbeit FUCKING WITH MARILYN aufstellt. Sie beginnt bei der legendären Szene vom weißen Kleid überm U-Bahn-Schacht – wofür die Monroe, wie der Prolog deutlich herausstreicht, von ihrem eifersüchtigen Ehemann Joe DiMaggio anschließend Dresche bezogen hat. Davon ausgehend entwickelt Kasprowicz eine Auseinandersetzung mit dem Wirken der Darstellerin und wie ihr von Männern die Autonomie über ihr Bild komplett entrissen wurde. Und schließlich mehr noch, wie das Hollywood der Männer sie und ungezählte Generationen von Darstellerinnen auf allen Ebenen missbraucht hat, Stichwort: Castingcouch.
FUCKING WITH MARILYN ist, schon vom ersten Augenblick an, eine vielgestaltige Herausforderung ans Publikum. Visuell arbeitet Kasprowicz mit einem ununterbrochenen Sturm aus mehrfach und vor allem digital stark verfremdetem Marilyn-Found-Footage diversester Quellen. Angereichert mit eigenen Aufnahmen, vornehmlich von sich selbst in einer Art Marilyn-Drag. Und es geht über die Verfremdung hinaus, vielmehr sehen wir eine völlige Dekonstruktion der Bilder (und) der Ikone Marilyn.

Allerdings sollte mensch sollte an dieser Stelle nicht den Fehler machen, sich für den weiteren Verlauf eine stringente Fortführung des Themas vorzustellen, hin zu klaren Aussagen und Erkenntnissen. Dafür ist FUCKING WITH MARILYN in sich zu experimentell und auch zu introspektiv – denn in dem Maße, wie dieser Film das Angebot eines Denkraums für eine Reflexion über die Folgen des Systems Hollywood ist, so ist es auch eine Selbstzäsur der Filmemacher:in, die als Transperson noch tief im Prozess steckt. Weg von dem 30-jährigen, nahezu kahlköpfigen schwulen Mann hin zu etwas Neuem. Und die vielleicht ebenfalls eine Sexarbeiter:in ist. Oder auch nicht.
Überleben
Ob die neue Person eine eigene Marilyn sein wird, bleibt offen. Simona Kasprowicz spielt zumindest mit dieser Idee, montiert gar mittels KI ihr Männergesicht auf das Found-Footage-Material der Monroe – angeblicher Marilyn-Porno inklusive. Spürt quasi Marilyns Leben oder eher Überleben in einer alles vernutzenden cis-männlichen Welt nach. Wobei sie uns auch ihre eigene Form von Erfahrung anbietet, sind doch für Transpersonen die Herausforderungen im heutigen Polen schier endlos.

FUCKING WITH MARILYN wandelt sich letztendlich zu einer bedrückenden Tour de Force einer Suche nach sich selbst. Und inmitten einer Transition zu einer Identität und einem Körper, für die in der polnischen Gesellschaft (und nicht nur dort) de facto kein Platz vorgesehen wird. Ein stellenweise auch latent suizidaler Trip voller Wut und Zweifel: „My mother’s biggest mistake, she didn’t abort me.“
Und doch zeigt sich hier auch, bei aller Düsternis, die in dieser Arbeit lungert: Der Weg zu einer besseren Zukunft beginnt zuallererst damit, den eigenen Wert, die eigene innere Ikone zu entdecken, zu befreien und ja, lieben zu lernen.
21. Oktober 2026, 23:54 Uhr | Toiletten töten
Das Leben ist eine Baustelle, wie wir spätestens seit Wolfgang Beckers gleichnamigem Berlin-Film von 1997 wissen. Berlins Liebe (oder Hassliebe?) zur Baustelle ist nun im Pornfilmfestival angekommen, wenn auch eher unfreiwillig. Das Kino Moviemento saniert seine Festivallounge und baut – gerüchteweise – endlich auch den seit Jahren schon vorhandenen, aber leerstehenden vierten Saal aus, der direkt daran anschließt.
Für das Pornfilmfestival ist das zweifellos ein Einschnitt, denn die Lounge im Moviemento bildet Jahr für Jahr das Zuhause der versammelten Festivalfamilie aus aller Welt. Ist Networkingspace, Fotobühne, Cafeteria und flirty Bar in einem. Ein Verlust. Aber hoffentlich nur für dieses Jahr.
