Nachdem ich mich in Izmir am ersten Tag meines Aufenthaltes sehr ausführlich mit der ehemaligen griechisch-orthodoxen Bevölkerung beschäftigt habe und feststellte, dass nur sehr wenige Kirchen aus der Zeit von vor 1922 erhalten geblieben sind, gehe ich heute los, um mir Synagogen anzusehen. Vor dem großen Brand im Jahr 1922 waren in Smyrna, einer Stadt mit damals 300 000 Einwohnern, von denen 50 Prozent christlich waren, ungefähr 10 Prozent der Bevölkerung jüdisch. Sie sprachen einen spanischen Dialekt, das Ladino und es gab ca 30 Synagogen. Heute leben in der Stadt Smyrna, die 3,5 Millionen Einwohner hat, nur noch 1500 jüdische Menschen. Und es gibt 9 Synagogen, bzw. Reste davon. Die meisten von ihnen waren lange zweckentfremdet.
Als die Türkei unter Erdogan den Anschluss an Europa versuchte, gab es eine kurze Phase, in der man sich auch seitens der Türkei bemühte, das jüdische kulturelle Erbe zu unterstützen, und in der der Wiederaufbau und die Renovierung der bestehenden Synagogen verstärkt wurden. Vor allem mit Mitteln aus dem Ausland wurden seit dieser Zeit auch einige der Synagogen in Izmir restauriert. Aber nach der antidemokratischen Entwicklung nach Gezi und dem missglückten Militärputsch 2016, als sich zeigte, dass es mit der EU nichts werden würde, sind diese Bemühungen eingestellt worden.
Ich habe mir heute einen ganzen Komplex von Synagogen in der Altstadt rund um den historischen Basar ausgesucht, die ich besichtigen möchte. Es gibt auch in anderen Stadtteilen von Izmir durchaus noch mehrere Synagogen, einige davon auch erst im 20. Jhd. errichtet und in Benutzung. Aber die Synagogen in der Altstadt sind zumeist älter, teils noch aus den Anfängen der osmanischen Zeit. Zwei von diesen sind soweit instand gesetzt, dass sie auch wieder für das jüdische Leben genutzt werden. Die ehemals jüdischen Viertel waren vom Großen Brand 1922 nicht so betroffen wie die griechisch-orthodoxen und armenischen, in denen so gut wie keine Kirche übrig geblieben ist.
Synagoga? fragt mich der Straßenfeger, der mich suchend in den Gassen herumirren sieht, wo sich laut Google Maps die Shalom-Synagoge befinden soll. Sehr freundlich führt er mich dann zu einer blauen Tür und strahlt dabei vor Freude über das ganze Gesicht …

Die Tür ist verschlossen, aber der Straßenfeger führt mich um das Gebäude herum und zeigt mir von Außen, dass die Synagoge sehr groß ist, einen ganzen Häuserblock einnimmt und einen wunderschönen Innenhof mit Bäumen hat. Ich lese nach, was sich über diese Synagoge finden lässt. Die Shalom-Synagoge ähnelt mit ihrer reich verzierten Decke und den mit Blumenmustern bedeckten Sofas entlang der Wänden einem typischen anatolischen Haus. Das ist sehr ungewöhnlich.
Sie wurde 1620 vom Oberrabbiner Jozef Eskapa erbaut, der die von ihm gegründete jüdische Gemeinde leitete. Rabbiner Eskapa unterrichtete auch den jungen Sabbatai Svi im Religionsunterricht, war aber gleichzeitig maßgeblich an Svis Vertreibung aus Izmir beteiligt, nachdem dieser sich selbst zum Messias erklärt hatte.
Über Sabbatai Svi habe ich erst vor kurzem sehr ausführlich in dem Buch „Die Jakobsbücher“ von Olga Tokarczuk gelesen, das vor allem von Jakob Frank handelt, der sich zum Messias und Nachfolger von Sabbatai Svi erklärte. Sabbattai selber erklärte sich zum Messias der Juden und als Tag der Erlösung den 18. Juni 1666. An diesem Tag brach er das Tor der Portugiesischen Synagoge, auf, und sang dazu das Lied Meliselda. Die Portugiesische Synagoge wurde nach diesem Ereignis zum Zentrum der sabbatäischen Bewegung.
Jüdische Menschen aus allen Himmelsrichtungen, die auf die Ankunft des Messias gewartet hatten, kamen nach Izmir und schlossen sich der Bewegung an. Als diese unkontrollierbare Situation dem Palast gemeldet wurde, wurde Svi zum Palast gerufen. Um die Atmosphäre der Rebellion in İzmir zu beruhigen und nachzuweisen, dass Zvi kein Messias war, verlangte der Sultan von ihm, ein Wunder zu vollbringen. Als er das nicht konnte, zwang der Sultan ihn, unter Androhung des Todes, zum Islam überzutreten. Das taten anschließend auch viele seiner Anhänger, die nach seinem Tode noch lange als „Kryptosabbatianer“, die auf türkisch Dönme genannt wurden, vor allem in der Gegend um Thessaloniki herum, wohin Zvi nach seiner Konversion ging, lebten. Die Dönme waren nach außen hin Muslime, praktizierten aber zu Hause heimlich ihr Jüdischsein.
Auch Jakob Frank lebte nach dem Tode von Sabbatai Zvi eine Zeitlang in Smyrna und praktizierte in den Synagogen der Altstadt seine messianische Lehre, der bald sehr viele Gläubige angehörten. Liest man das Buch von Olga Tokarczuk, klingt das, was sie über Frank erzählt und was gut recherchiert ist, wie eine erfundene Märchenerzählung. Jakob Frank wollte das Judentum revolutionieren, seine Lehre basierte darauf, dass er die rückständigen Lebensverhältnisse vieler jüdischer Menschen ändern wollte, dafür wollte er ihnen klar machen, dass der Talmud sinnlos und die Treue zur Thora Ursache für ihre schlechten Lebensverhältnisse war.
Einige seiner Arten, gegen das tradtionelle Judentum zu rebellieren waren, dass er durch psychologische Tricks Menschen unterschiedlichen Glaubens jeweils den Akt eines anderen Glaubens vollziehen ließ, die Juden sollten sich z. B. bekreuzigen. Die wohl extremste seiner Vorgehensweisen in Thessaloniki war der Abbruch eines jüdischen Gottesdienstes gewesen; damals setzte er sich vor 1.200 Gemeindemitgliedern mit nacktem Hintern auf die für Juden heilige Torah-Rolle. Bis heute gibt es im Judentum Menschen, die den Sabbatianisten angehören, dieser so lange geheim gehaltenen Bewegung, die ursprünglich von Zvi Sabbatai gegründet worden waren und die auf die Ankunft des Messias warteten, der aber nicht kaum, so wie ihr Anführer es vorhergesagt hatte. Frank wurde später aus der jüdischen Gemeinschaft ausgeschlossen und zog sich mit seinen Anhängern zurück in den Balkan und konvertierte später zum Katholizismus.

