vonSchröder & Kalender 16.08.2007

Schröder & Kalender

Seit 2006 bloggen Schröder und Kalender nach dem Motto: Eine Ansicht, die nicht befremdet, ist falsch.

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Der Bär flattert in nördlicher Richtung.

Götz von Olenhusen: Der MÄRZ Verlag war zweifellos der wichtigste, der kulturrevolutionäre Verlag der 68er Zeit und ihrer Folge; in meiner Wahrnehmung auch als kollektives Experiment, als permanentes Medienereignis und mit seinem provokativen politisch-literarischen Programm der vermuteten gesellschaftlichen Revolution. Wie empfindest du es jetzt, wenn der Verlag, der den wichtigsten Kern der Ausstellung in Marbach ‚Literatur um 1968‘ darstellt, die Wendung ins Museale und Archivalische nimmt?

Schröder: Zwei Begriffe. Das Archivalische wird, nachdem wir den Verlag 1987 eingestellt haben, als die natürliche Entwicklung begriffen. Das Museale — schwer zu beantworten — ist etwas, was ich eher befürchtet habe. Das kommt mir sonderbar vor, wolkig, ungewöhnlich. Deswegen hatte ich auch, als man mich vor zwei Jahren ansprach, erstmal massive Vorbehalte, nicht nur, was den MÄRZ Verlag angeht, sondern überhaupt gegen den Plan, die 68er museal aufzubereiten. Es ist nun mal eine Tatsache: Revolution oder Revolte im Archiv oder aus dem Archiv heraus darzustellen, hat immer auch etwas Widersinniges.

Götz von Olenhusen: Hast du nicht auch zu der Gruppe der Literaturproduzenten dazugehört, dieser kleinen, unentwegten öffentlich-subversiven Beweger um Frank Benseler, Klaus Wagenbach, Walter Boehlich, Jörg Schröder, Lothar Pinkall, Hannes Schwenger …?

Schröder: Du sagst da was Lustiges. Ja, man ist sozusagen um sich selbst herum gewesen …

Götz von Olenhusen: … und wart Ihr nicht, waren wir nicht alle sehr versucht, die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen zu bringen? Hat sich etwas bewegt und ist davon etwas geblieben, mehr als nur ‚Siegfried, der Drachentöter?‘

Schröder: Die Literaturproduzenten haben etwas bewegt, aber ihre Mitglieder waren im wesentlichen Verlagsmitarbeiter: Frank Benseler von Luchterhand, Helmut Richter und Hartmut Dabrowski von der Neuen Kritik, Walter Boehlich vom Suhrkamp Verlag — aber wir verstanden unter Literaturproduzenten den erweiterten Benjaminischen Begriff. Alle an der Produktion Beteiligten, eben auch Autoren, besonders die sind Literaturproduzenten, sollten in Produktion und Distribution mitbestimmen und an den Profiten partizipieren. Es ging zunächst einmal um konkrete gewerkschaftliche Forderungen, die heute wenigstens zu einem kleinen Teil erfüllt sind. Über literarische Inhalte läßt sich natürlich nicht gewerkschaftlich verhandeln. Diese Gruppe der Literaturproduzenten hat das angestoßen, was sich dann später zur Schnarchzapfenvereinigung des VS, dem Verband Deutscher Schriftsteller in den IG-Medien — in dem ich natürlich auch Mitglied bin — entwickelt hat. In Schnarchzapfen, was die gewerkschaftliche Seite angeht. Aber die Schriftsteller sind heute wenigstens etwas besser abgesichert, vor allem durch die Künstlersozialkasse, wenn auch noch lange nicht so wie es sich gehörte.

Götz von Olenhusen: Um Schriftsteller und Literatur kreist die Marbacher Ausstellung zu 68. Nicht zufällig habe ich ‚Siegfried‘ erwähnt, dein Buch, das 1972 wie eine Bombe in den Literaturbetrieb einschlug. Dein besonderer Freund Bazon Brock hat unlängst, vielleicht in der ‚Zeit‘, nach längerem Stillschweigen das Feuilleton als Schrott bezeichnet, auch die Literatur, alles Schrott. Ist das nicht verwunderlich? Denn früher hat er eine andere Position gehabt, während du doch wohl schon damals deine scharfe Kritik am Literaturbetrieb in der tradierten Form formuliert hast, vor allem in ‚Siegfried‘.