Allerdings ist es, wie langjährige Festivalbesucher:innen wissen, nicht das erste Mal, dass das PFFB auf einer Baustelle namens Moviemento stattfindet. Als der reichlich abgenutzte Toilettentrakt (der aber, obwohl recht klein, interessante Cruising-Vibes hatte) vor Jahren schon abgerissen und neu aufgebaut wurde, entstand sogar ein Ersatzklo im Foyer des Kinos.
Mut haben
Zusammengehalten von jeder Menge Baustellencharme und meterweise Linoleum als Fliesenersatz, diente die enge Kabine dem artig wartenden Festivalpublikum die gesamte Zeit und erstaunlich zuverlässig. Wer nicht warten konnte, durfte auf das sehr diffuse Klo der Absturz-Spielbar im Moviemento-Gebäude gehen. Eine echte Notdurft.
Und das muss man als Kinomacher:innen auch erstmal bringen, aus dem Nichts einen Kloersatz in den Laden zu stellen und zusätzlich der shady Nachtbar untendrunter einen Deal für die Toilettennutzung abzutrotzen. Mutig sind sie im Moviemento.

Wenn mensch dem brasilianischen Auteur Gustavo Vinagre eine Sache nicht absprechen kann, dann ist es ebenfalls die Courage. Vinagre hat keine Scheu vor filmischen Risiken, seine Arbeiten sind genauso camp und irre, wie sie exakt beobachtet und emotional klug sind.
In A ROSA AZUL DE NOVALIS (Berlinale Forum 2019) begleiten wir einen jüngeren, alleinstehenden, schwulen Mann aufsässig-kammerspielartig und semidokumentarisch durch seine Wohnung, wenn er uns unentwegt direkt ansprechend seine Existenz samt allen Höhen und vielen Tiefen darlegt. Dabei gelegentlich unterbrochen von theatralisch inszenierten Jugenderinnerungen – und expliziten Sexszenen. Die sehr smart ausbalancierte Form ist hier genauso fesselnd wie der endlose Monolog der Hauptfigur, obwohl sie im Grunde nur über sich, Gott, die Welt, die Literatur und Schwänze redet. Eine vollkommen unwahrscheinliche, aber unvergessliche Arbeit, die durchzuziehen auch Mut erfordert.
Midnight Cinema
Sein 2022er Berlinale-Beitrag TRÊS TIGRES TRISTES erzählt in sonnengebleichten Farben von einem Trio queerer Drifter in einem dystopischen São Paulo der Zukunft, welches von einer rätselhaften Pandemie, aber vor allem vom Turbokapitalismus zerstört wird. Ein höchst surrealer, latent politischer Reigen, der gesellschaftlich enorm scharf beobachtet ist. Und der filmischen Mut erfordert, vor allem wenn man mitten in einer echten Pandemie drehen muss.
TRÊS TIGRES TRISTES macht aber auch eine Schwäche Vinagres deutlich spürbar: Dramaturgie bzw. die Fähigkeit zu erzählerischer Ökonomie ist keines seiner Talente. Der Film zieht sich und verbraucht unergiebig viel Zeit für die Exposition von Figuren und Geschichte, was dem Ganzen spürbar den Reiz und das Interesse raubt.
Mit der jüngsten und beim Filmfestival von Rotterdam Ende Januar 2026 uraufgeführten Arbeit PRIVADAS DE SUAS VIDAS (engl. Titel BOWELS OF HELL) besucht Vinagre, zusammen mit seinem Co-Regisseur Gurcius Gewdner, nun das Genre der Slasher-Trash-Comedy und legt eine veritable Groteske vor, die sich um einen Premium-Slot im Midnight Cinema bewirbt. Angesiedelt in einem gesichtslosen Wohnsilo im gegenwärtigen São Paulo, folgen wir der Eventmanagerin für Privatpartys, Malu, wie sie, gesundheitlich angeschlagen und von ihrer nonbinären Teenager-Tochter gestresst, eine Gender-Reveal-Party für eine ausgesprochen unsympathische Influencerin zu organisieren versucht. Der Haupterzählung geht jedoch eine Art Prolog voraus, der uns mit einem für Malu niederschmetternden wie verrückten Toilettenunfall in die zentrale Handlung führt.