Viele dieser Sabbatianer, die heimlich praktizierten, so genannte Dönme -Menschen kamen im Rahmen des Bevölkerungsaustausches von 1922, der dem Großen Brand von Izmir folgte, ins osmanische Reich. In Istanbul gibt es einen Friedhof in Üsküdar, den Bülbülderesi Tepese, auf dem einige von ihnen begraben sein sollen, erkennbar angeblich an bestimmten Sprüchen und nichtmuslimischen Zeichen der Grabsteine auf den Friedhöfen. Auch Atatürks Lehrer aus seiner Thessaloniki-Zeit , so heißt es, gehörte dazu, auch er liegt dort begraben. Die Behauptung, ein Dönme zu sein, wird in der antisemitischen Presse der Türkei bis heute gerne dazu verwendet, um unliebsame Menschen und ganze Familien zu denunzieren. Es verstärkt die in der Türkei sowieso sehr beliebten Verschwörungstheorien.

Von alleine hätte ich die Synagogen in der Altstadt, die ich mir von Außen angucke und die sich alle hinter von außen völlig unauffälligen Häuserfassaden befinden, wahrscheinlich nicht gefunden. Geöffnet ist keine von ihnen, hineinzukommen ist schwierig, was ich schon aus Istanbul weiß, wo es fast unmöglich ist, eine Synagoge zu besichtigen, mir ist es während meines 9-monatigen Aufenthaltes nicht gelungen. Man braucht dafür entweder sehr viel Geld, gute Beziehungen oder eine Genehmigung der jüdischen Gemeinde, die schriftlich beantragt werden muss. Ich bekam damals auf meine vielen Anträge noch nicht einmal eine Antwort. Und stehe auch hier, wo ich überhaupt nicht damit gerechnet habe, dass es so viele Synagogen mit interessanter Geschichte auf kleinstem Raum gibt, vor verschlossenen Türen.
Das einzige Zeichen dafür, dass es Synagogen sind, sind die blauen Türen und einige kleine Messingschilder auf den Außenmauern, auf denen darauf hingewiesen wird, dass die Synagogen von Izmir seit ein paar Jahren mit der Hilfe von der amerikanischen und deutschen Botschaft und anderen Institutionen restauriert werden.

