vonImma Luise Harms 31.01.2026

Land Weg

Das Land ist Ressource und Erweiterungsgebiet für die Stadt, aber auch ihre bestimmte Negation. Grund zum Beobachten, Experimentieren und Nachdenken.

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Seit einem Vierteljahr bin ich wieder mit der Aushebung eines Nachlasses zu Lebzeiten beschäftigt. Mein alter Freund C. ist in eine Demenz-WG umgezogen und hat seine heillos zugestellte Wohnung zurückgelassen. Mir bleibt nichts Anderes übrig, als all die Papierberge abzutragen, weil überall wichtige Dokumente dazwischen stecken können. Stapelweise Kartons voller Bücher, Zeitschriften, ausgerissenen Zeitungsartikeln, Einkaufsquittungen, Lottoscheinen, empfangenen und nicht abgeschickten Briefen. Dazwischen finde ich irgendwo seine Geburtsurkunde, den Grundbuchauszug zu seiner Wohnung, die Entnazifizierungsurkunde seines Vaters, Krankenhausberichte und Kreditverträge. Zwischen halb ausgefüllten Kreuzworträtseln steckten vier Hundertmarkscheine.

Die Buchbestände bilden seine ständig wechselnden Schenk- und Leseimpulse ab. Und auch viel Zeitgeschichte und Zeitgeschmack. Über Sexualität hat man vor 50 Jahren anders gedacht. Ich finde verschiedene Bücher, die aus heutiger Sicht pornografisch sind, damals als aufklärerisch und liberal galten. Darunter eine Broschüre mit dem Titel „Der Penis in Wort und Bild“ von Rolf Preuß aus dem Jahr 1984, dem ich die (inzwischen kaschierte) Abbildung im Header entnommen habe (hier für die, die es sich zumuten wollen, in unkaschierter Form). Vielleicht ist die Broschüre auch gar nicht von C., sondern von seinem Vater, dessen Nachlass sich hier auch irgendwie dazwischengeschoben hat. Einen Koffer mit Porno-Videos vom Vater habe ich schon in den Müllcontainer gekippt.

Ich tauche tief ein in C.‘s Geschichte, die phasenweise auch meine Geschichte ist. Ich finde Briefe von mir aus den 70er Jahren, Postkarten aus den Jahrzehnten danach, Fotos, die mir Rätsel aufgeben. C. hat alles aufgehoben, was im Zusammenhang mit seinen Freunden und Freundinnen stand, und mit den Themen, die sie beschäftigten. Es rührt mich, dass er sich von meiner Leidenschaft für den Medea-Mythos hat anstecken lassen und alles, was irgendwie zu dem Thema passte – Ausstellungs- oder Theaterprospekte, Zeitungsartikel oder Abbildungen – gesammelt hat.

Auch einige Texte von mir, die aus diesem blog stammen, hat er sich ausdrucken lassen und aufgehoben. (Das Internet war ihm eine terra incognita.) Da stoße ich auf eine Geschichte von mir, an die ich mich nur noch dunkel erinnere. Sie ist nicht veröffentlicht, und ich finde sie auch in den Ordnern meines Laptops nicht. Mir gefällt sie. (Ich zitiere an dieser Stelle den verstorbenen Ulf Mann, der in unserem Film „Müll und Wert“ beim Herauskramen seiner Sachen sagte: „Ich bin doch immer wieder erstaunt, was ich alles schonmal gehabt habe!“)
Die Geschichte muss aus den 90er Jahren stammen – meine erste Zeit in Brandenburg – vor der Rechtschreibreform, meiner Schreibweise nach zu urteilen, und lange, bevor ich das bloggen in der taz 2006 angefangen habe. Hier ist sie:


 

 

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https://blogs.taz.de/jottwehdeh/2026/01/31/schwanzverhaeltnisse/