Malus gesundheitliches Leiden, das lernen wir irgendwann, ist eine schwere, tiefsitzende Verstopfung. Malu kann – aus Gründen – nicht auf dem Klo scheißen. Es geht nicht, egal wie viele Verdauungstropfen sie auch nimmt. Andere Bewohner:innen des Wohnkomplexes haben keine Probleme mit ihrem Stuhlgang, aber sagen wir so: Ihre Toilettenschüssel (samt diversem Inhalt) ist trotzdem das Letzte, was sie lebend zu sehen bekommen – bevor das Klo sie unter Einsatz von viel Blood & Gore verschlingt.
Heterotoxischer Grindhouse-Bullshit
Eine zum Bersten verstopfte, trauernde, alleinerziehende Mutter eines nonbinären Teenagers gegen einen blutrünstigen und alles verschlingenden Abflusstrakt. Das ist so in etwa die Story von PRIVADAS DE SUAS VIDAS. Wie gesagt, Vinagre hat Mut. Aber leider wieder nicht beim Griff zur Schere respektive der Löschtaste.
Wenn schließlich die Hauptfigur zum (Achtung, leichter Spoiler) finalen Kampf gegen das Killer-Klo anhebt und dafür ihren gesammelten Darminhalt als Waffe einsetzt – dann ist man mit dem Kopf längst draußen vor dem Kinosaal und beim Klo. Denn Vinagre verbraucht seine, oder besser: unsere Zeit mit der langatmig aufgebauten Entwicklung von Story und Figuren, einer narrativen Verstopfung gewissermaßen. Gewonnen ist damit nichts, denn die Explosion, auf die das hier zuläuft, ist natürlich der erwartbarste Teil des Genres. Und wenn auch einfallsreich, so schafft es das Finale von PRIVADAS DE SUAS VIDAS nicht, die aufgebauten Erwartungen überzeugend einzulösen. Es ist nach über 100 Minuten Laufzeit längst egal.
Dabei hätte aus dieser erneut mit wachem wie engagiertem Auge gebauten Erzählung ein Geniestreich werden können, der den heterotoxischen Grindhouse-Bullshit eines Tarantino mühelos ins Klo steckt. Zwar nimmt der sich auch gerne Zeit, aber seine Zeit ist es meistens wert. Vinagres (und auch Gewdners) ist es nicht. Was auf der Leinwand zurückbleibt, ist ein Ground Zero für die Putzkolonne – und ein Film, der, bei aller Freude an der mutigen Groteske, dann doch misslingt.
Die neu gebauten Toiletten im Kino Moviemento bieten übrigens nur selten Grund zur Klage. Danke, liebe Bauarbeiter:innen und liebes Moviemento-Team.
20. Oktober 2026, 23:02 Uhr | Geile Staubsauger
Beim Filmfestival von Cannes 2025 mit dem Großen Preis der Sektion Semaine de la Critique ausgezeichnet und im deutschen Kinosommer 2026 völlig untergegangen, erhält A USEFUL GHOST als Eröffnungsfilm des Pornfilmfestivals Berlin (PFFB) 2026 endlich eine würdige Präsentation vor ausverkauftem Haus im großen Saal des Kinos Colosseum Prenzlauer Berg.
Die narrativ äußerst smart gebaute Fabel des thailändischen Filmemachers Ratchapoom Boonbunchachoke verleiht der Redewendung von den Geistern der Vergangenheit, die sich nicht vertreiben lassen, einen visuell eindrücklichen neuen Blickwinkel. Denn in dieser tragikomischen wie politisch aufgeladenen Erzählung kommen die Geister nicht nur zurück, sie protestieren auch noch machtvoll gegen das Unrecht, das ihnen angetan wurde – und wird. Selbst wenn das bedeutet, sich Staubsaugern bemächtigen zu müssen und damit die Körper ihrer hinterbliebenen Liebschaften zu bearbeiten.

Informiert durch die unruhige und nicht selten gewaltsame jüngere politische Geschichte Thailands, verhandelt Ratchapoom Boonbunchachoke zentrale Fragen gesellschaftlichen Erinnerns und der Versuche des Vergessenmachens von Verbrechen im Namen politischer Machtausübung. Dabei streift er auch Fragen queerer respektive schwuler Akzeptanz, Familienplanung, Leihmutterschaft und nicht zuletzt intergenerationeller Konflikte und kultureller Umbrüche vor der Kulisse eines modernen Thailands im Turbokapitalismus.
