Zweimal im Jahr verwandelt sich die Kathedrale von Palma, die auch La Seu genannt wird, was katalanisch ist und so etwas wie „Der Hauptsitz“ bedeutet in die so genannte Kathedrale des Lichts. Dieses Phänomen, das sich jedes Jahr wieder am 2.2. und am 11.11. ereignet, hat nichts damit zu tun, dass hier auf Mallorca, kurz bevor die Reconquista begann, berühmte arabische Mathematiker und Astronomen gelebt haben, die womöglich aus dem Verhältnis von Jahrestag und Sonnenstand dieses seltene Ereignis im Voraus berechnet hätten. Genau berechnet wurde aber die Ausrichtung der ehemaligen Moschee, auf deren Grund heute die gotische Kathedrale steht, vom arabischen Mathematiker Al-Juarizmi. Dass durch die späteren Einbauten der beiden Rosetten auf der Ost (Richtung Mekka)- und Westrichtung der Kathedrale die ersten Sonnenstrahlen am jenen zwei Tagen des Jahres ein ganz besonderes Lichtphänomen hervorrufen würden, war aber ein Ergebnis des Zufalls…
Um kurz nach acht Uhr, wenn die Sonne am 2.2. und 11.11. aufgeht und das erste Mal durch die Ostrosette fällt, die die größte gotische Rosette weltweit ist (13 Meter Durchmesser) und die aus lauter kleinen bunten Farbflecken besteht, fangen diese Farbflecken an zu wandern, wandern dann innerhalb weniger Minuten kontinuierlich entlang der Südseite der horizontalen Innenmauern der Kathedrale, bis sie an der Westrosette ankommen, die etwas kleiner ist. Sie bleiben genau unterhalb dieser Rosette stehen, wodurch sich die Form einer Acht ergibt. Die Acht ist das magische Symbol für die Ewigkeit und die Unendlichkeit, weshalb genau dieser Moment von den hier Anwesenden, die teilweise schon Stunden vor Beginn vor der Tür der Kathedrale gewartet haben, als sehr intensiv empfunden wird. Auch ich selber bin heute mal wieder früh aufgestanden und habe schon um 7.30h in einer mehrere hundert Meter langen Schlange gewartet und auch einen guten Platz in der Kathedrale bekommen. Aber leider war um 8 Uhr der Himmel bewölkt und so konnte dieses Jahr das Lichtphänomen von keinem der Anwesenden betrachtet werden. Pech gehabt!
Später dann ging es mit dem Bus Richtung Deià, wo ich einige Jahre gelebt habe. Deià ist ein kleines Künstlerdorf in der Tramuntana, einmalig gelegen zwischen Sóller und Valldemossa. Bekannt wurde es durch den Schriftsteller Robert Ranke-Graves, der in der englischsprachigen Welt vor allem durch sein Antikriegsbuch „Goodbye to all that“ bekannt geworden ist, das ein Pendant zu „Im Westen nichts Neues“ ist. Er ging Mitte der zwanziger Jahre nach Deià, weil man dort billig leben konnte und weil die Küste und die Situation des Dorfes so atemberaubend schön ist. Das Dorf Deià, das über steile Wege einen Zugang zu einem kleinen Strand in einer stillen Bucht hat, ist vom Meer aus nicht zu erkennen, weil es komplett auf der Rückseite des dem Meer zugewandten Hügels erbaut wurde. So ist es auch von den Überfällen der Korsaren, die Mallorca lange unsicher gemacht haben, verschont worden. Der Hügel wird oben von einer kleinen alten Kirche gekrönt, neben der ein uralter Friedhof liegt, der auch sehr sehenswert ist, nicht nur, weil man von ihm den tollsten Ausblick hat. Dort liegt Ranke-Graves begraben, der deutsche Vorfahren hatte, nämlich den ersten deutschen Nobelpreisträger für Geschichte, Leopold von Ranke. Robert Graves, Poeta, steht auf dem schlichten Stein, der auf dem Friedhof an zentraler Stelle liegt, umgeben von kleinen Steinen, die seine Fans hier abgelegt haben.

Graves, der während des spanischen Bürgerkriegs wie alle Ausländer Mallorca verlassen musste, kehrte erst nach dem Krieg nach Deià zurück. Hier lebte er dann in einer Kommune aus jungen wilden Malern; Komponisten, Musikern, Philosophen und Schriftstellern, die ihm gefolgt waren, weil das Leben in Mallorca so außerordentlich günstig war. Als später seine Bücher auch noch verfilmt wurden, kamen auch berühmte Schauspieler nach Deià, die die Atmosphäre, das Licht und auch das gute Essen zu schätzen wussten.
