Eigentlich fast jede/r, dem/r ich erzählte, dass ich auf Einladung des Goetheinstituts nach Izmir fliege, sagte: Ach ja, Izmir… Aber wirklich dort gewesen war niemand von denjenigen, die Izmir zu kennen vorgaben. Alle sind, wenn ich nachfragte, dort nur angekommen und sofort ganz woandershin weitergefahren. So ist es wohl kein Wunder, dass auf meine Frage danach, was die besonderen Sehenswürdigkeiten von Izmir sind, eher weit entfernte Orte wie Pergamon, Ephesos und Kappadokien aufgeführt werden, die größten Touristenattraktionen in der Gegend. Und, nicht zu vergessen: Die Ägäis.
Anders reagierten meine türkischen Freunde, die von meinem Izmirbesuch hörten. Sie sagten einheitlich: Oh, wie schön, Izmir! Da kann man frei leben. Izmir ist anders als die anderen Städte in der Türkei. Alles ist so schön neu und groß. Das haben wir Atatürk zu verdanken!
Vor vier Jahren war ich das erste Mal in Izmir, damals auf Einladung von Haydar Ergülen, beim Izmirer Literaturfestival. Ich verbrachte dort mehrere Tage mit meinen Kolleg*innen, die aus allen möglichen Städten rund ums Mittelmeer, die so genannte Levante, hierher gekommen waren, fuhr nach Pergamon, nach Ephesos und an die Ägäis und fand alles sehr schön. Aber was an der Stadt Izmir so besonders sein soll, verstand ich erst einmal nicht. Es waren dort für meinen Geschmack viel zu viele Hochhäuser und große Straßen. Die Stadt war zwar herrlich gelegen an einer breiten Bucht, mit einer überraschend spiegelglatten und ihre Farbe dauernd wechselnden See. Aber ich sah dort kaum etwas Altes, außer dem Basar mit seiner Karawanserei und vielen schmalen belebten Gassen voller Kaffeehäuser. Der Uhrturm am Ufer der Bucht, dessen Uhrwerk Wilhelm II. gespendet hat, schien die einzige etwas ältere Attraktion zu sein.
Bei meinem damaligen Aufenthalt fuhren wir aber dann immerhin einen Berg namens Kadifekale hoch, auf dessen Höhe Burgreste von längst vergessenen byzantinischen Herrschern kündeten. Auf dem Weg nach oben erzählte man uns, dass auf diesem Berg „freigelassene Sklaven der Osmanen“, people of colour gewohnt hatten und heute noch einige Nachfahren von ihnen dort leben würden. Ich las nach, dass die Bevölkerung von Izmir bis in die zwanziger Jahre sehr multikulturell gewesen ist und dass es hier insbesondere viele christliche Griechen, Armenier und Katholiken gegeben habe, die so genannten Levantiner, dass die Christen mehr als 50 Prozent der Bevölkerung ausgemacht hatten, dass es aber auch eine große jüdische Gemeinde gab. Heute allerdings gibt es nur noch 0,2 Prozent Christen in Izmir. Daraufhin schrieb ich ein Gedicht, das in meinen Gedichtband „Ay. Die Mondin.“, aus dem ich heute Abend im Goetheinstitut Izmir lesen werde, Einzug gehalten hat:
deine sanften blauen hügel
deine sanften blauen hügel izmir
sind bis oben voll mit elenden vierteln
und das meer das sie pontus
nannten klopft wie vordem an den fuß
dieser hügel
hier ist es lau und immerlaut
die drainagen brummen die
ganze nacht
täglich wachsen häuser in die luft
vermisst du deine griechen armenier
und katholiken izmir
von deinen gipfeln gucken die moscheen
was denkst du wenn der imam
singt und sein gesang so
überaus betörend klingt
deine sanften grünen gewässer
und die möwe steigt auf von der ägäis
setzt sich auf meinen balkon
und schreit
als ich nicht lache fliegt sie davon ach
vermisst du denn nicht deine griechen armenier
katholiken izmir
etwas fehlt
sie haben ihre straßen zugeschüttet
sie haben ihre häuser abgerissen
