vonImma Luise Harms 25.02.2026

Land Weg

Das Land ist Ressource und Erweiterungsgebiet für die Stadt, aber auch ihre bestimmte Negation. Grund zum Beobachten, Experimentieren und Nachdenken.

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Mein Freund C. ist vor zwei Monaten in eine Demenz-WG in Strausberg eingezogen. Als seine Bevollmächtigte habe ich alles organisiert und ihn auch bei der Stadtverwaltung als neuen Mitbürger in Strausberg angemeldet. Mit der Anmeldebestätigung habe ich gleichzeitig die Wahlbenachrichtigung für die Bürgermeisterwahl bekommen, die drei Wochen später stattfinden sollte. Die habe ich ohne weitere Beachtung weggeheftet.

Wir Linken-Affinen auf dem Gutshof dürfen in Strausberg nicht mitwählen, aber wir verfolgen den Wahlkampf des Linken-Kandidaten für das Bürgermeisteramt, Knut heißt er, mit großem Interesse und einige von uns sind auch unterstützend unterwegs. Mit Genossin E. rede ich darüber, dass C. jetzt in Strausberg wahlberechtigt ist, aber dass ich nicht weiß, wie ich ihm helfen könnte, sein Wahlrecht in Anspruch zu nehmen. E. ermutigt mich. „Jede Stimme zählt!“, sagt sie. Aber wie? Briefwahl? Schwierig, er wäre wohl nicht in der Lage, die Wahlunterlagen zu unterschreiben. Hingehen? Vielleicht. C. vergisst zwar alles, was mehr als eine halbe Stunde zurückliegt, ist aber in der jeweiligen Situation hellwach und urteilsfähig.

Ich will aber nicht manipulativ sein, auch wenn ich mir wünsche, dass er dem Linken-Kandidaten, und vor allem nicht dem von der AfD, seine Stimme gibt. Ich mache also einen Extra-Zettel für C., auf dem ich die Fotos und eine Kurzvorstellung der Kandidaten zusammengestellt habe. Es sind fünf. Im Pflegeheim schaut C. konzentriert auf den Zettel. Die Angaben zu den Personen interessieren ihn nicht so sehr, mehr die Fotos. Die einzige Frau, Annette Binder, gefällt ihm nicht. Patrick Hübner, Einzelkandidat, ist zu jung und grinst zu penetrant. Steffen Schuster von der Bürgerinitiative UfW sagt ihm nichts, interessiert ihn nicht. Dennis Panser von der AfD, nee, den will er auch nicht haben. Bleibt erstmal nur Knut Steinkopf von der Linken. Aber was will der? „Steinkopf will die Kultur in der Stadt beleben und Kita- und Schulplätze sichern.“, liest C. – „Was soll das denn heißen? Wischiwaschi-Aussage. Will doch jeder!“ Ich bemühe mich, nicht Partei zu ergreifen.

Das Wahllokal ist in derselben Straße wie das Pflegeheim, nur ein paar Häuser weiter. Wir schieben im Rollstuhl hin. Großer leerer Saal, wohl die Aula der Schule, auf der einen Seite des Eingangs die Ausgabe des Wahlzettels, auf der anderen Seite die Wahlurne und das Wählerverzeichnis zum Auskreuzen der WählerInnen vor dem Einwurf des Zettels. Alle amtlichen Einrichtungen werden von aufmerksamen und ernst dreinschauenden Menschen bewacht und bedient. Die Wahlkabine steht im Hintergrund des Saals direkt vor der Bühne. Ich lege der Hüterin der Stimmzettel die Wahlbenachrichtigung vor und auch meine Vollmacht für C.‘s Betreuung. Sie fragt, ob ich mit in die Wahlkabine gehen will. Ich bin etwas unsicher, schwanke zwischen Solidarität und Loyalität. Ich schaue C. an, er grinst. Ich sage: „Ja, ich helfe ihm“ und schiebe C. durch den langen Gang zur Wahlkabine.

Der Stimmzettel ist ausgebreitet, ich lege vorsichtshalber meinen Spickzettel mit den Kandidaten-Informationen und -Bildern daneben, falls er sich nicht mehr erinnert. C. lässt seinen Kugelschreiber über dem Wahlzettel kreisen. Knut Steinkopf steht an zweiter Stelle, direkt unter dem AfD-Kandidaten. Ich halte den Atem an, jetzt will ich wirklich nichts mehr sagen! „Hier?“ fragt C. und deutet auf den Kreis hinter Steinkopf. Ich nicke verschämt. Da meint C., und wieder grinst er mich dabei an: „Soll ich mal ganz laut fragen, wen ich denn nun wählen soll?“ Ich knuffe ihn in die Seite und schüttele entsetzt den Kopf. Er macht dann ohne weitere Beeinflussung von mir sein Kreuz bei dem Linken-Kandidaten. Wir schieben den langen Gang zurück und er wirft sein Wählervotum ein.

Bei meinem nächsten Besuch in der Demenz-WG erzähle ich C., dass „unser“ Kandidat leider nur Dritter geworden ist und damit nicht in die Stichwahl kommt, wir uns somit auch den zweiten Gang zum Wahlbüro schenken können. C. guckt mich vertrauensvoll-fragend an; er hat nicht die geringste Ahnung, wovon ich rede. Na, ist ja jetzt egal, dachte ich.

…dachte ich! Acht Tage später wird die Bürgermeisterwahl in Strausberg annulliert. Ein Skandal, der sich langsam aber sicher wellenförmig ausweitet. Der Kandidat mit den meisten Stimmen hat ein Geschäft in Strausberg, das auch eine Poststelle enthält, wo die Briefwahlunterlagen ankamen. Von diesen Wahlbriefen ist merkwürdigerweise ein Drittel verschwunden! (Unter anderem hier nachzulesen.)  Ich muss das nicht weiter ausführen; es steht überall und der Skandal wird sich vermutlich noch ausweiten. Durfte der Landrat die Wahl annullieren? Durfte die Post das Registrieren der eingegangenen Wahlbriefe an den Geschäftsinhaber übertragen, wenn der auch gleichzeitig Kandidat war? Wie signifikant sind die unterschiedlichen Stimmverteilungen zwischen Briefwahl und Direktwahl? Ist die Briefwahl tatsächlich anfälliger für Manipulationen? Usw.

Wenn die Wahl wiederholt wird und die WählerInnen die Verquickung beim Kandidaten Patrick Hübner auch degoutant finden, hat Knut eine reale Chance! Ich werde also mit C. noch einmal die feierliche demokratische Handlung vollziehen gehen – wenn’s gut geht, vielleicht sogar noch zweimal!

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