vonHelmut Höge 31.10.2011

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Krebs: Kampf-Kritik-Umgestaltung

Kann der Kairo-Virus heilen?

„Die Tiefenpsychologie (hier Adler) spricht in dem Fall vom ‚Krankheitsgewinn‘ einer affizierten Person.“ (Frank Schulz in: „Morbus fonticuli“)

Virus. Photo: fantom-xp.com

Besonders in der Boulevardpresse ist oft und gerne von der „Menschheitsgeisel Krebs“ die Rede, vor allem, wenn diese wieder mal einen Prominenten erwischt hat, der dann auch prompt der Presse erzählt, wie er den „Kampf gegen den Krebs“ gewann (mithilfe von radioaktiver Bestrahlung,  Chemie, Chirurgie  etc.) bzw. er läßt seiner Frau der Presse posthum mitteilen, wie er den „Kampf gegen seinen Krebs verlor“. Es gibt inzwischen auch schon etliche Autoren, die Bücher über ihre Krebserkrankung veröffentlichten: Den Anfang machte Fritz Zorn mit seinem Roman „Mars“ (1977). Im Wikipedia-Eintrag über ihn heißt es:

„Fritz Zorn beschreibt im autobiografischen Buch Mars sein (zu) spätes, krankheitsausgelöstes Erschrecken über ein dreissigjähriges „nicht gelebtes“ eigenes Leben. Seine Krankheit sucht er in einem psychosomatischen Sinne zu deuten, aber auch als Symptom eines den gesamten gesellschaftlichen Organismus befallenden Degenerationsprozesses. Im Angesicht des nahenden Todes wird ihm klar, dass trotz seiner zugleich behüteten und kalt-strengen Kindheit in einer wohlhabenden, grossbürgerlichen Familie an der Zürcher Goldküste und hinter der Fassade seiner geradlinigen Berufskarriere für den Menschen „dahinter“ fast alles „falsch gelaufen“ ist.“

2011 erwischte es jedoch auch einen Mann, der ganz anders gelebt hat: Doris Knecht beschreibt ihn in ihrer „Charakterstudie ‚Gruber geht'“, „Die Zeit“ schrieb in ihrer Rezension:

„Gruber ist kein Jüngling auf Selbstfindungstrip, sondern ein gestandener Mann. Porschefahrer, Businessmann, Aufreißer, Wiener. Einer, der eigentlich weiß, dass er sich schon überlebt hat. Ein Macker vom alten Schlag, fern jeglicher Weinerlichkeit. Jammern gibt es für einen wie Gruber nicht. Ärzte sind „etwas für Luschen. Für Leute, die sonst kein Leben haben. Für schwache Leute. Feige Leute. Kinder.“ Blöd nur, dass ausgerechnet Gruber dann Krebs bekommt.“

Als 1985 ein Sprecher des Weißen Hauses in Washington der Presse verkündete: Ronald Reagan habe Darmkrebs, schrieb die taz unter einem Photo, das einen lachenden und winkenden US-Präsidenten zeigte: „Tumor ist, wenn man trotzdem lacht“.

Seitdem hat diese „Krankheit“ sich epidemieartig ausgebreitet – und verschont selbst Haustiere nicht mehr, zugleich haben sich aber auch die „Krebstherapien“ verfielfacht wie ebenso die „Krebs verursachenden Schadstoffe und Lebensweisen“, es werden Milliarden in die „Krebsforschung gesteckt. (*)

Zuletzt bekam ein US-Forscher den Nobelpreis für seine Entdeckung der „Dendritischen Zellen“, die eine „Schlüsselrolle bei der Immunabwehr“ spielen und zur Krebsbekämpfung eingesetzt werden. Der US-Forscher, Ralph Steinman, konnte den Nobelpreis nicht mehr selbst in Empfang nehmen, da er kurz zuvor an Krebs starb, woraufhin der frühere Nobelkomitee-Sekretär Anders Baranyi meinte, die Preisvergabe an Steinman müsse  annulliert werden, weil die Regeln für  Nobelpreise die Vergabe an einen Toten ausschließen. Das Komitee entschied  jedoch gegen diese Regeln. Ein anderer Nobelpreisträger, der Däne Johannes Fibiger war 1926 vorschnell für seine Entdeckung in der Krebsmedizin geehrt worden: Er mußte den Preis wieder zurückgeben.

Neuerdings  will man die Erkrankung  (nicht nur den durch Viren „ausgelösten“ Krebs) mit Viren „bekämpfen“. Ein Zwischenschritt auf dem Weg dahin waren Experimente mit Bakterien (Viren sind im Gegensatz zu Bakterien noch keine Lebewesen, da nicht zur Selbstreproduktion fähig): In England gelang es z.B. einer Forschergruppe unter der Leitung von Georges Vassaux E.coli-Bakterien gentechnisch so zu verändern, dass sie, genauer gesagt, ein von ihnen produziertes Enzym, in die Tumorzellen von Mäusen eindrangen, um dort die einzelnen Zellen so vorzubereiten, dass Mittel zur Krebsbekämpfung gezielter wirken konnten, berichtete „Nature“.

Bei den darauffolgenden Experimenten mit Viren  kam dann u.a. heraus, warum Punker, vornehmlich solche, die Ratten mit sich am Körper herumtrugen, gegen Krebs quasi immunisiertwaren. Es geht dabei um H1-Parvoviren, auch „Kairo-Viren“ genannt, die auf Ratten spezialisiert sind und Menschen nichts anhaben können, auch wenn sie  – bei Tierpflegern und Punkern z.B. – in deren Zellen gelangen: „Selbst dann verlassen sie die Zellen wieder,“ versichert Jörg Schlehofer vom Deutschen Krebszentrum. Vorher zerstören sie aber die im Menschen möglicherweise vorhandenen Krebszellen, wobei sie laut Schlehofer bei 100.000 abgetöteten Krebszellen höchstens eine gesunde Zelle in Mitleidenschaft ziehen: „Sie haben also einen extrem hohen ‚therapeutischen Index'“. Wer hätte das gedacht, wenn er die schmutzigen  schwarzen Punker mit ihren ekligen weißen Ratten auf der Schulter vorm Supermarkt sitzen sah? Mit „Die guten Erreger“ betitelte die Süddeutsche Zeitung ihren Bericht darüber.

Mit Viren – in Form von „Trojanern“ z.B. – kann man jedoch auch große Scheiße bauen! Ansonsten ist das Internet voll mit „alternativen Heilmethoden“ – für alle möglichen Krebsarten. Das geht bis hin zu „Geistigem Heilen“ aus der Distanz  – was natürlich die schmerzloseste Behandlung ist. Aber auch die von Steve Job gewählte Behandlung seines Krebs – „mit Kräutern“ (stern.de) – ist relativ harmlos, zu harmlos, wie man im Nachhinein leider sagen muß. Während die „geistige Heilung“ mitunter durchaus wirklich anstrengende und gefährliche Handlungennach sich ziehen kann: z.B. wenn man der auf gründliche Archivstudien basierenden These des anarchistischenn Westberliner Widerstandsforschers  Hans-Dieter Heilmann folgt, der sich dabei auf Wilhelm Reich stützen kann: Wahre Kommunisten kriegen keinen Krebs!