Schröder: Früher hat Bazon gar keine Position gehabt, und das war die bessere. Aber wo ist da die Frage? Wenn Brock sich auf seine alten Tage noch einmal auf die Barrikaden begibt, dann nicht auf die richtigen. Er sollte sich besser um das kümmern, wovon er was versteht, um den Kunstbetrieb. Ich glaube nämlich nicht, daß er von Literatur überhaupt eine Ahnung hat. Und mit ‚Siegfried‘ habe ich das genauso gemeint, wie du es eben gesagt hast. Trotzdem, so lange wir den MÄRZ Verlag in den verschiedenen Aggregatzuständen betrieben haben — also erste Phase: Vertrieb über den Buchhandel, zweite Phase: Vertrieb über Zweitausendeins, dritte Phase: wieder Vertrieb über den Buchhandel —, gehörten wir nolens volens zum Literaturbetrieb. Das gilt noch immer, obwohl wir ja mit dem MÄRZ Verlag aus vielerlei Gründen aufgehört haben. Und jetzt vertreiben wir unsere Texte auf alternative Weise. Die Distributionsform von Literatur ist ein wichtiger Gesichtspunkt, denn Literatur konstituiert sich auch durch die Distribution. Aber lassen wir das jetzt mal. Von einem bestimmten Zeitpunkt an war klar, daß nicht nur ich einen Herzkasper hatte, sondern auch der Verlag. Deshalb haben wir ihn liquidiert und angefangen, eine Aufarbeitung der Zeiten dieser verschiedenen Aggregatzustände des Verlages zu machen. Damit sind wir immer noch beschäftigt. Das ist an ein autobiographisches Gerüst drapiert, dazu gehört auch die Fortsetzung der Kritik an dem, was man Literaturbetrieb nennt. Nach wie vor also ‚KOPRA‘, kritische Organisation von Praxis.

Götz von Olenhusen: Darf ich nochmal zurückkommen auf den ersten MÄRZ Verlag? Im Anschluß an die Ausstellung und den Marbacher Katalog, was war deine Leitlinie als Verleger, als Lektor, wenn man das auf eine einfache Formel bringen kann? Welche Autoren hast du als deine wichtigsten angesehen?

Schröder: Die Leitlinie, die keine Linie war, sondern eine Haltung, lautete, ich sag‘ es jetzt mal so drastisch: Drunterhalten und sehen was kommt! Eine schlichte, anarchische Haltung. Bei allem, was interessant und neu ist, den Eimer drunter halten und dann sehen, was drin ist. Und zwar nicht im Sinne des sportlichen Prinzips: Ich will der erste sein. Auch wenn das Prinzip der Neugier sich immer damit verbindet, etwas Neues zu sehen, und dann als erster etwas zu tun. Deswegen war der Verlag schon in seiner ersten Phase kontrovers und ist es noch immer. Es konnten gleichzeitig ‚Roter Stern über China‘ und ‚Laß jucken Kumpel‘ erscheinen. So etwas empörte den Literaturbetrieb, den Brock jetzt mit später Erkenntnis also nach 30 Jahren als verrottet bezeichnet. Dabei war der damals nicht anders verrottet als heute. Nur sehr wenige Feuilletonisten wie Karl Heinz Bohrer, und der ist ja auch schon lange keiner mehr, halten das Prinzip der anarchischen Vielfalt aus. Ein Beispiel: Ich habe das ‚Grundwissen der jungen Kommunisten‘ verlegt und bin natürlich ein Anarchist. Aber ich dachte mir, da so viele Kommunisten oder angebliche Kommunisten rumlaufen, müßten sie wenigstens wissen, was sie da vertreten. Die wußten das zu einem großen Teil doch gar nicht, mal abgesehen vom harten Kern der Marxisten. Ich habe gleichzeitig aus der amerikanischen Literatur Castaneda ‚Die Lehren des Don Juan‘, Leonhard Cohen und anderes gemacht, was man heute als ‚New Age‘ oder ‚Postmoderne‘ bezeichnet. Aber es sind auch solche Bücher erschienen wie ‚Die Reise‘ von Bernward Vesper, das Vermächtnis einer Generation, nämlich der protestierenden Generation, die sich später zur RAF entwickelte. Ich will jetzt nicht hundert Titel aufzählen, um zu belegen, daß es keine Linie gab, dafür stets nur den Versuch, Interessantes zu machen, was es zuvor noch nicht gegeben hatte, wie Robert Crumb mit seinen ‚Headcomix‘ oder eine Haltung vorzustellen, wie die von Ken Kesey in ‚Einer flog über das Kuckucksnest‘, das ist der Western im neuen Gewand, oder Leslie Fiedlers ‚Die Rückkehr des verschwundenen Amerikaners‘. Die literarische Postmoderne ist erstmals von Fiedler in diesem großen Essay formuliert worden als Wort und Begriff. Alles zusammengenommen hat mir diese Haltung als Verleger das Label eingebracht, bei wohlwollenden Leuten, ein Avantgardist zu sein und, bei nicht so wohlwollenden, das des Hans Dampf in allen Gassen, der jeder Mode nachrennt. Dazwischen ist vielleicht irgendetwas wahr.

