Solche Gedichte über den Holocaust habe ich noch nie gelesen. Sie sind voller Wut, voller Anklage und zugleich voller Wahrhaftigkeit. Geschrieben wurden sie von der Jüdin Juliette Pary, die 1903 in Odessa als Julia Gourfinkel geboren wurde, 1925 nach Berlin ging und 1950 in der Schweiz starb und die von sich selber noch vor Ende des Krieges sagte: „Ich bin eine rächende Judenstimme, die aus eurem Mord entsteht. Und ich spreche zu euch in eurem Deutsch, damit ihr mich gut versteht.“ Das ist ihr mit ihrem Band „An die Deutschen“ gelungen. Welch wunderbares Deutsch sie spricht und was sie uns zu sagen hat, wie wichtig es ist, den Holocaust nicht zu vergessen und wie sie, die sich ihr Leben lang um andere kümmerte, ihre Stimme jmmer den Ärmsten der Armen und auch der Unterdrückung der Frauen und der Behandlung der Kriegsgefangenen leiht, das ist in ihrem Buch nachzulesen, das 2025, 80 Jahre nach seinem ersten Erscheinen in Paris, nun endlich auch in Deutschland im Persona Verlag erschienen ist http://www.personaverlag.de/seiten/titel/pary_an_die_Deutschen.htm
Den Herausgebern ist sehr zu danken, dass sie diese großartigen Gedichte einer phänomenal guten Dichterin herausgebracht haben, die während der letzten 80 Jahre völlig vergessen waren, in keiner Anthologie, in keinem Aufsatz erwähnt wurden. Das wird sich jetzt hoffentlich ändern, denn sie bringen einen ganz eigenen Ton ein in die Literatur zum Holocaust, von der Adorno sagte, dass „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, barbarisch ist.“ Die jüdische Dichterin Pary, die weiß, wovon sie spricht, zeigt in ihren Gedichten, wie barbarisch der Holocaust war und sie nimmt dabei kein Blatt vor den Mund und trotzdem sind ihre Gedichte von einer lyrischen Schönheit, die ihresgleichen sucht.
Geschrieben hat sie es in einem Schreibrausch kurz nach Beendigung des Krieges. Es sind Gedichte, die uns immer wieder auch daran erinnern sollen, dass der Nationalismus und der Fremdenhass insbesondere die Deutschen in den Krieg geführt haben. Und sie zeugen auch vom Ringen der Autorin in dieser für sie als Jüdin so furchtbaren Zeit, die sie als Widerstandskämpferin erst in Frankreich, später in der Schweiz, überlebte. Aber die Stimmen der vielen Toten, der vielen, die nicht überlebt haben, sind drängend und schreiend in ihrem Kopf.
Ich habe solche Gedichte noch nie gelesen und war heute nach der Lektüre sehr erschüttert. Nicht zuletzt darüber, dass diese Gedichte 80 Jahre alt werden mussten, um hier in Deutschland gedruckt zu werden. Ganz zuletzt eines der beeindruckendsten Gedichte, dass Parys Wucht und Sprachmacht, ihre Wut und ihr Hadern, in der deutschen Sprache, der Sprache, der Mörder zu schreiben, deutlich zeigt.
Graus-Nacht
Die schreckliche Katze miaut auf dem Dach,
Die schreckliche Dichtungs-Katze,
Sie schneidet mir Fratzen in der Nacht,
Verteufelte schwarze Fratzen.
Es macht miau miau miau
Es grinset und es geistert.
Es hält im Arm eine weiße Frau
Die mich mit Armen umweitert.
Umweitert, umnaht, umkrallt, unterdrückt.
Umstöhnet und umdröhnet.
Aus dem Schornstein fallen Menschen-Stück,
Das ein an das andere sich lehnet.
Aus den Stücken wird ein ganzer Mensch,
ein Grinsenfraß, der mich erdrücket…
…Die Vögel trillern fein Musik,
Es wird schon Morgenröte.
Es wird schon Morgen, Gott sei Dank-
Zu End ist Schreck und Morden.
Was ich in Hexenschriften las,
War nachts lebendig geworden.
Es hat mich umgruselt und umheert,
umsaust, umkrallt und umdrücket…
Sieh da! Ich hab nur das Gedicht gehört –
Ich glaubt, ich hätt es geschrieben.
….
Dreimal hat sich von der Katze
Wiederholt das Gedicht Gespräch.
Und nur von dem dritten Male,
Von dem Male, das kam zuletzt,
Hab ich schaurig und graus behalten
Den ersten und den letzten Vers.
Eine kuriose Sache!
Man kann werden davon verrückt.
Ich weiß, dass die Deutschen es machen.
Sie schneiden Menschen in Stück.
Sie haben Juden zerschnitten
Seitdem sie im Ungar-Land,
Dreihundert-und-fünf-und-dreißig
Tausend Juden umgebracht.
Dreihundert-und-fünf-und-dreißig
Tausend in zwei Monat Zeit.
Jetzt gehen wir die Deutschen schneiden:
Grinsenfraß hat genug gegeilt.
Aus der Grube im welschen Walde,
Wo die Mord-Sturm-Staffel gethront,
Hat man ohne Ohren und Nase
Meinen Freund herausgeholt.
In den Gruben von allen Ländern,
Im Vernichtungslagergestank,
Millionen von Frauen und Männern
Sind verhungert, vergast, verbrannt.
…
Hätt ich nicht die Dichtungs-Gabe,
Dann wär ich jetzt verrückt.
Doch ich hab sie und weil ich sie habe,
Fürcht ich nicht die Menschen-Stück.
Fürchte nicht die deutschen Martern,
Den germanischen Grinsenfraß,
Wir werden gehen und sie schlagen,
Grinse nicht, du Fratzenkatz.