Die jüdische Gemeinschaft lebte seit sehr vielen Jahrhunderten in Izmir, teilweise schon lange, bevor die Osmanen hierherkamen. Der größte Teil von ihnen setzte sich aber aus den 1492 aus Spanien und Portugal während der Reconquista vertriebenen Juden zusammen. Sultan Bayezid hatte sie ins Land geholt. „Ihr nennt Ferdinand einen weisen Herrscher, doch er hat sein eigenes Land verarmt und meines bereichert“, soll er damals gesagt haben, bevor er Schiffe losschickte, um die Juden zu holen und einen Ferman erließ, damit sie im Osmanischen Reich unbehelligt blieben. Rund um die Synagogen der Altstadt von Izmir wohnten sie in einem ganz besonderen Baustil, der aus Spanien/Portugal mitgebracht wurde, den so genannten Mavi Kortijos, einer Mischung aus dem türkischen – mavi – für Blau und dem spanischen Cortejo – für Hof, wie die Häuser genannt wurden, weil sie Innenhöfe hatten, von denen jeweils blaue Türen abgingen, hinter denen sich die Wohnungen befanden. Sie erbauten ihre Synagogen und bald erblühte hier ein einzigartiges und vielfältiges Gemeindeleben. Ein Gemeindeleben, das weit über die Grenzen des Osmanischen Reiches hinaus bekannt wurde, weshalb es so extreme Charaktere wie Zvi Sabbatai und Joseph Frank anlockte.

Sinyora Sinagogu

Taubenschlag neben der Synyora Sinagogu
Die La-Sinyora-Synagoge, die sich um die Ecke von der Shalom Synagoge befindet, wurde im 17. Jahrhundert mit Spenden der portugiesischen Kauffrau Dona Gracia Mendes erbaut. Die Synagoge, die mehrere Brände erlitt, wurde 1841 bei dem verheerenden Brand, der damals schon einen Großteil von Izmir zerstörte, vollständig vernichtet und später mit Spenden aus Jerusalem wiederaufgebaut. Es heißt, die Orangen des Orangenbaums im üppigen Garten der La-Sinyora-Synagoge brächten Frauen, die keine Kinder bekommen können, Hoffnung. 1997 wurde sie umfassend renoviert, da ihr Dach einzustürzen drohte.
Von den Synagogen im Basarbereich sind nur La Sinyora und Shalom abwechselnd zum Gebet geöffnet.
Seit dem Genozid an den Armeniern von 1915 und der Ausrufung der Republik durch Atatürk im Jahr 1923 mit ihrem immer stärkeren Nationalismus ist die Türkei für die Juden nicht mehr so offen wie noch zu des Sultans Bayezids Zeiten. Sehr viele Juden sind, auch seit sie während der dreißiger Jahre mit horrenden und willkürlich festgelegten Extrasteuern belegt wurden, nach Israel und in andere Länder ausgewandert. Eine sehr gute türkische Serie namens „Kulüb“ (der Club) berichtet davon.
Juden sind in der durch den starken Nationalismus zusammengehaltenen heutigen Türkei nicht besonders beliebt, werden aber geduldet und haben teilweise selbst im Staat hohe Positionen, anders als christliche Minderheiten wie Armenier, Alleviten bzw. byzantinische Griechen und auch als Kurden. Die türkischen Juden, heute mehrheitlich in Istanbul lebend, haben versucht, sich anzupassen. „Wir haben doch dieselben Kleider getragen, sind auf dieselben Schulen gegangen“, sagt mir eine Freundin, die auf eine Eliteschule gegangen ist, auf der viele Kinder jüdischer Familien waren. Ihre jüdischen Freund*innen haben sich bei der aktuellen Diskussion darüber, ob sie sich als „Türkisch“ oder „Zur Türkei gehörig“ bezeichnen sollten, immer für „Türkisch“ entschieden, was meine eher linksorientierte Freundin nicht verstehen kann. Man muss doch die Vielfalt betonen und nicht zur Gleichheit werden, indem alle auf einmal türkisch sind, sagt sie mir.
Ganz zuletzt besichtige ich heute noch die Ruine der Sonsino, bzw. Pinto Synagoge. Sie befindet sich unweit der Altstadt in einem ziemlich heruntergekommenen Viertel neben der griechischen Agora. Ich suche wieder ein ganzes Weilchen, bevor ich bemerke, dass das, was ich suche, in einem schlimmeren Zustand ist als die griechischen Steinreste der Agora. Inmitten der Ruine sitzt ein Mann und isst. Wo er sich befindet? Ob das die Synagoge sei? frage ich ihn. Aber er weiß von nichts.

Ebenso wie für Deutschland gilt auch für die Türkei: Das jüdische Erbe ist ein gemeinsames Erbe. Die jüdischen Menschen waren hier seit Jahrhunderten als Kaufleute und Händler tätig und für den Aufschwung des osmanischen Reiches mitverantwortlich. Deshalb wurden sie auch so lange geduldet und teilweise sogar hofiert. Insbesondere seit dem 7. Oktober 2023 aber ist die Stimmung in der Türkei umgeschlagen und Antisemitismus und Israelfeindlichkeit sind überall stark zu spüren. Anders als manch andere Minderheiten steht ihnen aber zumindest eine Tür Richtung Westen hin offen: Die Nachfahren dieser immer noch Ladino sprechenden Menschen, die im 15. Jhd. vertrieben wurden, bekommen seit einigen Jahren auf Antrag die spanische bzw. portugiesische Staatsbürgerschaft als Wiedergutmachung zugesprochen.