Ich bin seit sechs Jahren das erste Mal wieder hier in Palma und sehr erstaunt darüber, wie sauber und ordentlich und gut organisiert alles ist. Eben noch habe ich eine Frau beobachtet, die vom Bürgersteig ein Taschentuch aufhob, das jemand anderes fallenließ und es in einen Mülleimer tat. Überall sind Schilder, wie man sich richtig und ordentlich verhält. In sämtlichen öffentlichen Bussen, die alle mit Gas betrieben werden, sind große Bildschirme, die auch zu Ordnung, korrekter Kleidung und gemäßigtem Verhalten auffordern. Wer im Bus mit Karte bezahlt, bekommt 20 Prozent Ermäßigung und wer vergisst, beim Auschecken aus dem Bus seine digitale Buskarte, mit der hier die meisten Menschen zahlen, an den Scanner zu halten, muss online 30 Cent Strafe zahlen. Bargeld ist hier also nicht gerne gesehen. Auch überall sonst kann man bargeldlos bezahlen. Wenn ich erzähle, dass das in Deutschland längst nicht so ist, werde ich verständnislos angeguckt. Engländer werden sich hier mehr zu Hause fühlen als Deutsche, von englischen Freunden erfuhr ich vor kurzem, dass man in England inzwischen auch so gut wie kein Bargeld mehr kennt.
Viele der historischen Bauten der Altstadt, die vor sechs Jahren noch ziemlich heruntergekommen waren, sind inzwischen gut restauriert. Ein besonders schönes Beispiel ist dafür die Baluard del Princeps, die sich an der Avenida, die die Stadt durchquert, befindet und zwar genau an der Ecke der Straße, die zum Stadtstrand Platja Can Pere Antoni führt. Hier ist das letzte erhaltene Stück der alten Stadtmauer ausgebaut worden zu einer Plattform, von der man eine schöne Sicht auf das Meer hat. Heute überrascht Palma mit wunderschönem Sonnenwetter und so gehen wir an der Baluard del Princeps vorbei hinunter zum Wasser und dann immer am Strand entlang. Denn hier ist seit einigen Jahren ein sehr schöner Fußweg.
Der führt vorüber am Sporthafen Portitxol, immer entlang des Meers, an der Ciutat Jardin vorbei und bis zu einem kleinen Fischlokal, das auf einem Landfinger ins Meer ragt, weshalb es dort eine einmalig gute Sicht aufs Meer und auf die Skyline von Palma gibt. Hier wird schon seit 1957 eine hervorragende schwarze Tintenfisch-Paella serviert: „El Penon 1957“. Der ca. 5 km lange Weg hin zum Restaurant war bei schönem Wetter in ca. 1 1/2 Stunden zu schaffen.
Die Mallorquiner*innen sind am Sonntag auf der Promenade am Meer unterwegs, in Scharen zieht es sie in den Sporthafen und ans Wasser, einige stehen sogar schon in Badekleidung in der leichten Brandung des Mittelmeers. Mitten in der großen Bucht von Palma sind Scharen von kleinen weißen Segelbooten, auch Surfer werfen sich in die Wellen. Unglaublich, dass in Norddeutschland zurzeit minus 7 Grad bzw. gefühlte minus 13 Grad sind. Das sind genau 30 Grad Unterschied zu hier, wo heute 17 Grad herrschen, die sich aber an mancher Stelle anfühlen wie 20 Grad.
Beim Rückweg gegen 15h ist das eher ruhig wirkende Meer plötzlich sehr kräuselig und aufgewühlt. Die „Calma de enero“ (Ruhe des Januar) genannte Zeit vom ca. 15.1. – 15.2. ist an sich immer eine gute Zeit gewesen hier in Mallorca. So nennt man eine Phase, in der die Mandeln blühen und in der fast ein Gefühl von Frühling aufkommt. Aber seit einiger Zeit wirkt sich der Klimawandel auch auf die Calma de enero aus. Schönes Wetter gibt es hier in Palma erst seit gestern Nachmittag, die ganze letzte Woche hat es geregnet, erfahren wir. Wir haben mal wieder Glück gehabt mit unseren zwei Tagen Sonnenschein, die Calma de enero gab es nämlich dieses Jahr ansonsten nicht, sagen mir mallorquinische Freunde. Und auch die Mandeln haben dieses Jahr sehr spät angefangen zu blühen.
Zum Abschluss dieses Tages gehen wir abends ins Kino „Augusta“, das sich auch an der Avenida befindet, direkt an der Plaza Espana, gleich neben der Station, von der alle Fernbusse und Bahnen aus abfahren. Dieser riesenhafte Bus- und Bahnhof wurde unterirdisch gebaut, oberirdisch hat man dort 2008 einen Park angelegt, heute eine der größten innerstädtischen Grünflächen. Auch hier im Park ist alles sauber und ordentlich. Im Kino Augusta, das seit 1948 existiert und somit ein historisches Kino ist, gibt es 7 Säle, in denen man unterschiedlichste Filme gucken kann, viele untertitelt, von manchen haben wir noch nie gehört. Vor 1948 befand sich an der Stelle des Kinos ein berüchtigtes Gefängnis, ein ehemaliges Holzlager mit dem Namen Can Mir. Während des Bürgerkriegs wurde es im Jahr 1936 in ein Gefängnis für Mitglieder der Gewerkschaften und linken Parteien umgewandelt. Hier wurden nachts die Gefangenen abgeholt und von Falangisten am Straßenrand ermordet. Diese Falangistentruppen handelten mit Billigung der zivilen, militärischen und religiösen Autoritäten. An dieses dunkle Kapitel der spanischen und mallorquinischen Geschichte, das auch heute noch nicht überall aufgearbeitet worden ist, wird zumindest hier auf einer Gedenktafel erinnert.
Der Eintritt im Kino Augusta kostet 8 Euro, für Senioren ab 65 Jahre sogar nur 2 Euro. Wir kaufen süßes Popcorn in grün und rot, das Kino ist voller junger Menschen und wir sehen Marty Supreme, einen Film, der mir allerdings gar nicht gefällt, die ganze inszenierte Fünfzigerjahreatmosphäre des Films kommt mir furchtbar künstlich vor. Anschließend gehen wir durch die Altstadt von Palma wieder zurück zu unserem kleinen Hotel. Die mittelalterlichen Straßen mit den verschlossenen meist schmucklosen Fassaden sind inzwischen – gegen 22.30h – menschenleer und verwaist. Wir hören nur unsere Schritte und sehen keinen Menschen auf dem Weg entlang der uralten Gemäuer. Alle Restaurants und Bars sind geschlossen. Ob die Mallorquiner alle schon schlafen gegangen sind? Aber der Mond scheint von oben, hell und rund und weist uns den Weg. Das ist ja hier wie im Film, ich komme mir vor wie im Namen der Rose, sagt mein Mann und nimmt mich an der Hand. Ein wenig unheimlich kann das saubere Palma zuweilen doch sein.