sie haben die hügel mit elendsvierteln gepflastert
sie haben in die täler malls gebaut
der gott des vergessens tanzt
über dieser neuen stadt
die nur so wenig mit früher zu tun hat
aber eines ist immer noch da
deine sanften blauen hügel
vermisst du deine griechen armenier
und katholiken izmir
Als ich wieder zurück in Deutschland war, erfuhr ich von einem Buch von Lutz Klevemann, mit dem Titel „Smyrna in Flammen“. Nachdem ich es gekauft und gelesen hatte, verstand ich, warum die Bevölkerung Izmirs heute überhaupt nicht mehr multikulturell ist. Mir fiel ein, dass ich vor vielen Jahren Jeffrey Eugenides „Middlesex“ gelesen hatte, in dem es um die griechische Bevölkerung rund um die Ägäis und auch um die Pontosgriechen ging, die 1922 aufgrund der Verträge von Lausanne, die einen großen Bevölkerungsaustausch vorsahen, vertrieben bzw. ausgetauscht wurden. Dieses bis dahin einmalige Vorgehen bildete die Vorlage für spätere Vertreibungen und Völkermorde wie in Indien/Bangladesch etc.. Es sollte eigentlich zur Befriedung des Nahen Ostens beitragen, bewirkte aber das genaue Gegenteil.
Da ich nun Izmir kennengelernt hatte, wurde mir die historisch einmalige Dimension dieses „Bevölkerungsaustauschs“, durch den auch Jeffrey Eugenides Vorfahren betroffen gewesen waren, auf einmal klar. 300000 christliche Griechen und Armenier, die Bewohner der sehr multikulturellen, aufgeschlossenen und westlich orientierten Stadt Smyrna gewesen waren, hatten 1922 auf der Pier am Rande der Bucht gestanden, während hinter ihnen ihre Stadt in den Flammen unterging, die mutmaßlich türkische Truppen gelegt hatten. Einzig das türkische Viertel und das jüdische Viertel verbrannten nicht. Die vielen Menschen wurden dann hauptsächlich durch den Einsatz des amerikanischen Pastors Asa Jennings gerettet, der mit List und Mut und der Hilfe eines amerikanischen Kapitäns eine Armada von griechischen Schiffen dazu brachte, die Menschen aufzunehmen, während die Schiffe der Alliierten tagelang in der Bucht vor Anker lagen und dem grausamen Geschehen untätig zusahen und aus sicherer Entfernung Fotos davon machten.

Die Griechen/Byzantiner, die schon lange vor der Eroberung durch die Osmanen auf dem Territorium der heutigen Türkei gelebt hatten, waren bei den Osmanen nicht besonders beliebt, hatten aber durch ihren Nachbarstaat immerhin eine gewisse Lobby, anders als die Armenier, von denen während des Genozids 1915 fast anderthalb Millionen ermordet wurden. Die in Izmir verbliebenen 25000 Armenier überlebten den Großen Brand nicht. Und auch immerhin 100000 griechische Männer wurden noch in letzter Minute vor der Rettung über See von türkischen Soldaten von ihren Familien am Rande der Bucht getrennt und nie wieder gesehen, beschreibt Klevemann in seinem Buch. Diejenigen, die die Überfahrt mit ihren Kindern schafften, mussten in Griechenland ein neues Leben beginnen, schwierig für viele, die gar kein Griechisch konnten, sondern seit Generationen neben türkischen Nachbarn gelebt und nicht nur deren Sprache sondern auch Gewohnheiten angenommen hatten haben. Am besten erging es noch den katholischen Christen, den so genannten Levantinern, die meist von italienischen Kaufleuten, Genuesern, abstammten und sehr erfolgreiche Geschäftsleute waren. Ihre (römische) Lobby und ihre Kaufkraft waren so stark, dass sie das Massaker an der christlichen Bevölkerung unbeschadet überstanden und auch nach 1922 noch jahrelang die Geschäfte von Izmir beherrschten.