Eine etwas abgeschwächte Variante dazu vertreten US-Anthropologen der Northwestern-Universität in Evanston: In einer Studie behaupten sie, dass Männer sich durch Vaterschaften vor Krebs schützen können: „Verheiratete Männer und Väter sind oft bei besserer Gesundheit als Einzelgänger. „Wenn Männer niedrigere Testosteron-Spiegel haben, kann sie das gegen manche chronische Krankheiten besser schützen“, sagt Studienautor Christopher Kuzawa. Beispiele seien Prostatakrebs…“ Wie ist es bei den Frauen?

Einige Embryologinnen am Pariser Institut Pasteur haben die von ihnen empirisch erforschte Vermutung geäußert, dass das Austragen eines Kindes und das Wachsen eines bösartigen Tumors identische Vorgänge sind: Der Fötus ist ein fremdes Stück Fleisch, ein Pfropf, den der Körper der Mutter abzustoßen versucht. Aber dem Fötus wie dem Krebs gelingt es, das Immunsystem seines Wirts erfolgreich zu blockieren. Zwischen ihnen gibt es laut den Embryologinnen nur einen wesentlichen Unterschied: „Aus der befruchteten Eizelle entwickelt sich ein neuer Staat, mit dem Krebs bricht dagegen die Anarchie aus.“

Ist das vielleicht eine Erklärung dafür, warum sich in den letzten Jahre so viele intellektuelle, aber nicht mehr sonderlich staatsfeindlich eingestellte Frauen fürs Kinderkriegen entschieden haben? Oder anders gefragt – im Falle diese Wahrnehmung der Statistik widerspricht: Ist das nur der neidische Blick von männlichen Journalisten/Zeitzeugen, denen diese Art der lebensfreundlichen Alternative zum tödlichen Krebs quasi von Natur aus versperrt wurde?

Der Volksbühnen-Intendant Frank Castorf z.B. beobachtete am Helmholtzplatz im Prenzlauer Berg, der auch „Pregnancy Hill“ genannt wird, Folgendes: „Da siehst du nur noch Ich-AGs mit ihren kleinen Ich-Kindern, ihren Ich-Computern und ihrem Ich-Öko-Terror. Und wehe du kaufst nicht die richtige Apfelsine!“

Im Spiegel hält die Autorin Julia Heilmann nun dagegen: Cloppenburg ist viel kinderreicher als Prenzlauer Berg. „Das liegt wahrscheinlich daran, dass in Cloppenburg traditionell gelebt wird. Papa geht zur Arbeit, Mama bleibt zu Hause. Die bürgerliche Welt ist in Ordnung. In Prenzlauer Berg ist sie das nicht. Dort zeigen sich Eltern und wollen Teil der Stadtkultur werden. Der Helmholtzplatz etwa, das Zentrum der Gegend, ist ein Riesenareal für Kinder, mit einem Café mit Innensandkiste und einem großen Spielplatz mit Holzschiff. Es gibt hier auch Väter, die mit ihren Kindern kommen. Sie tragen die gleichen Klamotten, mit denen sie abends noch manchmal Szeneclubs aufsuchen. In dieser Gegend wird neues Elternsein ausprobiert. Das hassen die Journalisten offenbar. Denn Medien, Blogger und Stammtische stürzen sich weiter fröhlich auf das Thema des angeblich extremen Kinderreichtums in Prenzlauer Berg. Was sollte dahinter anderes stecken als Kinderfeindlichkeit? Und was sollte das anderes sein als reaktionär?

Auf dem Helmholtzplatz treffen wir Lisa Harmann. Sie ist Mutter dreier Kinder, sie lebt hier, und sie ist die wichtigste Bloggerin der neuen Elternszene. Wer ihr Blog Nusenblaten besucht, sieht dort als Signum als Erstes das große Piratenschiff, das hier auf dem ‚Helmi‘ steht und in dem auch ihre Kinder immer verschwinden. Was Harmann gemeinsam mit ihrem Mann verfasst, ist mal lustig, mal belanglos, immer aber ein Ringen um ein moderneres Familienleben. ‚In 20 Jahren wird man dies alles hier das Wunder von Prenzlauer Berg nennen‘, sagt sie. ‚Wir entwickeln gerade zum ersten Mal ein Selbstbewusstsein mit Kindern. Unsere Eltern noch haben sich immer eher versteckt’…Wenn ich hier mit dem Zwillingswagen durch die Straße schiebe, die Große noch dahinter auf dem Kiddy-Board, und Einkaufstüten und Kinderfahrräder an den Seiten des Zwillingswagens hängen habe, stört das niemanden. In jeder anderen Stadt hätte irgendwer was Abfälliges gesagt.“

Im Prenzlauer Berg forschen aber auch Männer, die sich nicht mit dem „gefühlten Kinderreichtum“ und der eigenen Unmöglichkeit, Kinder zu kriegen, aufhalten, sondern z.B. gegen das Rauchverbot in den dortigen Mütter-Cafés und Kneipen zu Felde ziehen. So u.a. der Verhaltensforscher Dr. Salm-Schwader. Er vertritt die These, dass an den Zigaretten nur die Werbung krebsfördernd ist – die Cowboys auf der Marlborowerbung etwa. Viele Männer rauchen eine ganz andere Marke, laufen aber mit einer Marlboropackung gut sichtbar in der Hemdentasche herum. Es sei  mithin dieses Image, das den Raucher umbringt – und nicht die physischen Schadstoffe des Tabaks, so Salm-Schwaders kühner Schluß. Dafür spricht, was „Die Zeit“ über die Schauspielerin Renan Demirkan schreibt: „Im Deutschland ihrer Kindheit verursachte Rauchen noch keinen Krebs“ – obwohl damals der Tabakkonsum viel höher war als heute, da man nun neben dem Rauchen auch noch die „Handystrahlung“ für ein erhöhtes Krebsrisiko verantwortlich macht, wobei die Ergebnisse einer dänischen  „Langzeit-Handynutzer-Studie“ dem jedoch kürzlich widersprachen. Salm-Schwader hat desungeachtet auch dazu eine metaphysische Erklärung: Es sind nicht die Funkstrahlen, die Krebs verursachen, sondern das gesellschaftliche Hightech-Credo: „Wir dürfen nicht mehr miteinander reden, wir müssen kommunizieren!“

Für den Bielefelder Systemsoziologen Luhmann war die „Kommunikation“ das Alpha und Omega von Leben. und die Liebe ein „Medium“.  Für die meisten Wissenschaftler (den Biologen zumal) gilt jedoch nach wie vor, was der Dichter Gottfried Benn bereits 1947 konstatierte: „Das Leben, das legen die sich so aus: Die Eierstöcke sind die größten Philosophen!“

Wenn man jedoch vom „Leben“ eines  Individuums ausgeht (und nicht darwinistisch gesinnt von einer Population), dann ist dieses vom Staat („dem kältesten aller kalten Ungeheuer,“ laut Nietzsche) ebenso bedroht wie vom Krebs, dem in seinem Inneren „wuchernden Ungeheuer“, wie Susan Sonntag ihn nennt, die sich gegen die Idee einer „Krankheit als Metapher“ wehrte – dann jedoch, folgt man Salm-Schwader, gerade an dieser „Metapher“ vorzeitig starb. Indem ein Anti-Organ wie der Krebs metaphorisiert (und als solcher medialisiert) wird, wird er zum Reflex der gesellschaftlichen Abstraktionsprozesse, die das, was wir „Natur“ nennen, absolut negieren…Über diese gesellschaftlichen Abstraktionsprozesse und wie sie vonstatten gehen, streiten sich die Marxisten – wie Alfred Sohn-Rethel, Helmut Reichelt, Robert Kurz, Anselm Jappe usw. seit Jahrzehnten – z.B. ob sie im kapitalistischen Produktionsprozeß oder im Warentausch stattfindet. Sohn-Rethel erklärte dazu einmal in einem Interview:

„Ich leite die Abstraktion aus der Vergesellschaftung ab, und zwar aus dem Austausch, und die Weise, wie dieses Denken entsteht, hat mit dem ‘Geist’ nichts zu tun. Die Trennung des Tausches vom Gebrauch, die die Ursache ist für die Abstraktion, geschieht nur der Tatsache nach – in den Handlungen. Das Bewußtsein nimmt daran nicht teil. Das kann sich ruhig mit dem Gebrauchswert beschäftigen, während getauscht wird…Im Warentausch ist der Akt gesellschaftlich, aber die beiden Mentalitäten sind privat; das sagt sich bündiger und klarer auf englisch: In commodity exchange the act is social, the minds are private.

Das Gesellschaftliche am Warentausch ist also der bloße Akt der Besitzübertragung in absoluter Abstraktion von allem, was die Privatbesitzer im Kopf haben. Der gesellschaftliche Akt allein ist tauschwertig, quantitätsbestimmt, absolut abstrakt und generell, die privaten Mentalitäten sind gebrauchswertig, qualitätsbestimmt, konkret und individuell. Am reinen Abstraktionscharakter des Tauschaktes hängt die Funktion der Vergesellschaftung, die bei privater Warenproduktion an der Warenzirkulation hängt. Durch die Abstraktheit des Tauschaktes werden die Waren, die seinen Gegenstand bilden, in einen identisch übereinstimmenden Formkanon gesetzt, in dem sie alle als bloße Quantitäten vergleichbar miteinander sind und Objekte eines interdependenten Marktverkehrs werden können. Einzig dadurch ist die Marktgesellschaft der Warenproduktion – das mirakulöse Phänomen einer Gesellschaft nach Prinzipien des Privateigentums – und somit auch die Warenproduktion selbst überhaupt möglich. Dieser hintergründige Funktionalismus ist den Individuen vollkommen verschlossen, er spielt sich ab im Blindpunkt des individuellen Bewußtseins. Kant hätte ihn als transzendental qualifiziert, Marx und Engels bezeichneten sein Ergebnis als Verdinglichung.“

Und dieser „Verdinglichung“ – gernauer gesagt: „Realabstraktion“ – kommen nun mit zunehmender Atomisierung der Individuen  immer mehr „krankmachende Eigenschaften“ zu, so – verkürzt – Salm-Schwader.

Verdinglichung und Verrohung. Photo: engstler-verlag.de


Noch einmal – von den USA aus:

In einem Gedicht von Boris Pasternak heißt es: „Du weiche nicht um Haaresbreite von Deinem Ich im Herzen ab, Du mußt lebendig bleiben, leben, mußt leben, leben bis ans Grab.“ Auf diese Zeilen wies die DDR-Dichterin Christa Wolf 1972 ihre Tochter Annette hin, die damals noch eine „gläubige Pionierin“ war, sich dann aber auf Rat der Mutter zu einer Psychotherapeutin ausbildete, eine  Anstellung in einer Heilanstalt fand, und 1968 den Prager Schriftsteller Jan Faktor heiratete, der zu  ihr nach Berlin zog und schon bald  zur Personnage der Prenzlauer Berg Bohème gehörte. Von „Haus aus“ war er „Müllmann“, wie er sagt.

Seine Frau, die Psychoanalytikerin Annette Simon, bekam 1972 eine Tochter, die sie Jana nannte und hat heute eine Privatpraxis in Pankow (ebenso wie eine andere Frau mit gleichem Namen). Seltsamerweise gibt es noch eine psychotherapeutische Arztpraxis von einer Annette Simon – in Mittelschmalkalden. Diese betreibt sie zusammen mit ihrer Tochter Jana Simon! Zu ihrem „Team“ gehören zwei weitere Frauen, von denen eine Angela Danz heißt: eine Tochter der „besten Rocksängerin“ der DDR Tamara Danz? Obwohl es im Wikipedia-Eintrag der Frontfrau von „Silly“ keinen Hinweis auf eine Tochter gibt;  Tamara Danz starb 1995 an Brustkrebs.

Sie hatte sich in der Wendezeit ähnlich DDR-kritisch positioniert wie die Annette Simon, die die Tochter von Christa Wolf ist, und wie diese ohne dabei „antikommunistisch“ zu werden. Über Annette Simon berichtete „Die Welt“ 2000:

„Wütend und empört waren die Zuschriften, die Annette Simon, Psychoanalytikerin aus Berlin-Pankow, dafür erhielt, dass sie einige neue Gedanken über die psychisch-moralische Innenausstattung der DDR in Umlauf gebracht hatte. Die 48-Jährige hatte in einem Artikel der „Berliner Zeitung“ darüber nachgedacht, was wohl in den Köpfen der jugendlichen Rechtsradikalen im Osten vorgeht, weil die gewohnten Interpretationen, von „Jugendirresein“ bis soziale Deprivation so ungenügend bleiben. Simon rollt das Ganze von den Großvätern her auf: Der verordnete Antifaschismus der DDR, ihr Gründungsmythos, in Buchenwald und anderswo in Stein gehauen, entlastete auch die einzelnen Familien von Konflikten, die sich im Westen in dem großen Knall von 1968 entluden.  Es gab keine antiautoritäre Bewegung in der DDR. Dieses Dichthalten, das Fehlen einer Auseinandersetzung zwischen den Generationen, vererbt sich wie eine Pigmentierung. Großvater, Vater, Sohn – man hält zusammen, auf der „richtigen Seite“ des antifaschistischen Schutzwalls.“

Annette Simon sprach in dem Berliner Zeitungs-Artikel von „der familiarisierten Kultur der DDR“. Im selben Jahr, 2000, veröffentlichte sie zusammen mit ihrem Mann, Jan Faktor, in der „edition psychosozial“ das Buch „Fremd im eigenen Land“, nachdem sie kurz zuvor im selben Verlag einen „Versuch, mir und anderen die ostdeutsche Moral zu erklären“ publiziert hatte. Im Spiegel schrieb Henryk M. Broder über sie und ihren „Versuch…zu erklären“:

„Annette Simon hat sich als Psychotherapeutin niedergelassen, sie behandelt Kassenpatienten aus Ost- und West-Berlin, hält Vorträge und macht sich Gedanken über die Ossis, die mit ihrer „Existenzbewältigung voll ausgelastet, manchmal überfordert“ seien, und über die Wessis, die ein schlechtes Gewissen quäle und zugleich „ein Unbehagen, mit Ärmeren zu tun zu haben“.