Götz von Olenhusen: Um den Autor Schröder, den MÄRZ Verlag, ist so eine Art Mythos entstanden. Wie verträgt sich das damit, daß der Autor und Verleger angetreten ist als der große Entmystifizierer, als einer, der rüde und rücksichtslos alle Intimitäten und Indiskretionen des Literaturbetriebes offenlegt? Besteht da nicht ein Widerspruch?

Schröder: Tatsächlich ist es für einen Literaturproduzenten gar nicht so einfach vom Mythos zu leben und nicht von der Stückzahl der verkauften Bücher. Ich muß sagen, inzwischen ist uns das im Rahmen nobler Bescheidenheit gelungen. Im übrigen, bei Ruhm ist bekanntlich jeder unersättlich. Es gibt eine Eitelkeit, da fühlt man sich auch museal aufbereitet ganz wohl als eitler Mensch. Warum soll ich das leugnen? Was mir als zweites einfällt, ist das Lachen über die Eitelkeit und natürlich ertappe ich mich bei der Arbeit an ‚Schröder erzählt‘ dabei, wie eitel und wie schnell man — sagen wir nicht zum Mythos, sondern — zum Trivialmythos wird. Und wenn allzuviel Mythos sich anzuhäufen droht, muß ich eben Barbara Kalender wieder eine Geschichte erzählen, die es dem Betrieb unmöglich macht, ‚Schröder erzählt‘ auf leichte Weise zu vereinnahmen, zu sagen: „Abhaken, ist ein bedeutender Schriftsteller, klappe zu, Affe tot.“ Du brauchst nur alle Vierteljahre mit einer neuen Geschichte rauszukommen, in der du den Leuten auf die Füße trittst, dann halten sich die Umarmungen in Grenzen.

Götz von Olenhusen: Ein Widerspruch scheint sich aber doch noch erhalten zu haben. Warst du nicht lange Zeit ein Lieblingskind der Medien, gehätschelt und getätschelt und dann auch immer wieder aufs heftigste angegriffen, totgesagt und totgeschwiegen?

Schröder: Ja, vor allem angegriffen! Aber wenn man austeilt, darf man sich nicht als Glaskinn präsentieren. Das ist das unangenehme am Literaturbetrieb, auch anderere Leute teilen aus. Doch sobald man ihnen dann selbst auf den Schlips tritt, kommen bei vielen die sonderbarsten Mimosenreaktionen. Mir war immer klar, wenn man so austeilt wie ich, dann bekommt man es auch zurück, dann gibt’s was auf die Schnauze.

Götz von Olenhusen: Beim Eröffnungsvortrag von Professor Ulrich Ott hat er gesagt, er habe befürchtet: „68 in Marbach? Um Gottes willen, da bläst uns der Wind ins Gesicht!“ Da gab es wohl im Vorfeld einige Bedenken. 68 wird also heute von manchen Seiten bekämpft, wie früher, nur in anderer Weise. Es gibt da Blätter und eine ganze Generation, die die 68er als Arschlöcher, als Idioten — um nur die freundlichsten Worte zu nennen — bezeichnen, und dann auch den Vorwurf, daß von 68 der direkte Weg zur RAF führe, wie das Rechtsanwalt Otto Schily heute sagt. Würdest du Dich als 68er bezeichnen?