Ich übernachte in einem Hotel, das direkt an der Bucht gelegen ist. Als ich morgens aufstehe, blicke ich hinaus in einen wunderschönen rosaorangefarbenen Sonnenaufgang über dem spiegelglatten Wasser der Ägäis. Vor dem Fenster steht an einem Kreisel eine Statue von Atatürk auf einem Pferd, so wie er im September 1922 nach Izmir eingeritten ist. Er zeigt in die Ferne, Richtung Griechenland, von Izmir aus ist es, an Chios vorbei, nicht weit bis Athen. Seine Soldaten folgten ihm im September 1922 und sagten der verängstigten christlichen Bevölkerung, dass sie keine Angst zu haben brauche. Das war eine Lüge, denn wenig später folgte das große Brennen, Vergewaltigen und Morden.
Ich esse das wunderbare türkische Frühstück, draußen vor dem Fenster gehen ein paar Müllsammler vorbei, eine Romafrau zieht einen großen Karren voller Altpapier und hält dabei ihre kleine Tochter an der Hand. Die Sonne steigt langsam hoch über das Wasser und vertreibt den leichten Dunst, der auch auf den so dichtbebauten Hügeln rund um die Bucht steht. Als ich aus dem Hotel gehe, sitzen vor der Tür ärmlich gekleidete Menschen und fragen mich nach Geld.
Am letzten Abend des Literaturfestivals vor vier Jahren trat eine türkische Band auf, die seit den achtziger Jahren in der Türkei Furore machte: Ezginin Günlüğü sind aus der Protestbewegung entstanden und spielen eine Musik, die türkische und griechische Elemente aufnimmt.
https://www.youtube.com/watch?v=iSeHUaR8xh4
Es ist wichtig, dass wir, die Städte der Levante, wieder zusammenkommen, sagt mir Dr. Anne Schönhagen, die Leiterin des Goetheinstituts, in dem ich heute Abend aus meinem neuen Gedichtband lese. Wir sind historisch so verbunden! Schon Atatürk stammte aus dem heute griechischen Thessaloniki. Und dann erzählt sie mir vom Rembetiko, einer ganz speziellen Musik, die die aus dem osmanischen Reich vertriebenen griechischstämmigen Menschen in ihrer neuen Heimat Griechenland spielten und die stark beeinflusst war von der osmanischen Musik.
Insbesondere eine Sängerin machte sich einen Namen damit, Roza Eskenazy, die eigentlich Sarah Iskenazy hieß und aus einer sefardischen jüdischen Familie in Konstantinopel stammte. Sie zog mit ihrer Familie nach Thessaloniki, das damals noch zum osmanischen Reich gehörte und hörte dort von den aus Izmir Vertriebenen erstmals diese neue Musik. Der Rembetiko hatte seine Blütezeit in den dreißiger Jahren, als auch Roza Eskenazy ihre größten Erfolge hatte, Plattenverträge mit Columbia machte und weltweit in der griechischen Diaspora tourte. Sie nahm insbesondere den Musikstil aus Smyrna in ihre Musik auf. In ihrem eigenen Land aber war die Musik bald verpönt und verschrieen, selbst unter griechischen Intellektuellen, als Musik der Haschischraucher und Rebellen. Wegen des Liedes „Wenn du das Kokain atmest“ wurde sie vom griechischen Diktator Metaxas zu einer Persona non grata erklärt.
https://music.youtube.com/playlist?list=OLAK5uy_lsvEVEGb0UggDrePI0cdnGXUH19tE1N4U
Während der deutschen Besetzung half sie mithilfe eines falschen Taufzeugnisses und auch dank der Liebschaft mit einem deutschen Offizier vielen jüdischen Menschen, die nach Auschwitz transportiert werden sollten, zu entkommen und sich zu verstecken und unterstützte die Widerstandsbewegung.
Der Rembetiko erlebte in den siebziger Jahren seine Wiederauferstehung und hat es später sogar noch nach Hollywood geschafft. Tarantino verwendet einen Rembetiko als Titelsong für „Pulp Fiction“, er trägt den türkisch-arabischen Titel „Misirlou“.
Versöhnung und Verbindung fand zwischen Türken und Griechen zumindest in dieser Musik statt, die viel miteinander zu tun hat. Genauso wie der Lebensstil, Traditionen und das Essen, das die Türken von den Griechen und umgekehrt sich die einen von den anderen abgeguckt haben.