vonSabine Schiffner 04.02.2026

fremdeln

Sabine Schiffner dichtet und denkt über sich und andere nach.

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Auch und gerade im Winter ist das kulturelle Angebot in Palma ansehnlich. Die großen Museen mit zeitgenössischer Kunst haben geöffnet und zeigen Beispiele der Moderne, die beeindrucken. Dazu gehört auch das Musée Baluard, dem wir heute entgegengehen. Angelegt wurde es auf dem entgegengesetzten Teil der Stadtmauer vom Mirador del Baluard del Princep. Wir gehen von der Kathedrale aus Richtung der Llotja, die auch als Lonja de las Mercadores bekannt ist und quasi das mallorquinische Gegenstück zum Bremer Schütting  bildet, einem spätmittelalterlichen und profanen Gebäude, in dem sich die Kaufleute trafen, um über ihren Warenfluss zu beraten. Später dann, unter napoleonischer Besetzung, wurde es zu einer Kanonenfabrik, war anschließend lange ein Kunstmuseum und seit 1962 steht es mehr oder minder leer und hat manchmal die eine oder andere wechselnde Ausstellung. Beeindruckend sind die Gargouilles, mittelalterliche Wasserspeier, die auf der Höhe des Daches angebracht sind.

Heute ist die Llotja geschlossen, im Inneren sind Arbeiten. Wir gehen an der Llotja vorbei und immer an der Stadtmauer entlang und biegen am Ende der Stadtmauer nach rechts ab und durchquen den Parc de Sa Feixina, der wohl der schönste Park Palmas ist, mit alten riesigen Gummibäumen, Palmen und Eukalyptus. In seiner Mitte steht das 1947 errichtete Denkmal für die 774 mallorquinischen Matrosen auf dem franquistischen Kriegsschiff Barcelona, das während des spanischen Bürgerkriegs 1938 von Republikanischen Truppen versenkt wurde. Die Aufarbeitung der Vergangenheit und der kritische Umgang mit der Francorepublik ist im wertkonservativen Mallorca bisher nur in Teilen geschehen.

Rechter Hand sehen wir erste großartige moderne Skulpturen auf einem Platz und kommen dann zum Museo Baluard, das auf dem ehemaligen Bollwerk (Baluard) der Stadtmauer errichtet wurde, die aus der Zeit der Renaissance stammt. Es wurde 2004 mit einer spektakulären Ausstellung von Anselm Kiefer eröffnet und zieht sich über drei verschiedene Ebenen der alten Befestigung, die verbunden sind durch Rampen, Galerien, Treppen, Balkone und Stege. Dieses architektonische Meisterwerk wurde von den spanischen Architekten Lluís und Jaume García-Ruiz, Vicente Tomás und Angel Sánchez Cantalejo geplant und ausgeführt. Auf der Terrasse des Museums, von der man einen spektakulären Blick über den Hafen und bis hin zur Kathedrale hat, essen wir zu Mittag.

Und wieder sind dort die nettesten Kellner, die uns wunderbares Essen servieren. Und die Sonne scheint und wir schauen aufs Mittelmeer und denken mit Schrecken an Deutschland und Bremen und die Eisesglätte und Temperaturen, die uns dort erwarten.

Wir müssen unbedingt noch etwas Leckeres zu Essen mitnehmen, sagt mein Mann. Also gehen wir anschließend Richtung des Marktes Pere Garau, dem täglich stattfindenden Markt von Palma, wo die normale mallorquinische Bevölkerung einkauft. Auf dem Weg dorthin kommen wir an einer Gedenktafel vorbei, die an den Autor des – wie ich finde – besten Buches über Mallorca erinnert: Albert Vigoleis Thelen. Er schrieb sein Buch „Die Insel des zweiten Gesichts“ in den fünfziger Jahren und berichtete darin von seinem mehrjährigen Aufenthalt in Palma und Deia, wo er, der aus Deutschland geflüchtet war, sich zusammen mit seiner Frau auf armseligste Weise durchschlug, bis er bei Ausbruch des spanischen Bürgerkrieges die Insel verlassen musste. Das Buch ist ein ausgesprochener Schelmenroman, hatte kurz nach Erscheinen viel Erfolg ist aber heutzutage total unbekannt. Ich freue mich, dass sein Autor hier mit einer Plakette geehrt wird!

Auf dem Markt Pere Garau, auf dem vielleicht auch schon Albert Vigoleis Thelen eingekauft hat, sind die Preise sehr moderat, die Gemüse- und Obstauswahl ist gewaltig und ein Cortado im nebenan gelegenen Café kostet 1,50 Euro. Wir kaufen Sobrassada, Ensaimadas, Panadas, Fuet und den menorquinischen Käse, der hier als der beste Käse gilt. Und ein Kilo kleine Artischocken, denn die bekommt man in Deutschland nicht und hier kosten sie nur 2 Euro.

