vonMartin Unfried 18.10.2020

Ökosex

Martin Unfrieds Blog beschäftigt sich mit emotionaler Klimaintelligenz, mit der Kultur und Emotion von solarer Effizienz und Ökologie .

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08.09.2020 | Dienstag | FUTURZWEI Nr. 14 | Der E-Auto-Test

Durchbruch: VW E-UP!

Wenn der SUV das Fahrzeugdesign der Unvernunft ist, dann sind der e-up! und seine Kleinwagenkollegen die Zukunft.

 

Als Folge der Corona-Pandemie kaufen die Leute viel mehr Fahrräder und E-Bikes, sodass mein Nachbar bis September auf sein tolles neues Pedelec warten muss. Die Zweiradbranche wird noch stärker als Zukunftsbranche entdeckt: Auch ohne Pandemie stieg der Umsatz von 2015 bis 2019 schon um fast ein Drittel. Doch dahinter steckt aktuell eine ambivalente Emotion: lieber allein auf dem Rad durch die Stadt als im Bus mit anderen Leuten. Und zwar auf dem Rad ohne und im Bus mit Maske.

In den Niederlanden ist der öffentliche Verkehr sogar der einzige Raum, in dem überhaupt Masken getragen werden müssen. Soll heißen, hier droht die wirkliche Gefahr. Wer sich also in Zukunft im Sinne der Verkehrswende mit Bus und Bahn beschäftigt, muss realistisch sein. Das Bedürfnis, andere Leute in geschlossenen Räumen eher zu meiden, wird so schnell nicht vergehen. Und wenn das Rad keine Option ist auf dem Weg zur Arbeit, dann wird emotional vor allem das eigene Auto als sicherer Ort gesehen.

Das ist die bittere Wahrheit im Kontext des Klimaschutzes: Die Attraktivität des Autos hat eher zu- und die des ÖPNV hat entscheidend abgenommen. Also ist es wichtiger denn je, über die Qualität von Autos zu reden, die in den nächsten Jahren gebaut und verkauft werden.

2020 ist voraussichtlich das Jahr des echten Durchbruchs von Elektroautos. Zum einen ist das Modellangebot erheblich gewachsen und zum anderen hat die Bundesregierung durch den Verzicht auf einen Bonus für Verbrenner deutlich gemacht, dass sich deren Kauf nicht mehr lohnt. Elektro dagegen schon. Wer sich die aktuellen finanziellen Vorteile beim Kauf eines Elektroautos mal angeschaut hat (6.000 Euro allein vom Staat plus Mehrwertsteuersenkung), wird verstehen, warum zwei Bekannte von mir bereits bestellt haben. Und zwar den VW e-up! (der offizielle Name beinhaltet ein Ausrufezeichen) in seiner neuen Version mit größerer Batterie. Was ich nachvollziehen kann, denn ich habe ihn zwei Wochen getestet.

Der Wagen ist in allem das Gegenteil des Audi e-tron (vgl. taz FUTURZWEI 11). Ein Kleinwagen, kein sperriges Monster. Mit 1.160 Kilo ist er eines der leichtesten elektrischen Autos auf dem Markt (der e-tron wiegt über zwei Tonnen). Hat eine relativ kleine 32-kWh-Batterie, die für rund 200 Kilometer Reichweite sorgt (e-tron 90 kWh). Während meiner Testfahrten im Sommer habe ich bei hohen Temperaturen und vielen Kurzstrecken sogar mehr als 250 Kilometer geschafft. Auf Spritmonitor.de, wo tatsächliche Verbräuche geteilt werden, geben elf e-up!-Fahrer ihren Verbrauch im Schnitt mit 14,5 kWh auf 100 Kilometer an (e-tron 26 kWh). Auf der Autobahn kann das auch bis zu 20 kWh sein. Aber wer als Pendler viel Landstraße und Stadtverkehr fährt, liegt richtig. Und sehr überzeugend: Der Wagen ist klein. Das nennt man »Downsizing«. Spart einfach Fläche. Selbst mit zwei kleinen Kindern ist das im Alltag okay durch die vier Türen. Wer etwas transportieren muss oder eine längere Urlaubsfahrt unternimmt, kann sich ja kurz mal etwas anderes leihen.