Schröder: Ja, würde ich. Dennoch ist es peinlich, das tun zu müssen. Aber ich brauche das Etikett gar nicht. Bei mir hat zwar alles um 1968 herum angefangen und sich in meiner Arbeit fortgesetzt. Der MÄRZ Verlag hat ja nicht nur bis 1972 bestanden, sondern bis 1987 gearbeitet. Während dieser ganzen Zeit gab es diese Offenheit, die Haltung, über die wir schon gesprochen haben, eine Offenheit, die von vielen anderen nur behauptet und nicht eingelöst wurde. Bedauerlicherweise rekrutiert sich die sogenannte Avantgarde zumeist aus furchtsamen Transusen. Also ich wiederhole: Ja, es hat 1968 angefangen und ist bei mir weitergegangen bis heute. Und natürlich haben wir auch Sachen gemacht, die heute komisch sind, über die man lachen muß. Aber dies bedeutet nicht, daß ich deshalb zum Renegaten werde und die schöne Haltung der Offenheit verlassen möchte. Wir kennen ja diese Hintertürchen, die sich solche Figuren wie die Schilys immer offen gelassen haben, die sich dann über die Ironie aus dem Zentrum des Geschehens stehlen. Heute steht er als stellvertretender Fraktionsvorsitzender der SPD da und gibt sich den Anschein: „Damit habe ich nie etwas zu tun gehabt.“ Das sind 68er, die zu Recht angegriffen werden! Insofern ist die Kritik einerseits berechtigt, andererseits nicht. Denn es gibt genug, sagen wir mal, Fröhliche wie mich oder Unbedingte wie H. D. Heilmann. Ich bin ja nicht alleine, zwar haben wir keine Konjunktur, wir wuseln im Abseitigen herum und richten Irritation an. Dennoch bin ich überzeugt, daß die Rede von der Wirkungslosigkeit von Literatur falsch ist. An Beispielen kann ich belegen, wie die aus den Nischen abgeschossene Böller einschlagen und welche Detonationswellen sie im literarischen oder politischen Karpfenteich verursachen.

Götz von Olenhusen: Ein Beispiel?

Schröder: Ein schönes Beispiel ist natürlich die Geschichte, wie ich nach dem Ende des ersten MÄRZ Verlages 1974 in den Vogelsberg zog und herauskriegte, daß im Fuldadreieck Atomminendepots als Wasserwerke getarnt …

Götz von Olenhusen: Du meinst die Wirkung deines Buches ‚Cosmic‘?

Schröder: Ja, diese Wasserwerke, in denen Mininukus lagen, zur Verteidigung des Fulda-Gap. Und wie ich diese Geschichte, dann für die Zeitschrift ‚Transatlantik‘ erzählte — natürlich braucht man die entsprechenden Medien. Die ‚taz‘ druckte das sofort nach, und nachdem die Geschichte dort gestanden hatte, kamen die Reporter vom ‚Stern‘ und machten daraus die Titelgeschichte ‚Atomrampe Europa‘. All das hat zur großen Friedensbewegung geführt, dreihunderttausend Leute standen im Bonner Hofgarten. Es kam zu einem geheimen Hearing im US-Senat und zu Fragen, wer wohl die Bösewichte waren, die daran gedreht haben und irgendwie stasimäßig die amerikanische Verteidigungsstrategie verrieten? Wenn das keine Wirkung ist, dann frage ich dich, was ist noch Wirkung?

Götz von Olenhusen: Aber es gibt doch immer noch einen Verlag, den MÄRZ Desktop Verlag, nicht wahr?

Schröder: MÄRZ hat 1987 aufgehört als Verlag zu arbeiten und ruht als MÄRZ-Archiv im Deutschen Literaturarchiv in Marbach. Jetzt sind wir Selbstverleger, gemeinhin wird das als die peinlichste Form des Publizierens bezeichnet, für Barbara Kalender und für mich ist es die schönste.

Götz von Olenhusen: Ist das die schönste, weil ihr sämtliche Produktionsstufen in euren beiden Personen vereinigt, Autor, Produzent, Distributor, die letzten Autonomen?

Schröder: Die letzten nicht. Aber der Weg von der Herstellung des Manuskripts zur Distribution ist eben sehr kurz. (lacht)

Götz von Olenhusen: Abgesehen von dir selbst. Wen würdest du heute als Autor verlegen, wenn du könntest?

Schröder: Es gibt eine Menge Freunde, Schriftsteller, die das tun, was gewöhnlich Autoren nicht tun, nämlich meine Folgen kaufen, und natürlich lese ich deren Bücher. Es hat wenig Sinn, denen das Leben schwer zu machen, sie brauchen ja auch Presse. Und wenn — das ist rein hypothetisch —, dann wüßte ich zu diesem Zeitpunkt, welche Autoren ich machen will. Die Frage, welche Autoren ich gern hätte in einem Wunschverlag —“den möchte ich nehmen und den nicht“ —, ist eine, die mich erst interessierte, wenn es ernst würde. Hypothetisch mache ich mir da keinen Kopf. Um nochmals auf den Beginn zu kommen: Ich habe seit 1965 im Melzer Verlag und nach der Sezession im MÄRZ Verlag Autoren gegen den Markt gesucht, gegen das übliche Interesse. Deswegen ist aus dem MÄRZ Verlag ein so interessanter Verlag geworden.

Fortsetzung folgt

(AGvO / JS)

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