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von 02.04.2012

taz Hausblog

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Bettina Gaus ist politische Korrespondentin der taz. Foto: Katherina Behling
Bettina Gaus ist politische Korrespondentin der taz. Foto: Katherina Behling
Fukushima ist als Geschichte durch, sorry. Ist natürlich schrecklich, dass die Lage im Reaktor 2 doch schlimmer ist als gedacht, aber das Thema interessiert einfach nicht mehr. Nun ja. Wenn der Redakteur meint.

Wie hieß eigentlich dieses Kreuzfahrtschiff, das Anfang des Jahres vor einer italienischen Insel havarierte? So ähnlich wie ein griechischer Schlagersänger. Und was hat sich in Libyen getan, seit Gaddafi tot ist? Keine Ahnung. Wir schauen jetzt nach Syrien. Ist wichtiger.

Damit das Publikum auch merkt, wofür es sich gerade interessiert, wird es ihm mitgeteilt. Formulierungen wie „ganz Deutschland diskutiert“ oder „ganz Deutschland fragt sich“ gehören zum Standardrepertoire von Moderatoren. Wenn sie doch nur einmal, ein einziges Mal, sagen würden: „Halb Deutschland fragt sich“ oder: „Sieben Prozent der Deutschen diskutieren“. Das wäre so schön. Aber nein, das ganze Deutschland muss es sein. Immer.

Außerirdische, die ihre Informationen ausschließlich über Nachrichtensendungen erhielten, müssten den Eindruck gewinnen, Hyperventilation sei der Normalzustand der Republik. Dabei hyperventilieren nur Redaktionen. Die allerdings chronisch. Der 11. September – der ein ganz, ganz toller Quotenbringer war – ist überall und findet täglich statt. Das jedenfalls ist die Zielvorgabe.

Die Morde in Toulouse gehören zu den kältesten und brutalsten Verbrechen, die man sich vorstellen kann. Selbstverständlich muss darüber berichtet werden. Aber warum über Stunden hinweg in Sondersendungen vor Ort auf den Zugriff der Polizei warten? Und wenn sich dem offenbar schwer gestörten Täter nicht der Aufkleber „Islamist“ hätte anpappen lassen – wie groß wäre sein Nachrichtenwert gewesen? Nachahmungstäter, die Wert auf ihre zehn Minuten Ruhm legen, können aus der Berichterstattung über die Ereignisse in Toulouse viel lernen.

Längst räumen nicht mehr allein kommerzielle Sender dem Unterhaltungswert von Informationssendungen höchste Priorität ein. „Wir mussten die Ankunft von Lena aus Moskau in den Nachrichten bringen“, erzählt eine Redakteurin des öffentlich-rechtlichen Hörfunks. Lena? Welche Lena? Ach so, Meyer-Landrut. Eurovision. Und wieso Moskau? Na, egal.

Faustregel: Je größer die Aufregung, desto unwichtiger die Folgen von Ereignissen. Das bewirkt eine flächendeckende Entpolitisierung der Gesellschaft. „Ich kann ja auch nicht immer als Elder Stateswoman durch die Redaktion laufen und sagen, wir sollten vielleicht noch mal über die Bedeutung und den Kontext einer Nachricht nachdenken, bevor wir sie bringen – selbst wenn sie dann erst eine Stunde später läuft“, meint die Hörfunkredakteurin. Eine Stunde später? Das wäre die Katastrophe.

Besonders deprimierend: An diese Erkenntnis lassen sich nicht einmal Forderungen knüpfen. Etwaige inhaltliche Eingriffe in Nachrichtensendungen verbietet die Pressefreiheit. Gottlob, der Preis für jede Differenzierung dieses Grundrechts wäre zu hoch. Das bedeutet aber auch, dass der Vertrieb von Nachrichten inzwischen denselben kommerziellen Gesetzen folgt wie der Verkauf von Fruchtjoghurt.

Die Frage nach der Endlagerung atomarer Abfälle ist weiterhin ungelöst. Aber das Thema Kernenergie interessiert die Leute ja leider einfach nicht mehr. Also wird auch nicht darüber geredet. Fukushima ist eben durch.

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kommentare

  • Ja, „ganz Deutschland“ wird mit strahlenden Nachrichten kontaminiert. Deren Halbwertszeit ist aber am Ende doch so kurz, dass sie im Verhältnis zur gefühlten Strahlendosis dann ganz plötzlich weder in den Medien noch im individuellen Gedächtnis irgendeine Rolle spielen.
    Gibt es da etwas eine Verschwörung zur Unterdrückung von Nachrichten, deren Konsequenzen wir nicht aushalten würden oder handelt es sich einfach um einen Aspekt kollektiver Hysterie, deren Anlass wir so schnell wie möglich wieder vergessen wollen?
    Berichtet doch einfach nach ausreichend zeitlichem Abstand über solche Ereignisse. Das klärt entweder auf oder wirkt therapeutisch für die Zukunft.

  • Da haben SIe ein sehr wichtiges Thema angeschnitten. Die Presse sollte nicht nur dem augenblicklichen Hype hinterherrennen. Wie steht es in Ihrer Redaktion, Frau Gaus, um die Chancen, eine antizyklischen Journalismus durchzuziehen? – Es gibt hier und da eine Rubrik „Was macht eigentlich…“. Das bedeutet, ein Thema wieder auszugraben, das den Menschen schon zu den Ohren rausgekommen war. Jedoch: erst nachdem der Staub sich wieder gelegt hat, fängt die eigentliche Arbeit an. Wie ist etwa (nur als Beispiel) der Stand der Ermittlungen in Sachen Schweinegrippe-Hysterie? Was wurde aus der Suchen nach den Lobbyeinflüssen auf die WHO und auf deutsche Behörden? Was hat das Ganze den Steuerzahler gekostet? So kann man sich mit ganz ollen, unaktuellen Themen echte Verdienste erwerben.

  • Der medienkritische Kommentar tat gut:-) Bei „Fukushima ist durch“ stört das weniger, denn eher 70% als 7 scheinen informiert genug, um hinsichtlich der Konsequenzen entschieden zu bleiben. So ist es mit vielen Themen, die dann eben nur noch für speziellere Medien taugen, dort immerhin sammeln, was den allgemeineren Medien irgendwann wieder Substanz bringen kann.

  • Sehr schön gesagt Frau Gaus. Die selbstkritische Haltung ist ein seltenes Gut geworden, welches aber hier und dort noch gepflegt wird. Danke

  • Traurige, aber nur zu wahre Erkenntnisse.

    Aber solange nur die/der, die/der am lautesten schreit, mit Fantasillionen Mausklicks belohnt wird und ansonsten Qualität und Inhalt der Meldung zweitrangig sind …
    Und wie zum Hohn gibt es heute scheinbar nur die Abstimmung über Fratzenbuch-„Gefällt mir“ oder Umfang der „Freund“es-Meute als Qualitätsmaß ;-(

    Ist das jetzt die Meinung eines hoffnungslosen Pessimisten,
    oder eines zynischen Ralisten?

    PS:
    Immerhin ein Lichtblick:
    Ein menschenlesbarer Captcha-Code erträglicher Länge ;-)

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