Wenn der SUV das Fahrzeugdesign der Unvernunft ist, dann sind der e-up! und seine Kleinwagenkollegen die Zukunft. Hier ergibt Elektro auch wirklich Sinn. Und das Überzeugendste: Nach zwei Tagen hatte ich vergessen, dass ich ein geliehenes elektrisches Auto fuhr. Keine besonderen Gimmicks, keine Notwendigkeit, erst zehn Stunden das Handbuch des Bordcomputers zu studieren. Überall die selbsterklärenden alten VW-Instrumente und Schalter, ein normaler Zündschlüssel und das eigene Mobiltelefon ist als Navi und Bordcomputer vorgesehen.

Dieser Verzicht auf Extravaganz hat entscheidende Vorteile: Der Wagen ist für Carsharing oder das Teilen mit den Nachbarn bestens geeignet. Wer sich reinsetzt, weiß wie er funktioniert. Der Volkswagenkonzern baut diese Elektroversion in drei Ausführungen als VW, Seat (Mii) und Skoda (Citigo). Es wird von dieser Baureihe keine Verbrenner mehr geben. Je nach Ausstattung liegen die Fahrzeuge zwischen 22.000 und 25.000 Euro. Man kann also im Moment mit der Förderung für unter 15.000 Euro einen elektrischen Neuwagen bekommen. Das haben nicht nur meine zwei erwähnten Bekannten gemerkt. Die Lieferzeiten für den e-up! sind enorm; bei heutiger Bestellung wird es vielleicht sogar 2021. Von Seat und Skoda wird sogar gemeldet, dass die Modelle ausverkauft seien. Das wiederum ist ein Rätsel: Es war klar, dass der Kauf von E-Autos explodiert, wenn das Verhältnis Reichweite-Preis stimmt. Nun ist es so weit, und nun kann der VW-Konzern nicht liefern. Da hilft es auch nicht, auf den VW ID 3 zu warten. Der wird wieder viel zu teuer. ■

Opens external link in current windowVW E-UP!, Elektroauto, Motor: 32-kWh-Akku, Verbrauch im taz FUTURZWEITest: 14,5 kWh auf 100 km, Reichweite: 200 bis 250 Kilometer, Preis: ab 22.000 Euro minus 6.000 Euro staatlicher Zuschuss.

 

MARTIN UNFRIED ist EU-Klimapolitikexperte und Politologe an der Universität Maastricht.

Foto: Wikimedia Commons: Fridolin freudenfett, Friedrichshain Stralauer Platz VW e-up! an Ladestation, Zuschnitt, CC BY-SA 4.0

Links zum Artikel:

* taz FUTURZWEI 11: DER AUDI E-TRON 55 QUATTRO – SUV MIT ELEKTRISCHEM BUMS

* www.spritmonitor.de

* www.spritmonitor.de, Herstelle: Volkswagen, Modell: Up!, Krafstoffart: Elektrizität

* www.spritmonitor.de, Herstelle: Volkswagen, Modell: Up!, Krafstoffart: Elektrizität (archive.org-Version vom 12.09.2020

* Wikipedia: VW e-up!

 

08.09.2020 | Dienstag | FUTURZWEI Nr. 14 | Seite 74 | taz.futurzwei.org | Magazin für Politik und Zukunft | Schwerpunktthema: LEADERSHIP | Der E-Auto-Test | Martin Unfried | Der Durchbruch: VW E-UP! | Wenn der SUV das Fahrzeugdesign der Unvernunft ist, dann sind der e-up! und seine Kleinwagenkollegen die Zukunft. | Bio: https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Unfried

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