vonSabine Schiffner 31.01.2026

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Sabine Schiffner dichtet und denkt über sich und andere nach.

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Als ich vor vielen Jahren das erste Mal einen Mallorquiner kennenlernte, wunderte ich mich sehr. Bis dahin hatte ich nämlich im Zusammenhang mit Mallorca nie von dessen Menschen reden gehört. Inzwischen habe ich sogar selber mal einige Jahre dort gelebt, insofern sind mir Menschen, Sprachen und Straßen dieser Hauptstadt Mallorcas recht vertraut. Die beste Jahreszeit für Palma ist auf jeden Fall der Jahresbeginn. Von Januar bis April finden hier so viele interessante Ereignisse statt, dass es sich lohnt, einmal wieder einen Kurzurlaub zu machen. Gebucht haben wir eine Unterkunft mit dem Namen Ramon Llull House, die sich in der Altstadt von Palma befindet. Ramon Llull, der auf Deutsch Raimundus Lullus heißt, war ein mallorquinischer und auf Katalanisch schreibender und sprechender Universalgelehrter und Sprachforscher des 13. Jahrhunderts, der sich sehr intensiv sowohl mit der arabischen als auch der hebräischen Sprache und Kultur auseinandergesetzt hat, was insofern von Interesse ist, weil er wirkte, während die Reconquista fast alle Spuren arabischen Lebens auf Mallorca auslöschte. Dass Mallorca lange Jahre arabisch war und dass die Araber auf Mallorca während ihrer Herrschaft sehr tolerant anderen Religionen gegenüber und auch sehr wissenschaftsliebend waren und der mallorquinischen Landwirtschaft nicht nur Zitrusfrüchte, Olivenbäume und Mandelbäume, sondern auch Windmühlen, ausgeklügelte Bewässerungssysteme und den Terrassenlandbau brachten, ist wenig bekannt. Während die christlichen Herrscher  sämtliche Spuren der Erinnerung an diese arabischen Herren erfolgreich auszulöschen versuchen, passierte ihnen zuweilen auch ein Faux-pas wie der mit der Hauptkathedrale „La Seu“. Sie wurde nämlich auf den Resten der zerstörten Hauptmoschee errichtet und man vergaß, dass diese nach Osten ausgerichtet war. So blickt die Kathedrale der Stadt Palma, die unter der arabischen Besatzung bis 1229 Medina Mayurca hieß, seitdem als einzige Kirche der Welt Richtung Mekka…

Zweimal im Jahr, am 2.2. und am 11.11., ergibt diese Ausrichtung ein besonderes Lichtphänomen, insofern als dann das Licht durch die Hauptrosette auf eine Weise fällt, dass sich die Form einer Acht ergibt. Das ist ein Moment, auf den die Mallorquiner sehr warten. Bis dahin sind allerdings noch zwei Tage hin und ich werde übermorgen davon berichten.

Unser erster Tag heute begann mit einem Frühstück in einem kleinen Café in der Altstadt-Zone Monte Zion, einem Café, das von Menschen mit Beeinträchtigungen bewirtschaftet wird. Ensaimada und ein Pa amb Oli mit viel Avokado, einer Frucht übrigens, die seit kurzem sehr in Mode gekommen ist und, obwohl sie auch auf Mallorca wächst, bislang im traditionellen mallorquinischen Speiseplan bis vor wenigen Jahren nicht auftauchte. Schräg gegenüber von unserem Frühstückslokal befindet sich der letzte Rest eines Tors der alten maurischen Stadtmauer, die so genannten Torres de Gumara, zwischen 900 und 1200 von den Arabern erbaut und inzwischen seit kurzem wieder renoviert. Nachdem die Araber die Stadt verließen, übernahmen die Tempelritter die Torburg, weshalb sie heute noch als Temple bekannt ist. Sie mauerten das Tor zu, was vielleicht der Grund ist, dass es heute noch existiert, es war jahrhundertelang nämlich nicht mehr als Tor der ehemaligen arabischen Stadtmauer zu erkennen.

Wir haben heute als erstes nach dem Frühstück eine der Hauptkirchen von Palma besucht, die Kirche Sant Miguel, in deren Portal der oben erwähnte Raimundus Lullus abgebildet ist. Auch sie stammt aus dem 13. Jahrhundert, auch sie wurde auf den Resten einer Moschee errichtet. Dort traf ich mich mit einem Priester, den ich noch aus meinen Zeit in Mallorca kannte und den ich bei jedem Besuch dort wiedersehe.

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Er ist inzwischen 88 Jahre alt und macht aushilfsweise immer noch Gottesdienste bzw. sitzt anschließend in dem völlig verglasten Beichtstuhl der Kirche, den ich so auch noch nie irgendwo gesehen habe.  Früher, als ich noch auf Mallorca lebte, spielte ich in verschiedenen Kirchen die Orgel, u.a. in der Kirche San Felipe Neri, welches die einzige Kirche ist, die nach einem Heiligen benannt worden ist, der auch einen Nachnamen, nämlich Neri (der Schwarze) trägt. Dort lernte ich auch Don Guillermo kennen, der damals Messen abhielt und der mir auffiel, weil er 1. sehr menschenfreundlich, 2. sehr musikalisch und 3. sehr politisch war, etwas was ich zuvor bei katholischen Priestern nie mitbekommen hatte. Inzwischen ist Don Guillermo längst in Rente und wohnt in einem Altersheim nur für Priester neben der Kathedrale. Sein Organist des heutigen Tages spielte gerade eine Arie aus einer italienischen Oper, als wir hereinkamen. Die meist südamerikanischen Gläubigen schien das nicht weiter zu stören und auch uns gefiel es.

Anschließend gingen wir bei einem Gang durch die Stadt am Teatre Principal vorbei, dem großen alten Theater von Palma. Ein Blick aufs Programm zeigte, dass Abends eine englischsprachige Aufführung von Macbeth mit den Tiger Lillies auf dem Plan stand. Von denen hatte ich noch nie gehört, wir fragten am Ticketschalter, ob es überhaupt noch Karten gäbe und es gab sogar noch Karten, allerdings nur im 4. Rang, dafür kosteten sie aber auch nur 8 Euro. Dass wir mit diesen 8 Euro den Höhepunkt des heutigen Tages bezahlen würden, wussten wir da noch nicht, aber wir freuten uns auf eine Kabarettaufführung, die sehr unterhaltsam sein sollte.

Das Teatre Principal befindet sich übrigens gleich neben der Placa del Mercat, wo sich einige wunderbare Beispiele des architektonischen Modernismus finden, die von Gaudí, der auch am Ausbau der Kathedrale von Palma mitgewirkt hat, inspiriert wurden. Dazu gehören die Edificio Casasayas ebenso wie das gegenüberliegende Caixa Forum, in dem spannende Wechsel-Ausstellungen mit Gegenwarts- und alter Kunst zu sehen sind.

Heute war es sehr windig in Palma, aber auch sehr sonnig und so gingen wir noch etwas an der Promenade am Meer spazieren und kehrten im ältesten Café von Palma ein, dem C´an Juan de S´Aiguo, wo es die besten Ensaimadas tallats (Karnevalsensaimadas) und einzigartig lecker schmeckendes Eis gibt, das schon seit 1700 nach demselben Rezept zubereitet wird. Anschließend machten wir uns auf den Weg ins Theater. Im vierten Rang muss man als großgewachsener Mensch ein wenig den Kopf einziehen, aber unsere Plätze in der obersten Reihe waren dafür umso geräumiger und hatten auch gute Sicht. Das, was uns erwartete, eine englischsprachige und katalanisch untertitelte Tourneeaufführung der The Tiger Lillies aus London, die mit drei spanischen Schauspielern zusammen im fast vollständig ausverkauften Teatre Principal  „Macbeth“ aufführten, war spektakulär. The Tiger Lillies sind, wie ich später nachlas, ein 1989 gegründetes britisches Trio um den Singer-Songwriter Martyn Jacques. Dieser prägt mit Clownsmaske und Falsettstimme, zu der er sich mit verschiedenen Instrumenten wie Akkordeon, Klavier und Ukulele begleitet, den schräg-makabren und tragisch-komödiantischen Stil der Band. Sie verbinden sehr Britischen Humor, Punk-Attitüde und Kunstmusik und stehen dabei in der Tradition von Brecht/Weill, dem Kabarett der Weimarer Republik, das auch Elemente von Zirkus und Vaudeville aufnimmt. Dem größtenteils mallorquinischen Publikum und auch uns gefiel es außerordentlich gut und es gab Zugaben. Eine Hörprobe:

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Wie die Tiger Lillies, die drei ältere, enorm musikalische und jung gebliebene böse Herren sind, die Abgründigkeit des Shakespeareschen Dramas um Macbeth, seiner Gier und seinem Machtstreben, mit ihren Songs und den Clownsmasken auf den Punkt und zu höchster zeitgenössischer Aktualität brachten, machte Hoffnung, dass Theater doch noch richtig gut und zugleich politisch sein kann.

Am Abend nach dem Theaterbesuch sind wir dann noch Pinchos und Tapas essen gegangen und haben uns dann wieder auf den Rückweg gemacht, durch menschenleere uralte Straßen, viele Treppenstufen hoch, entlang der alten Paläste, in denen die mallorquinischen Adelsgeschlechter schon lange nicht mehr wohnen und an der Kirche Santa Eulalia vorbei, bis wir an der unserer Unterkunft gegenüberliegenden Kirche San Francesc ankamen, die auch aus dem 13. Jahrhundert ist und die die sterblichen Überreste von Ramon Llull beherbergt, der nicht ahnen konnte, wie seine Stadt achthundert Jahre nach seinem Ableben einmal aussehen würde. Ob es ihm wohl hier so gut gefallen würde wie uns heute?

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