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kommentare

  • Liebe Imma,
    ich schließe mich AVA (und en meisten aneren) an. Du wechselst das Thema und machst jetzt in deinem Kommentar eine Bildinterpretation. Aber darum, also um die Frage, ob es überhaupt Bilder von Penissen geben darf und wann und in welcher Form ging es ja gar nicht. Denn in dem Blog-Eintrag sieht man ja tasächlich erst das Bild und liest dann, worum es überhaupt geht. Das Bild ist in deinem Blog also keine Illustration eines bereits bekannten Inhalts sondern hat einen eigenständigen Informationswert. Und der wiederholt das „ungefragte Zeigen“, das Du im Text ja kritisierst. Es ist ein „Überwältigungsbild“, wie ein „hungerndes Kind“ oder ein „Autounfall mit leblösen Körpern“. Man schaut hin und kann ja die Augen nicht mehr rechtzeitig verschließen. Das ist anders als in einem Text, der darauf vorbereitet, dass es zu illustrativen Zwecken gleich auch einen Penis zu sehen gibt, dann könnte man nämlich aufhören, zu lesen. Auch nochmal anders gefragt: wofür brauchst Du den Penis im Bild? Dein Text ist doch so sehr gut, Du brauchst eigentlich keinen solchen Effekt als Start.
    Bitte also entfernen oder verpixeln und mit einem Verweis auf die Kritik in den Anhang veschieben.

  • Schade, dass Sie auf meine eigentliche Frage nicht eingehen und weiterhin nur aus Ihrer eigenen Sicht argumentieren, obwohl Sie andere Betroffene ins Feld gezogen haben – allerdings nur aus Ihrer subjektiver Sicht.
    Mir ging es nicht um eine Grunsatzdiskussion über das Bild, sondern um Rücksicht auf das von anderen Erlebte, die die Situation anders wahrgenommen haben als Sie und das erstmal kontextfreie (erst Bild, dann Text) erscheinen des Bildes Erinnerungen wach ruft, die einen behutsamen Umgang brauchen.

  • @AVA: Hm.
    Ich muss über Ihre Frage nachdenken.
    Was ist das Verstörende, Widerliche, Abgründige an der Darstellung eines erigierten Penis?
    Nicht, dass ich das überhaupt nicht nachvollziehen kann – ganz im Gegenteil, wie ja aus meinem Text zu erkennen ist. Den Fotoausriss aus dem alten Aufklärungsbuch finde ich selbst irgendwie unappetitlich. Man möchte das nicht angucken. Trotzdem frage ich: Warum eigentlich? Was ist das tatsächlich Verstörende oder gar Verletzende daran? Ich frage das nicht, weil ich diesen Eindruck zurückkämpfen, sondern weil ich ihn besser verstehen will.

    Etwa die Hälfte der Menschheit hat einen Penis/Schwanz, der auch öfter von Lust durchströmt, also erigiert ist, kann ich wohl annehmen. Also etwas Alltägliches, Normales. Aber ein zur Schau gestellten erigierten Schwanz hat unter den herrschenden patriarchalen Verhältnissen tatsächlich immer was Aggressives. Männer in aller Welt und aus allen Kulturen und sozialen Schichten benutzen ihn als Waffe gegen Frauen. Die Erektion ist verbunden mit der Lust an der Unterwerfung und Demütigung, zumindest der Objektivierung von Frauen (oder anderen Menschen). In bestürzend vielen Fällen macht diese anscheinend die Lust erst möglich. In Kriegssituationen ist die Vergewaltigung von Frauen eine schon fast normale Kampfhandlung. Wie geht das überhaupt – penetrieren und dann weiter töten?
    Der erigierte Schwanz ist Symbol dieser ständigen latenten Bedrohung in einer Welt, in der der Männergewalt Spielraum gelassen wird. Was aber ist mit einem Schwanz, der in der Hand seines Besitzers liegt? Die Masturbation, die Selbst-Befriedigung scheint ja erstmal die angemessene Reaktion: Es muss nicht ein Objekt her, um der Lust Abhilfe zu schaffen, wenn sie nicht in der Interaktion zweier sich zugeneigter Menschen entstanden ist. Sondern diese einsame Körperregung macht das männliche Wesen ganz mit sich selbst aus. Oder halt – das macht es eben nicht! Die Hand ist nicht das zärtliche Körperteil, das den anderen Körperteil freundlich streichelt, sondern es simuliert bzw. ersetzt die Öffnung in einem anderen Körper. Insofern bemächtigen sich sowohl Schwanz als auch Hand in ihrer Phantasie einer anderen Person und zwingen sich in der Projektion ihr auf. Das schließe ich daraus, dass nach allem, was ich erfahren habe, Männer nur aufgrund von Phantasien oder tatsächlichen Anblicken von „Lustobjekten“ zu masturbieren in der Lage sind. Und wenn ich diejenige bin, deren Anblick dazu herhalten muss, dann fühle ich mich wirklich angegriffen und wehre mich.
    Ich frage mich, wie ich in der erlebten Geschichte reagiert hätte, wenn der masturbierende Mann mich gar nicht beachtet, sondern aus dem Fenster gesehen hätte. Das kann ich jetzt natürlich nicht mehr rekonstruieren. Neulich saß mir in der S-Bahn ein Pärchen gegenüber, das sich ziemlich ungeniert und lustvoll stöhnend gegenseitig befummelt haben. Empört hat mich das nicht, es war mir irgendwie peinlich und ich hab‘ versucht wegzugucken. Aber es hat mich auch ein bisschen amüsiert.

    Nochmal zurück zu der Illustration. Ich finde nicht die masturbierende Hand oder den erigierten Schwanz anstößig, sondern die unscharfe Darstellung des weiblichen Körpers dahinter! Dadurch wird die Masturbation zur potentiellen Aggression. Die Abbildung möchte ich trotzdem verteidigen. Sie zeigt einen Zusammenhang, der existiert und wirkmächtig ist. Nicht die Abbildung ist abstoßend, sondern genau dieser Zusammenhang.

    Danke für die Kritik.

  • @AVA:
    Hm. Ich muss über Ihre Frage nachdenken.
    Was ist das Verstörende, Widerliche, Abgründige an der Darstellung eines erigierten Penis?
    Nicht, dass ich das überhaupt nicht nachvollziehen kann – ganz im Gegenteil, wie ja aus meinem Text zu erkennen ist. Den Fotoausriss aus dem alten Aufklärungsbuch finde ich selbst irgendwie unappetitlich. Man möchte das nicht angucken. Trotzdem frage ich: Warum eigentlich? Was ist das tatsächlich Verstörende oder gar Verletzende daran? Ich frage das nicht, weil ich diesen Eindruck zurückkämpfen, sondern weil ich ihn besser verstehen will.
    Etwa die Hälfte der Menschheit hat einen Penis/Schwanz, der auch öfter von Lust durchströmt, also erigiert ist, kann ich wohl annehmen. Also etwas Alltägliches, Normales. Aber ein zur Schau gestellten erigierten Schwanz hat unter den herrschenden patriarchalen Verhältnissen tatsächlich immer was Aggressives. Männer in aller Welt und aus allen Kulturen und sozialen Schichten benutzen ihn als Waffe gegen Frauen. Die Erektion ist verbunden mit der Lust an der Unterwerfung und Demütigung, zumindest der Objektivierung von Frauen (oder anderen Menschen). In bestürzend vielen Fällen macht diese anscheinend die Lust erst möglich. In Kriegssituationen ist die Vergewaltigung von Frauen eine schon fast normale Kampfhandlung. Wie geht das überhaupt – penetrieren und dann weiter töten?
    Der erigierte Schwanz ist Symbol dieser ständigen latenten Bedrohung in einer Welt, in der der Männergewalt Spielraum gelassen wird. Was aber ist mit einem Schwanz, der in der Hand seines Besitzers liegt? Die Masturbation, die Selbst-Befriedigung scheint ja erstmal die angemessene Reaktion: Es muss nicht ein Objekt her, um der Lust Abhilfe zu schaffen, wenn sie nicht in der Interaktion zweier sich zugeneigter Menschen entstanden ist. Sondern diese einsame Körperregung macht das männliche Wesen ganz mit sich selbst aus. Oder halt – das macht sie eben nicht! Die Hand ist nicht das zärtliche Körperteil, das den anderen Körperteil freundlich streichelt, sondern es simuliert bzw. ersetzt die Öffnung in einem anderen Körper. Insofern bemächtigen sich sowohl Schwanz als auch Hand in ihrer Phantasie einer anderen Person und zwingen sich in der Projektion ihr auf. Das schließe ich daraus, dass nach allem, was ich erfahren habe, Männer nur aufgrund von Phantasien oder tatsächlichen Anblicken von „Lustobjekten“ zu masturbieren in der Lage sind. Und wenn ich diejenige bin, deren Anblick dazu herhalten muss, dann fühle ich mich wirklich angegriffen und wehre mich.
    Ich frage mich, wie ich in der erlebten Geschichte reagiert hätte, wenn der masturbierende Mann mich gar nicht beachtet, sondern aus dem Fenster gesehen hätte. Das kann ich jetzt natürlich nicht mehr rekonstruieren. Neulich saß mir in der S-Bahn ein Pärchen gegenüber, das sich ziemlich ungeniert und lustvoll stöhnend gegenseitig befummelt haben. Empört hat mich das nicht, es war mir irgendwie peinlich und ich hab‘ versucht wegzugucken. Aber es hat mich auch ein bisschen amüsiert
    Nochmal zurück zu der Illustration. Ich finde nicht die masturbierende Hand oder den erigierten Schwanz anstößig, sondern die unscharfe Darstellung des weiblichen Körpers dahinter! Dadurch wird die Masturbation zur potentiellen Aggression. Die Abbildung möchte ich trotzdem verteidigen. Sie zeigt einen Zusammenhang, der existiert und wirkmächtig ist. Nicht die Abbildung ist abstoßend, sondern genau dieser Zusammenhang.
    Danke für die Kritik.

