vonSabine Schiffner 17.03.2026

fremdeln

Sabine Schiffner dichtet und denkt über sich und andere nach.

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Es stimmt nicht ganz, dass das Große Feuer, von dem ich in meinem ersten Blog zu Izmir berichtete alles Alte in Izmir vernichtet hat. Zwischen den vielen modernen Gebäuden, die bei vielen Türken sehr beliebt sind, finden sich immer wieder Reste vom Alten. Wie schon in Istanbul lohnt es sich auch hier, den Blick beim Gang durch die Stadt nach oben zu richten. Denn manchmal sind dort nicht nur neue Gebäude, sondern man kann dort auch Altes sehen. Oft sind nämlich in den Untergeschossen der alten Häuser Geschäfte hineingebaut. Manchmal aber ist auch das Alte überbaut mit Neuem, wie am Kordon, der Uferpromenade, gut zu sehen.

Besonders alt ist die Agora von Izmir. Spricht man von ihr, dann wird auch gerne Homer erwähnt, der Dichter der Odyssee, der angeblich in Izmir geboren worden sein soll. Angeblich…weil es keinen wirklichen Beweis für seine Existenz gibt. Aber es ist gut, an ihn zu glauben und es ist gut, ihn hier zu verorten, denn es zeigt einmal mehr, wie wichtig der Einfluss des byzantinischen bis heute auf die türkifizierte Welt entlang der Ägäis ist. Und auch, wie eng die beiden, die Griechen und die Türken, miteinander verbunden sind. Mir gefällt die Vorstellung sehr, dass Homer aus Izmir kam und von hier aus in die Welt hinausging. Auf einmal meine ich seine Gegenwart zu spüren, während ich zwischen den uralten Tempelresten stehe, die mitten in der Altstadt auf einem großen begrünten Areal zu besichtigen sind, das umgeben ist von dem Basar, vielen sehr alten renovierungsbedürftigen Synagogen und Ruinenresten manch einer byzantinischen Kirche.

Agora von Izmir
Agora von Izmir

Lutz Klevemann berichtet in seinem Buch „Smyrna in Flammen“, dass es es auf der Izmir benachbarten Insel Chios Bäume gibt, wilde Pistazien, deren Baumharz einen seltenen Stoff hervorbringt, der Mastix heißt. Diese Bäume waren zu des Sultans Zeiten im Besitz der Sultansmutter, denn aus ihrem Harz wurde ein Stoff hergestellt, der angeblich bei Frauen eine aphrodisiakische Wirkung haben sollte. Ob die Sultansmutter, die so genannte Valide Sultan, die die mächtigste Frau im Harem war und am Hofe der Sultane eine wichtige Rolle spielte, oft auch Schatzmeisterin war und ihn in Kriegszeiten vertrat, das Mastix wohl selber zu sich genommen hat?

Heute gehe ich am Morgen als erstes zum Atatürkmuseum, das in einem der wenigen übrig gebliebenen alten Gebäude am Wasser steht, gleich neben dem großen Denkmal, das an den 80. Jahrestag der Gründung der Republik erinnert. Atatürks Mutter Süreya, die zuletzt in Izmir lebte, liegt hier begraben und wird in dem Museum sehr gewürdigt. Ist sie auch so eine Art Sultansmutter gewesen? Man weiß nicht viel über sie, erfährt in dem Museum aber viel über Atatürk und sein Leben. In Izmir lernte er im September 1922, als er mit seinen Truppen die Stadt besetzte, seine spätere Frau kennen Latife Uşşaki kennen, die aus einer großbürgerlichen Familie stammte, mehrere Sprachen sprach, hervorragend Klavier spielte und eine bemerkenswert moderne junge Frau gewesen sein muss.

Sie heirateten in einer für damalige Zeiten sehr ungewöhnlichen nicht-islamischen Zeremonie, bei der Atatürk das Ende der religiösen Heiraten, die bis dahin üblich waren, verkündete. Die Ehe des vom Alter her sehr unterschiedlichen Paares hielt allerdings nur wenige Jahre. Atatürk selber löste sie nach zwei Jahren einseitig und nach altem islamischen Recht auf. Kinder bekamen sie leider nicht, aber Atatürk adoptierte, wie er es schon vor seiner Ehe gemacht hatte, fleißig weiter Kinder. Angeblich sollen unter diesen Waisen auch einige Kinder von Armeniern gewesen sein, die beim Genozid von 1915 umgekommen sind. Davon wird aber im Museum nichts berichtet.

Atatürk Museum in Izmir

Ein paar Häuser weiter weht eine griechische Flagge. Dass die griechische so nah neben der türkischen Fahne weht, halte ich für ein gutes Zeichen und gehe dorthin; tatsächlich steht dort die gut bewachte griechische Botschaft in einem alten Haus. Daneben eines, das total zerfallen ist.

