Vor wenigen Tagen ist Bella Chekurishvilis neuer und inzwischen vierter Gedichtband Margo ist fort im Wunderhornverlag erschienen. Und man könnte fast meinen, dass der Name des Verlags, der das Werk der auf georgisch schreibenden Dichterin herausgibt, die seit vielen Jahren in Deutschland lebt, Programm ist. Denn ein Wunderhorn ist auch dieses neue Buch wieder, steckt voller poetischer Zaubereien und Wunder, die aus einer anderen Welt zu kommen scheinen und doch ganz nah sind. Die Gedichte wurden wie schon in den vorherigen Bänden nachgedichtet und wohlgeformt und gereimt durch den Berliner Dichter Norbert Hummelt.
In Margo ist fort reist Chekurishvili in die Antike, zu den historisch bedeutsamen Stätten in Georgien, das in der Antike Kolchis hieß und Schauplatz der Sage um das goldene Vlies und die Argonauten war und sie geht darin auch nach Griechenland und auch in die nordische Mythologie wie in dem wunderbaren Gedicht, das den Band eröffnet:
Hugin und Munin (Denken und Erinnern)
Hugin und Munin müssen jeden Tag
Über die Erde fliegen.
Ich [Odin] fürchte, dass Hugin
nicht nach Hause kehrt;
Doch sorg ich mehr um Munin.
(aus der Lieder-Edda)
Lang ist es her, dass ich Hugin verlor.
Munin sitzt morgens auf meiner Schulter,
wenn ich erwache
Während ich träume,
beschützt er mich.
Dann fließt das Blut anders in meinen Adern.
Es sammelt sich in der Nähe des Herzens
und quillt hervor.
Dann beginnt mein Haar zu wachsen,
legt sich als Schlinge um meinen Hals
und fast wäre ich daran erstickt,
hätte nicht Munin mit einem Flügelschlag
von jenem Tag, jener Stunde erzählt,
als du gegangen bist,
ohne dich noch einmal umzudrehen.
Wo er die Dinge aus meiner Heimat verwahrt,
die ich wie Sand aus meinen Versen streute,
sieht man ihm von außen nicht an.
Er trägt sie vielleicht im schwarzen Gefieder,
hält sie zwischen den Rippen verborgen,
oder notierte sie auf sein Schlüsselbein.
Sie tauchen den Körper in weißes Licht
und kommen erst nach dem Tod
in Sicht.
Es wird im Eröffnungsgedicht schon angedeutet; besonders berührend ist der fast archaisch anmutende Klagezyklus über den Verlust einer Freundin. Diese Freundin heißt, wie wir es im Titel nachlesen können, Margo und Margo ist fort. Aber nicht nur Margo ist fort, sondern auch Bella Chekurishvili ist fort, in der Ferne, hier in Berlin und weit weg von ihrer Heimat, deren Mythen, Landschaften, Geschichten und Menschen in all ihren Büchern eine große Rolle spielen.
Margo, die verlorene Freundin, steht im neuen Buch stellvertretend für alle die Menschen, die sich im Laufe eines Lebens von uns abwenden und nichts mehr mit einem zu tun haben wollen. Wir sind auf einmal alleine und völlig hilflos, wenn wir nicht erfahren, woran ein solches Verhalten liegt. Schlimmer noch ist der Verlust, wenn er mit unüberbrückbarer Entfernung zu tun hat, wie es für Menschen mit Migrationshintergrund wie Chekurishvili der Fall ist.
Diese schafft es in ihrem fabelhaften Gedichtband, nicht nur die Antike aktuell erfahrbar zu machen, sondern auch, Georgien nach Deutschland zu holen, indem sie historische Ereignisse aus ihrer Vergangenheit und Jugend, die wie für alle Georgier von Krieg und Entbehrung gezeichnet waren, ins Jetzt versetzt und damit die alten Wunden nachzeichnet und für uns begreifbar macht. Wunderbar nachzulesen in dem Gedicht
Als Lola rannte
Als Lola rannte
mit roten Haaren
durch die Straßen von Berlin
und immer nach anderen Wegen suchte,
ihrem Liebsten aus der Klemme zu helfen,
kochten wir jungen Frauen aus Tiflis
Kaffee auf einem Petroleumkocher.
Wir waren dieselbe Generation
und versuchten herauszufinden,
wie ihre Story zu Ende ging.
Nicht, weil es drei Versionen gab,
die sich der Regisseur erdachte,
wovon man sich eine aussuchen konnte.
Vielmehr hatten wir Stromausfall,
wie üblich damals,
an diesem Abend,
und konnten das Ende des Films nicht erfahren.
Nur fiel der Strom nicht auf einmal aus,
sondern in jedem Stadtviertel anders,
jeweils im Abstand von zehn Minuten.
Die Szenen, die uns jeweils fehlten,
versuchten wir zu rekonstruieren.
Wir gingen den Film mit allen durch,
die wir gerade zufällig trafen,
und bastelten ihn uns neu zusammen.
Zehn Minuten fehlten uns allen.
Auch fehlte dem Film ein großes Finale,
nur eine Frage nahmen wir mit,
die wir allen unseren Männern stellten:
„Wenn ich für dich das Beste bin
auf dieser ganzen verdammten Welt,
wem würdest du diese Worte sagen,
wenn wir uns gar nicht getroffen hätten?“
Eine Antwort bekamen wir nicht.
Wir färbten uns trotzdem die Haare rot
und rannten durch Tiflis,
so schnell wir konnten.
Doch sind wir nirgendwo angekommen.
Auch habe ich niemals jemand gerettet,
denn ich war niemals so sehr verliebt.
Das liest sich atemlos. und lässt einen nicht mehr los. Ich habe Bella Chekurishvilis Gedichte begeistert verschlungen.