  • EInen Penis so ohne Trigger Warnung zu zeigen und das auf der Startseite, bringt euch auf die selbe ebene wie ebendiese sexuell übergriffigen Männer.
    Das hat auch mit Feminismus nichts mehr zu tun. Mein Abo werde ich nun wohl kündigen..

  • Liebe Irma,
    möchten Sie ungefragt mit Abgründen von anderen Menschen konfrontiert werden, ohne die Möglichkeit sich davor schützen zu können?
    Aus dem Artikel lese ich: nein.
    Also warum tun Sie es anderen an?!

    Gerade Menschen, die selbst die Erfahrung gemacht haben, und die Sie hier ins Feld führen, fühlen sich getriggert. Muss man da noch mal gegen tretten, wenn man eine wunde Stelle sieht? Nur weil es bei einem selbst noch nach Jahren wehtut, wenn man darauf drückt?

    Wie viele Menschen, die eine Ihrer ähnliche Erfahrung gemacht haben, haben Sie gefragt, ob es auch für sie stellvertretend wäre, wenn Sie so ein Bild posten?

  • Ja, es war auch als eine Provokation gedacht: die ungewollte Konfrontation mit einer sexuellen Handlung, die ich und viele andere Menschen täglich über sich ergehen lassen müssen, ohne jede Triggerwarnung – vielleicht weniger brutal-deutlich, dafür aber wesentlich pornografischer, herabsetzender und damit verletzender.
    Im übrigen ist nicht „die taz“ dafür verantwortlich zu machen, sondern ausschließlich mich. Im Selbstverständnis der taz blogs heißt es: „Ganz im Sinne eines Weblogs dürfen ihre Texte so lang, so kurz, so gewagt oder gar sinnlos sein, wie es den Autor:innen gefällt. Die taz Blogs Redaktion nimmt keinen Einfluss und redigiert sie nicht.“
    Imma Harms

  • Bitte entfernt das pornografische Bild! Dafür möchte ich keinen Beitrag zahlen! Eine stilisierte Zeichnung ist völlig ausreichend!

  • Hat es jetzt wirklich den Schwanz gebraucht? Angst, dass das sonst keiner liest? Sich gegen Exhibitionismus stark machen und dann aber gerne selber machen, sobald man sich einen Vorteil davon verspricht. Wie passt denn das nun zusammen? Wollten sie auch mal endlich ‚den Schwanz rausholen‘?

  • Das Foto dazu ist überflüssig und verstörend und ohne trigger warnung
    das hätte ich nie im Leben von der taz erwartet. auch wenn es ein foto vom foto ist

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