Eines seiner berühmtesten Gedichte hat Ranke Graves, der für seine vielen Affären bekannt war, Ava Gardner gewidmet, die ihn in Deià besucht hat:
Not to sleep
Counting no sheep and careless of chimes
Welcoming the dawn confabulation
Of birch, her children, who discuss idly
Fanciful details of the promised coming –
Will she be wearing red, or russet, or blue,
Or pure white? – whatever she wears, glorious:
Not to sleep all the night long, for pure joy,
This is given to few but at last to me,
So that when 1 laugh and stretch and leap from bed
I shall glide downstairs, my feet brushing the carpet
In courtesy to civilized progression,
Though, did 1 wish, I could soar through the open window
And perch on a branch above, acceptable ally
Of the birds still alert, grumbling gently together.
Heute gibt es nur noch sehr wenige Reste aus dieser wilden Zeit, in der vor allem viele jüdische Künstler*innen in und um Deià lebten. Die meisten von ihnen sind inzwischen verstorben oder uralt und liegen auf dem kleinen Friedhof begraben, so wie Matti Klarwein, dessen spektakulärer Trauerzug im Jahr 2002 im Dorf für Aufsehen sorgte.
„Hier wohnen jetzt nur noch Millionäre und Stars, beklagt sich meine Freundin, die schon seit 25 Jahren als Goldschmiedin in Deià lebt. Es ist schwieriger und teurer noch eine Wohnung zu finden als in Berlin, dabei sind die meisten Hauseigentümer hier nur wenige Wochen oder sogar nur Tage im Jahr hier. Und außerdem kommen jetzt immer mehr Amerikaner und Koreaner hierher, das ist soviel Geld, dagegen kommt man nicht an.“ Trotzdem hat Deià an solchen Tagen wie jetzt im Februar, wo nur sehr wenige Touristen unterwegs sind und das einzige große Hotel des Dorfs, das berühmte Residencia, (eine Übernachtung beginnt bei 1400 Euro) für einen Monat seine Tore geschlossen hat, noch seinen ganz besonderen Charme. Die alten Häuser, die vielen Treppenstufen, kleinen Wasserfälle, die uralten Persimon- und Avokadobäume, die Palmen und die Zitrusfrüchte, die Wasserleitungen aus arabischer Zeit und die schönen wilden großblühenden Blumen an den Gassen und Mauern, die vielen Terrassen voller uralter Olivenbäume und blühender Mandelbäume, die wunderbare Aussicht auf Meer und Berge, verbunden mit dem unaufhörlichen Zwitschern der vielen Vögel und dem Gefühl von Frieden und Freiheit hier oben auf dem Hügel machen, das wir uns wie in einer völlig anderen Welt fühlen. Die besondere Spiritualität des Ortes, der schon so lange Künstler aus aller Welt angezogen hat, vermittelt sich eindrücklich. Meine Freundin, die in einem kleinen Haus auf der Spitze des Berges wohnt, von wo sie in die Ferne blicken kann, will auch nie wieder von hier fort, sagt sie, trotz der vielen Millionäre und trotz der Sprachpolitik der Regierung, die das Mallorquin über das Spanische stellt und die sie sehr nervt.
Ob Robert Graves Mallorquin sprach, weiß ich nicht. Ich selber habe, als ich noch hier lebte, Mallorquin gelernt, aber es gab nur sehr selten die Gelegenheit, es auch zu praktizieren. Denn die Mallorquiner haben gar kein Interesse daran, sich mit Fremden auf Mallorquin zu unterhalten und bleiben so ja auch mehr unter sich und die Gastfreundschaft, mit der sie noch die ersten Touristen und Gäste wie Graves begrüßten, gehört insbesondere auf dem Land, wo die mallorquinischen Traditionen ansonsten noch sehr gepflegt werden, längst der Vergangenheit an.
Licht und Wind und Wind und Licht. Palma und Deià, Stadt und Land, das sind zwei sehr verschiedene Welten auf dieser Insel, faszinierend und berührend zugleich. Am Nachmittag steigen wir sehr bereichert wieder in den Bus und fahren über steile Serpentinen durch die Tramuntanaberge zurück in die Hauptstadt. Heute Nacht werden wir hoffentlich gut schlafen und träumen: Von den schönen Mandelbäumen und ihren Blüten, von den Bitterorangen vor der Kirche von Deià, vom Wind auf dem Friedhof mit den vielen Künstlergräbern und von den Hippiekünstlern in Deià und Robert Graves, der nicht nur mit Ava Gardner ein Verhältnis hatte….