„Mit den Eltern, die ihr Kind zur praktischen Anpassung und zum geistigen Widerstand zugleich erzogen, geht Annette Simon extrem rücksichtsvoll um. Die so prominenten Namen werden nicht genannt…“

„West-Linke, die im Hause Wolf zu Besuch kamen, „erzählten uns immer wieder, wie schlecht es sich im Westen lebt“. Dies habe manchen davon abgehalten, der DDR den Rücken zu kehren. Die Geschichte zahle es den West-Linken heim: „Mit dem Verlust der DDR als Ort der Utopie“ seien ihnen nun auch „die öffentlichen Artikulationsmöglichkeiten“ abhanden gekommen.“

„Als die letzte Stunde der DDR anbrach, „war das ein tolles Erlebnis, wie in einem revolutionären Roman“. Annette Simon und ihr Mann, der tschechische Schriftsteller Jan Faktor, sammelten Unterschriften für die Zulassung des Neuen Forums, „da standen ganze Brigaden vor unserer Tür, alle wollten, daß sich endlich etwas bewegt“. Daß die revolutionären Brigaden schließlich etwas anderes wollten, wurde ihr erst nach der ersten freien Wahl zur Volkskammer klar, als gegen alle Erwartung nicht die Bürgerbewegung, sondern die CDU die meisten Stimmen erhielt. Die letzten Illusionen schwanden dahin, als sie bei der Einsicht in ihre Akten erfuhr, daß es einen „Maßnahmeplan“ gegeben hatte: Ihre Ehe sollte zersetzt und ihr Mann ausgewiesen werden. Daß der Maßnahmeplan nicht durchgeführt wurde, kann sich Annette Simon nur mit taktischer Vernunft der DDR-Behörden erklären. ‚Ich komme aus einer Schicht, die in der DDR privilegiert war … Wir hatten immer einen Schutz durch meine Mutter, ich nehme an, die wollten ihr nicht so zu Leibe rücken, daß sie weggeht‘. Mehr mag Annette Simon über die Schicht, aus der sie kommt, und über ihre Mutter, die Schriftstellerin Christa Wolf, nicht sagen.

Gegenüber der DDR empfindet sie heute ein Gefühl, wie es viele aus gescheiterten Beziehungen kennen: ‚Hinterher wundert man sich, wie man es so lange hat aushalten können, und freut sich, noch mit einigermaßen heiler Haut davongekommen zu sein‘.“

Zuletzt – 2009 – erschien von Annette Simon ein weiterer „Versuch – über ostdeutsche Identitäten“. Den Titel für dieses Buch entnahm sie einer Gedichtzeile des DDR-Dichters Thomas Brasch:  „Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin“. Brasch war wegen eines Flugblatts, in dem er 1968 gegen den Einmarsch der Warschauer Truppen in Prag protestierte hatte, zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt worden, hatte dann im Transformatorenwerk TRO in Oberschöneweide als Fräser gearbeitet und war 1976 aus der DDR ausgereist – nach Westberlin, wo er bis zu seinem Tod 2001 als Schriftsteller lebte.

Annette Simons Tochter Jana Simon, die als freie Journalistin (u.a. für die taz) arbeitet, veröffentlichte 2002 im Rowohltverlag „Die Geschichte des Felix S.: Denn wir sind anders“. Sie wurde in der Frankfurter Rundschau von der  DDR-Schriftstellerin Annett Gröschner rezensiert, die den Bericht „spannend bis zur letzten Seite“ fand. Es geht darin um die Rekonstruktion des widersprüchlichen Lebens des in der DDR aufgewachsenen Felix S. – „der war farbig und trotzdem rechtslastiger Hooligan, Liebhaber klassischer Musik und Kickboxer und vereinte auch sonst noch einige Widersprüche in seinem Leben. Geschrieben hat es seine Jugendliebe Jana Simon, die auch schon Mitherausgeberin eines soziologischen Buches über die Veränderungen nach Mauerfall war, nach endlosen Interviews mit seinem Umfeld und nach der Aktenlektüre, die seine kriminelle Karriere nachzeichneten, und wie sie das aufbereitet, gefällt der Rezensentin sehr gut“, so faßt das Internetforum „Perlentaucher“ Annett Gröschners FR-Artikel zusammen.

Heute las ich gleich zwei Artikel aus bzw. über die Familie Wolf/Simon: In der FAZ einen Artikel über den Mann von Annette Simon, Jan Faktor, in dem behauptet wird, er habe schon in den „Vorwendezeiten“ deutliche Zweifel an der Sinnhaftigkeit de Treibens der Bohème im Prenzlauer Berg gehabt. Der dort kunstvoll betriebenen Betäubung der Verzweiflung halte Faktor eine  „wahre Kunst“ entgegen, die nur durch „intensive und nach außen gerichtete Gefühle“ glaubhaft wird. „Als Konsequenz dieser Überzeugung,“ schreibt die FAZ-Autorin Felicitas von Lovenberg, „erschien im Jahr 2006 sein erster Roman: „Schornstein“ erhebt die seltene Stoffwechselkrankheit seines gleichnamigen jüdischen Protagonisten, der mit Faktors vielfach bewährtem Alter Ego Georg viel zu tun hat, zum Motiv und zur Metapher. Vier Jahre später führte „Georgs Sorgen um die Vergangenheit . . .“, erzählt wie auf der Couch des Psychiaters, Faktors Leser dann zu den Quellen der verdrängungsmotivierten Krankengeschichte.

Was die Geschichte von „Schornstein“ aber über Risiken und Nebenwirkungen hinaus so hinreißend macht, ist der Ton, der vor keinem peinlichen Detail zurückschreckt und gerade da Heiterkeit verströmt, wo gemeinhin keine zu finden ist. Allein die Mengen an Erbrochenem, die verzeichnet werden, sind der Rede wert. Außerdem kommt Faktor, der physische Leiden schon in seinen „Körpertexten“ pathologisierte, in „Schornstein“ auch auf die komplexeste Beziehung von allen zu sprechen, die zwischen Mutter und Kind. In „Georgs Sorgen um die Vergangenheit . . .“ erweitert er den Kosmos der Komplexe heiter um einen ziemlich abwesenden Vater, eine denkwürdig erotische Tante und eine wunderbar eigenwillige Ursachenforschung zu Lust und Ekel – vor dem Hintergrund des zermürbenden Wartens auf günstigere politische Verhältnisse.

Kein Zweifel: „Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder Im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag“, diese hochnotkomische Phänomenologie des sozialen Wohnens im Sozialismus, das eindringliche Porträt des Prags seiner Jugendjahre, diese Liebeserklärung an die inneren und äußeren Stärken der Frauen und orgiastische Selbstreinigung, ist Jan Faktors Opus magnum – bis jetzt. Denn am 3. November wird er erst sechzig Jahre alt.“

Im neuen „Zeit-Magazin“ hat die heute 39jährige Tochter seiner Frau, Jana Simon, einen langen mit Photos bebilderten Text über Los Angeles veröffentlicht, wo sie zusammen mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter 7 Monate lang lebte. 1993 war sie schon einmal in den USA gewesen.  Bereits während ihrer Schulzeit hatte sie sich in das Land „verliebt“ gehabt, nach der Wende entdeckte sie:

Es gab dort „Armut, krasse soziale Unterschiede, Kriminalität, aber auch einen unglaublichen Optimismus, eine arglose Zukunftsgläubigkeit. Nie werde ich vergessen, wie wir bei den Eltern einer Freundin in St. Pauls, North Carolina, auf dem Fußboden saßen, im Hintergrund ratterte der Kühlschrank. Der Vater unserer Freundin präsentierte uns die Eiswürfel, die das Gerät fabrizierte, und zeigte uns glitzernde Fischköder aus Plastik, die er gerade gekauft hatte. Das Bild ist in meinem Gedächtnis eingefroren: Eine zufriedene Mittelschicht genießt den Konsum. Auch wenn ich nicht alles schön oder sinnvoll fand, war ich beeindruckt von der Fülle des Warenangebots, vom Wohlstand. Ein Land, das blüht, dachte ich…“

„Das ist fast zwanzig Jahre her. Viel ist geschehen seitdem. Ich war immer wieder in den USA. Der Traum, eine Weile dort zu leben, hat überdauert. Es ist noch immer das westlichste Land der westlichen Welt. Ihr Zentrum. Weiter konnte ich mich nicht vom alten Ost-Berlin entfernen. Was ist aus meinem Traum geworden?“

Im Januar fahre ich nach Tucson in Arizona, um über das Attentat auf die demokratische Kongressabgeordnete Gabrielle Giffords zu berichten. Vieles in Tucson erinnert mich an St. Pauls damals in North Carolina, eine Stadt der Mittelschicht. Nur dass mir meine Gesprächspartner nicht mehr stolz ihre Fischköder präsentieren, sondern darüber reden, was sie alles verloren haben, wie schlecht es ihnen und dem Land geht und wie schlimm es noch werden wird. Schuld sind in ihren Augen die anderen: die Immigranten, die sozial Schwachen, der politische Gegner, die Regierung.“

„Je länger ich in den Vereinigten Staaten, in Los Angeles, bin, desto mehr bekomme ich das Gefühl, dass eine Gemeinschaft, wie ich sie kenne, hier nicht mehr existiert. Die amerikanische Idee basierte immer auf der Freiheit des Einzelnen, nicht auf Gleichheit, nicht auf Solidarität. Das funktioniert, solange es dem Land gut geht. Wenn es in eine Krise gerät, wie jetzt, pervertiert dieses Freiheitsprinzip. Das soziale Gewissen wird ausgelagert, privaten Stiftungen und Wohltätigkeitsvereinen überlassen. Los Angeles ist eine Ansammlung von Individuen, die nebeneinanderher leben. Das Zentrum des Narzissmus.“

„Die Bindungslosigkeit hat auch etwas Rauschhaftes. Es ist egal, ob man sich trifft oder nicht. Für nichts ist man verantwortlich, nur für sich selbst. Es ist das Gefühl der totalen Freiheit. Nur scheint es den Amerikanern dabei nicht besonders gut zu gehen. Noch nie habe ich so viele Anzeigen für Antidepressiva gesehen, als versinke eine ganze Stadt in Schwermut. Die Träume in L.A. sind intensiv – wenn sie sich nicht erfüllen, darf man kein Mitleid erwarten. Eine deutsche Freundin, die vor zwölf Jahren nach L.A. gezogen ist, beschreibt ihr Zuhause als »Bahnstation«, ständig gingen Menschen ein und wieder aus. Mit der Zeit verlieren Freundschaften ihren Wert, man muss sich nicht kümmern, nicht mitfühlen oder sich einmal Erzähltes merken. Geburtstag feiert man nun mit Menschen, die man kurz vorher auf Partys kennengelernt hat. Im nächsten Jahr feiert man eben wieder mit anderen. Man ist sehr frei und sehr allein.“

„Es kommt der Augenblick, in dem ich das Gefühl habe, mich in einem einzigartigen Fake, in einer Scheinwelt zu bewegen. Eine riesige Werbe-Medien-Maschine vermarktet seit Jahren etwas, das es so nicht gibt.“

„Wenn es stimmt, dass Entwicklungen aus den Vereinigten Staaten mit ein wenig Zeitverzögerung zu uns nach Europa kommen, kann man sich nur fürchten. Das ist vielleicht die größte Veränderung: Mein einstiges Traumland wirkt nicht mehr modern, uns nicht mehr voraus. Es macht den Eindruck, als befinde es sich nicht im Aufbruch, sondern am Rand des Abgrunds. Eine Gemeinschaft in Auflösung.  Als wir nach sieben Monaten USA im Sommer nach Berlin zurückkehren, wirkt die Stadt im Vergleich zu Los Angeles wie ein Ferienort – die Berliner verbringen endlose entspannte Tage draußen in Straßencafés, genießen genetisch unbedenkliches Essen und viel Wein.

Ein paar Wochen später beginnen in New York die Anti-Wall-Street-Demonstrationen. Im Fernsehen sehe ich nun Amerikaner, die in Schlafsäcken im Zuccotti-Park mitten im Börsenviertel kampieren und gegen die soziale Ungerechtigkeit protestieren. Ein Bild prägt sich mir besonders ein: An einem Zaun hängt ein Plakat, es ist ein wenig zerfleddert und vom Regen durchweicht, »Kapitalismus funktioniert nicht« steht darauf. Die Ratlosigkeit ist niederschmetternd. Ich habe schon einmal miterlebt, wie ein System untergegangen ist, nur was sollte diesmal die Alternative sein?“

So weit Jana Simons Bericht aus „Armerika“, wie das „Zeit-Magazin“ ihn betitelt hat.

Sie erwähnt darin mit keinem Wort den 2010 veröffentlichten großen Roman ihrer Großmutter, der heute 82jährigen Christa Wolf: „Stadt der Engel“. Christa Wolfs Verlag schreibt im Klappentext: „Los Angeles, die Stadt der Engel: Dort verbringt die Erzählerin Anfang der Neunziger acht Monate auf Einladung des Getty Center. Ihr Forschungsobjekt sind die Briefe einer gewissen L. aus dem Nachlass einer verstorbenen Freundin, deren Schicksal sie nachspürt. Eine Frau, die aus dem nationalsozialistischen Deutschland in die USA emigrierte. Sie beobachtet die amerikanische Lebensweise, taucht ein in die Vergangenheit des New Weimar unter Palmen, wie Los Angeles als deutschsprachige Emigrantenkolonie während des Zweiten Weltkriegs genannt wurde. Ein ums andere Mal wird sie über die Lage im wiedervereinigten Deutschland verhört: Wird der Virus der Menschenverachtung in den neuen, ungewissen deutschen Zuständen wiederbelebt? In der täglichen Lektüre, in Gesprächen, in Träumen stellt sich die Erzählerin einem Ereignis aus ihrer Vergangenheit, das sie in eine existentielle Krise bringt und zu einem Ringen um die Wahrhaftigkeit der eigenen Erinnerung führt.“

Ihr Enkelin, Jana Simon, sagt dazu in ihrem eigenen Los Angeles-Bericht „eigentlich nichts“. Das scheint jedoch Familientradition zu sein: Bereits in Hendryk M. Broders Spiegel-Artikel über Janas Mutter Annette Simon und deren „Versuch, mir und anderen die ostdeutsche Moral zu erklären“ hatte es am Schluß geheißen: „Hat die Mutter [Christa Wolf] das Buch ihrer Tochter überhaupt gelesen? „Ja.“ Und was hat sie gesagt? „Eigentlich nichts.“

Schon dem Rezensenten von Christa Wolfs Los-Angeles-Roman in der Frankfurter Rundschau war diese seltsame Verschlossenheit oder familiale Abkaspelung laut „Perlentaucher“ aufgefallen:

„Nicht ohne Wohlwollen schreibt Rezensent Lothar Müller über diesen jüngsten Roman Christa Wolfs. Viel auszusetzen hat er daran dennoch. Das beginnt schon damit, dass ihm die Romanform für das, was Wolf hier vorhat, nicht recht einleuchten will. Warum fiktionalisiert sie, was doch so sichtlich mehr als nur einen autobiografischen Kern hat? Bzw. warum geht sie beim Fiktionalisieren andererseits auch nicht weiter, als sie es tut? Im Prinzip versteht Müller schon, dass die Autorin die größtmögliche formale Distanz zum Genre der Stasi-Akte sucht. Um die, bzw. das Wiederauftauchen der Zuträgerakte Wolfs bzw. ihrer Wiedererinnerung an die Existenz dieser Akte im Jahr 1992 geht es im Zentrum des Buchs. Mit einem Stipendium ist die Autorin, als die Wogen der Empörung in Deutschland hochschlagen, in Los Angeles. Diese Distanz nutzt die Verfasserin für Exkurse zur deutschen Exilliteratur, zur kapitalistischen US-Gegenwart und mancherlei, das für den Rezensenten eigentlich nicht zur Sache gehört. Der entscheidende letzte Schritt der Auseinandersetzung, ein Schritt nämlich ins politisch und moralisch Offene, bleibt zu seinem Bedauern aus. Trotz des ausdrücklichen Bezugs auf die Psychoanalyse und auf Walter Benjamin beharre Wolf auf einer Form der „Kontrolle durch die Koordinatensysteme der Moral und Politik“. Als Symbol dafür, dass das Buch als Literatur zu kurz springt, sieht Müller den Umgang Wolfs mit ihrem IM-Tarnnamen „Margarete“. Was hätte man daraus machen können, seufzt der „enttäuschte“ Rezensent. Und was mache Wolf daraus: wenig bis nichts.“

In der taz erinnerteJörg Magenau in seiner  Rezension des Romans an die Zeit, bevor  Christa Wolf nach Los Angeles abreiste:

Die Monate zuvor – von September 1992 bis Mai 1993 war Christa Wolf Gast des Getty Center in Los Angeles – dreht sich fast alles um sie selbst und ihre Geschichte, um ihr Leben in der DDR und im Sozialismus, vor allem aber um den Schock, den sie erlitt, als ihr in der Gauck-Behörde im Sommer 1992 nicht nur die 42 Ordner ihrer sogenannten „Opfer-Akte“ vorgelegt wurden, sondern auch eine dünne Mappe, der sie entnahm, in den Jahren 1959 bis 1962 von der Stasi als „IM“ geführt worden zu sein.  Das Kürzel „IM“ wirkte im Jahr zwei des wiedervereinigten Landes vernichtend. Zu Differenzierungen war eine moralisch aufgeladenen Öffentlichkeit nicht in der Lage. Und nun hatte es ausgerechnet die große Moralistin Christa Wolf erwischt. In „Stadt der Engel“ erzählt sie davon, wie aus dem Faxgerät in L. A. die Zeitungsartikel herausquellen, die sie nur schwer ertragen kann. In einer besonders drastischen Szene rettet sie sich dadurch, dass sie die ganze Nacht hindurch Lieder singt, von „Das Wandern ist des Müllers Lust“ bis zu „Spaniens Himmel breitet seine Sterne“, von „Ein feste Burg ist unser Gott“ bis zu den Versen, die sie wohl einst im „Bund deutscher Mädel“ sang und die sie erschrocken wieder abbricht: „Was fragt ihr dumm, was fragt ihr klein, warum wir wohl marschieren“.

Die ganze deutsche Geschichte fließt in diese Nacht der Lieder ein, das ganze Gefühlskuddelmuddel einer Generation, die aus ihrer jugendlichen Prägung durch Christentum und Nationalsozialismus die eine Gewissheit ableitete: „Nie wieder!“ – und damit die Notwendigkeit und Legitimität des antifaschistischen Staates begründete. Der Sozialismus war das Gegenteil von Faschismus, ganz einfach. Doch jetzt war dieser Staat Geschichte und mit ihm auch die eigenen Überzeugungen. Christa Wolf spricht nicht von „Wende“, sondern von „Untergang“.

Im Gegensatz zu ihrer Großmutter sieht sich Jana Simon als eine  „Wendegewinnerin“. Untergegangen ist für Christa Wolf aber auch Los Angeles:

Die „Stadt der Engel“, schreibt Magenau, „ist für Christa Wolf nur als Ort der Geschichte relevant. Feuchtwanger, Brecht, Einstein, die Brüder Mann – das sind ihre Identifikationsgrößen. Für Hollywood und die Filmindustrie interessiert sie sich kaum. Was für ein Stoff wäre das gewesen: die industrielle Produktion von Illusionen mit den eigenen Lebensillusionen kurzzuschließen und den Utopien des Sozialismus die Utopien Hollywoods entgegenzusetzen. Doch leider: nichts davon. Wenn die Erzählerin abends in ihrem Zimmer „Raumschiff Enterprise“ anschaut, ist ihre Begeisterung von kindlicher Unbedarftheit….So wirkt „Stadt der Engel“ bei aller subjektiven Dringlichkeit ein wenig gestrig. Alles, was seither geschah – Kriege, Erdbeben, Machtwechsel und so weiter – bestätigt und überbietet nur ein ums andere Mal ihre düsteren Zukunftsvisionen: Die Welt ist, mit Kassandra-Augen gesehen, immer schon „heillos“ gewesen. Nun ist ihr aber auch noch die Utopie abhanden gekommen.“

Das scheint jedoch auch für ihre Enkelin Jana Simon zu gelten, wenn sie in ihrem Zeit-Artikel über ein Plakat der  New Yorker „Occupy Wall Street“-Demonstranten schreibt: „Die Ratlosigkeit ist niederschmetternd. Ich habe schon einmal miterlebt, wie ein System untergegangen ist, nur was sollte diesmal die Alternative sein?“

Was „Die Zeit“ über die einstige  Staatsschriftstellerin und Mutter Christa Wolf und ihren LA-Roman schrieb, könnte man nun auch über den LA-Artikel ihrer Enkelin im „Zeit-Magazin“ sagen:

„Die Autorin genießt zwar die kalifornischen Sonnenuntergänge, sie würdigt die gastfreie Aufnahme, die den deutschen Emigranten während der NS-Zeit in Los Angeles zuteilwurde, sie ist sogar animiert gelegentlich von der bunten Warenwelt – aber vor allem sieht sie die homeless people, das Elend der Schwarzen und…“ (**)

Wenn Christa Wolf nur die Vergangenheit von Los Angeles wirklich interessiert, dann ist es für ihre Enkelin die Stadt als „Fake“. Dieser setzt sich in New York – bei den Occupy Wall Street Demonstranten – fort, wo derzeit ein Internetkampf mit „Fakes“ geführt wird, wie „Die Zeit“ berichtete:

„Amerikas Konservative fühlen sich von der 99+1 Rechnung der Demonstranten diskreditiert: „Wir sind 53 Prozent“, behauptet seit Anfang Oktober ein Blog. Die Zahl bezieht sich auf den Teil der amerikanischen Bevölkerung, der Einkommenssteuern zahlt. Die Webseite ist der Seite der ideologischen Konkurrenz optisch exakt nachempfunden, nur die einleitenden Worte sind andere: „Wir sind diejenigen, die für diejenigen zahlen, die über dieses und jenes und was auch immer rumjammern…“ Auch hier werden Zettel geschrieben und hochgehalten, knapp 400 Menschen haben schon mitgemacht. Der Tenor ist deutlich: Uns wurde auch nichts geschenkt, aber wir meistern unser Leben und zahlen klaglos unsere Abgaben. „Ich arbeite mir den Arsch ab für das Wohlergehen anderer“, schreibt eine Studentin und ergänzt pathetisch: ‚Ich lebe meinen Traum. Ich bin 53 Prozent‘.

So viel Glaube, Liebe und Patriotismus – das schreit nach Satire. Auf der Seite „Eigentlich gehörst du doch zu den 47 Prozent“ kommentieren die angeblichen Nicht-Steuerzahler hämisch die kümmerlichen Erfolgsgeschichten der vermeintlichen 53-Prozentler: „Krebskrank und trotzdem immer noch zwölf Stunden am Tag malochen gehen – toller amerikanischer Traum!“ In dem Blog „Wir sind die ein Prozent“ verkünden derweil mächtige Männer ihre zynische Sicht der Dinge: „Wir haben mehr Geld als man in vier Leben ausgeben kann.“ Die Einträge enden stets mit einem launigen Reim: „We are the one percent. We Occupy your Government.“ Auch diese Seite ist natürlich ein kompletter Fake. Genauso wie die Geschichte der beiden Investmentbanker, die auf Occupy Occupy ihr fröhliches Lebensmotto kundtun: ‚Wir sind ein Prozent, aber 100 Prozent stolz‘.“

Aber nicht nur im Internet wird gefaked, wie „mädchen.de“ kürzlich berichtete:

„Bei einer Talkrunde im TV klappte Beyoncés Baby-Bauch verdächtig in sich zusammen – trägt die Sängerin etwa eine Prothese um „schwangerer“ auszusehen?

Beyoncé war am Sonntag in der Show „Sunday Night“ im australischen Fernsehen zu Gast. Dabei präsentierte sie einen ordentlichen Baby-Bauch, der sehr viel größer erscheint, als er eigentlich in dieser Phase der Schwangerschaft sein dürfte. Dann passierte das Malheur: Beim Hinsetzen machte ihr Baby-Bauch eine sehr merkwürdige Bewegung, es sah fast so aus, als würde er nach innen wegklappen. Hat Beyoncé hier mit Schaumstoff nachgeholfen?“

In Prag haben in der Vergangenheit mehrere Jura-Studentinnen eine Schwangerschaft vorgetäuscht, um die Abschlußprüfung zu bestehen – es gab dort nämlich einen Prüfer, der schwangere Jurastudentinnen auf keinen Fall durchfallen ließ. Die Frage ist nun, ob auf den Straßen im Prenzlauer Berg Ähnliches passiert – ebenfalls um dort nicht durchzufallen.


Anmerkung:

(*) Von unten wird ebenfalls alles ausprobiert: Alexander Solschenizyn ließ seine Krebserkrankung von einem Schamanen behandeln, der taz-Autor Michael Stein konsultierte einen Buddhisten und nicht wenige Krebskranke greifen zu Haschisch. 2007 berichtete ich darüber:

„Ich war verurteilt zu Deutschen. Bei unerträglichem Druck hat man Haschisch nötig“ (Friedrich Nietzsche) Die Bundesopiumstelle (BOPST) – was es nicht alles gibt! – erlaubte erstmalig einer Frau, die an Multipler Sklerose erkrankt ist, Haschisch einzunehmen, um ihre Schmerzen zu lindern. So vermelden es die Zeitungen.

Tatsächlich wurden in der Vergangenheit bereits mehrmals an Krebs Erkrankte, die sich mit Haschisch selbst therapiert hatten, vor Berliner Gerichten freigesprochen. Der Fall von Claudia H. aus Süddeutschland, wo die staatliche Drogenfahndung härter als in Norddeutschland vorgeht, ist jedoch so absurd, dass es sich lohnt, hier näher darauf einzugehen: Die 51jährige Unternehmerin nahm zunächst Schmerztabletten ein. Diese verstärkten aber ihre Beschwerden, ebenso wie der synthetisch hergestellte Cannabis-Wirkstoff Dronabinol. Er wird von einem Pharmakonzern hergestellt: 60 Kapseln kosten 1.700 Euro – das Geld wird von den Krankenkassen nicht zurückerstattet.

Claudia H. versuchte es daraufhin mit illegal besorgtem Haschisch. Das wirkte nachhaltig, auch ihre Lähmungen gingen zurück. Rauschzustände erlebte sie jedoch keine. Und eine Abhängigkeit stellte sich ebenfalls nicht ein – behauptete die Schwäbin, der nur noch die Legalisierung des Genusses fehlte. Also stellte sie einen Antrag bei der BOPST.

Dazu musste sie nachweisen, dass alle anderen Schmerzmittel versagt hatten und keine andere zugelassene Arznei helfe; ihre Ärztin musste darüber hinaus die Risiken und Nutzen ihres Haschischgebrauchs abwägen sowie einen „Therapieplan“ aufstellen.

Die Behörde prüfte ihren Antrag eineinhalb Jahre – und befürwortete ihn dann aus „klinischer Sicht“. Aber – großes Aber: sie genehmigte ihr nur ein Jahr lang die Einnahme eines „standardisierten Cannabis-Extrakts“, das sie aus einer Apotheke beziehen muss. Dort sowie auch bei Claudia H. muss der Stoff „entwendungssicher“ gelagert werden, d. h. sowohl der Apotheker als auch die MS-Patientin müssen ihn in einem Panzerschrank aufbewahren – und der BOPST Fotos von den Tresoren schicken. Das ist zwar alles saublöd – angesichts der Tatsache, dass man in jedem Park billiges und gutes Haschisch kaufen kann, dennoch haben bereits 50 Kranke nach dem Claudia H.-Urteil ebenfalls Anträge bei der BOPST gestellt. Gleichzeitig wurden jedoch gerade in Nordfriesland ein Hepatitis-C-Patient und in Würzburg ein Morbus-Crohn-Patient wegen Haschischeinnahme zur Schmerzlinderung in Haft genommen.

Im Jahr darauf veröffentlichte die taz einen Artikel über Brustkrebs:

Über das opulente Buch „Jews/ America/A Representation“ von Frédéric Brenner schreibt die FAZ (auf ihren gekalkten Seiten): Mit seinen äußerst aufwendig inszenierten Bildern versuche der Fotograf der Identitätsfalle zwischen Schtetl und Auschwitz zu entkommen „und zwischen Assimilation und Selbstbehauptung der amerikanischen Juden eine Vielfalt von gelebten Möglichkeiten vorzustellen. Die Überlebenden sind repräsentiert durch eine Gruppe von Brustkrebsoperierten.“

In der taz steht (merkwürdigerweise unter „Gurke des Tages“): „Aus Angst vor Brustkrebs haben sich zwei gesunde Britinnen ihre Brüste entfernen lassen.“ Schon die Mutter und Großmutter der 26- und 28jährigen waren an Brustkrebs gestorben. Ärzte hatten ihnen nur eine „50-Prozent-Chance“ gegeben. Die Operationen wurden auf Kosten der staatlichen Gesundheitsbehörde vorgenommen. Gleichzeitig greift nahezu weltweit – und parallel zur „Globalisierung“ – eine nicht minder metastasenhafte Brustvergrößerungswelle: via Film und Fernsehen und mit entsprechenden Hardcore- und Kioskmagazinen. In Deutschland gibt es nicht weniger als 18 „Special Interest“-Titel – mit Namen „Super-Busen“, „Big Tits“ etc. In Amerika wurden gerade 400.000 Frauen von einer Firma, die „Silicon-Cushions“ zur Brustvergrößerung herstellt, aufgefordert, Schadenersatzansprüche zu stellen. Und nicht zufällig heißt die absurd-reale Verortung aller positiven Mittelklasse-Utopien „Silicon Valley“! Hier empfehlen Ärzte das Silikon „nur noch“ Brust(krebs)-amputierten
Frauen.

Im Zusammenhang der Entwicklung der europäischen Intelligenz aus der sich assimilierenden jüdischen Diaspora heraus fällt auf, daß in dieser „Szene“ – genaugenommen bis zum nationalsozialistischen Spießer-Tabula-rasa – die Brust schon mal im Zentrum einer Krankwerdung stand, die mit einer Art Selbst- Amputation einherging: die „Schwindsucht“ genannte Tuberkulose, die geradezu zum Signum der emanzipiert, jedoch unbequem leben müssenden männlichen „Intelligenz“ wurde. Das Wort „Intellektueller“ wurde im übrigen mit dem erfolgreichen „Offenen Brief“ Emile Zolas – im Zusammenhang mit der Dreyfus- Affäre – 1889 geprägt. In Deutschland sprach man bis auf die Kommunisten lieber vom „geistigen Menschen“. Noch in den sechziger Jahren meinte Adorno: „Das Wort mag abscheulich sein, aber daß es so etwas gibt, merkt man erst an dem Abscheulicheren, daß einer kein geistiger Mensch ist.“

Mit der Studentenbewegung kam der Feminismus, der die kommunistische „Hälfte des Himmels“ zu fragilen Existenzweisen von „Jungesellinnen-Maschinen“ konkretisierte. Dieser Volontarismus war Teil der Single-Werdung globaler Konsumenten – und amerikanisch-pragmatisch genug, das Marxsche Diktum zu ignorieren, wonach die Gesellschaft nicht aus Individuen, sondern aus Produktionsverhältnissen besteht. Dennoch führte die zunehmende Ablehnung des „kleinen Sinns“, der Mutter-Werdung, dazu, zum einen die „Welt als Lebenswelt/ Umwelt“ zu sehen und zu kritisieren (ein Begriff, der auf Jakob von Uexküll zurückgeht, und letztlich auf Feuerbach). Und zum anderen zu einer konsequenten Feminisierung der Brusterkrankungen. Nur kurz aufgehalten durch eine Restaurations- phase, in der der „Lungenkrebs“ von Rauchern beiderlei Geschlechts, reüssieren konnte.

(**) Am 6. März 2011 starb Wolfgang Sabath – an einem Gehirntumor. Er war zuletzt „mein“ Redakteur beim „Blättchen“. 1996 veröffentlichte er ein Buch über eine Amerikareise, ich schrieb aus diesem Anlaß über ihn in der taz:

Ende 1989 lernte ich den Sonntag-Redakteur Wolfgang Sabath kennen: Er war fünfzehn Jahre vor mir auf Ernteeinsatz in der LPG „Florian Geyer“ gewesen und hatte darüber geschrieben. Als die Ost-Zeit dann mit der Volkszeitung fusionierte und sich Freitag nannte, trat er in die PDS ein und seilte sich langsam in den Vorruhestand ab. Seitdem bedient er PDS-Bezirkszeitungen, die Berliner Linke und – bis zu ihrer Einstellung – die Weltbühne. Daneben stellt er Bücher zusammen: über „Gregor Gysi“ und eine Autotour mit seinen beiden Söhnen: „Als Ossi in Amerika“. In seiner BL-Kolumne schrieb er neulich: „Wer von kleinauf gelernt hat, Wohlbefinden fast ausschließlich nur als Resultat wirtschaftlicher Potenz zu sehen, wird kaum begreifen, wenn sich sogar Leute, denen es nachweislich materiell besser geht als vorher, in der neuen Republik nicht wohl fühlen.“

Während seiner „Reise zu unseren neuen Freunden“ (den Amis) fielen Sabath vor allem die Ähnlichkeiten mit der DDR auf: Das reicht vom „Sie werden plaziert“ und dem ungenießbaren Kaffee bis zu den „Bestarbeitern des Monats“. Auch viele Parolen waren ihm bekannt: „Jeder Mann an jedem Ort – einmal in der Woche Sport“, „Schöner unsere Städte und Gemeinden, mäh mit!“ und „Saubere Freibäder, saubere Zimmer! Meine Hand für mein Produkt!“ sowie „Den Angehörigen der bewaffneten Organe Chinatowns ein dreifaches Hurra, Hurra, Hurra!“

Merkwürdigerweise hat er einen kleinen Unterschied übersehen: daß bis auf die Schwarzen alle Amerikaner sozusagen freiwillig dort sind – in der DDR war es eher umgekehrt. Jedenfalls habe ich mal erlebt, wie eine Gruppe von Afrikanern mit dem Auto über den Checkpoint Charlie in den Westen fuhr, an der Ecke Friedrichstraße/Kochstraße hielt, im Kiosk dort eine Packung Negerküsse kaufte, und dann wieder in den Osten verschwand.

Aus dieser Differenz resultiert laut Michael Rutschky, daß „der Amerikaner“ zum Beispiel „sein Land“ überhaupt noch nicht in Besitz genommen hat, während der DDR-Bürger seines gerade Stück für Stück verliert. In den USA müßte deswegen der Hang zum „geschlossenen Handelsstaat“ ausgeprägter sein als jetzt hier, aber das Gegenteil ist der Fall: Die „Internationalisierung“ bedrückt die Kommunisten mehr als die Amis. Grad neulich meinte ein Lausitzer Bergwerksingenieur, jetzt ABM-Sanierer: Abgesehen von den vielen Ausländern mache ihm üperhaupt die wachsende Abhängigkeit vom Ausland Sorgen, „wenn es mal zu einem Konflikt kommt und die Gemüseversorgung aus Holland ins Stocken kommt, nachdem man die unsrige vollständig abgewickelt hat, das gibt doch eine Katastrophe“. Wolfgang Sabath sprach im Sonntag einmal von „Bankrotterklärung“, weil der Bezirksbürgermeister von Mitte 1990 zwei Berater aus Irland eingestellt hatte.

Während ich es kurz zuvor eher für eine Bankrotterklärung des Kommunismus gehalten hatte, daß die Modrow-Regierung 10.000 arbeitslose Italiener, die freiwillig in der DDR arbeiten wollten, abwies – und mich als Deutschen nicht! Die paranoide konkret-Redaktion sieht in der aus dem „Sozialismus in einem Land“ resultierenden PDS bereits eine „rechte Partei neuen Typs“ entstehen. Das ist übertrieben, gelungen ist dagegen (wie immer) Gremlizas Kritik an den Westlinken: Von der „Volxküche“ zur „Volxaktie“.

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