Griechische Botschaft in Izmir

Von dort aus gehe ich dann zum Kordon, der Uferpromenade, an der sich, wie ich in meinem letzten Blog über Izmir berichtet habe, im Jahr 1922  fast 300 000 christliche Menschen drängten, die die Stadt verlassen mussten. Heute schlendern hier, an der Promenade, die sehr viel breiter gemacht worden ist, eine ganze Reihe von Pärchen entlang, auch ein paar Geschäftsleute. Touristen treffe ich kaum. Aber an drei Wahrsagern mit Kaninchen komme ich vorbei, die dort auf Kundschaft warten, die von sich von den Kaninchen Zettel mit Vorhersagen ziehen lässt. Wahrsagen ist anscheinend beliebt in dieser Stadt, in der man mit Englisch kaum durchkommt und in der die intellektuelle moderne linke atatürkbegeisterte atheistische Gruppe der so genannten „weißen“ Türken direkt neben den religiösen armen Menschen vom Lande, die „schwarze“ Türken genannt werden, lebt. Trendige gentrifizierte Cafés stehen am Kordon, in denen man den Kaffee mit Hafermilch für fünf Euro kaufen kann, während gleich nebenan ein ärmlich gekleideter alter Mann mit einem Roller langfährt, der an die Angler am Pier aus einer großen Kanne Tee für fünfzig Cent verkauft.

Gestern wurde ich wieder vom Fahrer des Goetheinstituts abgeholt. Er sprach kein Deutsch, kam aber trotzdem zur anschließenden Lesung. Die fand statt wegen meines neuen Gedichtbandes Ay. Die Mondin.  Trotz des Ramadans waren viele Menschen gekommen. Unter anderem eine ganze Reihe von Übersetzungs-Student*innen der Ege-Universität, die zwei Stunden aufmerksam den Gedichtlesungen und dem interessanten Gespräch über Lyrik und Übersetzungstechniken folgten, das ich mit dem Moderator des Abends, Professor Faruk Yücel, führte. Einmal gab es sogar heftigen Zwischenapplaus, das war, als ich mein Gedicht über Izmir las, das auch im Blog Fremdeln in Izmir I steht. Viele schöne Gespräche fanden statt, es war eine große Neugier, zu erfahren, warum eine Dichterin aus Deutschland sich so für türkische Lyrik interessiert. Denn besonders gefiel ihnen ein Gedicht, das ich zu einem wunderbaren Gedicht des großen türkischen Dichters Nazim Hikmet geschrieben habe, der im Exil gestorben ist.

gülhane

ich gehe walnussbäume suchen

von einem end des sultanparks zum anderen

die gärtner haben wohl bald feierabend

sitzen im schatten unter dem kastanienbaum

auf trocknem

harten rasen

und gähnen

und unter den platanen stehen viele bänke

darauf die liebespaare

händchen haltend manche haben es sich

an der mauer vom sultanspalast

gemütlich gemacht und manche

gehen so wie ich auf langen

warmen wegen

und kinder die rosen verkaufen

seh ich und polizisten

mit maschinenpistolen

die patrouillieren paarweise im park

umher sie gucken nach links

nach rechts sie sehen

so hungrig aus

jetzt wird es abend

die gärtner stehen langsam auf die schatten

vieler bäume werden länger

jetzt schauen sich die paare noch

tiefer in die augen und

halten ihre rosen ängstlich

fest

in diesem walnussbaumlosen park

sind bald keine paare

mehr zu sehen

und nur die polizisten bleiben

noch hier während die gärtner langsam

richtung ausgang

gehen

Ein Austausch über türkische und deutsche kuriose Sprichwörter und Begriffe wie „Baumschule“, die sie besonders lustig fanden, folgte und wurde fortgesetzt beim Mezeessen im benachbarten Restaurant. Zum Nachtisch gab es dann noch etwas ganz Besonderes: Eine Art Pudding mit Zimt, gemacht mit oben schon erwähntem Mastix, einer Spezialität aus Izmir bzw. Chios, wie es hieß; wir Frauen ließen ihn uns munden!

Das Goetheinstitut versucht seit einiger Zeit, das multikulturelle Gedankengut, das in Izmir früher selbstverständlich war, aber im Rahmen des überstarken Nationalismus, der seit dem großen Brand 1922 in der Türkei herrscht, verloren gegangen ist, in der Kultur und im Austausch wieder aufleben zu lassen. Dafür gibt es neue künstlerische Programme und Stipendienaufenthalte für Künstler in Hafenstädten, die traditionell früher mit Smyrna eng verbunden waren. Bremen ist ja nun auch eine Hafenstadt, da könnte sie doch auch dazugehören, sagt Frau Dr. Schönhagen, die sehr engagierte Direktorin des Goetheinstituts. Das gefällt mir; jetzt weiß ich auch, muss ich denken, warum ich als Bremerin mich Izmir so verbunden fühle.

Als ich am nächsten Morgen wieder vom Fahrer des Goetheinstituts abgeholt werde, strahlt er mich auf einmal im Rückspiegel an. Und dann ertönt eine sehr laute Rockmusik, die mir gänzlich unbekannt vorkommt. „Was ist das?“, frage ich. Walnussbaum/Cevic Ağacı, sagt er auf Türkisch, du hast doch gestern von dem Gedicht gesprochen! Da habe ich gedacht, ich spiele heute mal für Dich die Musik, das hat nämlich Cem Karaca gesungen! Und schon fährt er los und wir beide singen laut mit:

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