Was nach Stoff für mehrere Filme klingt, ist mit 130 Minuten Laufzeit alles andere als seichte Unterhaltung. Dass A USEFUL GHOST trotzdem eine ungemein kurzweilige und unterhaltsame Veranstaltung ist, zeigt die besondere Stärke dieses beeindruckenden und stilbewussten Langfilmdebüts.
Wenn der Rest des Pornfilmfestivals auch nur halb so gelungen ist wie dieser Eröffnungsfilm, steht uns ein hervorragender Festivaljahrgang bevor. Das Kurator:innenteam unterstreicht damit nebenbei eine leider zu viel wenig beachtete Qualität seiner Programmierung: Auf dem PFFB lassen sich immer wieder jene Juwelen großer A-Festivals entdecken, die von der deutschen Filmpresse und Filmverleihwirtschaft übergangen oder unter Wert verkauft werden.
20. Oktober 2026, 18:27 Uhr | Anlässlich NAZA: Rückblick auf NAKED ISRAEL
Selten werden dokumentarische Arbeiten so heiß diskutiert wie im Fall der beim Filmfestival von Venedig 2026 gefeierten Doku von Yuval Abraham und Rachel Szor: NAZA. Die beiden Filmemacher:innen untersuchen darin das Vorgehen der israelischen Kriegsmaschinerie in Gaza.
In Gesprächen mit 24 Angehörigen der IDF und der Geheimdienste schälen sie heraus, mit welch brutalen und schlicht kriegsverbrecherischen Taktiken und Maßnahmen die Regierung Netanjahu das Militär in Gaza operieren lässt.
Abraham und Szor müssen ihre Protagonisten stark verfremden, um deren Identitäten vor Repressionen durch die israelische Regierung zu schützen. Ein Vorgehen, das angesichts der Reaktionen der Administration Netanjahu auf den Film notwendig ist, welches aber auch einmal mehr Diskussionen über Vertrauen, Wahrheit und Glaubwürdigkeit im dokumentarischen Film lostritt.
2022 veröffentlichte die Filmemacherin und Videokünstlerin Ines Moldavsky ihre dokumentarische Arbeit NAKED ISRAEL und präsentierte sie beim Pornfilmfestival Berlin 2023. Auch Moldavskys Protagonisten sind bzw. waren Angehörige der israelischen Armee.
Doch wo in NAZA die Verfremdung das Bild prägt, übernehmen in NAKED ISRAEL die Körper der Protagonisten die Leinwand, denn sie sind alle nackt. Was sie zu erzählen haben, lässt einem die Berichte in NAZA leider nur allzu vertraut vorkommen. Es lohnt sich, beide Arbeiten nebeneinander zu sichten.
Am 1. November 2023 veröffentlichte ich nachfolgenden Text zu Ines Moldavskys NAKED ISRAEL erstmals. Anlässlich des Kinostarts von NAZA möchte ich nun noch einmal an diesen Film erinnern. Für die Wiederveröffentlichung habe ich den Text sprachlich überarbeitet und für eine bessere Verständlichkeit geringfügig präzisiert.
Naked Israel
(Erstveröffentlichung 01.11.2023)

Es kommt vor, dass dokumentarische Filme plötzlich und unerwartet von der Realität eingeholt werden. Hervorragende dokumentarische Arbeiten zeigen gerade in solchen Momenten ihre Stärke und liefern selbst unter den neuen Gegebenheiten einen interessanten Blickwinkel oder einen wichtigen Akzent, um das Geschehen zu interpretieren.
Doch mit welcher unglaublichen Brutalität die Realität am 7. Oktober 2023 zuschlug und den Blick auf den Beitrag im Programm des Pornfilmfestivals 2023 und das neueste Werk der Filmemacherin und Videokünstlerin Ines Moldavsky für immer veränderte, war in keiner Weise vorhersehbar: NAKED ISRAEL.
Das Konzept, sowohl inhaltlich als auch visuell, ist hier vergleichsweise … hier weiterlesen
20. Oktober 2026, 14:05 Uhr | Lesben & Leder
„Am lesbischen SM erscheint mir interessant, dass es ermöglicht, sich von einer bestimmten Anzahl von Stereotypien der Weiblichkeit freizumachen, die in der lesbischen Bewegung genutzt wurden …“
– Michel F., Ledertunte und Philosoph