Später am Abend probieren wir einmal ein neues Restaurant aus, in dem wir vorher noch nie gewesen sind. Es trägt den etwas seltsamen Namen „La Infame“, der auf spanisch dasselbe bedeutet wie auf Deutsch und der zurzeit in Spanien anscheinend ein beliebter Restaurantname ist, auch in anderen Städten gibt es Restaurants gleichen Namens. Es ist gleich bei uns um die Ecke, in einem Viertel der Altstadt, in dem bis vor zwanzig Jahren sehr viele sehr arme Menschen in teils sehr heruntergekommenen Häusern wohnten, die aber durch die Regierung vertrieben wurden, weil man hier ein ganz neues Viertel hochziehen wollte, dessen hochpreisige Wohnungen teuer weiterverkauft werden konnten. Das La Infame hat keine Speisekarte, sagt der junge Mann, der uns begrüßt und zu unserem Tisch bringt. Dann zählt er uns die Speisen auf, die wöchentlich wechseln und sagt, wir sollten uns für drei Gänge entscheiden, das reiche für uns. Anschließend lässt er uns von seinen Weinen probieren und wir nehmen den katalanischen Rotwein, den er am meisten empfiehlt. Das Essen ist exzellent und wir sind gespannt, was am Schluss des Abends auf der Rechnung stehen wird. 66 Euro für drei Gläser Rotwein, Wasser, Cola und drei Gänge ist ein unglaublich günstiger Preis. Wo kommt ihr her, fragt er uns und, als wir sagen, aus Deutschland, erzählt er uns, dass er aus der Wüste komme, nämlich aus der Westsahara. Sie seien drei Freunde, die dieses Restaurant eröffnet hätten, schon vor mehreren Jahren und würden nun Fusionküche machen, südamerikanisch, nordafrikanisch und immer mit mallorquinischen Zutaten und alles frisch. Ja, das kann ich bestätigen, Aubergine, Avokado, Boniato, die mallorquinische Süßkartoffel und Sobrassada, die Paprikawurst, waren Bestandteil eines der drei Gänge, der mir besonders gefiel.

Außerdem würde er, sagt er, jeden Tag draußen auf einer Tafel ein Gedicht aufschreiben. Wir Menschen in der Westsahara lieben Gedichte, sagt er, jeder von uns kann immer mehrere Gedichte rezitieren. Die Westsahara ist eine autonome und umkämpfte Zone in Marokko, die ehemals spanisch kolonialisiert wurde, weshalb dort alle Menschen spanisch sprechen. Unter jedem Stein in der Westsahara finden sich 100 Gedichte, erklärt er uns, als wir fragen, woher er denn jeden Tag ein neues Gedicht nähme. Dann führt er uns hinaus, um uns das Gedicht des heutigen Tages zu zeigen Es ist von Rinaldo Arenal, der ein kubanischer Dichter war. Rinaldo wurde als politischer Dichter und queerer Mensch in Kuba verfolgt, war lange im Gefängnis, wo er Folter erlitt und sehr traumatisiert wurde. Er starb 1991 in New York an AIDS. Sein Gedicht ist auf die Tafel geschrieben:

Sé que mas allá de la muerte

está la muerte

Sé que mas aca de la vida

está la estafa

 

(Ich weiß, dass jenseits des Todes

der Tod ist

Ich weiß dass dieses Leben

nur eine Einbildung ist

 

Das Gedicht habe er aus einem Film mit Javier Bardem, Julian Schnabel habe Regie geführt und er handele vom Leben von Rainaldo Arenas und trage den Titel „Antes que anochezca“. Und was kommt morgen für ein Gedicht, frage ich? Morgen habe er ein Gedicht einer indischen Autorin namens Meena Alexander, die auch viel zu früh verstorben sei, sagt er und rezitiert es:

He sido mujer

por un largo tiempo

cuidate de mi sonrisa

soy la traicion con magia antigua

y la furia nueva del mediodia

con todos tus grandes futures

prometidos

Soy

mujer

y no soy

blanca.

 

(Ich bin schon seit langem

eine Frau

Hütet euch vor meinem Lächeln

Ich bin Verrat mit uralter Magie

und der neuen Wut Mittags

mit all deinen großen Zukunftsträumen

die verheißen sind

Ich bin eine Frau

und ich bin

nicht weiß)

 

Er fragt mich dann, woher ich denn so gut Spanisch könne und ich erzähle ihm, dass ich vor langer Zeit mal ein paar Jahre auf Mallorca gelebt habe. Was hast Du hier gemacht, fragt er. Ich sage: Unter anderem viele Gedichte geschrieben. Schick mir mal eines Deiner Gedichte, sagt er und verabschiedet uns dann mit einer Umarmung. Morgen fliegen wir ab, sage ich und dass wir traurig sind, dass es zurückgeht. Kommt bald wieder, ruft er uns hinterher und: Vergiss nicht, mir Dein Gedicht zu schicken!!

 

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