Seit einem Vierteljahr bin ich wieder mit der Aushebung eines Nachlasses zu Lebzeiten beschäftigt. Mein alter Freund C. ist in eine Demenz-WG umgezogen und hat seine heillos zugestellte Wohnung zurückgelassen. Mir bleibt nichts Anderes übrig, als all die Papierberge abzutragen, weil überall wichtige Dokumente dazwischen stecken können. Stapelweise Kartons voller Bücher, Zeitschriften, ausgerissenen Zeitungsartikeln, Einkaufsquittungen, Lottoscheinen, empfangenen und nicht abgeschickten Briefen. Dazwischen finde ich irgendwo seine Geburtsurkunde, den Grundbuchauszug zu seiner Wohnung, die Entnazifizierungsurkunde seines Vaters, Krankenhausberichte und Kreditverträge. Zwischen halb ausgefüllten Kreuzworträtseln steckten vier Hundertmarkscheine.
Die Buchbestände bilden seine ständig wechselnden Schenk- und Leseimpulse ab. Und auch viel Zeitgeschichte und Zeitgeschmack. Über Sexualität hat man vor 50 Jahren anders gedacht. Ich finde verschiedene Bücher, die aus heutiger Sicht pornografisch sind, damals als aufklärerisch und liberal galten. Darunter eine Broschüre mit dem Titel „Der Penis in Wort und Bild“ von Rolf Preuß aus dem Jahr 1984, dem ich die (inzwischen kaschierte) Abbildung im Header entnommen habe (hier für die, die es sich zumuten wollen, in unkaschierter Form). Vielleicht ist die Broschüre auch gar nicht von C., sondern von seinem Vater, dessen Nachlass sich hier auch irgendwie dazwischengeschoben hat. Einen Koffer mit Porno-Videos vom Vater habe ich schon in den Müllcontainer gekippt.
Ich tauche tief ein in C.‘s Geschichte, die phasenweise auch meine Geschichte ist. Ich finde Briefe von mir aus den 70er Jahren, Postkarten aus den Jahrzehnten danach, Fotos, die mir Rätsel aufgeben. C. hat alles aufgehoben, was im Zusammenhang mit seinen Freunden und Freundinnen stand, und mit den Themen, die sie beschäftigten. Es rührt mich, dass er sich von meiner Leidenschaft für den Medea-Mythos hat anstecken lassen und alles, was irgendwie zu dem Thema passte – Ausstellungs- oder Theaterprospekte, Zeitungsartikel oder Abbildungen – gesammelt hat.
Auch einige Texte von mir, die aus diesem blog stammen, hat er sich ausdrucken lassen und aufgehoben. (Das Internet war ihm eine terra incognita.) Da stoße ich auf eine Geschichte von mir, an die ich mich nur noch dunkel erinnere. Sie ist nicht veröffentlicht, und ich finde sie auch in den Ordnern meines Laptops nicht. Mir gefällt sie. (Ich zitiere an dieser Stelle den verstorbenen Ulf Mann, der in unserem Film „Müll und Wert“ beim Herauskramen seiner Sachen sagte: „Ich bin doch immer wieder erstaunt, was ich alles schonmal gehabt habe!“)
Die Geschichte muss aus den 90er Jahren stammen – meine erste Zeit in Brandenburg – vor der Rechtschreibreform, meiner Schreibweise nach zu urteilen, und lange, bevor ich das bloggen in der taz 2006 angefangen habe. Hier ist sie:



Na gut. Ich hab mich überzeugen lassen.