Der Bremer Don Jaffé ist wahrscheinlich der letzte noch lebende jüdische Komponist, der den Holocaust überstanden hat. 1933 in Riga geboren, ist er 1941 mit seiner Familie vor den herannahenden Nazitruppen zu Fuß bis an die afghanische Grenze und von dort aus weiter bis nach Sibirien geflüchtet. Die Rückkehr nach Lettland im Jahr 1945 und das Leben in der stalinistischen und antisemitischen UDSSR waren ein weiterer unglaublicher Kraftakt. Jaffé, dessen Vater Ingenieur war und in Berlin studiert hatte, wurde zu einem der berühmtesten und besten Cellolehrer seiner Zeit. Er lebte in Riga, bis er im Jahr 1972 endlich mit seiner Frau Elza und seinen zwei kleinen Kindern nach Israel ausreisen durfte. Dort nahm er als Panzerfahrer am Yom Kippurkrieg teil und war als Cellolehrer und im Orchester in Tel Aviv tätig und siedelte aber nach kurzer Zeit schon wieder nach Berlin über, weil er die Hitze und den Krieg nicht ertragen konnte. In Berlin wurde er erster Cellist bei den Berliner Symphonikern. Als Berlin ihm wegen der Nähe zu den Russen jedoch auch zu beklemmend wurde, ging er nach Bremen, wo gerade eine Cellistenstelle bei den Bremer Philharmonikern ausgeschrieben war. Er bekam sie und lebt inzwischen seit 1975 in Bremen, wo er Generationen von Cellisten an der Hochschule ausgebildet hat. Scheinbar per Zufall wurde er kurz vor dem Rentenalter zum Komponisten, wie sein Sohn Ramón beim Konzert zum 93. Geburtstag des Vaters in der Stephanikirche in Bremen erzählte. „Christliche und jüdische Passionen“ war der Konzertabend übertitelt. Was man in 93 Jahren erleben kann, erfuhr man nicht nur von Don Jaffés Sohn Ramón, der berichtete, dass alleine 70 Mitglieder der jüdischen Familie seines Vaters von den Nazis ermordet worden sind. Übrig blieb nur Don Jaffés Mutter. Die Musikerfamilie Jaffé ist inzwischen schon in der dritten Generation tätig. Don Jaffés musikalisch hochbegabte Enkelin Serafina Jaffé ist international als Harfenistin unterwegs.
Musik, die Frieden bringt, ist Musik, die zu Versöhnung aufruft. Hierfür ist die Stephanikirche als Ort in Bremen besonders geeignet. Denn diese Kirche spielte während der NS-Zeit in Bremen eine wichtige Rolle als Sitz der Bekennenden Kirche und eines unerschrockenen Pastors namens Greiffenhagen, wodurch sie sich von den anderen Kirchen sehr unterschied. Hier riskierten mutige Gemeindemitglieder ihr Leben, als sie sich im Jahr 1941 gegen die Deportation konvertierter jüdischer Gemeindemitglieder stellten.
Das Programm am Konzertabend der „Christlichen und jüdischen Passionen“ war ungewöhnlich. Stücke für Cello solo, Cello mit Klavier und Cello mit Orgel werden gespielt. Es begann mit einem sehr berührenden melancholischen Stück „From Jewish Life“ für Cello und Klavier von Ernest Bloch, dem schweizerisch-amerikanischen Komponisten, dessen ungewöhnliches Leben und Werk heute auch fast vergessen ist. Daran schloss die Sonate Nr. 1 „Passionen“ von Don Jaffé an, das erste von ihm komponierte Stück. Sein Sohn Ramón, der durch den Abend führte, erzählte die Geschichte, wie es dazu kam. Vater Don unterhielt sich mit einem Mitmusiker aus dem Orchester in Bremen über ein modernes Stück, das sie gerade probten und das ihm überhaupt nicht gefiel. Daraufhin sagte der Kollege, er solle doch selber etwas besseres schreiben. Eine schlaflose Nacht folgte, in der ihm das Thema des Stücks schon im Kopf saß, das er am nächsten Tag aufschrieb. Es basiert auf dem Text eines jiddischen Lieds, das von einem Rabbi handelt, der zum Tanz geht. Ramón Jaffé, der Cellist, der schon als Jugendlicher bei großen Wettbewerben spielte und Preise gewann, benutzt in der Sonate sein Instrument auf ungewöhnliche, zuvor nicht gehörte Weise. Immer wieder werden neben melodischem Spiel die Seiten laut gezupft, klingen die Schritte der Tanzenden an. Als nächstes Stück erklingt eine Improvisation auf dem Klavier, gespielt vom Kirchenmusiker Tim Günther, die das Thema der Sonate aufnimmt und ausführt. Sie führt über zu Antonio Vivaldi, der seiner roten Haare wegen auch der „Rote Priester“ genannt wurde. Günther begleitet Jaffés wunderbar intensives Cellospiel auf der Orgel der Stephanikirche.
Im zweiten Teil des Abends ragt die Fantasia Flamenca „Duerme bien, querido amigo“ besonders hervor. Ramón Jaffé hat sie in Erinnerung an seinen Freund, den Flamencogitarristen Pedro Bacán, geschrieben, mit dem er viel zusammen musiziert hat und der aus einer sehr alteingesessenen Gitano-Familie stammte. Verbunden habe sie in ihrer Freundschaft und bei aller Unterschiedlichkeit doch auch das Wissen darum, dass sie beide, als Sinto und Jude, zu den Menschen gehören, die immer Verfolgung erlitten haben und von den Nazis ausgelöscht werden sollten, erzählt er und dass er oft an diesen Freund denke, der 1997 bei einem Autounfall viel zu früh ums Leben kam. Und dann spielt Ramón die Fantasia für seinen Freund mit Händen und Füßen. So wird auf dem Cello die Intensität, der Rhythmus und die Passion des Flamencos und seiner Menschen hör und spürbar. Der Höhepunkt des Konzerts ist dann das letzte Stück des Abends, „Durch die Zeit“ für Cello und Orgel. Basierend auf dem ersten Satz der Goldberg Variationen, führt der heute 93jährige Don Jaffé, dessen Werk eng mit seiner Familiengeschichte verknüpft ist, durch die Geschichte der Leiden seines Volkes. Das zwanzig Minuten lange Stück beginnt mit dem scheinbar beglückenden Thema der Goldbergvariationen, das vom Cello aufgenommen wird, dann aber immer wieder abbricht und es endet im Nichts, in einem einzigen langen Orgelton, der verschwindet. Atemlos lauschend, nicht erlöst, tief betroffen machend. Zum Nachhören hier noch ein Link: