vonSchröder & Kalender 28.02.2008

Schröder & Kalender

Seit 2006 bloggen Schröder und Kalender nach dem Motto: Eine Ansicht, die nicht befremdet, ist falsch.

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Der Bär flattert in östlicher Richtung.

Seit wir wieder in Berlin wohnen, hatten wir uns vorgenommen mit Annett Gröschner und Ralf S. Werder einen Rundgang durch Niederschönhausen zu machen, um gemeinsam die Plätze zu besuchen, die im ›Siegfried‹ und in ›Schröder erzählt‹ vorkommen. Am Sonntag waren wir zum Frühstück in einer Restauration, die nach Henry David Thoreaus ›Walden‹ benannt ist. Sein Buch endet mit der Zeile: »The sun is but a morning-star.« Der Stern schien.

Wir wollten pünktlich sein, aber ich (BK) hatte uns einen falschen Wegeplan ausgedruckt: Choriner Straße 3 statt 35. So mußten wir den Prenzlauer Berg erst runter und dann wieder hoch laufen. Sehr zu meinem (JS) Mißvergnügen, denn ich leide unter dem kardiovaskulär bedingten Walking-Through-Phänomen. Annett und Ralf waren auch ein bißchen ärgerlich – verständlicherweise, denn wenn uns Preußen etwas verbindet, dann die Verachtung der Unpünktlichkeit.

Nach dem opulenten Frühstück mit Bratkartoffeln und Buletten war dann die Laune wieder gut. Ralf brachte uns das neue Heft von ›Subkommando für die freie Assoziation – floppy myriapodo‹ mit, worin sein Gedicht ›Schlacht am Büffet‹ erschien. Dann erfuhren wir, daß Annett jedes Gebäude in Prenzlauer Berg kennt, einschließlich der nach den Bombenangriffen nicht geborgenen Leichen unter den Fundamenten der Neubauten. Sie hatte nämlich vor Jahren in einer Geschichtswerkstatt jedes Gebäude in Prenzlauer Berg kartiert und die früheren Bewohner verzeichnet.

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v.l.n.r.: Ralf S. Werder, Jörg Schröder und Annett Gröschner vor dem ehemaligen Kolonialwarenladen in der Hermann-Hesse-Straße

So zog Annett denn auch in Niederschönhausen, als wir vor meinem (JS) früheren Wohnhaus standen, einen Ausdruck aus dem Berliner Adreßbuch des Jahres 1943 aus der Tasche. Darin ist in der ehemaligen Bismarckstraße 36 b unsere gesamte Hausgemeinschaft verzeichnet, wie sie bei uns in den Texten steht. Daß der Reichsredner Karl Rinklef als seinen bürgerlichen Beruf »Buchhalter« angegeben hatte, wußten wir bis dato nicht. In diesem Haus wohnte ich bis 1947, danach zogen wir ins Haus gegenüber zu Onkel Siegfried und gingen 1949 über die grüne Grenze nach Rinteln an der Weser.

Anschließend führte uns der Weg zu der Villa, in der die erste Kommandantur der Roten Armee residierte.

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Dieser Haussegen irritierte mich als Kind, denn in dem Haus wohnten ja die Feinde. Weiter spazierten wir zum Kino ›Blauer Stern‹. Es heißt immer noch so. Dort sah ich zahllose Male den Western ›Die Frau gehört mir‹.

Dann ging’s zum renovierten Schloß Schönhausen und den vorgelagerten Gebäuden, in denen von 1989 bis 1990 der »Runde Tisch« tagte. Jetzt sitzt hier in zwei Häusern mit den beziehungsreichen Namen »Bonn« und »Berlin« die Bundesakademie für Sicherheitspolitik.

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Na, bravo, dann kann uns ja nichts mehr passieren!

Anschließend umrundeten wir den Majakowskiring, wo früher die DDR-Nomenklatur wohnte, und heute Schauspielerinnen und süddeutsche Erben dem Lärm der in Tegel landenden Flugzeuge ausgesetzt sind. Was wir immer wieder mit klammheimlicher Freude konstatieren.

Am Ossietzky-Denkmal fotografierten wir uns gegenseitig, tranken in der Florastraße noch ein Bier und redeten ausführlich über Florian Havemann, dessen erstes Buch ›Auszüge aus den Tafeln des Schicksals‹ 1979 im März Verlag erschien. Und dann meinte Annett, sie werde ihre Kolumne im ›Freitag‹ über unseren Spaziergang schreiben. Wir sind gespannt. (Jetzt nicht mehr, vielen Dank Annett!)

(BK / JS)

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